Mittwoch, März 18, 2026
DirigentenFührung

Dirigieren ohne Machtspiel: Eigenverantwortung des Orchesters

Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?

Im zweiten Round-Up-Beitrag lest Ihr die Antworten zur Frage „Wie förderst Du Eigenverantwortung und Mitdenken im Orchester?“

Herzlichen Dank an die vier Dirigenten Stefan Klein, Gregor Kovacic, Daniel Niederegger und David Schöpf für ihre wertvollen Antworten.

Stefan Klein, DE

Stefan Klein
Stefan Klein

Stefan Klein dirigiert die Musikfreunde Fidelia Wormersdorf und ist Hornist im Musikkorps der Bundeswehr

Die Stimmeinteilung überlasse ich den jeweiligen Sätzen und lasse die Musiker ihre Solostellen musikalisch selbst gestalten. Hilfestellung ja, aber das “wie” überlasse ich am Ende den Musikern selbst. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht und bin überzeugt, dass es das “Wir-Gefühl” stärkt.
Das Führen eines Orchesters hat einen anderen Abholpunkt als beispielsweise das Führen einer Sportmannschaft. Der Trainer kann leicht sagen, wer nicht zum Training erscheint, spielt nicht. Oft gibt es genügend Spieler um das auszugleichen. Im Orchester ist dies nicht immer der Fall. Daher liegt es auch in der Verantwortung jedes einzelnen mit dem Probenbesuch dafür zu sorgen, dass das Team funktioniert.

Gregor Kovacic

Gregor Kovacic
Gregor Kovacic

Gregor Kovacic ist Dirigent Salzburger Landesblasorchesters, der Kammerharmonie Salzburg, des Blasorchesters Ravne (Pihalni orkester Železarjev Ravne, Slowenien) und des Blasorchesters Loibach (JTK Loibach, Kärnten). Er ist Autor des Buches Dirigieren oder Dirigiert werden.

Eigenverantwortung und Mitdenken im Orchester beginnen immer beim Werk – beim Komponisten, der mit seiner Musik etwas von sich selbst in unsere Hände legt. Wenn es uns als Dirigenten gelingt, in den Musikern Leidenschaft und Respekt für dieses Vermächtnis zu wecken, ist bereits der wichtigste Schritt getan. Dann beginnt die Musik von selbst zu atmen – wir müssen ihr nur zuhören, sie verstehen, und uns mit unserer eigenen inneren Klangvorstellung auf sie einlassen.

Gerade bei »großer« Musik braucht es oft keine lauten Forderungen zu suchen. Alles steht bereits in den Noten – jedes Detail, jede Spannung, jeder Atemzug. Die Musik trägt ihre Energie und Wahrheit in sich. Sie ruft in uns etwas wach, das tiefer ist als Technik oder Kontrolle. Unsere Aufgabe ist es, diesen Ruf zu hören, ihn aufzunehmen und ihm Raum zu geben. Wenn wir das tun, beginnt das Werk zu leben – es spricht durch uns und mit uns. Gute Musik hat die Kraft, Menschen von selbst zu bewegen und fordert Eigenverantwortung und Mitdenken von Musiker:innen. Sie schenkt uns Inspiration, Mut und Hingabe. Wir müssen diese innere Bewegung nur lenken, formen und im richtigen Moment loslassen – damit das Werk in seiner ganzen Lebendigkeit erklingen kann.

Gregor Kovacic: Dirigieren oder dirigiert werden
Gregor Kovacic: Dirigieren oder dirigiert werden

Eigenverantwortung entsteht nicht durch Anweisungen, sondern durch Vertrauen. Sie wächst dort, wo Musiker:innen sich als Partner:innen erleben – als Mittragende eines gemeinsamen Gedankens, nicht bloß als Ausführende. Ich sehe meine Aufgabe darin, diesen Raum zu öffnen: einen Raum, in dem jede Stimme Bedeutung hat, jede Idee gehört wird, und in der Musik nicht geführt, sondern gemeinsam geatmet wird.

Vertrauen ist dabei der Schlüssel. Vertrauen in das Ensemble – und in das Ganze, das entsteht, wenn Musiker mit offenem Herzen und wachem Geist ein gemeinsames Ziel suchen.

Am Ende wünsche ich mir, dass die Musiker:innen nicht auf meine Gesten reagieren, sondern aus innerem Verstehen heraus agieren – dass sie fühlen und dadurch freier, wacher und wahrhaft musikalisch spielen.

Daniel Niederegger

Daniel Niederegger
Daniel Niederegger

Daniel Niederegger ist Dirigent der Stadtmusikkapelle Amras (AT), der Musikkapelle St. Johann im Ahrntal (IT/Südtirol) und der Brass Band Pustertal (IT/Südtirol)

Eigenverantwortung entsteht dort, wo Menschen spüren, dass ihre Beiträge wirklich zählen.

Ich lege deshalb Wert darauf, Ziele und musikalische Entscheidungen verständlich zu kommunizieren: Warum phrasiert man eine Linie so? Warum wählen wir diesen Klang? Warum gerade diese Literatur?

Die Registerführer:innen spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie halten Kontakt in ihre Gruppen, organisieren Registerproben, geben Rückmeldungen und integrieren neue Mitglieder. So verteilt sich Verantwortung auf viele Schultern – und die Gruppe beginnt, als aktives Kollektiv mitzudenken, anstatt nur Anweisungen zu folgen.

David Schöpf

David Schöpf
David Schöpf

David Schöpf dirigiert die Stadtkapelle Illertissen, die Musikkapelle Opfenbach, den Musikverein Lamerdingen, den Musikverein Mattsies sowie die Bezirksjugendblasorchester ASM Bezirk 5 Kaufbeuren und  ASM Bezirk 7 Lindau. Außerdem die Schwäbische Jugend Brass Band. 

Für mich gibt es unterschiedliche Arten von Eigenverantwortung, die aber beide zum Gedeihen eines Orchesters förderlich sind. Zum einen gibt es die soziale Komponente und zum anderen die musikalische Komponente. Bei der sozialen Komponente geht es um den Umgang mit anderen Musiker:innen, also, wie gehen wir miteinander in der Probe um, wie sprechen wir mit der Jugend oder wie gehen wir auf diese zu und wie treten wir nach außen auf. Denn die soziale Komponente und der Umgang miteinander werden leider oft unterschätzt, tragen aber auch sehr zum Wachstum und Erfolg eines Orchesters bei, meiner Meinung nach.  Hier finde ich, dass man als Dirigent es am besten fördern und einfordern kann, wenn man „Spielregeln“ ausmacht, an die man dann immer wieder erinnert, diese vorlebt und immer wieder das Gespräch sucht. Durch diese Sensibilisierung kommt manch angespannte soziale Situation viel weniger vor, wie meine Erfahrung gezeigt hat. Der Schlüssel war für mich oft zu wissen: Die Musiker:innen müssen ja nicht alle untereinander befreundet sein, ich finde es aber wichtig, dass jeder weiß, wie man mit den anderen klarkommt und interagiert. Wenn es sozial sehr gut läuft, kann man sich als Verein noch mehr auf das Musikalische einstellen und Dinge bewegen. Musikalisches Mitdenken und Eigenverantwortung, beginnt dann natürlich schon daheim beim häuslichen Üben. Das Musikalische wirkt dann auch auf die soziale Komponente. Es ist für viele Musiker:innen supernervig, wenn man auf andere in der Probe warten muss, die durch das Versäumen des häuslichen Übens, alle anderen runterziehen da mehr Zeit für diese Dinge verwendet werden muss.  Wie man jede:n Musiker:in motiviert, ist bei jedem Menschen und jedem Verein anders. Es keinen generellen Weg. Der viel wichtigere Teil findet aber in der Probe statt. Je aufmerksamer die Musiker:innen sind, desto effektiver kann geprobt werden. Als Beispiel finde ich es unfassbar produktiv, wenn die einzelnen Register auch aufmerksam sind, wenn man mit einem anderen Teil des Orchesters probt und Parallelstellen die gleich in Phrasierung, Artikulation und dem generellen musikalischen Ausdruck sind sofort umgesetzt werden. Es lohnt sich dann meistens, sich kurz Zeit zu nehmen, dem restlichen Orchester zu erklären, was gerade passiert ist, und die Zeitersparnis anzusprechen. Dann ist dies ein riesiger langfristiger Gewinn.

Übersicht über das fünfteilige Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?:

Dirigieren ohne Machtspiel: Führung auf Augenhöhe
Dirigieren ohne Machtspiel: Eigenverantwortung des Orchesters
Dirigieren ohne Machtspiel: Grenzen der Eigenverantwortung
Dirigieren ohne Machtspiel: Partizipation im musikalischen Entscheidungsprozess
Dirigieren ohne Machtspiel: Umgang mit Widerstand oder Infragestellung

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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