Dienstag, März 24, 2026
DirigentenFührung

Dirigieren ohne Machtspiel: Grenzen der Eigenverantwortung

Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?

Im dritten Round-Up-Beitrag lest Ihr die Antworten zur Frage: „Wo setzt Du klare Grenzen und warum?“
Herzlichen Dank an die vier Dirigenten Stefan Klein, Gregor Kovacic, Daniel Niederegger und David Schöpf für ihre wertvollen Antworten!

Stefan Klein

Stefan Klein
Stefan Klein

Stefan Klein dirigiert die Musikfreunde Fidelia Wormersdorf und ist Hornist im Musikkorps der Bundeswehr

Da wir alle Musik machen wollen, finde ich das Wort Grenze etwas einengend. Es geht ja letztendlich um musikalische Gestaltung und um Emotionen. lch bin generell ein Dirigent, der seinem Orchester vertraut, weil niemand absichtlich schlecht spielt.
Aber am ehesten trifft “klare Grenzen setzen” auf die Probenzeiten zu. Es kann hintenraus auch mal etwas länger dauern, aber der Probenbeginn startet bitte pünktlich.

Gregor Kovacic

Gregor Kovacic
Gregor Kovacic

Gregor Kovacic ist Dirigent Salzburger Landesblasorchesters, der Kammerharmonie Salzburg, des Blasorchesters Ravne (Pihalni orkester Železarjev Ravne, Slowenien) und des Blasorchesters Loibach (JTK Loibach, Kärnten). Er ist Autor des Buches Dirigieren oder Dirigiert werden.

Ich setze klare Grenzen, wenn ich spüre, dass Musiker:innen ein Werk oder den dahinterstehenden Komponisten nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit und inneren Haltung behandeln. Für mich ist jede gute Komposition das Ergebnis eines tiefen, oft schmerzhaften schöpferischen Prozesses – ein Stück Seele das der Komponist in Klang verwandelt hat. Dem Moment dieser Schöpfung gilt mein tiefster Respekt.

Als Musiker:innen tragen wir die Verantwortung, diesem Werk gerecht zu werden – unabhängig davon, ob es uns persönlich liegt oder nicht. Wir sind nicht nur Interpret:innen, sondern auch Vermittler:innen einer Idee, einer Emotion, einer Vision. Ich erwarte von mir selbst und vom Orchester, dass wir dieser Verantwortung mit höchster Professionalität, Achtsamkeit und innerer Hingabe begegnen.

Jede:r Musiker:in hat im Laufe der Ausbildung gelernt, das eigene Handwerk zu meistern. Doch wahre Kunst beginnt dort, wo Handwerk auf Haltung trifft – wo wir die Musik nicht nur spielen, sondern verstehen und ehren. Wenn dieser Respekt fehlt, erinnere ich das Orchester mit Klarheit und Deutlichkeit daran. Wie gesagt, für mich ist der schöpferische Prozess eines Komponisten etwas Heiliges. Unsere Aufgabe als Dirigent:innen und Musiker:innen ist es, diese Schöpfung mit Demut und höchster handwerklicher Qualität zum Leben zu erwecken – nicht um selbst zu leuchten, sondern aus Dankbarkeit gegenüber der Musik selbst.

Daniel Niederegger

Daniel Niederegger
Daniel Niederegger

Daniel Niederegger ist Dirigent der Stadtmusikkapelle Amras (AT), der Musikkapelle St. Johann im Ahrntal (IT/Südtirol) und der Brass Band Pustertal (IT/Südtirol)

Auch Führung auf Augenhöhe braucht klare Rahmenbedingungen. Die musikalische Gesamtverantwortung liegt bei mir als Dirigenten. Ebenso nicht verhandelbar sind grundlegende Verhaltensregeln: Pünktlichkeit, Vorbereitung und respektvoller Umgang.

Diese wurden in einen Probenkodex gegossen – bewusst gemeinsam formuliert, damit er nicht als „Regelwerk von oben“, sondern als gemeinsame Haltung verstanden wird.

David Schöpf

David Schöpf
David Schöpf

David Schöpf dirigiert die Stadtkapelle Illertissen, die Musikkapelle Opfenbach, den Musikverein Lamerdingen, den Musikverein Mattsies sowie die Bezirksjugendblasorchester ASM Bezirk 5 Kaufbeuren und  ASM Bezirk 7 Lindau. Außerdem die Schwäbische Jugend Brass Band. 

Klare Grenzen setze ich immer bei meiner musikalischen Interpretation eines Werkes. Idealerweise habe ich mich vor der ersten Probe schon stundenlang mit einem Werk beschäftigt und weiß ganz genau was ich von den Musiker:innen möchte. Dabei recherchiere ich wirklich von A – Z, angefangen bei der Person, die das Stück geschrieben hat. In welcher Lebenslage war die Person, wo hat sie sich aufgehalten oder gab es einschneidende Ereignisse im Leben. Dann geht es um das Werk selbst: Von der ersten Idee bis zur vollständigen Interpretation dauert es oft Zeit, um über alles nachdenken zu können. Diesen Weg, der mir so auch von Anfang an im Studium beigebracht wurde, hat mir damals als junger 19-jähriger Dirigent einiges erleichtert, da ich keinerlei Erfahrung hatte und ich alles auf meinem Wissen über das Werk aufbauen musste. Nur so konnte ich die Musiker:innen in den Dörfern von mir überzeugen die schon deutlich länger Musik machen oder auch manchmal eine andere Ansicht zur Blasmusik haben. Jede:r Musiker:in schenkt mir ja mindestens 2 Stunden ihrer Freizeit in der Woche, was in der heutigen Zeit eine ganze Menge ist. Da mir dies recht früh bewusst war, hatte ich einen sehr hohen Anspruch an mich selbst, die Zeit für alle möglichst produktiv, effektiv und schön zu gestalten. Wenn ich dann noch vor dem Orchester nachdenken muss, welche Phrase wir machen, welche Klangfarbe ich möchte oder welches Register nun führt, geht unfassbar viel Zeit verloren. Ebenso, wenn dann einzelne bei diesen Dingen mitwirken möchten – deswegen ist das die einzig klare Grenze, die ich setze.

Übersicht über das fünfteilige Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?:

Dirigieren ohne Machtspiel: Führung auf Augenhöhe
Dirigieren ohne Machtspiel: Eigenverantwortung des Orchesters
Dirigieren ohne Machtspiel: Grenzen der Eigenverantwortung
Dirigieren ohne Machtspiel: Partizipation im musikalischen Entscheidungsprozess
Dirigieren ohne Machtspiel: Umgang mit Widerstand oder Infragestellung

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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