Ignatius Wang und die Blasorchesterszene in Singapur

nBlasorchesterszene in Singapur? Ja, die gibt es! Der Stadtstaat ist mit 719 Quadratkilometern kleiner als Berlin und hat die stattliche Anzahl von 200 Blasorchestern!

Die Mehrheit dieser Blasorchester sind Schulbands – ähnlich wie in den USA. Das Musikprogramm an den Schulen in Singapur wurde erst nach 1959 vom damaligen Gründungs-Premierminister Mr. Lee Kuan Yew ins Leben gerufen (Singapur wurde 1959 selbstregierte britische Kronkolonie und ab 1965 unabhängig). Unter seiner Führung wurden alle Highschools zu einem Militär- oder Blasorchester verpflichtet. Diese Maßnahme begründete die Blasorchesterbewegung in Singapur.

In Singapur leben viele ethnische Gruppen zusammen. Chinesen, Malaien und Inder stellen die größte Bevölkerungsgruppe dar. Es gibt vier Amtssprachen: Tamil, Malaiisch, Chinesisch und Englisch. Auf eine enge Interaktion der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Religionen wird viel Wert von Seiten des Staates gelegt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Regierung bedeutende finanzielle Mittel für die Anschaffung von Instrumenten und für die Ausbildung der Musikpädagogen zur Verfügung stellt.

In Singapur können die Schüler ihre Schulbands als “Co-Curricular Activity” (CCA), also quasi als AG auswählen – eine Aktivität, an der sie nach Schulschluss ohne zusätzliche Gebühren teilnehmen können. Andere Arten von CCAs sind zum Beispiel Chöre, Tanz oder Non-Performing-Arts-Aktivitäten wie zum Beispiel verschiedene Arten von Sport. Jede Schulband hat in der Regel durchschnittlich eine oder zwei Proben pro Woche.

Die meisten Schulbands nehmen an einem alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerb teil, dem “Singapore Youth Festival”, bei dem Bands die Gelegenheit haben, ein Pflichtwerk und ein frei gewähltes Werk in einem Konzertsaal zu spielen. Den Bands wird dann für die Qualität ihrer Leistung eine “Auszeichnung”,  ein “Leistungszertifikat” oder ein “Certificate of Commendation” verliehen. In den letzten Jahren hat sich das renommierte Singapore International Band Festival (SIBF) etabliert, bei dem bereits Spitzen-Blasorchester und -Dirigenten aus der ganzen Welt waren. Aus Deutschland war bisher noch kein Blasorchester bei diesem Festival, aber das könnte ja noch kommen…

Die gespielte Literatur bei den Blasorchestern in Singapur unterscheidet sich nicht sehr vom europäischen Repertoire.

Die Musik reicht vom Highschool-Band-Repertoire bis hin zu fortgeschritteneren Stücken, darunter Musik von Jacob de Haan, Johan de Meij, Philip Sparke, Yasuhide Ito, Satoshi Yagisawa, David Gillingham, Vaclav Nelhybel und Alfred Reed.

In den letzten Jahren sind in der lokalen Szene auch Werke von singapurischen Komponisten sehr populär geworden, mit einer aufregenden Mischung aus etablierten und jungen Komponisten, wie Dr. Kelly Tang, Zachariah Goh, Ho Chee Kong, Phoon Yew Tien, Benjamin Yeo, Lee Jinjun, Gu Wei, Daniel Bonaventura, Bertram Wee, Terence Wong, Wong Kah Chun und Dax Wilson Liang.

Bemerkenswert ist, dass die Mehrheit der Konzertbesucher – in der Regel zwischen 250 bis 500 Personen – unter 40 Jahre alt sind.

Ignatius Wang und die Blasorchesterszene in Singapur
Ignatius Wang im Unterricht mit Douglas Bostock

Bereits vor einigen Jahren habe ich den singapurischen Dirigenten Ignatius Wang in Staufen an der BDB-Musikakademie beim Meisterkurs mit Douglas Bostock kennen gelernt. Auf Anhieb war ich begeistert von seiner Ausstrahlungskraft, seiner Fähigkeit mit seiner Gestik und Persönlichkeit aus vielen Musizierenden eine Einheit zu bilden und von seiner Musikalität, die er auf das Orchester und seine Musiker übertragen kann. Und das mit gerade einmal Mitte Zwanzig. Seither konnten wir vom Markgräfler Verbandsblasorchester, das regelmäßig bei diesen Kursen als Workshoporchester fungiert, ihn mehrmals erleben. Im letzten Herbst haben wir ihn gebeten, eine Konzerthälfte als Gastdirigent zu gestalten. Für alle, die mitgespielt haben, ein grandioses Erlebnis. Bei diesem Konzert war ich selbst nicht dabei, da wir gleichzeitig den besonderen Geburtstag von Otto M. Schwarz gefeiert haben.

Ignatius Wang und die Blasorchesterszene in Singapur
Ignatius Wang

Ignatius Wang (geb. 1990) ist Musikdirektor der Singapore Armed Forces (SAF) Ceremonial Band und der Lion City Brass Band, außerdem dirigert er die Temasek Polytechnic Alumni Band.

Er trat 2011 in die SAF Central Band ein und spielte dort das 1. Euphonium. Später erhielt er ein Stipendium an der Royal Marines School of Music in Portsmouth, Großbritannien. Während dieser Zeit studierte er u. a. bei den bekannten Professoren Dr. Elizabeth Le Grove, Paul Patterson und Malcolm Binney.

Er erhielt mehrere Preise und war schließlich der erste ausländische Student, dem der Titel Royal Marines Director of Music verliehen wurde. Das Studium Bachelor of Music schloss er mit Auszeichnung ab und wurde zum Fellow of the Royal Schools of Music (FRSM) ernannt.

Ignatius Wang studierte bei renommierten Dirigenten wie Douglas Bostock, Bjørn Sagstad und Professor Nicholas Childs, der ihm ermöglichte, mit der weltberühmten Black Dyke Brass Band zu arbeiten. Er erhielt daraufhin auch eine Einladung, um Prof. Childs bei der International Brass Band Summer School in Swansea zu assistieren, dort leitete er u. a. einen Dirigierworkshop.

In Singapur hat Ignatius Wang mit einigen der prominentesten Blasorchester wie der Singapore Wind Symphony, Orchester Collective und The Philharmonic Winds zusammengearbeitet. Er hat enge Kontakte zu Tan Beng Wee und Douglas Bostock, die im Laufe der Jahre eine entscheidende Rolle in seiner musikalischen Entwicklung gespielt haben.

Im Jahr 2017 wurde er vom World Music Contest (WMC) als einer der Finalisten ausgewählt, die an der WMC International Conductor’s Competition 2017 in Kerkrade, Niederlande teilnehmen durften.

Ignatius Wang und die Blasorchesterszene in Singapur
Ignatius Wang und Alexandra Link in Utrecht 2017

Ignatius hat mir freundlicherweise die Informationen zu der Blasorchesterszene in Singapur zur Verfügung gestellt. Mit ihm habe ich außerdem ein Interview geführt, das ich gerne hier im Wortlaut veröffentlichen möchte:

Ignatius, wie wichtig ist Musik und speziell die Blasmusik für Dich?

IW: “Ich würde sagen, dass Musik mir eine neue Bedeutung im Leben gegeben hat, in der ich mich frei in einer Weise ausdrücken kann, wie ich es davor nie tun konnte. Aufgewachsen in einer Alleinerziehendenfamilie, hatte ich nicht den Luxus, schon früh Klavier- / Geigenunterricht zu haben. Meine erste richtige Begegnung mit Musik fand statt, als ich im Alter von 12 Jahren meiner Highschool-Band beitrat.”

Welche musikalischen Aktivitäten sind oder waren Teil Deines Berufslebens?

IW: “Ich begann meine professionelle Karriere als Musiker, indem ich als Euphoniumspieler der Central Band der Singapore Armed Forces beitrat. Damals half ich meinem Lehrer Tan Beng Wee bei einigen seiner Schulbands als Assistent. Das gab mir wertvolle Erfahrungen in meiner Entwicklung als junger Dirigent.”

Welche Blasorchester dirigierst Du zur Zeit und durch welche Charakteristik zeichnen sich diese jeweils aus?

IW: “Zur Zeit dirigiere ich das zeremonielle Militärorchester der Singapore Armed Forces (SAF), der führenden Band der SAF. Dies ist eine fantastische Gruppe von professionellen Musikern, die hoch qualifiziert sind und sich ihrer Kunst voll und ganz verschrieben haben. Dies ist auch das Blasorchester, das Singapur bei großen Militär-Tattoos auf der ganzen Welt repräsentiert. In den letzten Jahren trat das Orchester in verschiedenen Ländern auf, unter anderem in Deutschland, Russland, Malaysia, Schottland, der Schweiz, Schweden und zuletzt beim Virginia International Tattoo in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Außerhalb meiner Arbeit als Militärkapellmeister dirigiere ich auch die Lion City Brass Band, die aus hochtalentierten Blechbläsern besteht, die sich leidenschaftlich dafür einsetzen, die Brass-Szene in Singapur zu entwickeln. Dies ist ein Ensemble mit einer aufregenden Mischung aus Profis, Expatriates (permanent oder zeitweise in Singapur arbeitenden semi-professionelle Musikern), Musikstudenten und Musikpädagogen. Jede Aufführung mit der Lion City Brass Band ist mit Energie, Leidenschaft und purer Hingabe aufgeladen – ein Traum für jeden Dirigenten!”
(Anm. AL: Singapur wird auch „Löwenstadt“ genannt. Das Wort Singapur setzt sich aus Singha = Löwe und Pura = Stadt zusammen. Dies basiert auf einer alten Sage.)

Was hat Dich bewogen, Dirigent zu werden?

IW: “Als ich im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal meine High School-Band dirigieren durfte, wusste ich, dass ich Dirigent werden möchte! Natürlich habe ich nicht wirklich verstanden, was es bedeutet, ein professioneller Musiker zu werden (was die Tiefe des Studiums betrifft), bis ich viel älter geworden bin!”

Was ist Dir beim Proben mit einem Blasorchester besonders wichtig?

IW: “Für mich ist es wichtig, dass ich als Dirigent den Musikern helfen kann, zu verstehen, welche Botschaft oder welches Bild wir dem Publikum beim Konzert vorstellen wollen. Sobald dieses “Ziel” festgelegt ist, können wir dann eng zusammenarbeiten, um die “Klarheit” dieser Nachricht zu verbessern.

Abgesehen davon, dass ich an den möglichen technischen Schwierigkeiten arbeite, glaube ich fest daran, innerhalb des Orchesters akustische Beziehungen aufzubauen, je nachdem, welche Art von Klang gewünscht wird. Zum Beispiel, welches Instrument sollte die führende Stimme in einem bestimmten Register sein? Soll das Crescendo von den Bässen angeführt werden? Welches Instrument oder welcher Abschnitt gibt an diesem Punkt der Musik das Tempo vor?

Wann immer es möglich ist, versuche ich auch, Musiker zu ermutigen und zu befähigen, eigene Verantwortung für die Qualität ihrer Musik zu übernehmen – angefangen vom grundlegendsten Aspekt, wie Tonproduktion und Intonation; oder über das hinausgehend, was in der Partitur geschrieben steht (z. B. über die grundlegenden dynamischen Markierungen hinaus interpretiert – spielt es einfach so weich wie möglich oder ist es ein Pianissimo mit Intensität, die über die Melodielinie gehalten wird?). Schließlich glaube ich manchmal, dass meine Hauptaufgabe als Dirigent darin besteht, eine gemeinschaftliche und stimulierende Atmosphäre für die Musiker zu schaffen, um sich in der Musik auszudrücken.”

Hast Du Vorbilder und wenn ja, warum sind das Vorbilder für Dich? Wie beeinflussen diese Vorbilder Deine musikalische Arbeit?

IW: “Ich habe mich immer außerordentlich glücklich schätzen können, einige unglaubliche Lehrer gehabt zu haben, die mir bei meiner Entwicklung als Dirigent geholfen haben. Viele dieser Lehrer sind in Bezug auf Arbeitsgeschwindigkeit, Professionalität, Demut und lebenslanges Engagement für Musik zu Vorbildern geworden. Einige dieser Lehrer sind Bjørn Sagstad, Darrell Ang, Mark Heron, Malcolm Binney, Tsung Yeh und Timothy Reynish.

Es gibt jedoch zwei besondere Lehrer, die ich speziell erwähnen möchte:

Tan Beng Wee, ein singapurischer Dirigent und Pädagoge, war mein erster Dirigierlehrer. In den letzten zehn Jahren hat sich Herr Tan (wie ich ihn respektvoll anspreche) vom reinen Musiklehrer zum Lebenslehrer entwickelt. Er hat mir mehr beigebracht als Musik und wie die Qualität des Musizierens seinen Höhepunkt erreicht: nämlich Lebenswerte und Erfahrungen! Er glaubte an mich, als ich noch ein roher und ungeschliffener Musiker war (eigentlich bin ich es immer noch!) und gab mir eine starke Grundlage, um als Dirigent erfolgreich zu sein.

Douglas Bostock: Maestro Bostock war und ist ein unglaublicher Mentor für mich, besonders als ich mein Studium für Dirigieren in Großbritannien begann. Seine detaillierte Herangehensweise an Musik und sein Engagement für die Ausbildung der nächsten Generation von Dirigenten ist sehr inspirierend. Er ist ein wunderbarer Lehrer, der sich wirklich um seine Schüler kümmert, und ich bin sehr dankbar, dass ich einen Mentor wie ihn habe!”

Was sind deine liebsten Komponisten und Werke?

IW: “Ich weiß, dass es ein Klischee ist, aber oft bin ich in die Musik und die Komponisten “verliebt”, die ich als nächstes dirigiere.”

Was ist für Dich bei der Auswahl der Musik für Konzerte besonders wichtig?

IW: “In der Regel gibt es mehrere Faktoren, die meine Entscheidungen beeinflussen:

  1. Welche Stücke werden die Musiker im Orchester herausfordern oder begeistern?
  2. Für welche Art von Publikum oder Veranstaltung spielen wir?
  3. Musikalischer Ablauf des Programms – Normalerweise versuche ich, den Höhepunkt für das gesamte Konzert zu identifizieren und den Rest der Stücke zu programmieren (z. B. zum Höhepunkt oder für den Nachhauseweg).
  4. Ausdauer der Musiker – Ich glaube, dass das Setzen von Stücken in der richtigen Reihenfolge dahingegend beeinflussen kann, wie gut die Stücke von den Musikern gespielt werden
  5. Ausdauer / Aufmerksamkeit des Publikums – Auf die gleiche Weise kann die Reihenfolge der Stücke auch beeinflussen, wie die Musik vom Publikum aufgenommen wird.”

Außerhalb der Musik: Was machst Du gerne in Deiner Freizeit?

IW: “Ich bin ein begeisterter Manchester United-Fan, schon seit jungen Jahren. Ich genieße es, am Wochenende mit meinen Freunden (und einem kleinen Bier) Fußball zu sehen. Oder einfach nur ein FIFA-Spiel auf der PlayStation zu spielen. Vor kurzem habe ich auch das Radfahren begonnen, um mich fit (und den Bierbauch in Grenzen) zu halten! Und dann bin ich auch im letzten Jahr Vater einer wunderschönen Tochter geworden.”

Ein herzliches Dankeschön an Ignatius Wang für das zur Verfügung stellen der Informationen über die Singapurische Blasorchesterszene und das Interview! Ich freue mich schon jetzt auf eine erneute musikalische Begegnung mit diesem hervorragenden Dirigenten.

 

 

Hier kannst Du den Beitrag in Deinen Sozialen Netzwerken teilen, Danke!
Alexandra Link

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

One thought on “Ignatius Wang und die Blasorchesterszene in Singapur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.