Freitag, März 13, 2026
DirigentenFührung

Dirigieren ohne Machtspiel: Führung auf Augenhöhe

Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?

Die Rolle der Dirigentin oder des Dirigenten ist oft ambivalent: Man muss führen, aber darf nicht dominieren. Gerade in Amateurblasorchestern ist ein feinfühliger Umgang entscheidend – aber auch nicht immer leicht. Wie gestalten erfahrene Dirigenten ihre Rolle? Fünf Fragen zu diesem spannenden Thema habe ich an die vier Dirigenten Stefan Klein, Gregor Kovacic, Daniel Niederegger und David Schöpf gestellt.

In diesem ersten Beitrag lest Ihr die Antworten zur Frage „Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt eine Führung auf Augenhöhe?“

Stefan Klein, DE

Stefan Klein
Stefan Klein

Stefan Klein dirigiert die Musikfreunde Fidelia Wormersdorf und ist Hornist im Musikkorps der Bundeswehr

Die Leitung eines Blasorchesters ist zweigeteilt. Zum einen geht es um musikalische Führung aber auch um Menschenführung.
Die Musiker in Amateurblasorchestern haben sich irgendwann einmal für ein Instrument entschieden und haben den Weg in ein Blasorchester gewählt (oder gefunden).
Die Sozialisierung die dadurch stattfindet, ist definitiv sehr stark durch Harmonie geprägt, womit das Zusammengehörigkeitsgefühl bei Musikern sehr stark ausgeprägt wird.

Gemeinsam etwas erreichen, und da beziehe ich die Dirigenten definitiv mit ein, das ist doch das, um was es geht. Daher sollten wir Dirigenten die Musiker ernst nehmen, und uns nicht als was Besseres sehen. Das würde letztlich immer zum Misserfolg führen, weil es das soziale Miteinander schwächt und so die Leistungsbereitschaft dezimiert.

Gregor Kovacic, SLO/AT

Gregor Kovacic
Gregor Kovacic

Gregor Kovacic ist Dirigent Salzburger Landesblasorchesters, der Kammerharmonie Salzburg, des Blasorchesters Ravne (Pihalni orkester Železarjev Ravne, Slowenien) und des Blasorchesters Loibach (JTK Loibach, Kärnten). Er ist Autor des Buches Dirigieren oder Dirigiert werden*.

Führung auf Augenhöhe bedeutet für mich, Musiker:innen mit Respekt, Vertrauen und aufrichtiger Wertschätzung zu begegnen. Als Dirigent stehe ich zwar vorn, aber nicht über dem Orchester. Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für das musikalische Ergebnis. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich jeder gehört, verstanden und eingebunden fühlt – in dem musikalische Entscheidungen nicht von oben vorgegeben, sondern gemeinsam getragen werden.

Oft vergessen wir Dirigent:innen, wie viel Energie, Leidenschaft und Konzentration jede Musikerin und jeder Musiker in ihr bzw. sein Instrument investiert. Im Kern ist das bei Laien wie bei professionellen Musiker:innen gleich: Alle wollen ihr Bestes geben – unabhängig davon, ob wir als Dirigent:innen immer das liefern, was sie von uns erwarten. Für eine solche Einstellung darf der Mensch dankbar sein, denn sie hält das Menschliche in unserer Kunst lebendig.

Führung auf Augenhöhe bedeutet für mich deshalb auch, diese Hingabe bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. So entsteht eine Form des Führens, die nicht auf Autorität, sondern auf günstigem Vertrauen, Respekt und gemeinsamer künstlerischer Verantwortung beruht.

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Daniel Niederegger, IT/Südtirol

Daniel Niederegger
Daniel Niederegger

Daniel Niederegger ist Dirigent der Stadtmusikkapelle Amras (AT), der Musikkapelle St. Johann im Ahrntal (IT/Südtirol) und der Brass Band Pustertal (IT/Südtirol)

Weil gute Musik mit gutem Miteinander beginnt

Als Dirigent und Masterstudent für Blasorchesterleitung habe ich in den letzten Jahren mit Ensembles ganz unterschiedlicher Ausrichtung gearbeitet – von Jugendkapellen über die Leitung von traditionellen Musikkapellen bis hin zu Auswahlorchestern. Dabei hat sich immer wieder gezeigt: Musikalischer Erfolg entsteht dort, wo Führung, Eigenverantwortung und Gemeinschaft in einem guten Gleichgewicht stehen.

In einem der Vereine, die ich derzeit leite, arbeite ich gerade daran, dieses Gleichgewicht bewusster zu gestalten. Eine Musikkommission sowie ein gemeinsam entwickelter Probenkodex sollen die Grundlage dafür bieten: respektvolle Zusammenarbeit, klare Abläufe und eine Kultur, in der alle Verantwortung mittragen.

Führung auf Augenhöhe bedeutet für mich, musikalische Leitung als gemeinsame Verantwortung zu verstehen. Ich sehe meine Rolle weniger als „Chef“, sondern als Moderator und musikalischer Impulsgeber. Entscheidungen werden nicht isoliert getroffen, sondern reflektiert und begründet.

Dazu tausche ich mich regelmäßig in einer Art Musikkommission aus – bestehend aus mir als Kapellmeister, dem Obmann und den Registerführer:innen. Hier fließen Perspektiven aus allen Instrumentengruppen zusammen. So entsteht eine musikalische Ausrichtung, die von vielen mitgetragen wird und dadurch Vertrauen und Identifikation schafft.

Führung auf Augenhöhe heißt zuhören, einbeziehen und am Ende dennoch verantwortungsvoll entscheiden.

David Schöpf, DE

David Schöpf
David Schöpf

David Schöpf dirigiert die Stadtkapelle Illertissen, die Musikkapelle Opfenbach, den Musikverein Lamerdingen, den Musikverein Mattsies sowie die Bezirksjugendblasorchester ASM Bezirk 5 Kaufbeuren und  ASM Bezirk 7 Lindau. Außerdem die Schwäbische Jugend Brass Band. 

Führung auf Augenhöhe ist für mich ein sehr spannendes Thema und ist bei mir einen langen Prozess durchlaufen, bis ich meinen Stil gefunden habe. Auch aufgrund meines doch sehr jungen Alters, was so in der Dirigierwelt (leider) nicht häufig vorkommt, musste ich meinen eigenen Weg finden. Dadurch, dass ich das Glück hatte, in meiner Jugend schon unter großartigen und erfahrenen Dirigenten zu spielen, habe ich mir natürlich das, was funktioniert, abgeguckt, die Dinge, die nicht funktionieren, hinterfragt und auch meine eigene Perspektive eingeflochten. Vollständig neu muss das Rad ja nicht erfunden werden.
Führung auf Augenhöhe bedeutet für mich vollständige Transparenz, Verständnis, Vertrauen und einen stets freundlichen Umgangston – auch wenn man sich manchmal nicht danach fühlt… Jede:r Musiker:in ist gleich, wenn es um meine Arbeit geht und wenn ich mich um das Orchester kümmere. Dabei ist die wöchentliche Probe der kleinste Teil der Arbeit, die man leistet. In der Probe herrscht stets eine produktive und freundliche Arbeitsatmosphäre – manchmal auch etwas lustig –, bei der meine Musiker:innen wissen, dass es mir stets um die Musik geht. Jede Korrektur und jegliche Anmerkungen gehen dabei immer um die Verwirklichung der Musik. Dadurch, dass das klar ist, fühlt sich niemand auf den Schlips getreten. Wenn dann aber mal doch deutlichere Worte gefunden werden müssen, weil Stellen, die funktionieren könnten, immer noch nicht klappen, erfolgt das dann auch in einer sehr deutlichen, aber nicht persönlich angreifenden Wortwahl. Ruhig den Musiker:innen zu erklären warum das jetzt gerade suboptimal war, im deutlichen, aber direkten Ton, ist viel effektiver als die große, laute Keule auszupacken und jeden anzubrüllen. Oft erreicht man dann das direkte Gegenteil damit. So habe ich es meist wahrgenommen und das auch schon als Kind, das die Trompete kaum halten konnte, bis jetzt als studierter Musiker.
Außerhalb der Probe versuche ich immer ein offenes Ohr für die Musiker:innen zu haben und auch schon frühzeitig auf Dinge zu reagieren. Ob kleine BrassBand mit 26 Musiker:innen oder großes sinfonisches Blasorchester mit 70 – sobald es in der Stimmung mal zwischen den Musiker:innen bröckelt, merkt man es sofort in der Musik. Auch hier muss man ein offenes Ohr für Musiker:innen haben und das funktioniert am besten mit Vertrauen und Transparenz. Jeder „hat sein Päckchen zu tragen“ und hat mal einen schlechten Tag oder eine schwierige Zeit. Dann müssen die Musiker:innen eben das Vertrauen haben, sich an mich zu wenden und mich informieren zu können, auch wenn es nur ganz grob ist. Dann lasse ich diejenige Person vielleicht mal mehr in Ruhe in der Probe oder gehe etwas anders damit um. 

Übersicht über das fünfteilige Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?:

Dirigieren ohne Machtspiel: Führung auf Augenhöhe
Dirigieren ohne Machtspiel: Eigenverantwortung des Orchesters
Dirigieren ohne Machtspiel: Grenzen der Eigenverantwortung
Dirigieren ohne Machtspiel: Partizipation im musikalischen Entscheidungsprozess
Dirigieren ohne Machtspiel: Umgang mit Widerstand oder Infragestellung

Herzlichen Dank an die vier Dirigenten Stefan Klein, Gregor Kovacic, Daniel Niederegger und David Schöpf!

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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