Donnerstag, Juni 4, 2026
Musikleben

Das Eidgenössische Musikfest 2026 in Biel/Bienne

Mit Unterstützung von Caroline Krattiger, Karin Amacher-Wäfler, Ruth Suppiger, Johanna Begert, Ursula Tschanz, Jessica Wipfli, Isabell Gschwend und Luana Menoud-Baldi

[Werbung | enthält Produktnennungen und Affliate-Links]

Bevor ich mit Euch meine eigene Begeisterung über das Eidgenössische Musikfest 2026 in Biel/Bienne teile und auch Persönlichkeiten aus der Schweizer Blasmusik-Szene zu Wort kommen lasse, muss und will ich allen Verantwortlichen, die dieses Fest möglich gemacht haben, gratulieren und danken! In 15 Monaten (ich erinnere an die kurzfristige Absage von Interlaken) ein Fest für nahezu 550 Blasorchester und Brass Bands mit fast 25.000 Musikerinnen und Musiker und mehr als 100.000 Besucher:innen auf die Beine zu stellen und nahezu perfekt zu organisieren verdient unseren allerhöchsten Respekt, unsere Anerkennung und Hochachtung! Ein besonderes Lob an das großartige Marketing im Vorfeld des EMF, für das besondere und ausdrucksstarke Logo und die fantastische APP – nützlicher Begleiter, hochwertige Informationsquelle und Anker in der Vielfalt des Programms! In Biel/Bienne war an alles gedacht. Die Stadt war durchgängig beflaggt, beschildert und mit Werbebannern geschmückt. Sogar die Schaufenster waren großflächig beklebt. Kostenfreier öffentlicher Nahverkehr war selbstverständlich. Die vielen Helfer:innen vor Ort in den Wettbewerbslokalen, bei den Bühnen und auf der Straße waren bestens instruiert, leisteten super Arbeit und waren ständig gut gelaunt, ohne auch nur ein Hauch von Stress auszustrahlen. Eins ist sicher: Musikfest können die Schweizer! (Ich hoffe, dass die Verantwortlichen des nächsten Deutschen Musikfests in Biel/Bienne waren, um von den Meistern zu lernen.)

Für alle Nicht-Schweizer möchte ich mit ein paar Zahlen die Schweizer Szene und das EMF einordnen. Im Schweizer Blasmusikverband SBV sind 1972 Vereine organisiert. Der SBV ist Dach von 30 Blasmusikverbänden. Genau 532 Vereine haben sich in 13 Konzertlokalen (keine Turnhallen! Alle mit Bühnen) und 2 Paradestrecken den Ohren und Augen von 124 Experten (Jurorinnen und Juroren) aus allen vier Sprachregionen der Schweiz, sowie aus Deutschland, Norwegen, den Niederlanden, Frankreich und Spanien gestellt. Etwa 80% aller teilnehmenden Vereine stellten sich in der Parademusik den Experten.
Die Experten waren in 57 Jury-Teams eingeteilt. Viele der Experten arbeiteten in unterschiedlichen Kategorien. Einige der Juroren traten mit ihren Orchestern selbst im Wettbewerb an. In den Konzertwettbewerben gab es jeweils 2 Teams à drei Personen die strikt getrennt das Aufgabenstück (Pflichtstück) und das Selbstwahlstück juriert haben. Obligatorisch wurde zuerst das Aufgabenstück aufgeführt – die Jury des Selbstwahlstücks hörte diese Darbietung nicht. Die Aufgabenstücke in der Konzertwertung (Höchstklasse Harmonie, 1. – 4. Klasse Harmonie, Brass Band Höchstklasse, Brass Band 1. – 4. Klasse, Unterhaltungsmusik Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe) waren ausschließlich (!!!) Auftragskompositionen, die speziell für das EMF 2026 vom SBV in Auftrag gegeben wurden. Also, alles BRANDNEUE Werke! Vorbildlich.
Das Organisationskomitee OK bestand aus 16 Persönlichkeiten, die jeweils einen Bereich verantworteten und ihrerseits wieder Unterstützer in ihren Teams hatten.

Bei dem Angebot das in den vier Tagen EMF in Biel/Bienne geboten wurde, konnte ich selbst natürlich nicht alles selbst erleben. Ich habe mir deshalb Unterstützerinnen gesucht, die von ihren Erfahrungen schreiben. Im Folgenden kommt eine Musikerin, eine Dirigentin, eine Jurorin Konzertmusik, eine Jurorin Parademusik, eine Vereins-Präsidentin, eine Verantwortliche für das Entertainment, eine Dirigentin für den BDV (Schweizer Blasmusikdirigentenverband) und die Präsidentin des SBV zu Wort. Zusammen mit meinen eigenen Erlebnissen wird Euch das ein Rundum-Bild des Eidgenössischen Musikfests 2026 in Biel/Bienne geben und Euch zeigen, was Ihr ggf. verpasst habt.

Eine Musikerin: Caroline Krattiger, Blasorchester Stadtmusik Luzern

„Das EMF Biel war mein drittes EMF mit dem Blasorchester Stadtmusik Luzern. 2011 haben wir nach 20-jährigen Pause endlich wieder einmal an einem EMF teilgenommen – mit mässigem Erfolg. Mit dem guten fünften Rang am EMF 2016 wussten wir, dass wir wieder auf dem richtigen Weg sind. Die Vorfreude aufs EMF 2026 war bei mir riesig. 
Ich fühlte mich ready und hatte grosses Vertrauen in den Verein und v. a. auch in unseren Dirigenten Hervé Grélat, welcher uns mit der nötigen Strenge, aber auch mit viel Humor durch die ganze Vorbereitungsphase geführt hat.  Die Aufregung vor dem Auftritt war bei mir sehr groß. Ich wusste wir können mit dem BOSL eine gute Punktzahl erreichen, das Niveau ist in den letzten Jahr gestiegen und somit auch meine Erwartungen an mich selbst. Profimusikerin zu sein heisst nicht, dass man von der Nervosität automatisch erlöst ist. Leider! Den Auftritt konnte ich dann trotz großer Nervosität genießen, nach den ersten heiklen Stellen beim Aufgabenstück von Cesarini wusste ich: Der Fokus ist da; das wird ein magischer Moment. Und so gab es dann auch beim zweiten Satz von John Mackey’s zweiter Sinfonie ein paar Tränen im Orchester und so viel ich weiss auch im Publikum (Anm. AL: stimmt.). Der frenetische Schlussapplaus mit Standing Ovation und v.a. auch das Lächeln und Applaudieren der Jury, haben mich sehr glücklich gemacht. 

Caroline Krattiger, Solo-Klarinettistin Blasorchester Stadtmusik Luzern mit Christian Schärer, SBO Kreuzlingen
Caroline Krattiger, Solo-Klarinettistin Blasorchester Stadtmusik Luzern mit Christian Schärer, SBO Kreuzlingen


Das Fest danach war super, wenn auch leider viel zu kurz. Wir haben aber jede Sekunde vor und nach der Rangverkündigung genossen. Die Stimmung war sehr ausgelassen, v.a. als wir erfahren haben, dass wir den zweiten Rang mit sensationellen 194 Punkten erreicht haben. Es flossen Freudentränen und viel Bier 😉  
Es bleiben sehr viele gute Erinnerungen an das EMF 2026. Wir haben die Bestätigung erhalten, dass wir in den letzten 15 Jahren vieles richtig gemacht haben und sind bereits jetzt top motiviert für das EMF 2031!
Als Bandmanagerin des BOSL möchte ich den Organisatoren ein grosses Lob aussprechen. Dieses Fest war so notwendig, nach 10 Jahren. Es war wie ein riesiges Klassentreffen. Man trifft Gleichgesinnte, alte Bekannte, mit denen man vor 25 Jahren mal im Nationalen Jugendblasorchester gespielt hat – lauter schöne Begegnungen. Danke an die vielen kleinen und grossen Helfer:innen, welche dieses Fest auf die Beine gestellt haben, ihr habt einen grossartigen Job gemacht!“

Eine Dirigentin: Karin Amacher-Wäfler, Stadtmusik Langenthal, Musikgesellschaft St. Urban

„Die Vorbereitung auf das Eidgenössische Musikfest in Biel war für die Stadtmusik Langenthal und die Musikgesellschaft St. Urban ein intensiver, professioneller und in vielerlei Hinsicht wegweisender Prozess. Beide Vereine haben mit grossem Pflichtbewusstsein und großer Seriosität gearbeitet – und dabei abwechslungsreiche Methoden angewandt.
Die Zeit spielte in der Vorbereitung auf das Eidgenössische Musikfest in Biel eine zentrale Rolle.
Zehn Wochen vor dem Wettbewerb erhielten alle Vereine ihr Aufgabenstück. Es galt, einen ausgewogenen Probeplan zu gestalten, damit jede Probe so sinnvoll wie möglich genutzt werden konnte. Der Fokus lag über gut zwei Monate fast ausschliesslich auf zwei Werken. Zum einen konnte der Verein wirklich tief in diese Musik eintauchen. Allerdings war es auch herausfordernd, die Motivation dafür hoch zu halten.
Ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung waren die Probenaufnahmen, die ich jeweils zu Hause sorgfältig analysierte. Auf dieser Grundlage passte ich die kommenden Proben gezielt an, setzte Schwerpunkte neu und arbeitete konsequent an Balance, Intonation, rhythmischer und technischer Präzision sowie musikalischer Linie. Diese systematische Vorgehensweise führte zu einer stetigen Verbesserung und zu einem klaren gemeinsamen Klangbild. Zusätzlich wurden für jedes Register professionelle Registerdozenten engagiert, die in zwei spezialisierten Registerproben wertvolle Impulse gaben. Diese Inputs reichten von technischen Feinheiten über stilistische Hinweise bis hin zu Fragen der Klangästhetik – ein Gewinn für jedes einzelne Register und für das Gesamtensemble.

Musikgesellschaft St. Urban
Musikgesellschaft St. Urban
Stadtmusik Langenthal
Stadtmusik Langenthal

Ein weiterer Meilenstein war die Teilnahme an einem Vorbereitungsevent mit Expertise, bei dem sich beide Vereine erstmals einer externen Beurteilung stellten. Die beiden Experten gaben differenzierte Rückmeldungen, lobten Stärken und benannten klar die Bereiche, in denen noch Potenzial lag. Diese Rückmeldungen flossen in die weitere Probenarbeit ein und halfen, die musikalische Interpretation weiter zu schärfen.
Gleichzeitig zeigte sich, dass die Aufgabenstücke heute musikalisch anspruchsvoller sind. Höhere technische Anforderungen, komplexere Strukturen und herausfordernde Rhythmen verbunden mit klar definierter Artikulation verlangten den Musikerinnen und Musikern viel ab. Trotz aller sorgfältigen Vorbereitung blieben für den Wettbewerbstag einige Unbekannte, die sich nicht vollständig simulieren liessen. Dazu gehört die Saalakustik, also die Frage, wie der Klang im jeweiligen Raum tatsächlich reagiert. Auch Wege, Wetter und Abläufe spielten eine Rolle: Wie stressig sind die Transfers, müssen Musiker und Instrumente vor Regen geschützt werden? Ist für alle Komponenten genügend, aber auch nicht zu viel Zeit eingeplant? Ebenso bleibt offen, wie sich der Spielplan die jeweilige Tageszeit auf die Form der Musiker auswirken. Schliesslich stellt auch die Nervosität ein Faktor dar – jeder einzelne geht anders mit dem Wettbewerbsdruck um. Mit gezieltem Atem- und Mentaltraining haben wir versucht, diesen Faktoren weniger Gewicht und einen guten Umgang zu geben. Die entscheidende Frage lautete daher: Kann der Verein im Moment der Wahrheit 100% abrufen? Die ehrliche Antwort zum Konzertvortrag: Nicht ganz so, wie wir es uns erhofft hatten. Die Leistung war engagiert, musikalisch und solide – doch die letzte Präzision, die in den Proben oft erreicht wurde, zeigte sich unter Wettbewerbsbedingungen nicht in vollem Umfang.
Beide Vereine nahmen auch am Parademusikwettbewerb teil. Um die nötige Marschdisziplin zu erreichen, waren rund 4-5 Proben draussen auf der Strasse erforderlich. Diese Trainings boten den perfekten Rahmen, um Abläufe zu synchronisieren und das Zusammenspiel des jeweiligen Vereins zu schärfen. Mit sauberer Ausführung und starker Präsenz konnten beide Formationen voll abliefern und durften diesen Wettbewerb über den Erwartungen abschliessen.
Der Weg war geprägt von Professionalität, Konzentration, Lernbereitschaft und musikalischem Ehrgeiz. Beide Vereine haben auf einem hohen Niveau gearbeitet, sich anspruchsvollen Stücken gestellt und wertvolle Erfahrungen gesammelt, die weit über das Musikfest hinaus wirken werden. Nach unterhaltenden Sommerkonzerten werden sich die Vereine in eine wohlverdiente Sommerpause verabschieden. Anschliessend beginnen die Vorbereitungen zu den jeweiligen Jahreskonzerten. Dabei werden wir den Fokus wiederum auf die Spielfreude und musikalische Qualität setzen und die Orchester konstant weiterentwickeln.“

Eine Jurorin Konzertmusik: Ruth Suppiger

Ruth Suppiger
Ruth Suppiger

„Das Eidgenössische Musikfest in Biel war für mich als Jurorin eine intensive, aber gleichzeitig sehr bereichernde Erfahrung. Die beiden Tage waren lang – Arbeitsbeginn bereits um 8 Uhr morgens, einmal dauerte der Einsatz sogar bis nach 21 Uhr. Zwischen den Vorträgen blieb jeweils nur wenig Zeit, um die Berichte zu verfassen, bevor bereits der nächste Verein auf der Bühne Platz nahm. Trotzdem empfand ich die Arbeit als kurzweilig und freudig, nicht zuletzt dank der vielen musikalischen Highlights und der guten Stimmung während des gesamten Fests.
Die Zusammenarbeit im Jury-Team war ausgesprochen angenehm und unterstützend. Die Diskussionen waren konstruktiv und immer darauf ausgerichtet, den Vereinen wertvolle Rückmeldungen mitzugeben. Besonders spannend war zu sehen, wie wir uns in unseren Einschätzungen und Punktzahlen eigentlich immer einig waren.
Auch organisatorisch hinterliess das EMF einen sehr positiven Eindruck. Natürlich gab es kleinere Dinge, die sich erst einspielen mussten oder vergessen gingen – bei einem Anlass dieser Grösse wohl kaum vermeidbar. Aus meiner Sicht waren dies jedoch keine gravierenden Probleme, vieles bekam man als Jurorin oder Zuhörerin gar nicht mit. Insgesamt war das Fest unglaublich gut organisiert.
Musikalisch durfte ich viele gut vorbereitete Orchester erleben. Die Qualität der Vorträge war sehr erfreulich, es gab zahlreiche schöne Momente und generell eine sehr positive Atmosphäre in den Konzertlokalen. Besonders beeindruckt hat mich die Seriosität, mit der sich die Vereine vorbereitet hatten.
Zu den emotionalsten Momenten gehörte für mich der Auftritt der Spielgemeinschaft Fanfare L’Ouvrière de Chézard-St-Martin und L’Union de Cornaux. Das Orchester präsentierte ein Selbstwahlprogramm, das vom kürzlich verstorbenen Dirigenten des Orchesters arrangiert worden war. Die Emotionen im Orchester waren nach dem Vortrag deutlich spürbar – viele Mitglieder hatten Tränen in den Augen, und auch bei uns in der Jury kam diese Stimmung an. Schön, diesen Zusammenhalt erleben zu dürfen. Weitere Highlights waren die vielen hervorragenden Solistinnen und Solisten sowie die meist sehr gut besuchten Konzertlokale.
Vom EMF bleibt für mich vor allem die aussergewöhnlich gute Stimmung in Erinnerung: das Wiedersehen nach langer Zeit, die Begeisterung für die Musik und das spürbare Bestreben aller Beteiligten, das Beste aus diesem Fest herauszuholen.“

Eine Jurorin Parademusik: Johanna Begert

Eisige Temperaturen & warme Herzen

„Seit mehr als 40 Jahren spiele ich in einem Blasmusikverein mit – aber so etwas habe ich noch nie erlebt!“, meint der rüstige Rentner nach erfolgreich bestrittener Parademusik. Die schmucken Abzeichen auf dem Uniformenkittel lassen seinen grossen Verdienst in der Blasmusik erahnen. „Heute habe ich mir zum allerersten Mal in meiner Blasmusik-Karriere an einem Musikfest gewünscht, meine Uniform wäre nebst dem dicken Stoff auch noch gefüttert“. Vor paar Sekunden noch wildfremde Menschen, müssen wir beide lachen.
So, wie es dem gestandenen Trompeter ergangen ist, dürfte es wohl noch einigen anderen Teilnehmenden am EMF 26 in Biel ergangen sein. Die Wetterprognosen derart schlecht, bangen wir an zwei Tagen um die Durchführung der Parademusik und warten gespannt auf den Entscheid des OKs. Die Freude ist entsprechend groß, als die Botschaft eintrifft, dass der 1. Block stattfinden wird.
Zur Vorbereitung auf den Wettbewerb ist es relevant, das Jury-Reglement der Parade gut zu kennen, sowie das Programm von Vereinen, welche Evolutionen durchführen, zu studieren. Die aufgeführten Märsche sind dem Jury-Team oft bestens bekannt. Wenn es los geht, fordert eine faire Bewertung der Vereine den Jury-Mitgliedern viel ab, insbesondere, wenn das Musikalische und die Präsentation gleichzeitig bewertet werden muss.

Johanna Begert (Foto by Roger Stöckli - rsfilm.ch)
Johanna Begert (Foto by Roger Stöckli – rsfilm.ch)

Der Zeitplan hochfrequent getaktet, schreiten die Vereine in Biel auf der Zentralstrasse zackig voran und höchste Konzentration ist gefragt. Damit möglichst alle zu bewertenden Faktoren mehr als einmal wahrgenommen werden können, werden die Musizierenden über eine längere Strecke begleitet. Besonders wichtig ist dies zur Beurteilung der Ausrichtung. War ein Glied vielleicht zuvor noch nicht perfekt ausgerichtet, kommt es womöglich paar Sekunden später auf einer schnurgeraden Linie daher.
Vor lauter Hinschauen darf als Experte/Expertin C nicht vergessen werden, auch die musikalischen Aspekte zu verfolgen. Schöne musikalische Bögen, interessante dynamische Gestaltung und technisch und artikulatorisch erfrischend-lüpfig vorgetragene Musik trägt – bei guter Intonation – zu einer hohen Bewertung bei.
Am Schluss gilt es abzuwägen, welcher Faktor wie stark gewichtet werden soll – für mich auch nach einigen Jahren Erfahrung eine der grössten Herausforderungen. Eine Rücksprache mit den anderen Jurierenden ist während des Wettbewerbes nicht möglich, weder die Zeit noch die örtliche Distanz lassen dies zu. Man bleibt mit der Vergabe der Punktezahl sich selbst überlassen. Der Austausch im Juryteam erfolgt im Nachgang. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit und der Qualitätssicherung – stets sehr wertschätzend und respektvoll sowohl gegenüber den erbrachten Leistungen der Musizierenden als auch innerhalb des Jury-Teams.
Trotz der zuweilen misslichen Wetterbedingungen ist auch in Biel die Parademusik ein Publikumsmagnet. Teilweise mit Regenschirm, Handschuhen und Mützen ausgerüstet, säumen Hunderte von Menschen die Straße, klatschen Beifall und verschaffen ihrer Begeisterung lautstark Platz. Darunter befinden sich auch viele Vereinsmitglieder, welche die Leistungen und das Engagement der Gleichgesinnten honorieren – egal, ob es sich um die Konkurrenz oder den befreundeten Nachbarsverein handelt.
Es sind diese Momente der geteilten Freude, welche die Blasmusik so wertvoll machen – Momente, die berühren, unter die Haut gehen und ein Gefühl der Verbundenheit schaffen.
DANKE Eidgenössisches Musikfest 26 Biel für vier unvergessliche Tage!“

Von der Parademusik habe ich selbst leider nichts mitbekommen. Aber mein guter Freund und FBO-Kollege Joachim hat sich einige Stunden lang der Parademusik auf Biel/Biennes Straßen gewidmet. Er war extrem begeistert. Von ihm hier ein paar Fotos:

Parademusik - Fotos von Joachim Maurer, Freiburg
Das alles wurde streng bewertet:
1. Bei der Aufstellung wurde die Formation und das Aussehen bewertet, stehen sie in Reih und Glied, haben alle Uniform an und sind alle Knöpfe zu
2. Reih und Glied werden während der ca. 300m langen Paradestrecke von 2-3 Wertungsrichtern ständig kontrolliert
3. Ein Wertungsrichter begleitet das Orchester auf der ganzen Strecke und hat die Noten des Marsches dabei und bewertet den musikalischen Vortrag.
4. Am Ende nochmals Stillstehen, damit die Wertungsrichter Reih und Glied der Endformation begutachten können.
Für die wertungsrichter war das eine absolut sportliche Veranstaltung, gerade die Begleiter sind da sicherlich einige Kilometer gelaufen

Die Parademusik wurde vom Schweizer Fernsehen SRF aufgezeichnet. Hier können die Wettbewerbsbeiträge angeschaut werden: https://www.rtr.ch/play/tv/emissiuns/emf26-die-parademusik—la-concurrenza-da-marschar—le-concours-de-marche—concorso-di-musica-di-parata?id=cd575ac1-6d1c-45b9-8592-e8d3f049925e&srg_shorturl_source=emf26

Eine Präsidentin: Ursula Tschanz, Stadtmusik Solothurn

„Motiviert durch unseren Sieg in der 3. Stärkeklasse Harmonie am Solothurner Kantonalen Musikfest 2024 meldeten wir uns fürs EMF 2026 in der gleichen Stärkeklasse an, um uns der nationalen Konkurrenz zu stellen.
Anfangs Jahr starteten wir mit dem Einstudieren des Selbstwahlstücks Fate of the Gods und gleichzeitig mit dem Programm für unser Kirchenkonzert. Drei Wochen vor dem Konzert traf das Aufgabestück Bouffonneries von Benedikt Hayoz ein. Ein Probesamstag und beharrliches Üben brachte uns etwas näher an das gewöhnungsbedürftige Stück – ein tänzerischer Reigen, der von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert führt. Die Erstaufführung folgte am Kirchenkonzert. Wir waren stolz, dass wir das Stück bereits nach 3 Wochen öffentlich aufführen konnten. Nach einem weiteren Übungsmonat kam das Vorbereitungskonzert, bei welchem wir von einem kompetenten Experten viele Tipps aber auch viel Lob erhielten. Den letzten Schliff holten wir uns im Probeweekend im Melchtal, wo nur die zwei Stücke für das EMF geübt wurden.

Stadtmusik Solothurn mit Dirigent Mark Baumgartner
Stadtmusik Solothurn mit Dirigent Mark Baumgartner

Unser Dirigent Mark Baumgartner machte immer wieder Aufnahmen an den Proben und im Anschluss gab es eine Rückmeldung, was noch verbessert werden musste. Und immer der Hinweis: Üben mit Metronom! Die Stücke haben wir geprobt, bis das kleinste Detail stimmte. Mit grosser Ausdauer und Kompetenz ist es ihm einmal mehr gelungen, alles von uns abzuverlangen.
An der Auffahrt (Anm. AL: Christi Himmelfahrt) war es dann soweit: Am frühen Nachmittag Besammlung, dann zum Einspiellokal und in die Pauluskirche zu unserem Vortrag. Alles ohne Hetze, immer genügend Zeit eingerechnet. Zuerst das Aufgabestück, schon bei den letzten Takten das Gefühl, wir schaffen‘s, wir haben unser Bestes gegeben. Anschliessend konnten wir das Selbstwahlstück mit einer gewissen Lockerheit angehen. Wir hatten den Eindruck, das war wirklich gut, was wir abgeliefert haben.
Dann kam das lange Warten bis abends zur Rangverkündigung und dies war erst ein Zwischenresultat – 1. Platz nach 14 Vereinen. Am nächsten Tag starteten nochmals 15 Vereine in unserer Kategorie im gleichen Lokal. Am nächsten Abend stieg die Spannung ins Unermessliche. Wir warteten, die meisten von zu Hause aus, auf das Endresultat. Mit 189 Punkten gewannen wir mit grossem Abstand auf den Zweitplatzierten (183.66 Punkte). Die Freude war riesig, unser Whatsapp-Chat lief heiss an diesem Abend.
Die Organisation des Festes war super. In so kurzer Zeit ein solches Grossevent auf die Beine zu stellen – Chapeau! Einzig das Wetter spielte nicht mit, schlugen doch die Eisheiligen mit voller Wucht zu.
Bereits haben wir die erste Probe nach dem EMF hinter uns. Ich habe den Eindruck, dass wir locker, mit einem guten Selbstvertrauen und stolz auf unsere Leistung gespielt haben. Ich bin überzeugt, dass diese Stimmung weiterhin anhält für unsere nächsten Projekte.
Das war Team Work pur.“

Eine Verantwortliche für das Entertainment: Jessica Wipfli

„Die Vorfreude auf das Eidgenössische Musikfest 2026 in Biel war bereits vor dem Festival spürbar. Viele Menschen freuten sich darauf, Biel während vier Tagen als Musikstadt zu erleben. So ging es auch mir.
Wie alle anderen Ressorts hatten auch wir lediglich 15 Monate Vorbereitungszeit. Von Anfang an standen wir vor der Herausforderung, neben den Wettbewerbsvorträgen ein abwechslungsreiches und qualitativ hochwertiges Festivalprogramm auf die Beine zu stellen. Unser Ziel war es, die Vielfalt der Blasmusik sichtbar zu machen und gleichzeitig auch Menschen anzusprechen, die bisher wenig Berührungspunkte mit dieser Musikrichtung hatten.
Bei der Auswahl der Acts war es Matt (Anm. AL: Matt Stämpfli, Teamleiter Entertainment) wichtig, unterschiedliche Stilrichtungen und Formate abzubilden. Ein zentrales Kriterium war dabei, dass jede Formation einen Bezug zu Blasinstrumenten hat.
Neben der Programmgestaltung gehörten zahlreiche organisatorische Aufgaben zu unserem Alltag: Terminabsprachen, Bühnenplanung, technische Anforderungen, Backstage-Management, die Koordination mit anderen Ressorts sowie die Einsatzplanung unserer Helfenden. Besonders die Zusammenarbeit innerhalb unseres Teams war entscheidend. Wir konnten unsere individuellen Stärken einbringen und begegneten auch intensiven Phasen stets mit einer Prise Humor.
Nach Monaten der Vorbereitung war es beeindruckend, die vielen Acts endlich zu erleben und zu sehen, wie die verschiedenen Programmpunkte vom Publikum angenommen wurden. Besonders berührt haben mich die zahlreichen positiven Reaktionen von Künstlern, Musizierenden, Besuchenden und Freunden. Natürlich sieht man im Organisationskomitee oft zuerst die Dinge, die noch nicht perfekt sind oder die kurzfristig gelöst werden müssen. Umso schöner war es zu spüren, dass für die meisten Besuchenden genau das im Vordergrund stand, was wir erreichen wollten: Musik, Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse.
Meine persönlichen Highlights waren die vielen Begegnungen – tagsüber und nachts, in meiner Rolle im Organisationskomitee ebenso wie als private Person. Besonders in Erinnerung bleiben mir die Youth Night sowie der Wettbewerbsvortrag der Stadtmusik Biel (Anm. AL: Jessicas Orchester). Beide haben auf ihre Weise gezeigt, wie viel Leidenschaft, Engagement und Potenzial in unserer Musikszene steckt.
Was vom EMF2026 bleibt? Für mich sind es die Menschen. Die Erinnerungen an unzählige Begegnungen, gemeinsames Engagement und Momente, in denen spürbar wurde, was Musik bewirken kann. Vor allem aber bleibt eine grosse Dankbarkeit. Danke an alle, die mitgeholfen, mitgespielt, mitgedacht und mitgefeiert haben. Das EMF2026 in Biel wird mir in als Fest in Erinnerung bleiben, das von unzähligen Menschen mit Herzblut mitgetragen und mitgestaltet wurde.“

Interview mit Jessica Wipfli im regionalen Fernsehen: https://web.telebielingue.ch/de/sendungen/interview/2026-05-15?fbclid=IwY2xjawSOLMpleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEebxrgdnQWeNoRPtAs1h-rmfx6mOkhfYjGYqYiZjM8BEKyhMbXblS9Y5vt3jU_aem_bKDGe_TE_Yv98oUTqsR7tw

Das Entertainment-Programm habe ich selbst leider viel zu wenig mitbekommen. Nach einem ganzen Tag voller Konzertwettbewerb konnte ich nicht mehr und bin jeden Abend schon recht früh gegen 22 Uhr ins Hotel-Bett gefallen. Da mein Hotel jedoch direkt am General-Guisan-Platz lag und dieser mit Bands bis gegen 23 Uhr bespielt wurde, habe ich dann doch noch etwas coole Unterhaltungsmusik gehört.

Entertainment... auf vielen Bühnen verteilt über die Stadt
Entertainment… auf vielen Bühnen verteilt über die Stadt
Banda der päpstlichen Schweizer Garde
Banda der päpstlichen Schweizer Garde auf der Bühne am General-Guisan-Platz

Eine Verantwortliche des BDV – Schweizer Blasmusikdirigentenverband: Isabelle Gschwend

Isabelle Gschwend
Isabelle Gschwend

„Beim EMF kann man auf engstem Raum die ganze Bandbreite der Schweizer Blasmusikszene von der Unterstufe bis zur Höchstklasse hören – ein musikalischer Überblick in konzentrierter Form! Einfach fantastisch!
Beim EMF trifft man immer viele Dirigierkolleginnen und -kollegen, aber auch Musikanten von ehemaligen Vereinen, die man eben nur an den Wettbewerben trifft. Es ist immer schön sich zu sehen und zu plaudern, weil man sich sonst fast nie trifft. Es ist wie ein riesiges Klassentreffen, wo man gemeinsam in Erinnerungen schwelgt!
Mit meinem Verein haben wir uns seit Januar aufs EMF vorbereitet. Für mich war der Zeitaufwand viel grösser als normalerweise für ein Konzert. Es waren intensive Monate, wo wir von Register- und Satzproben, über Vorbereitungskonzerte mit einem Juror, bis hin zu intensivsten Proben alle Register gezogen haben. Der Verein hat grosse Fortschritte gemacht. Sie wollten herausfinden, wo wir im Schweizweiten Vergleich stehen. Meine Musikanten besuchen wenige Konzerte anderer Vereine der gleichen Stärkeklasse. Es war für sie ein echter Augenöffner, was eigentlich möglich wäre. Der Verein nimmt wie hoffentlich viele andere Vereine auch viele Inputs aus der Jury mit, um sich fürs nächste Mal, sei es an einem EMF oder an einem Kantonalen Musikfest, noch besser vorzubereiten.
Ein grosses Fragenzeichen hat bei mir die Tatsache hinterlassen, dass bei den rund 120 Jurorinnen und Juroren (ich bin mir nicht ganz sicher, wie hoch die Zahl ist) nur 12 Frauen als Jurorinnen dabei waren. Es bräuchte mindestens in jeder Jurygruppe eine Frau. Dies ist in der heutigen Zeit ein No-Go! Weniger Frauen trauen sich, Dirigieren oder Jurytätigkeit als realistische Karriere zu sehen. Es braucht weibliche Vorbilder in dieser Männerdomäne. In der Schweiz gibt es genügend kompetente Dirigentinnen, die dies machen könnten.
Als Blasmusikdirigentenverband BDV haben uns aus meiner Sicht nicht so fest beim EMF eingebracht. Wir haben einen Stand in Biel aufgestellt. Die Idee war, dass sich die Dirigierenden treffen und sich vernetzen. Leider wurde er sehr spärlich besucht, weil man halt lieber einen Vortrag besuchen wollte oder mit seinem Verein aufs Vereinsfoto musste.
Im Rahmen meiner Tätigkeit in der Redaktion des BDV habe ich einen Artikel zum Thema Jurieren und Juryberichte «Von «Trübungen» zu «deutlicher differenzieren» geschrieben. Er soll den Dirigentinnen und Dirigenten eine Hilfestellung bei der Interpretation der Juryberichte.
Von «Trübungen» zu «deutlicher differenzieren» – Unisono
Im Vorfeld wurde ich zu einem Interview der SRF (Schweizer Radio) eingeladen. Unter diesem Link findest du das Interview:
Dirigentin Isabelle Gschwend: «Musikwettbewerbe sind eine grosse Chance» – Audio & Podcasts – SRF

Was bleibt vom EMF?
Viele gute Erinnerungen an ein sehr gut organisiertes Fest. Die Frage nach mehr Frauen in der Jury. Wie kann man dieses Problem lösen? Dank Wettbewerben wie dem EMF spielt die Schweizer Blasmusikszene auf einem sehr hohen Niveau. Trotz Konkurrenzkampf eine gute Sache das Niveau der Blasorchester und Brass Band zu steigern.“

Die Präsidentin des SBV – Schweizer Blasmusikverband: Luana Menoud-Baldi

“Nach der COVID-Pandemie war die Absage vom OK-Interlaken ein weiterer grosser Schlag für SBV und für die Blasmusikwelt.
Als SBV-Verbandsleitung haben wir dem Organisationskomitee (kurz OK) Biel/Bienne 2026 und seiner Präsidentin Nadja Günthör ein grosses Vertrauen ausgesprochen und das Vertrauen wurde bestätigt. Das EMF26 war außergewöhnlich. In seiner Qualität, in seiner Organisation, in seiner Atmosphäre.
Als Verbandspräsidentin habe ich ein unvergessliches Erlebnis entstehen lassen.
Endlich nach 10 Jahren konnten wir noch ein EMF erleben! Die Welt der Blasmusik brauchte dieses Treffen, dieses Fest. Die strahlenden Gesichter, die Freude, die musikalische Begeisterung jedes einzelnen Musikvereins zu sehen, ist meine größte Zufriedenheit. Denn dieses EMF gehört jedem Mitglied, jeder/m Dirigent:in, jedem Vorstand und jeder Familie. Wir wollten ihnen ein außergewöhnliches musikalisches Ereignis darbieten, das ihrem Engagement, ihrer Leidenschaft und ihrer musikalischen Aktivität gerecht wurde.
Und das OK-Biel/Bienne hat es geschafft. Als Verbandspräsidentin bin ich sehr stolz und dankbar. Und doch bleibt über allem etwas anderes: das Menschliche. Der Zusammenhalt. Die gemeinsame Begeisterung.
Genau das macht ein EMF aus.“

Luana Menoud-Baldi
Luana Menoud-Baldi, zweite von links.

Meine eigenen Erlebnisse

Ich selbst war alle vier Tage beim EMF in Biel/Bienne und habe so viel mitgenommen, wie es ging… Leider ging viel zu wenig! Auch ich kann mich nicht klonen… Bevor ich mich am Donnerstag den Höchstklass-Brass-Bands widmete, hörte ich mir die Musikgesellschaft Harmonie Biberist an. Biberist wird von unserem Freiburger Dirigenten Miguel Etchegoncelay dirigiert – entsprechend gespannt war ich. Biberist ist ein 2.-Klass-Orchester. Das Aufgabenstück (Pflichtstück) war in der 2. Klasse Endless Peace von Pierre-Étienne Sagnol, als Selbstwahlstück spielte die Harmonie Biberst Lake of the Moon von Kevin Houben.

Musikgesellschaft Harmonie Biberist unter der Leitung von Miguel Etchegoncelay
Musikgesellschaft Harmonie Biberist unter der Leitung von Miguel Etchegoncelay

Obwohl selbst Flötistin muss ich sagen, dass mich die Brass-Band-Welt fasziniert. Natürlich ist dafür die Qualität der Bands ausschlaggebend, aber auch die Begeisterung der Musiker:innen auf der Bühne, die der Zuhörer/-schauer in jedem Moment spürt und auch die Einstellung zu Wettbewerben überhaupt. Der Ehrgeiz, das Wollen, der unbedingte Wille von allen Musiker:innen, das Beste aus dem Werk herauszuholen. Àpropos Werk: Das Pflichtstück von Oliver Waespi, Short Stories, war bzw. ist der Knaller! Der Kerl fängt einfach mal mit einem Funk an… (eh sein Markenzeichen). Keine hochtrabende Musik, die „etwas sein will“ und keinesfalls ein Werk, bei dem einem der Gedanke in den Kopf schießt „reine Schikane“…. (wie es bei mir bei einem Aufgabenstück bei der Harmonie durchaus passiert ist…). In den Programmnotizen ist zu lesen:
Short Stories von Oliver Waespi besteht aus fünf kurzen Sätzen, von denen jeder seine eigene musikalische Geschichte erzählt. Jeder Satz kann auch für sich allein aufgeführt werden. Der Fokus liegt ganz auf der Musik selbst – es gibt kein Programm und keine außermusikalische Bedeutung, die hineininterpretiert werden müsste. Die Zuhörer sind eingeladen, beim Hören ihre eigenen inneren Bilder entstehen zu lassen. Die Titel der Sätze wurden erst nach der Komposition der Musik gewählt und sollten mit einem Körnchen Salz genommen werden.
Der erste Satz, „Lay down your tracks“, gibt dem Ensemble die Gelegenheit, sich mit kraftvollen Rhythmen vorzustellen. Im Gegensatz dazu rückt die „Serenade“ intime, zarte und melancholische Klänge in den Vordergrund. Die folgenden „Moments fugitifs“ zeichnen sich durch virtuose Musik aus – fröhlich und voller Leben, aber auch flüchtig. Demgegenüber ist der vierte Satz eine heitere Chorfantasie. Sein Titel, „Seeland“, bezieht sich auf die Region um Biel und kann somit als Hommage an die Gastgeberstadt des Eidgenössischen Musikfestivals verstanden werden.
Im Schlusssatz „Crash Bang Wallop!“ werden schließlich alle Hemmungen abgelegt und einigen kleinen Sünden gefrönt: Grooves in verschiedenen Formen und Tempi, virtuose Linien und massive Akkorde, mit denen das Stück zu seinem fulminanten Ende donnert.“

Ich habe nach dem ersten Hören von Short Stories folgendes aufgeschrieben: „Eine gelungene Mischung aus Witz, Seriosität und Cleverness.“

Ancienne Cécilia Chermignon, Kanton Wallis (VS) unter der Leitung von Arsène Duc
Ancienne Cécilia Chermignon, Kanton Wallis (VS) unter der Leitung von Arsène Duc

Dass das Niveau der Höchstklass-Brass-Bands in der Schweiz hoch ist, weiß der Kenner. Doch selbst mir als eher ungeübte Brass-Band-Hörerin war klar, dass das Rennen um die ersten Plätze diese drei Brass Bands aus dem Wallis machen würden. Und das ist die Rangfolge:

  1. Platz Ancienne Cécilia Chermignon, Kanton Wallis (VS) unter der Leitung von Arsène Duc (wer diesen Namen liest, weiß, dass diese Band gewinnt… fantastischer Dirigent!). Das Selbstwahlstück dieser Band: A Gabrieli Fantasy von Bert Appermont (was für ein Werk! Empfehlung: unbedingt hören!) – andere Band-Aufstellung, komplett anderes Hörerlebnis.
  2. Platz Concordia Vétroz, Kanton Wallis (VS), unter der Leitung von Lionel Fumeaux, mit dem Selbstwahlstück Music for Battle Creek von Philip Sparke (ein typischer Sparke, der gezielt für Wettbewerbe geschrieben wurde).
  3. Contheysanne Conthey, Kanton Wallis (VS), unter der Leitung von Damien Lagger (ein junges Talent, der mich sehr beeindruckt hat), mit dem Selbstwahlstück Old Licks Bluesed Up von Torstein Aagaard-Nilsen (hat mich als Werk nicht vom Hocker gehauen – Aargaard-Nilsen ist immer extrem anspruchsvoll zum Hören). Damien (*1994) hat übrigens zum ersten Mal eine Brass Band in der Höchstklasse auf das „Siegertreppchen“ geführt!

Übrigens waren die bekannten Schweizer Brass Bands, die wir von den Schweizer oder den Europäischen Meisterschaften kennen, wie zum Beispiel Dreize Etoile, Valaisia Brass Band oder Brass Band Bürgermusik Luzern in Biel/Bienne nicht dabei. Von Fachkundigen in meinem direkten Umfeld habe ich jedoch gehört, dass in obigen „Vereins“-Brass-Bands Musiker:innen aus diesen Wettbewerbs-Brass-Bands dabei sind (oder eher umgekehrt).

Meinen zweiten Tag beim Eidgenössischen, den Freitag, habe ich mich hauptsächlich der 2. Klasse im Konzertlokal „Volkshaus“ gewidmet.

Bevor ich davon erzähle, erst noch ein paar Sätze zu den Wettbewerbsorten: Biel/Bienne ist eine Stadt mit knapp 57.000 Einwohnern. In 100-300 Meter Laufdistanz gab es in der Innenstadt gleich drei Konzertsäle mit ordentlichen Bühnen: das Kongresshaus (1.080 Plätze), das Nebia (500 Plätze) und das Volkshaus (388 Plätze). Ich lass das mal so stehen… nur so viel: Freiburg hat das nicht.

Die 2. Klasse Harmonie wurde in insgesamt fünf Konzertlokalen am Donnerstag und Freitag gewertet. Ich habe mich wegen der Nähe zu meinem Hotel für die 2. Klasse Harmonie im Volkshaus entschieden. Einen umfassenden Einblick in die Aufführungen der 2. Klasse Harmonie kann ich Euch nicht geben. Deshalb hier vom ganzen Tag nur ein paar Eindrücke der 11 Blasorchester, die ich gehört habe.

Super gefreut habe ich mich, dass ein Orchester, die Musikgesellschaft Wasen im Emmental, unter der Leitung von Luca Belz das Werk subTERRA von Daniel Weinberger gewählt hat. Dieses Werk bezeichne ich mal als „One-Hit-Wonder“ von Daniel Weinberger. Zu schade, dass er nicht mehr Werke komponiert… (sag ich ihm immer wieder…). Gefreut habe ich mich nicht nur weil es ein klasse Werk ist, sondern auch deshalb, weil es leider nicht so viel aufgeführt wird.

Musikgesellschaft Wasen im Emmental unter der Leitung von Luca Belz - 2. Klasse Harmonie
Musikgesellschaft Wasen im Emmental unter der Leitung von Luca Belz – 2. Klasse Harmonie

Während ich in Riva beklage, dass jedes Jahr die gleichen Werke gespielt werden, gab es an diesem Tag in der 2. Klasse noch mehr Überraschungen und Stücke, die mich begeistern. Zum Beispiel Compostela von Thierry Deleruyelle – ein Komponist, der auf meiner internen Komponisten-Favoriten-Liste steht. Oder Moving Heaven and Earth von Großmeister Philip Sparke (Dirigent:innen: habt Ihr dieses Werk von Philip bisher übersehen, vergessen oder warum wird es so wenig programmiert?).

Konkordia Varen unter der Leitung von Thibaud Biel - 2. Klasse Harmonie
Konkordia Varen unter der Leitung von Thibaud Biel – 2. Klasse Harmonie

Neben diesen drei hervorragenden Selbstwahlstücken hat mich noch ein ungewöhnliches Blasorchester beeindruckt: die Konkordia Varen, Kanton Wallis VS. Was beeindruckend war: ein unausgewogenes und unvollständig besetztes Orchester, ein sehr junger Dirigent – Thibaud Biel -, riesig viel Spielfreude und ein warmer wohltuender Klang. Das muss man unter den Voraussetzungen der Orchesterbesetzung erstmal hinbekommen! Ihr Selbstwahlstück war auch sehr klug gewählt: Alpina Saga von Thomas Doss. Der Auftritt dieses Orchesters hat mich wieder einmal in meiner Meinung bestärkt, dass ein:e gut ausgebildete:r Dirigent:in das A und O des Erfolgs ist.

Stadtmusik Huttwil unter der Leitung von Michael Wyss - 1. Klasse Harmonie
Stadtmusik Huttwil unter der Leitung von Michael Wyss – 1. Klasse Harmonie

Meinen dritten Tag, den Samstag, habe ich mit 1. Klasse Harmonie im Konzerthaus Nebia gestartet. Als ich um kurz vor halb zehn (Beginn 10 Uhr) am Nebia ankam stand schon eine lange Schlange vor dem Konzertlokal. Bezeichnend für alle Wettbewerbe, bei denen ich war: Die Konzertlokale waren fast immer voll oder wenigstens richtig gut besucht!

Pflichtstück in dieser Klasse: Metamorphosis – Symphony in One Mouvement von Thomas Trachsel. Die Schweizer sagen übrigens nicht Pflichtstück, sondern „Aufgabenstück“. Als „Aufgabe“ ist Metamorphosis auch gut charakterisiert. In der 1. Klasse Harmonie hätte ich den ganzen Tag verbringen können. Die Selbstwahlstücke der Orchester, die in dieser Klasse im Nebia gespielt wurden, hätten mich alle gefreut zu hören! Darunter z. B. Colossus von Thomas Doss, Saga Maligna, Trencadis und Microtopia von Bert Appermont, Huckleberry Finn Suite von Franco Cesarini, Le Premier Jour von Jean Balissat (Kennst Du’s? Kennen lernen!) und A Pedra da Serpe von José Luis Represas Carrera. Das letzte Werk wurde übrigens von der Feldmusik Willisau aufgeführt, die Sieger in der 1. Klasse im Konzerthaus Nebia unter der Leitung von Patrick Ottiger. Patrick ist nicht nur ein klasse Trompeter, sondern gewinnt mit seinen BML Talents (das Jugendensemble der Brass Band Bürgermusik Luzern) gefühlt gerade alles, was es zu gewinnen gibt (so kommt es mir vor…). Schade konnte ich Willisau nicht hören. Wie so viele andere tolle Blasorchester in dieser Klasse auch nicht. Denn, die Höchstklasse im Kongresshaus hat sehr laut gerufen! Und es war sehr klug von mir, schon früh ins Kongresshaus zu übersiedeln. Und es war auch klug, am Sonntagmorgen schon sehr rechtzeitig zu kommen und „das Handtuch auf meiner Lieblingsliege“ zu platzieren. In der Höchstklasse Harmonie war es tatsächlich so, dass der Saal immer bis auf den letzten Platz besetzt war (1.080 Plätze fasst der Saal!). Teilweise war es sogar so, dass nicht mal mehr alle, die wollten, in den Saal hineinkamen. Ein Freund schrieb mir per WhatsApp: „Wir haben eine Stunde lang angestanden und haben es trotzdem nicht hinein geschafft…“. Das zeigt das übergroße Interesse an der Höchstklasse Harmonie! Und vielen – den meisten – Blasorchestern eilte ihr Ruf natürlich voraus. Die Schweizer kennen ihre Höchstklass-Orchester und lieben sie! (Ich auch.)

Alle meine aufmerksamen Leser:innen wissen, dass Franco Cesarini zu meinen drei Lieblingskomponisten gehört. Deshalb verzeiht mir an dieser Stelle bitte, wenn meine Begeisterung über sein Werk Quadrants des rêves, op. 63, das Aufgabenstück der Höchstklasse, sehr überschwänglich ausfällt. Ich hoffe wirklich, dass Du, geschätzer Leser, geschätzte Leserin, einmal die Möglichkeit hast, dieses Werk live zu hören. Dann kannst Du Dich selbst überzeugen! Ich fand es jedes einzelne der 11 Mal, die ich Quadrants des rêves gehört habe, spannend. Meine Gefühle wechselnden von berührt, aufgeregt, hibbelig und kribbelig, aufgepeitscht, mitgerissen bis hin zu tiefer Zufriedenheit. Das sind die Schlagworte, die ich mir während der Aufführungen in meinem Block vor Ort notiert habe. Franco, Du hast Dein Wort gehalten, ich habe mich keine Sekunde gelangweilt! Viele Werke von Franco Cesarini stehen auf meiner persönlichen Bucket-List der Werke, die ich bis Lebensende einmal gespielt haben möchte. Quadrants des rêves hat es an den beiden EMF-Tagen an die Spitze dieser Liste geschafft!

Franco Cesarini wurde nach seinem Wettbewerbsauftritt mit der Civica Filarmonica di Lugano für sein Werk frenetisch und minutenlang bei Standing Ovations vom Publikum gefeiert!

Vier gehörte Selbstwahlstücke möchte ich in diesem Beitrag hervorheben. Alle vier sensationell!

Da wäre zunächst The Kings Go Forth von Edward Gregson, aufgeführt vom Sinfonischen Blasorchester Bern (SiBo) unter der Leitung von Rolf Schumacher. Hammer. Ein Werk mit folgenden Spezialitäten:

  • 2 Off Stage Trompeten in Bb und Eb
  • Bb und Piccolo Trompeten
  • Jazz Soli für Alt und Tenor Sax geschrieben
  • Irish folk-group : 2 Treble Recorder, Penny Whistle, Solo Female Singer, 2 Violines, Bodhran
  • Solo Tenor Voice (or Boys Voices)
  • Mens Voices (Chor) // Aus Platz und Kostengründen mit 4 Sängern aufgeführt (lt. Rolf)
  • Harfe
  • Piano / Synthesizer
  • Timpani (2 players, antiphonaly positiones)

Mit diesem Aufmarsch von musikalischen Besonderheiten könnt Ihr Euch vorstellen, dass dieses Werk nicht nur spannend ist zu hören, sondern auch zu sehen! Danke Rolf Schumacher für die Besonderheiten-Liste!

Hier eine super Aufnahme von Kosei unter der Leitung des sehr geschätzten Douglas Bostock:

https://www.youtube.com/watch?v=yl2JZ7Jexcg

Und die Entstehungsgeschichte findet Ihr unter diesem Link: https://edwardgregson.com/works/an-age-of-kings/ lesenswert! Sie zeigt, dass die Musik zu diesem Werk zunächst als Bühnenmusik im Auftrag der Royal Shakespeare Company entstanden ist. Dann von Edward Gregson für Blasorchester zunächst in The Sword and the Crown (1991) und schließlich in The Kings Go Forth (1996) wiederverwendet wird.

Bei den Top-Orchestern gehört es fast schon zum guten Ton, für das Selbstwahlstück eine Auftragskomposition zu vergeben. So auch bei den drei Wettbewerbs-Gewinnern Symphonisches Blasorchester Feldmusik Sarnen unter der Leitung von Sandro Blank (1. Platz), Blasorchester Stadtmusik Luzern unter der Leitung von Hervé Grélat (2. Platz) und Symphonisches Blasorchester Kreuzlingen unter der Leitung von Stefan Roth (3. Platz).

Symphonisches Blasorchester Feldmusik Sarnen unter der Leitung von Sandro Blank - Höchstklasse Harmonie, 1. Platz
Symphonisches Blasorchester Feldmusik Sarnen unter der Leitung von Sandro Blank – Höchstklasse Harmonie, 1. Platz

Das Symphonische Blasorchester Feldmusik Sarnen unter der Leitung von Sandro Blank setzte bei seinem Auftragswerk für das Selbstwahlstück in Biel/Bienne auf den Schweizer Oliver Waespi. Schon seit mir Sandro vor einigen Wochen in Österreich vom Werk erzählt hat, war ich gespannt darauf. Das Werk heißt One Sound to All. Leider war ich noch nie in Sarnen, deshalb kann ich es mir nur abstrakt vorstellen. Hier die Informationen, die mir Oliver Waespi für diesen Beitrag hat zukommen lassen:

„Das Stück One Sound to All basiert auf den harmonischen Strukturen von Glockensätzen aus vier Obwaldner Kirchen, die rund um den Sarner See verteilt sind: die Pfarrkirche St. Peter und Paul in Sarnen, die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Theodul in Sachseln, die Pfarrkirche St. Antonius der Einsiedler in Giswil sowie die Kapelle St. Michael in Wilen.
Auf dieser Grundlage hat sich meine Musik im Verlauf des Kompositionsprozesses ihren eigenen Weg in verschiedene Richtungen gebahnt. So ist ein eigentliches Konzert für Orchester entstanden, das den klanglichen und expressiven Reichtum des Symphonischen Blasorchesters Feldmusik Sarnen widerspiegelt. Im «Prelude» wird das ganze Orchester zunächst zu einem imaginären Glockensatz, in dem sich verschiedene harmonische Spektren der oben erwähnten Glocken kombinieren. Dabei entwickeln sich immer dichtere Klangwellen, die zu einem ersten, zentralen Thema im Blech hinführen. Die daran anschliessende «Toccata» stürzt das Orchester unvermittelt in eine energisch vorwärts getriebene, virtuose Musik. Das Stück nimmt hier sinfonische Züge an, da der markanten Toccata-Motivik ein gesangliches Nebenthema gegenübergestellt wird. Im weiteren Verlauf findet zwischen diesen Themen eine musikalische Auseinandersetzung statt, die einerseits zu einer immer virtuoseren Musik in den Holzbläsern, andererseits zu hymnisch aufrauschenden Akkordkaskaden im ganzen Orchester führt.
Daraufhin beruhigt und verdunkelt sich die Musik zunehmend und kommt nach einer fragenden Linie im Saxophon zu einem Zwischenhalt. Es folgt ein ausgedehntes, lyrisch getragenes Adagio mit dem Untertitel «Nachtsee», der sich auf den nächtlichen Sarner See bezieht. Die Musik gibt sich zunächst einer melancholischen Nostalgie hin, die sich in einem traumartigen Hornsolo und wellenförmigen Linien der Holzbläser äussert. Daraufhin führen eine Reihe brillanter, solistischer Interventionen im Holz im Wechselspiel mit warmen, reichen Klängen des Blechs nach und nach zu einer Aufhellung der Harmonik. Das erste Thema erscheint erneut im Blech, versinkt aber danach in einer nachdenklichen Atmosphäre, die durch ein Selbstgespräch der Solo-Klarinette abgeschlossen wird.
Das abschliessende «Capriccio» beginnt unvermittelt mit einem Weckruf in einer Kombination von gedämpften Blechfarben und Orchesterglocken. Danach entwickelt sich die Musik in Richtung einer energischen Virtuosität. Flirrende Linien wechseln sich ab mit pulsierenden Rhythmen, die das Stück aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart bringen. Nach einer kurzen Reminiszenz des ersten Themas beschleunigt sich die Musik zunehmend und kommt mit energischen Gesten zum Abschluss.“

Àpropos „energische Gesten“ – das erscheint mir bei diesem Schluss schon ein wenig untertrieben… Dieser Schluss mit energischen Gesten hat mir persönlich den emotionalen Rest gegeben… An Tagen mit solchen Werken in geballtem Aufkommen bin ich abends fix und fertig…

Sandro würde von mir (aus meiner persönlichen Sicht, von allen Dirigent:innen, die ich gesehen habe) übrigens den Titel „Bester Dirigent des Wettbewerbs“ bekommen – wenn es den gäbe. Er dirigiert tatsächlich Musik, er ist Musik – was ich an dieser Stelle bitte als allerhöchstes Lob der Anerkennung verstanden wissen möchte. Seit Biel/Bienne ist Sandro Blank auf meiner Bucket-List der Dirigent:innen, mit denen ich bis zu meinem Lebensende noch musiziert haben möchte, an höchste Stelle gerutscht! (Der war davor schon auf der Bucket-List…)

Das Blasorchester Stadtmusik Luzern unter der Leitung von Hervé Grélat vergab seinen Auftrag an den momentan sehr gehypten John Mackey. Der Name dieser, seiner zweiten, Sinfonie: The Isle is Full of Noises. Hier eine kurze Beschreibung:
„Ein dramatisches, erzählerisches Werk für fortgeschrittenes Bläserensemble, das von Shakespeares „Der Sturm“ inspiriert ist und Prosperos Weg vom Exil über die Rache bis hin zu einer unruhigen Auflösung nachzeichnet. Kraftvolles Eröffnungsmaterial schildert die Beschwörung eines heftigen Sturms, gefolgt von intensiven, sich wandelnden Klangtexturen, die Manipulation, Angst und Verwandlung widerspiegeln. Der Schlussabschnitt kontrastiert den Triumph mit einer unterschwelligen Leere, während Macht abgegeben wird, und offenbart so einen tieferen emotionalen Konflikt. Die Musik erkundet Themen wie Rache, Kontrolle und die Folgen von Besessenheit durch ein lebhaftes, sich entwickelndes musikalisches Drama.“
Emotionaler Höhepunkt ganz sicher das Klarinetten-Solo im zweiten Satz – Caroline Krattiger: fantastisch!

Vom Selbstwahlstück der Kreuzlinger war ich extrem begeistert – wie der Rest vom Publikum auch. Die Symphonia Luminosa von Carlos Pellicer nach einem Mal hören zu beschreiben fällt mir schwer. Ich kann immer nur die Gefühle, die ich beim Hören empfinde und meine Gedanken der Hörmomente nacherzählen. Und da war allerhand dabei. Von Anspannung bzw. Spannung über Gänsehaut und völligem Wohlgefühl bis hin zu Angst und Erschreckens-Momenten. Filmisch gesprochen: Ein extrem spannender und wendungsreicher Thriller inklusive einer Love-Story. Symphonia Luminosa – und das ist unschwer am Titel zu erkennen – thematisiert das Licht in all seinen Facetten, von strahlender Klarheit bis zu stiller Reflexion. Carlos selbst schreibt über Symphonia Luminosa:
„Der Begriff des Lichts in seinen vielfältigen Ausprägungen ist das Leitmotiv der Symphonie, die gleichmäßig in vier eigenständige Teile gegliedert ist. Die Geschwindigkeit des Lichts, seine Fähigkeit zur unendlichen Reflexion, seine Dualität mit dem Schatten (oder unseren Schatten) und vor allem seine unaufhörliche Leuchtkraft sind die Grundideen, auf denen die gesamte Musik aufbaut. Das Licht hat, wie die Musik, die Fähigkeit, den Zustand ständiger und vor allem flüchtiger Veränderung, die unermessliche Schönheit sowie die heroische und grandiose Macht über den Schatten, über die Dunkelheit zu demonstrieren. Das ist die Symphonia Luminosa.“ Carlos Pellicer war selbst im Publikum. Er kam mir nach der Aufführung sehr glücklich vor.

Übrigens habe ich oben mit Absicht geschrieben „die drei Wettbewerbs-Gewinner“! Diese drei Gewinner standen für mich schon vor Ablauf des Wettbewerbs fest. Meine interne Prognose am EMF-Sonntag um 18 Uhr: 1. Sarnen, 2. Kreuzlingen, 3. Luzern. In Biel/Bienne gab es in der Höchstklasse nur zwei Sorten von Blasorchestern: Erstens die „normal Guten“ – wie es mein guter Freund und FBO-Kollege Joachim nannte. Also jene Orchester, die für sich allein schon grandios aufgestellt sind und top gespielt haben. Und die „Überragenden“ – also jene, die restlos überzeugt und begeistert haben. Und dazu gehören die drei oben genannten. Kreuzlingen ist bei mir vermutlich deshalb auf den zweiten Platz gerutscht, weil die Symphonia Luminosa von Carlos Pellicer mir durchgehend besser gefallen hat, als der Mackey, der mich im dritten Satz nicht vollständig überzeugte. Kriterien natürlich, wie sie nur uns „Bundestrainern“ im Publikum erlaubt sind und nicht den Juroren mit Partitur ;-D. Außerdem gilt bei mir auch immer: ich kann den Künstler nicht von der Kunst trennen – und umgekehrt.

Freunde & Begegnungen...
Nur eine kleine Auswahl von zufälligen Begegnungen und Treffen mit lieben Freunden… Für Fotos und Selfies war einfach keine Zeit… (oben links: mit Jan de Haan und Peter Kleine Schaars – oben rechts: mit Carlos Pellicer – unten von links nach rechts: mit Henderika de Haan, Sarah Rossi, Mario Bürki und einem Schweizer Gardist)

Meine vier Tage Wettbewerb in Biel/Bienne haben sich, wie Ihr lesen könnt, sehr gelohnt. Ich habe jeden Tag viele Stunden Blasmusik gehört und die Tage vergingen wie im Flug. Zwischen den Aufführungen, in den kurzen Pausen, blieb fast zu wenig Zeit, mit den vielen anwesenden Freunden und Bekannten zu sprechen. Manchmal blieb nur Zeit für ein kurzes Hallo oder ein Winken bzw. das schnelle Austauschen der neuesten Neuigkeiten und natürlich auch immer mit dem Austausch der Erlebnisse während der vier Tage Biel/Bienne. Gefachsimpelt haben wir natürlich viel – immer auch mit den Menschen im Publikum in direkter Nähe. Ich habe es auch sehr genossen, im Höchstklass-Wettbewerb Henderika de Haan neben mir zu haben und mit ihr jemand zum Fachsimpeln aus gleicher Begeisterung.

Was bleibt vom EMF? Zuerst einmal die tiefe Überzeugung, dass die Schweiz ein fantastisches Blasmusikland ist. Und dass die Schweizer das mit der Organisation voll drauf haben. Ich hab wirklich nichts zu kritisieren. Nicht mal die kleinste Kleinigkeit fällt mir da ein. Die leisen Töne in mir drin, die sich immer fragen, warum wir das in Deutschland so nicht haben und können, sind aber wieder etwas lauter geworden.
Ich bin sehr sicher, dass die 532 Vereine, die in Biel/Bienne ihren Konzertwettbewerb und ggf. die Parademusik absolviert haben, eine große Motivation mit nach Hause genommen haben – ob hoch bepunktet oder eher niedrig. Jedes Blasorchester, jede Brass Band hat für sich das Allerbeste gegeben – schon die Vorbereitung auf das EMF war für sie ein großer Gewinn. Und die Erinnerungen an das EMF 2026 in Biel/Bienne werden in jede einzelne Vereins-Chronik einziehen. In meine eigene Chronik auch.

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert