Blasmusikaspekte: Aushilfen

Ein Interview mit Alois Papst über das Thema „Aushilfen“ bei Musikvereinskonzerten.

In der neuen Reihe “Blasmusikaspekte” werden im Interview mit jeweils einem Dirigenten / einer Dirigentin ein Teilbereich bzw. ein besonderer Aspekt der Blasmusik bzw unseres Musikvereinswesen diskutiert. Alle Blasmusikblog-LeserInnen sind eingeladen, sich zum Thema und den Antworten im Kommentarfeld unter dem Beitrag zu äußern! Wir freuen uns auf einen regen Austausch.

Was hat Dich bewogen, Dich in Deiner Diplomarbeit mit dem Thema „Aushilfen / Substitute“ zu beschäftigen?

Alois Papst: „Die Thematik der Aushilfen im Vereinsblasorchesterwesen, im Speziellen in Bezug auf Wertungsspiele, beschäftigt mich seit vielen Jahren. Viele Gespräche und Diskussionen mit Kapellmeisterkollegen und Musikern gaben mir neue Betrachtungsmöglichkeiten und bestätigten mich in meinem Entschluss, meine Diplomarbeit praxisnah zu verfassen. Mir war es dabei besonders wichtig einen sachlichen Beitrag zu dieser oft kontrovers diskutierten Frage und somit eine Hilfestellung für Kollegen aber auch Vereinsvorständen zu geben.“

Aus welchen Gründen setzen Blasorchester Aushilfen ein?

Alois Papst: „Im Zuge meiner Diplomarbeit habe ich knapp 20 Kollegen aus Österreich, Südtirol und dem süddeutschen Raum mittels Fragebogen um deren Meinung zu der Thematik gebeten. Es wurden hierbei bewusst Kapellmeister von Musikvereine ausgewählt, die in ihrer Außenwirkung für mich als Vorbilder für das Blasmusikvereinswesen anzusehen sind und mit dem jeweiligen Orchester bereits überdurchschnittliche Erfolge erzielen konnten.

Aushilfen dienen bei diesen Orchestern in erster Linie zur Vervollständigung der Instrumentation. Meist sind es die „Mangelinstrumente“ wie Englischhorn, Oboe, Bassklarinette, Kontrabass oder Harfe die den Orchestern fehlen um ein Werk – dem Komponisten gerecht – aufführen zu können. Bei kurzfristigen Ausfällen aufgrund von Krankheit oder beruflichen Verpflichtungen ist der Einsatz einer Aushilfe ebenso unumgänglich.“

Welches Konfliktpotential siehst Du im Einsatz von Aushilfen und in wie weit verfälscht ein Blasorchester durch den Einsatz von Aushilfen sein Gesicht?

Alois Papst: „Ich möchte es ganz klar auf den Punkt bringen. Immer dann, wenn Aushilfen dazu eingesetzt werden um das gesamte Leistungsniveau eines Orchesters für eine Momentaufnahme künstlich anzuheben, entstehen Konflikte (vor allem dann wenn führende Stimmen durch Substitute unterstützt oder gar ersetzt werden). Unstimmigkeiten innerhalb des Stammorchesters und schwindende Motivation der Musiker sind die Folge. Die Weiterentwicklung eines Orchesters wird dadurch maßgeblich gehemmt – nicht zuletzt auch weil in diesem Fall zumeist die Literatur zu anspruchsvoll gewählt wird und keine oder nur wenig Zeit für die Arbeit an Orchesterklang oder Registerbalance übrig bleibt. Die Entscheidung über den Einsatz einer Aushilfe trifft zumeist der Dirigent – hier ist viel Fingerspitzengefühl gefragt denn er muss nicht nur den Vorstellungen des Komponisten gerecht werden, er muss auch seinem Orchester gegenüber die volle Verantwortung übernehmen.“

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Anzahl und Qualität der Aushilfen: Was kann, was darf, was muß?

Alois Papst: „Generell sollte gelten: umso weniger Aushilfen, umso besser! Ich denke mit maximal drei Aushilfen müssten fehlende Stimmen schon abgedeckt werden können. Bei sinfonischer Blasorchesterliteratur kommt dann meist noch eine Harfe und möglicherweise auch ein Klavier zum Einsatz – dann sind es bereits Fünf. Ich denke aber das ist noch in einem vertretbaren Rahmen. Als Substitute sollten grundsätzlich schon Profis eingeladen werden, immerhin geht es nicht nur darum dass eine einzelne Stimme gespielt wird, vielmehr muss sich der externe Musiker im Register klanglich einfügen und sollte idealerweise den Gesamtklang im Sinne des vorhandenen Orchesterklanges zusätzlich bereichern.“

Wie gehen die Verbände im deutschsprachigen Europa mit der Thematik „Aushilfen bei Wertungsspielen bzw. Wettbewerben“ um? Welche allgemein gültigen Regeln sind zu erkennen?

Alois Papst: „Ich habe in meiner Diplomarbeit zahlreiche Wertungsrichtlinien untersucht und untereinander verglichen. Der Grundtenor der vermittelt wird ist, dass ein Musikverein ausschließlich mit seinen ordentlichen Mitgliedern zu einem Wertungsspiel antreten soll und doch sind so manche Spielräume für eine eigene Auslegung des Reglements vorhanden. Vor allem die Kontrollfunktion zur Einhaltung des Reglements ist nicht durchgängig festgehalten. Die Richtlinien des VSM (Verband Südtiroler Musikkapellen) sind in diesem Punkt sehr präzise – hier wird die Stufe in welcher ein Orchester antritt, mit der Anzahl der zugelassenen Substituten verknüpft. Als Kontrollorgan fungieren dabei die Verbandsfunktionäre sowie alle Kapellmeister und Obmänner der am Wertungsspiel teilnehmenden Musikkapellen.“

Was ist Deine persönliche Einstellung zu „Substitute / Aushilfen“ und wie gehst Du ganz konkret in Ihren Orchestern damit um?

Alois Papst: „Ich bin in der glücklichen Lage sehr ausgeglichene Orchesterbesetzungen vorzufinden und versuche grundsätzlich dein Einsatz von Aushilfen zu vermeiden. Oft gelingt es mir zur Gänze auf Substitute zu verzichten. Die positive Resonanz meiner Musiker nach einem solchen Wertungsspiel wie in etwa „das haben wir alleine geschafft, so klingt unser Orchester“ bestätigt mich und spornt die Musiker zusätzlich an. Ab und zu lässt es sich aber wirklich nicht anders handhaben und Aushilfen kommen zum Einsatz. Ich versuche dies dann immer bereits im Vorfeld mit den Orchestermitgliedern zu kommunizieren sodass meine Überlegungen nachvollziehbar sind. Häufig beziehe ich auch das betreffende Register in die Entscheidungsfindung mit ein, so sind die Stammmusiker von Beginn an mit im Boot.“

Welche Maßnahmen können Blasorchester ergreifen um in Zukunft weitgehend ohne Aushilfen auszukommen?

Alois Papst: „Gezielt Jugendarbeit betreiben! JA, dies ist mit einer Menge Arbeit verbunden und der Weg bis die Früchte geerntet werden können ist ein langer, aber dafür ein nachhaltiger! Instrumente wie Horn, Oboe, Bassklarinette oder Stabspiele werden im Blasorchesterwesen häufig noch als „Mangelinstrumente“ bezeichnet – jeder Musikverein hat die Mittel diesen Umstand langfristig zu ändern, es ist lediglich eine Frage des Stellenwertes und wie ein Vereinsvorstand mit dieser wichtigen Thematik umgeht.“

Vita Alois Papst

Alois Papst
Alois Papst

Alois Papst (*1984 in Ried im Innkreis – AT) stammt aus einer bäuerlichen Familie und absolvierte am ersten Berufsweg eine technische Ausbildung zum Ingenieur. Sein großes Hobby nahm nach und nach mehr Platz in seinem Leben ein sodass sich Alois Papst im Alter von 29 Jahren für ein Musikhochschulstudium entschied. Er studierte Blasorchesterdirigieren bei Prof. Thomas Doss am Claudio Monteverdi Konservatorium in Bozen/Italien und schloss dieses Studium im Oktober 2016 ab. Im Laufe seiner Ausbildung ergaben sich zahlreiche Berührungspunkte mit renommierten Dirigenten die seinen Weg entscheidend prägten: Andreas Spörri, Jan Cober, Isabelle Ruf-Weber, Alfred Eschwé…

Seit 2016 ist Alois Papst musikalischer Leiter der Werkskapelle der voestalpine in Linz. Darüber hinaus leitet er seit 2008 sehr erfolgreich den Musikverein Gaspoltshofen. Weitere zahlreiche Engagements als Dirigent (Wind Project of Schärding, Landesjugendkammerorchester Linz-Land, Streicherensemble der Anton Bruckner Privatuniversität Linz,…) brachten zusätzliche Aufführungspraxis und Routine.

Alois Papst unterrichtet am oberösterreichischen Landesmusikschulwerk das Fach Ensembleleitung Blasorchester und kann seine fachlichen und pädagogischen Kenntnisse hier an seine Dirigierklassen weitergeben.

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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