Programmauswahl: Was tun bei Widerstand von den Musiker:innen?
Round-Up zum Thema Programmauswahl – künstlerische Vision oder pragmatischer Kompromiss?
Die Programmauswahl ist ein Drahtseilakt zwischen musikalischem Anspruch, Spielbarkeit für das Orchester und Publikumserwartung. Viele Dirigent:innen kämpfen hier mit sich – und manchmal auch mit Vereinsvorständen und den Musiker:innen. In diesem Round-Up beantworten die sechs Dirigenten Gauthier Dupertuis, Timo Kächele, Jürgen Kunkel, Bernhard Schlögl, David Schöpf und Stephan Wehrle jeweils vier Fragen zum Thema Programmauswahl – künstlerische Vision oder pragmatischer Kompromiss.
In diesem dritten Beitrag beantworten die sechs Dirigenten ganz konkret folgende Frage:
Wie gehst Du mit einem eventuellen „Widerstand“ Deines Orchesters bzw. einzelner Musiker:innen gegenüber einzelner Werke um, wie überzeugst Du Deine Leute vom „Wert“ des Werkes? Hast Du eine Strategie, auch „schwierige“ Musik (im Hören und/oder Spielen) bei Deinem Orchester durchzusetzen?
Gauthier Dupertuis

Gauthier Dupertuis dirigiert die Brass Band La Lyre de Conthey (1. Klasse), das Harmonieorchester Echo du Trient de Vernayaz (2. Klasse) und das O.V.N.I. – Orchestre à Vent Non Identifé (Höchstklasse).
Es ist in der Tat manchmal schwierig, ein Werk an unser Orchester zu vermitteln, insbesondere in den folgenden Fällen: (1) Das Stück weist eine zeitgenössische, intellektuelle oder eher schwer zugängliche Sprache, Kompositionsweise oder Harmonie auf. (2) Im Gegensatz dazu ist das Werk sehr klassisch gehalten und wirkt „langweilig“. (3) Die Musiker:innen haben unbegründete Vorurteile hinsichtlich der Qualität des Werks. Dies ist insbesondere bei Pflichtstücken für Wettbewerbe oder bei neuen Kompositionen der Fall, vor allem, wenn es sich um einen jungen Komponisten oder eine junge Komponistin handelt.
In jedem Fall geht es darum, die zugänglichen Aspekte des Werks aufzuzeigen und zu verkaufen (seine gute kompositorische Qualität, seine interessanten Farben und Stimmungen, die gut ausgeführten Kompositionsverfahren, die Zerlegung bestimmter komplizierter Akkorde), um dem Orchester die Partitur verständlich zu machen. Manchmal muss man schlau und gerissen sein und genau die Kriterien auswählen, die dem betreffenden Ensemble besser gefallen als einem anderen. Ein nörgelnder Posaunist freut sich vielleicht darüber, dass der Komponist ihm eine Melodie gegeben hat, und ein unzufriedener Saxophonist schätzt möglicherweise, dass die technische Passage in Takt 264 so gestaltet wurde, dass sie fingertechnisch leicht zu spielen ist.
Beim Ansprechen der Stücke ist es auch möglich, Körpersprache und eine gewisse Theatralik einzusetzen. Ein fröhlicher, motivierter Tonfall, mit dem wir unsere Begeisterung für das Stück zum Ausdruck bringen, wird unsere Musikerinnen und Musiker dazu einladen, dem Werk eine Chance zu geben. Diese Stücke sollten in kleinen Dosen und zum richtigen Zeitpunkt der Probe angegangen werden, also wenn die Leute am konzentriertesten sind, beispielsweise vor dem Ende der Probe mit einem viel leichter zugänglichen Stück und nicht nach einem Stück, das viel Anstrengung erfordert.
Das Gleiche gilt für das Werk selbst. Man muss sorgfältig auswählen, welche Passage zuerst angegangen wird. Es ist gefährlich, ein solches Werk im Tutti zu spielen, insbesondere, wenn die Orchestrierung dicht ist, es viele Akkorde oder komplizierte technische Passagen gibt. Das Ergebnis wird automatisch schlecht ausfallen und den Musikerinnen und Musikern ein schlechtes Image verleihen. Ich ziehe es daher vor, diese Stücke in Satzproben anzugehen oder, wenn möglich, sorgfältig ausgewählte Passagen zu spielen: technisch einfacher und schnell umsetzbar, um den Musikerinnen und Musikern des Orchesters so schnell wie möglich ein positives Bild zu vermitteln. Wenn wir unseren Orchestern ein Audiobeispiel anbieten möchten, muss außerdem darauf geachtet werden, dass es von guter Qualität ist und eine Interpretation bietet, die der vom Dirigenten angestrebten nahekommt.
Was das Publikum angeht, muss man sich auch die Zeit nehmen, das Werk zu erklären und zu kommentieren. Vielleicht sollte man sogar einige unserer Musiker die Hauptthemen spielen lassen, bevor das gesamte Werk aufgeführt wird. Es ist auch möglich, eine außermusikalische Dimension hinzuzufügen. Dazu zählen Diashows, Fotos, Texte, Videos sowie künstlerische Darbietungen wie Sandmalerei, Live-Malerei oder Tanz. Die Möglichkeiten sind vielfältig, um unserem Publikum entgegenzukommen!
Letztendlich ist die Psychologie der Schlüssel zu dieser Problematik. Wir sollten uns nicht scheuen, neue Ideen und Stücke einzubringen, die sich stark vom konventionellen Repertoire unterscheiden. Wir sollten unser Publikum auch nicht als „dümmer” oder „unkultivierter” betrachten, als es ist. Dies kann auch durch die Programmierung eines viel zugänglicheren Stücks ausgeglichen werden. José Rafael Pascual-Vilaplana spricht in diesem Zusammenhang beispielsweise von einem kleinen „Bonbon”, einer Art Süßigkeit, die dem Publikum gegeben wird, damit es den „Hauptgang” besser genießen kann. Meine Erfahrung hat jedoch oft gezeigt, dass das für das Publikum gedachte „Bonbon” nicht so gut ankommt, während das schwerer zugängliche Stück einen positiven Eindruck hinterlässt. Ich bevorzuge grundsätzlich das Originalrepertoire gegenüber Arrangements, insbesondere bei Popmusik. Selten programmiere ich mehr als ein oder zwei davon in einem Konzert. Dennoch habe ich nicht den Eindruck, dass das Publikum zu kurz kommt, und ich erhalte positives Feedback. Es kommt ganz auf die Auswahl des Originalrepertoires an, das so reich an schönen und innovativen Stücken ist!
Timo Kächele

Timo Kächele dirigiert die Stadtkapelle Sindelfingen und ist Posaunist beim Landespolizeiorchester Baden-Württemberg
Jetzt gilt es das Orchester soweit zu bringen, dass es für das Programm brennt und die Skeptiker und Nörgler immer leiser werden müssen, weil die Angezündeten das Ruder und die Stimmung übernehmen. Ein großer Teil wird natürlich dadurch abgedeckt, wenn man detailliert arbeitet und die Töne nach und nach ineinander greifen. Je mehr klappt, umso mehr kommt der Spaß. Da helfen natürlich Bilder, methodisches Üben und was immer man so gelernt hat. Eine Strategie, die mir immer hilft, ist die Challenge.
Als Posaunist z.B. weiß ich natürlich, wie es ist dynamisch „zurückgepfiffen“ zu werden. In hunderten, wenn nicht sogar tausenden Stunden, als Instrumentalist und Dirigent, bin ich mir selbstverständlich bewusst, wie notwendig, aber auch anstrengend das Üben von Rhythmus und Groove ist, oder andauerndes Ausstimmen von Akkorden an den Nerven zehrt.
Deshalb versuche ich oft den Spieß herumzudrehen und die Musiker vor eine Challenge zu stellen. Zu Fragen, wieviel die Trompeten diese Stelle leiser spielen können, hat eine andere Wirkung, als einfach nur zu sagen, dass sie mal wieder zu laut sind. Oder die Saxophone und Hörner herauszufordern sich so gut einander anzupassen, dass im Mischklang kaum mehr erkennbar ist, wer genau spielt, sondern die neue Farbe dominiert. So ist es das Ziel ein großes Kammermusikensemble zu werden, dass gemeinsam musiziert und nicht ein Orchester, das halt nur probt. Eine Prise Humor schadet auch nie.
Jürgen Kunkel

Jürgen Kunkel ist Dirigent der Blaskapelle Ebenhausen
Widerstand gab es bisher noch nie. Mein Orchester vertraut mir, auch wenn in der Anspielprobe das Stück noch sehr durchwachsen ist, so reift das Orchester
auch daran. Überzeugungsarbeit musste ich in den letzten fünf Jahren noch nicht leisten. Es kam allerdings schon vor das Musiker:innen nach dem Konzert
zu mir kamen und meinten “Puh, die Probearbeit war ganz schön hart und anstrengend und ich hätte nie gedacht das wir das schaffen, aber es war richtig schön heute!”
Bernhard Schlögl

Bernhard Schlögl ist Dirigent des Sinfonischen Blasorchesters Tirol und ist künstlerischer Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte
Hier kann ich bereits Gesagtes wiederholen und ergänzen. Es ist wie überall im Leben: Wenn du in einer leitenden Funktion an deine Sache glaubst, für sie brennst und deine Mitwirkenden respektvoll sowie wertschätzend behandelst, ist unglaublich viel möglich.
Ich behaupte, dass Ablehnung gegenüber einem Werk selten reine Geschmackssache ist. Viel öfter handelt es sich um eine Abwehrhaltung, die aus Angst oder Selbstzweifeln entsteht. Meine Strategie ist daher einfach: Zeit.
Am Anfang wird fast immer gejammert und geschimpft – das gehört dazu. Am Ende war bei mir bisher noch niemand unglücklich mit einem Programm.
David Schöpf

David Schöpf dirigiert die Stadtkapelle Illertissen, die Musikkapelle Opfenbach, den Musikverein Lamerdingen, den Musikverein Mattsies sowie die Bezirksjugendblasorchester ASM Bezirk 5 Kaufbeuren und ASM Bezirk 7 Lindau. Außerdem die Schwäbische Jugend Brass Band.
Es gibt leider keinen generellen Weg (von dem ich weiß), um alle Musikerinnen und Musiker abzuholen und einzufangen.
Aber bei jeder Musikerin und jedem Musiker gibt es Möglichkeiten zu überzeugen und abzuholen.
Bei vielen reicht schon das Vertrauen in den Dirigenten aus, dass er von dem „schwierigen“ Werk überzeugt ist.
Ich stecke immer sehr viel Zeit in Programmauswahl und bin immer am Überlegen, was das Orchester gerade braucht und welches Werk jetzt dafür passend ist. Erst wenn ich davon überzeugt bin, setze ich es aufs Programm für einen Wettbewerb oder Konzert. Dass ich schonmal ein Stück wieder aus dem Programm nehmen musste, weil Widerstand dagegen war, habe ich (vielleicht deswegen) noch nicht erlebt. Der Dirigent kennt ja idealerweise genau sein Orchester, wie weit er gehen kann und was man vielleicht auch nicht spielen sollte. Wenn dann doch mal „Widerstand“ kam, konnte ich den in meinem Kopf immer recht schnell beiseite wischen, da ich mich Stunden und Tage mit meinen Programmen beschäftigt habe, dass ich immer wusste dass mein Weg der richtige für das jeweilige Orchester ist.
In der Probe dann die Leute zu überzeugen und einzufangen ist immer unterschiedlich.
Bei manchen wirkt eher der musikalische Weg: Bilder, Gefühle oder Stimmungen, die es den Leuten ermöglichen, sich mit dem Werk zu verbinden. Dabei muss es nicht die identische Geschichte wie im Stück sein, sondern es kann sich auch mehr um das generelle Gefühl des Werkes oder der Passage drehen, wodurch die Musiker:innen sich verbinden können.
Manchmal muss man gedanklich nur ungefähre Bilder malen, manchmal sehr konkret, und manchmal erzähle ich von meinen eigenen Gedanken.
Bei anderen wirkt der technische Weg: Wenn die ersten Hürden genommen wurden, sind Musiker:innen oft begeistert, wenn sonst schwierige Stellen auf einmal gehen. Sie darauf hinzuweisen, zu loben und erklären, was sie schon verbessert haben, wirkt oft unfassbar positiv. Wichtig ist flexibel zu bleiben! Für jede Möglichkeit etwas anderes „im Koffer“ mit dabei haben und reagieren. Nicht nach Schema F vorgehen ist dabei entscheidend.
Stephan Wehrle

Stephan Wehrle dirigiert den Musikverein Siegelau
Bei nicht alltäglichen Werken, die vermutlich etwas Überzeugung brauchen, erkläre ich, warum sie im Programm sind, warum sie mich faszinieren, worin ich den Mehrwert für unsere Weiterentwicklung sehe, was ihre Geschichte ist und welche Wirkung sie ggf. beim Publikum entfalten können. Alles erstmal mündlich in der Probe. Nicht um zu überreden, sondern um die Neugier zu wecken. Natürlich gibt es Stücke, die im ersten Moment trotzdem eher Stirnrunzeln als Begeisterung auslösen, aber das gehört dazu.
Wenn ich die Möglichkeit habe, sehr anspruchsvolle Werke in einer frühen Vorbereitungsphase unverbindlich anzuspielen, dann nutze ich die Chance. Almansa von Ferrer Ferran zum Beispiel musste ich danach allerdings wieder einsammeln. Wir hatten hier bereits einige Zeit investiert und das von Einzelnen geforderte gemeinsame Anhören einer Aufnahme hat eher die Kluft aufgezeigt, statt vom Werk zu überzeugen. Das war eine wichtige Erfahrung.
Nach diesem kleinen Dämpfer wagte ich ein paar Jahre später mit Abraham, ebenfalls von Ferrer Ferran, einen zweiten Anlauf – diesmal mit deutlich mehr Kontext: ich habe die zugrundeliegenden Bibelstellen erklärt, Abschnitte einzeln erarbeitet und Fortschritte auch immer wieder gelobt. Die Aufführung des Gesamtwerks in der Dorfkirche war recht monumental, es lag eine Mischung aus Spannung und Stolz in der Luft. Ich würde jedoch meine Hand nicht ins Feuer legen, dass ich es nochmal austeilen dürfte.
Übersicht über die Round-Up-Serie:
Teil 1: Programmauswahl: Musikalische Entwicklung oder Publikumswirksamkeit?
Teil 2: Programmauswahl: Welche Werke kommen (nicht) an?
Teil 3: Programmauswahl: Was tun bei Widerstand von den Musiker:innen?
Teil 4: Programmauswahl: Mutige Konzertprogramme




