Dienstag, November 3, 2026
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Blasmusik in Italien: Zwischen Tradition, musikalischem Aufbruch und großen Herausforderungen

Denis Salvini über Italiens Blasorchesterszene – und ihren Weg in die Zukunft

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Wer an italienische Musik denkt, hat vielleicht Oper, große Melodien und temperamentvolle Musiker vor Augen. Aber wie sieht es eigentlich mit der Blasmusik in Italien aus? Welche Rolle spielen die Musikvereine in ihren Gemeinden? Welches Repertoire wird gespielt, wie werden junge Musikerinnen und Musiker ausgebildet – und wie steht es um die musikalische Weiterentwicklung der Blasorchester?

Denis Salvini
Denis Salvini

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, habe ich mich mit Denis Salvini unterhalten. Er kennt die italienische Blasmusikszene aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: als Dirigent mehrerer Musikvereine und eines überregionalen Blasorchesters, als Dirigierlehrer und als ehemaliger Präsident der Italian Band Directors Association DIBA. Seine Einblicke zeigen eine Blasmusiklandschaft, die sich nicht so einfach über einen Kamm scheren lässt. Sie ist traditionsreich, regional sehr unterschiedlich und vielerorts eng mit dem Leben der Menschen verbunden. Gleichzeitig gibt es strukturelle Probleme, die einer stärkeren musikalischen Entwicklung im Weg stehen.

Denis beschreibt die Situation mit zwei Begriffen, die zunächst gegensätzlich klingen: kompliziert und vielfältig. Und genau darin liegt der Reiz eines Blicks auf die Blasmusik in Italien.

Eine wichtige Anmerkung zu Beginn: Denis Salvini beschreibt die Blasmusikszene in Italien, geht dabei jedoch nicht immer auf die Situation in Südtirol ein, die größtenteils der Blasmusikszene in Österreich gleicht.

Ein Dirigent mit unterschiedlichen musikalischen Welten

Denis Salvini begann früh mit dem Horn und schloss 1995 sein Studium am Konservatorium in Brescia ab. Später folgten ein Masterstudium im Fach Horn in Bergamo sowie ein Dirigierstudium in Brescia, wo er sein Studium im Fach Orchesterdirigieren mit Bestnote und Auszeichnung (cum laude) abschloss. Zu seinen Lehrern gehörten unter anderem Ronald Johnson, Douglas Bostock und Lorenzo della Fonte. Seit 2006 unterrichtet er Dirigieren am Brescia Band Center. Als Dirigent hat er weltweit mehr als 700 Aufführungen geleitet und war unter anderem als Gastdirigent an der Baltischen Staatsoper in Danzig sowie an amerikanischen Hochschulen tätig.

Heute dirigiert Salvini drei Amateurblasorchester in den Regionen Brescia und Bergamo. Außerdem ist er seit der Gründung im Jahr 2003 musikalischer Leiter des Orchestra Fiati di Vallecamonica. Das Orchester zählt für ihn zu den führenden italienischen Blasorchestern und hat bei internationalen Wettbewerben wiederholt Erfolge erzielt. Von 2021 bis 2024 war er außerdem Präsident der Italian Band Directors Association DIBA, die er 2017 gemeinsam mit anderen Dirigenten gegründet hatte.

Schon seine eigenen Orchester zeigen, wie unterschiedlich die musikalischen Ansprüche und Möglichkeiten innerhalb einer Region sein können. Das Corpo Musicale Comunale di San Paolo d’Argon konzentriert sich stark auf das originale Blasorchesterrepertoire. Werke der Schwierigkeitsstufe 5 gehören für die Musikerinnen und Musiker zum Alltag. Ein besonderes Anliegen ist es, Musik aufzuführen, die in der näheren Umgebung noch nicht zu hören war. So hat das Orchester bereits zahlreiche italienische und europäische Erstaufführungen realisiert.

Corpo Musicale Comunale di San Paolo d’Argon
Corpo Musicale Comunale di San Paolo d’Argon

Das Corpo Musicale Città di Palazzolo sull’Oglio verfolgt einen breiteren musikalischen Ansatz. Neben originaler Blasmusik stehen auch Filmmusik und Bearbeitungen klassischer Werke auf dem Programm. Das dritte Orchester, das Corpo Musicale „Don Luca Patelli“ in Foresto Sparso, beschreibt Denis als besonders motivierte Gruppe, die sich musikalisch weiterentwickeln und ein solides Niveau erreichen möchte.

Corpo Musicale „Don Luca Patelli“ in Foresto Sparso
Corpo Musicale „Don Luca Patelli“ in Foresto Sparso

Das Orchestra Fiati di Vallecamonica wiederum ist eine ganz andere Größenordnung. Es handelt sich um ein leistungsstarkes, nicht professionelles Orchester, dessen Mitglieder teilweise ein Konservatoriumsstudium absolviert haben, beruflich aber beispielsweise in der Lehre, im Rechtswesen, in der Wirtschaft oder in der Medizin tätig sind. Ergänzt werden sie durch sehr gute Amateurmusiker aus der Region. Das Orchester arbeitet mit anspruchsvollem internationalem Repertoire, lädt Gastdirigenten und Solisten ein, vergibt Kompositionsaufträge und nimmt an Wettbewerben teil.

Schon an diesen Beispielen wird deutlich: Wer über die italienische Blasmusik spricht, spricht nicht über eine einheitliche Szene. Es gibt sehr unterschiedliche Traditionen, musikalische Ziele und Strukturen.

Tausende Blasorchester – aber keine einheitliche Blasmusikkultur

Nach Denis Salvini gibt es in Italien mehr als 4.000 Blasorchester und Musikkapellen. Eine genaue Zahl kann er nicht nennen; die Größenordnung ist eine Schätzung. Angesichts dieser Vielfalt fällt es ihm auch schwer, eine Liste der zehn besten Orchester des Landes aufzustellen.

Ein wesentlicher Grund dafür ist die geografische und kulturelle Unterschiedlichkeit Italiens. Im Norden ist die Entwicklung hin zum sinfonischen Blasorchester stärker ausgeprägt. Hier gibt es Ensembles, die sich intensiv mit originaler Blasorchesterliteratur beschäftigen und anspruchsvolle internationale Werke aufführen.

Zu den von Salvini besonders geschätzten und bei Wettbewerben erfolgreichen Orchestern gehören in alphabetischer Reihenfolge das Brixia Harmoniæ, das Increscendo Wind Orchestra, das Ferentino Wind Orchestra, das Orchestre d’Harmonie du Val d’Aoste, das Rovereto Wind Orchestra und das Valle Camonica Wind Orchestra. Auch das Valtellina Wind Orchestra und die Filarmonica Mousiké aus der Lombardei haben die Entwicklung der italienischen Blasorchester geprägt. Zu den frühen wichtigen Ensembles zählte außerdem das Orchester Lao Silesu aus Samassi auf Sardinien.

Interessant ist dabei, dass die besten Orchester nicht unbedingt klassische Gemeindekapellen sind. Häufig kommen Musiker aus verschiedenen örtlichen Musikvereinen zusammen, um in einem regionalen Ensemble anspruchsvolles Repertoire zu erarbeiten. Diese Form des Musizierens entwickelte sich in Italien vor allem seit den 1990er-Jahren. Einen wichtigen Impuls gaben Dirigenten, die eine fundierte und international ausgerichtete Ausbildung absolviert hatten.

Ganz anders sieht die Situation in vielen Teilen Süditaliens aus. Dort haben die traditionellen bande da giro eine lange Geschichte. Diese Kapellen sind teilweise semiprofessionell organisiert und bezahlen ihre Musiker für bestimmte Zeiträume im Jahr. Ihr musikalischer Alltag kann sehr umfangreich sein: Am Vormittag spielen sie bei einer Parade, mittags vielleicht ein Konzert, am Nachmittag folgt ein weiterer Auftritt, und am Abend steht häufig ein Konzert mit Opernmelodien auf dem Programm.

Das Repertoire dieser Formationen besteht Salvini zufolge zu einem großen Teil aus Transkriptionen. Auch Gesangspartien aus Opern werden dabei von Instrumenten übernommen. Die Tradition dieser Kapellen unterscheidet sich damit deutlich von der eines sinfonischen Blasorchesters, das seine Arbeit auf konzertante Originalliteratur ausrichtet.

Diese Unterschiede sind wichtig, wenn man die Qualität oder die Entwicklung der italienischen Blasmusik beurteilen möchte. Es wäre zu einfach, alle Ensembles an denselben Maßstäben zu messen. Sie haben unterschiedliche Aufgaben, Traditionen und Voraussetzungen.

Tatsächlich gibt es in Italien nur wenige vollständig professionelle Blasorchester. Dazu gehören vor allem die Musikkorps von Armee, Luftwaffe, Carabinieri, Guardia di Finanza, Marine, Feuerwehr und Polizei. Das italienische Gesetz sieht für diese Musikkorps jeweils eine festgelegte Besetzung mit 103 Musikern vor. Daneben gibt es die Stadtkapelle Mailand, die allerdings nur wenige festangestellte Musiker beschäftigt. Die süditalienischen bande da giro bewegen sich teilweise zwischen Amateur- und Profibereich.

Eine Verbandslandschaft mit mehreren Akteuren

Auch die Organisation der italienischen Blasmusik ist nicht zentral gebündelt. Es gibt mehrere Verbände, die unterschiedliche Regionen und Musikvereine vertreten.

Der älteste Verband ist der VSM Verband Südtiroler Musikkapellen, der 1948 gegründet wurde und die Blasorchester Südtirols zusammenführt. 1952 folgte der Verband im Trentino. 1969 entstand mit ANBIMA der erste nationale Verband. Ab 1991 gründeten sich zunehmend lokale Verbände außerhalb von ANBIMA. Ausgangspunkt war der Verband ABBM in Bergamo; weitere Organisationen kamen hinzu. 2006 schlossen sich mehrere dieser Verbände im Tavolo Permanente der italienischen Blasmusikverbände zusammen.

Nach den Zahlen, die Salvini nennt, gehören rund 1.500 Kapellen zu ANBIMA und etwa 1.100 zu den Verbänden des Tavolo Permanente. Weitere rund 100 Kapellen werden von kleineren lokalen Verbänden vertreten. Die Zahlen zeigen, wie viele Vereine in Verbandsstrukturen eingebunden sind – aber auch, wie vielfältig diese Strukturen ausfallen.

Historisch lag der Schwerpunkt der Verbände vor allem auf bürokratischen, rechtlichen und organisatorischen Fragen. Das ist angesichts der administrativen Anforderungen an Vereine durchaus nachvollziehbar. Allerdings sieht Salvini einen entscheidenden Unterschied zwischen Verbänden, die sich vor allem um die Verwaltung kümmern, und solchen, die auch die musikalische Entwicklung in den Mittelpunkt stellen.

Dort, wo Verbände systematisch in die Ausbildung von Dirigenten investieren, habe sich die Qualität der Orchester verbessert. Entscheidend sei dabei nicht, gelegentlich einen Wochenendworkshop anzubieten, sondern eine strukturierte Ausbildung mit aufeinander aufbauenden Lerninhalten zu ermöglichen.

Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Verbandes ABMB in Brescia. Seit 2006 bietet dessen Centro di Formazione Bandistico Grund-, Mittel- und Fortgeschrittenenkurse für Dirigenten an. Bereits in den 1990er-Jahren entstanden vergleichbare Angebote in Bergamo und Cremona. In Friaul gibt es seit 2001 einen strukturierten dreijährigen Dirigierkurs. Auch andere regionale Verbände haben eigene Ausbildungsangebote entwickelt.

Diese Entwicklung hat nicht nur Auswirkungen auf die Dirigenten selbst. Sie beeinflusst, welches Repertoire die Orchester spielen, wie Proben gestaltet werden und welche musikalischen Ziele überhaupt erreichbar sind. Für Salvini ist eine gute Ausbildung deshalb einer der wichtigsten Hebel, um die italienische Blasmusikszene weiterzubringen.

Seit 2017 gibt es außerdem die Italian Band Directors Association (DIBA), deren Präsident Salvini war. Sie setzt sich vor allem für die Ausbildung von Dirigenten ein. Salvini glaubt an die Bedeutung dieser Organisation, sieht aber auch, dass ihr noch Mitglieder und Einfluss fehlen, um die Szene nachhaltig zu verändern.

Nachwuchsarbeit: Wo es gute Strukturen gibt, wächst mehr als nur die Zahl der Musiker

Wenn es um die musikalische Zukunft der Blasmusik geht, führt an der Nachwuchsarbeit kein Weg vorbei. Und auch hier zeigt sich in Italien ein sehr uneinheitliches Bild.

In einigen Regionen, etwa im Trentino, in Friaul sowie in den Gebieten um Brescia und Bergamo, gibt es gut strukturierte Musikschulen. Kinder und Jugendliche erhalten Unterricht bei qualifizierten Lehrkräften für ihr jeweiliges Instrument. Der Unterricht baut aufeinander auf, Lernfortschritte werden überprüft, und Jugendensembles ermöglichen es den jungen Musikern, früh gemeinsam zu musizieren. Im Idealfall führt der Weg von der Musikschule über das Jugendblasorchester in die örtliche Musikkapelle.

In anderen Regionen fehlen solche Strukturen. Dort kann es vorkommen, dass eine einzige Lehrkraft sämtliche Instrumente unterrichtet – unabhängig davon, ob sie dafür ausreichend qualifiziert ist. Nach dem Unterricht werden die Kinder dann relativ direkt in das örtliche Orchester integriert.

Woran es liegt, dass manche Regionen deutlich besser aufgestellt sind als andere? Für Salvini spielen die finanziellen Möglichkeiten und das Engagement der örtlichen Verantwortlichen eine große Rolle. Viele Musikschulen sind direkt an die Musikvereine angegliedert und werden von diesen betrieben. Wo ein Verein und die Kommune bereit sind, langfristig in die Ausbildung zu investieren, entstehen andere Voraussetzungen als dort, wo die Nachwuchsarbeit nebenbei organisiert werden muss.

Dabei gibt es durchaus bemerkenswerte Initiativen. Salvini berichtet von einem Projekt seines Orchesters in San Paolo d’Argon, das gemeinsam mit der örtlichen Verwaltung entwickelt wurde. Unter dem Namen OrchestrArgon werden Kinder von der vierten Grundschulklasse bis zur dritten Klasse der Mittelschule – also ungefähr im Alter zwischen neun und 14 Jahren – an Instrumente und das gemeinsame Musizieren herangeführt. Das Projekt ist auf zehn Jahre angelegt und soll rund 900 Kinder erreichen. Es ist ausdrücklich auch als langfristige Grundlage für den Nachwuchs des Musikvereins gedacht.

Die ersten jungen Musiker, die nach der Corona-Pandemie aus diesem Projekt in das Hauptorchester gewechselt sind, haben laut Salvini bereits gute Ergebnisse gezeigt. Das Beispiel macht deutlich, dass Nachwuchsarbeit mehr sein kann als die Suche nach neuen Mitgliedern: Sie kann einen Verein über Jahre hinweg mit der Schule und der Gemeinde verbinden.

Auch Bläserklassen, Jugendblasorchester, Musikcamps und Meisterkurse spielen eine Rolle. Ein frühes Beispiel für musikalische Sommerangebote ist das 1995 von Emiliano Gusperti ins Leben gerufene C.E.M. Musical Summer Camp. Das Konzept fand so viel Zuspruch, dass es in unterschiedlichen Formen in anderen Teilen Italiens übernommen wurde. Inzwischen organisieren zahlreiche Vereine und Verbände Sommerkurse, Jugendensembles und gemeinsame Studienwochen.

Allerdings hat die Corona-Pandemie viele dieser Entwicklungen unterbrochen. Nach Salvini begann sich die Situation erst seit 2024 wieder spürbar zu erholen.

Ein weiteres Problem liegt in der institutionellen Verankerung musikalischer Bildung. In Italiens Pflichtschulen gibt es nach Salvini keine umfassende Instrumentalausbildung. Der Musikunterricht in der Mittelschule beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Wochenstunden allgemeiner Musikerziehung. Einige zukunftsorientierte Kommunen ermöglichen deshalb gemeinsam mit ihren Musikvereinen Instrumentalprogramme in Grund- und Mittelschulen. An staatlichen Mittelschulen mit musikalischem Schwerpunkt ist die Auswahl an Blasinstrumenten begrenzt (Klarinette, Flöte, Altsaxophon und Trompete). Zudem werden nicht alle diese Instrumente an jeder Schule angeboten.

Für Salvini sind diese gemeinsam mit den Musikvereinen organisierten Projekte ein wichtiger Weg, um junge Menschen an Musik heranzuführen. Sie können die kulturelle Bedeutung eines Vereins in der Gemeinde stärken und zugleich die Basis für die nächste Generation von Musikerinnen und Musikern bilden.

Dirigieren: Viel Engagement, aber noch kein flächendeckendes Ausbildungssystem

Bei der Ausbildung der Dirigenten sieht Salvini einen weiteren zentralen Punkt. Die Situation beschreibt er als ausgesprochen uneinheitlich. Es gibt Dirigenten ohne formale Ausbildung, die aufgrund ihrer langjährigen musikalischen Erfahrung die Leitung eines Orchesters übernommen haben. Andere haben mehrere Abschlüsse am Konservatorium erworben, etwa in Orchesterleitung oder Blasorchesterinstrumentation.

Die meisten Dirigenten arbeiten im Amateurbereich. Eine verbindliche Voraussetzung für ihre Beschäftigung gibt es nicht. Nach Salvini werden Dirigenten in ungefähr 90 Prozent der Fälle über persönliche Kontakte ausgewählt: Ein Vereinsvorsitzender kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt, der ein Orchester dirigiert. Diese Praxis hält Salvini für wenig effizient und mitunter sogar schädlich.

Er sieht allerdings auch erste Veränderungen. Einige Vereine wenden sich inzwischen an Verbände, wenn sie einen neuen Dirigenten suchen. Es werden Auswahlverfahren organisiert, Lebensläufe geprüft, Gespräche geführt und praktische Proben durchgeführt. Fachkundige Personen können die Auswahl begleiten. So soll nicht unbedingt der Kandidat mit den meisten Abschlüssen oder dem größten Namen gefunden werden, sondern der Dirigent, der am besten zum jeweiligen Orchester passt.

Das ist ein wichtiger Gedanke: Eine gute Auswahl sollte nicht nur fachliche Qualifikationen berücksichtigen, sondern auch die musikalischen Ziele und die tatsächlichen Voraussetzungen des Vereins.

Was weiterhin fehlt, ist ein flächendeckendes akademisches Ausbildungssystem für das Dirigieren von Blasorchestern. Es gibt zahlreiche kurze Kurse und Meisterklassen, daneben einige gut strukturierte ein- oder mehrjährige Angebote. Einen regulären, speziell auf die Leitung von Blasorchestern ausgerichteten Hochschulabschluss gibt es in Italien jedoch nicht.

An den Konservatorien ist das Fach häufig in Studiengänge für Instrumentation und Komposition für Blasorchester eingebunden. Wie intensiv das Dirigieren dort behandelt wird, hängt stark von den jeweiligen Lehrenden ab. Lediglich an den Konservatorien von Bozen (allerdings ausschließlich in deutscher Sprache) und Cosenza wurden versuchsweise Studiengänge im Fach Blasorchesterleitung eingerichtet. Das Konservatorium in Mailand bietet einen Masterstudiengang in Blasorchesterleitung an; ein regulärer, eigenständiger Studienabschluss ist damit aber noch nicht flächendeckend etabliert.

Salvini wünscht sich deshalb, dass das Dirigieren von Blasorchestern stärker als eigenständiges Fach anerkannt wird. Seine Hoffnung reicht noch weiter: Dirigieren soll langfristig nicht nur ein „Luxushobby“ bleiben, sondern sich auch als Beruf entwickeln können. Denn die Ausbildung wirkt sich unmittelbar auf die Orchester aus. Wer sich intensiver mit Dirigiertechnik, Probenmethodik, Instrumentation und Repertoire auseinandersetzt, kann musikalische Ziele besser vermitteln und die Musiker gezielter weiterentwickeln. Für Salvini ist das keine Nebensache, sondern eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die italienische Blasmusik ihr Potenzial ausschöpfen kann.

Wettbewerbe und Festivals: Rückmeldung statt Rangliste

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gibt es in Italien nur wenige Blasorchesterwettbewerbe. Zu den bekanntesten internationalen Veranstaltungen gehört das jährlich stattfindende Flicorno d’Oro in Riva del Garda. Daneben gibt es den internationalen Wettbewerb von Friaul-Julisch Venetien in Bertiolo und den Wettbewerb Bacchetta d’Oro in Frosinone. Zwei Ausgaben des letztgenannten Wettbewerbs mussten jedoch aufgrund einer zu geringen Anzahl an Anmeldungen abgesagt werden. Der früher wichtige Wettbewerb Vallée d’Aoste wird seit 2012 nicht mehr veranstaltet.

Für Jugendblasorchester ist Giovani in Concorso in Costa Volpino von Bedeutung. Der Wettbewerb besteht seit 1995 und hat sich zu einer wichtigen Veranstaltung für Jugendensembles entwickelt. Auch Wettbewerbe in Talamona, der Bannio-Bandwettbewerb und der MusiCup in Friaul spielen eine Rolle.

Interessant sind außerdem Veranstaltungsformate, die zwar eine fachliche Bewertung vorsehen, aber bewusst auf Punkte und Ranglisten verzichten. Stattdessen erhalten die Orchester eine ausführliche Rückmeldung durch die Jury. In manchen Fällen arbeiten die Juroren direkt nach dem Auftritt mit dem Ensemble auf der Bühne. Aus einem Wettbewerb wird so eine Art kompakte Meisterklasse.

Ein Beispiel für einen solchen Ansatz ist der „Non-contest“ in Città della Pieve in Umbrien, der Orchester aus verschiedenen Teilen Italiens anzieht. Die Idee dahinter gefällt mir: Ein musikalischer Vergleich muss nicht zwingend in einem Ranking enden. Er kann auch dazu dienen, sich mit der eigenen Leistung auseinanderzusetzen, neue Impulse zu bekommen und konkrete nächste Schritte für die Weiterentwicklung zu erkennen. Dieses Format wurde inzwischen von zahlreichen Blasmusikverbänden im ganzen Land übernommen.

Neben den Wettbewerben gibt es Festivals, die Blasorchester zusammenbringen und ihnen Auftrittsmöglichkeiten bieten. Dazu zählen unter anderem das seit 1984 veranstaltete Internationale Festival in Besana Brianza, das Festival Fiati di Ferrandina und das Valle Camonica Wind Festival. Auch Corciano in Banda hat eine besondere Stellung, unter anderem durch die Verbindung zum dortigen Kompositionswettbewerb und durch Angebote wie Konzerte und Dirigierseminare.

Ein bedeutender Wettbewerb für Komponisten ist der Kompositionswettbewerb von Corciano. Eine Besonderheit ist, dass den Teilnehmern weitgehende kreative Freiheit gelassen wird – ohne enge Vorgaben zu Dauer oder Instrumentation. Seit der Ausgabe 2025 ist der Kompositionswettbewerb von Corciano direkt mit dem Flicorno d’Oro verbunden. Das Siegerwerk des Wettbewerbs wird dabei zum Pflichtstück der Hochstufe beim Flicorno d’Oro im darauffolgenden Jahr.  Daneben gibt es weitere Kompositionswettbewerbe, etwa in Bertiolo, Sinnai und Allumiere. Piccolo è Bello in Umbrien widmet sich sogar Werken der Schwierigkeitsstufe 0,5.

Diese Wettbewerbe und Festivals bieten Möglichkeiten, neue Werke kennenzulernen, musikalische Kontakte zu knüpfen und sich mit anderen Orchestern zu messen. Ihre Bedeutung liegt also nicht allein im Wettbewerbsergebnis, sondern auch darin, dass sie musikalische Entwicklung anstoßen können.

Das Repertoire: Tradition, Unterhaltung und die Suche nach neuen Klangwelten

Was spielt ein typisches italienisches Blasorchester? Die Antwort hängt natürlich von der Region, dem musikalischen Anspruch und der jeweiligen Tradition ab. Neben Märschen für zivile und religiöse Anlässe gehören vor allem Unterhaltungsmusik, Filmmusik, Popmusik und Bearbeitungen klassischer Werke zum Alltag vieler Kapellen.

Salvini bedauert, dass sich bislang nur wenige Orchester intensiver mit historischem Originalrepertoire oder zeitgenössischer Blasorchesterliteratur beschäftigen. Als einen wichtigen Grund dafür nennt er die mangelnde Vorbereitung vieler Dirigenten auf dieses Repertoire.

Dabei gibt es in Italien viel zu entdecken. Salvini nennt unter den heute aktiven Komponisten Michele Mangani und Lorenzo Pusceddu als besonders erfolgreich, wenn man die Zahl der Verkäufe und Veröffentlichungen betrachtet. Persönlich schätzt er die Werke von Federico Agnello und Luciano Feliciani sehr. Auch Marco Somadossi schreibt seiner Meinung nach in einem überzeugenden Stil. Einen besonderen Platz nimmt für ihn Giancarlo Aquilanti ein, ein in Italien geborener Komponist und Kompositionslehrer an der Stanford University in Kalifornien, dessen Musik in Italien selbst weniger bekannt sei und seltener gespielt werde.

Zu den Werken, die Salvini empfiehlt, zählen Federico Agnellos Nuclear Warrior, Danze Pazze, Delirium für Solo-Jazzsänger, Blasorchester und Live-Elektronik sowie die neueren Kompositionen The Great Oak und AnutaKa. Bei Luciano Feliciani hebt er unter anderem die erste Sinfonie Icelandic Waterfalls, Saxa Picta, Symphonic Sketches und Variazioni sul tema Lamenti hervor. Von Marco Somadossi nennt er Via della Terra und Flumen. Bei Giancarlo Aquilanti lohnt sich seiner Meinung nach ein Blick auf Te Deum, Ouverture Italiana, die dritte Sinfonie und sein Divertimento, aber auch auf seine Konzerte für Oboe, Trompete und Tuba.

Auch die historische italienische Blasmusik hat interessante Werke zu bieten. Salvini empfiehlt beispielsweise Carlo Della Giacomas Sinfonia Leopard, Olivo di Domenicos Concerto per Banda, Camillo de Nardis’ Il Giudizio universale und Scene abruzzesi, Raffaele Caravaglios’ Disillusione sowie Alessandro Vessellas Britannia. Und natürlich gehören die historischen Werke von Amilcare Ponchielli dazu.

Einige dieser Kompositionen wurden für heutige Besetzungen neu bearbeitet und sind dadurch für moderne Blasorchester wieder leichter zugänglich. Verlage wie Scomegna und Editions Franco Cesarini haben solche Werke im Programm. Das zeigt, dass sich die Auseinandersetzung mit dem historischen Repertoire durchaus mit den Anforderungen heutiger Orchester verbinden lässt.

Interessant finde ich auch Salvinis Einschätzung zur italienischen Volksmusik. Anders als etwa bei britischen Komponisten spiele sie für die originale italienische Blasorchesterliteratur eine vergleichsweise geringe Rolle. Werke, die auf italienischem Volksmaterial basieren, seien selten. Die Verbindung zur Volksmusik sei in Italien eher bei den Amateurchören zu finden als in der Blasorchesterliteratur.

Konzertprogramme mit einer Idee

Salvini selbst versucht, mit seinen Orchestern bewusst über das gewohnte Repertoire hinauszugehen. Wie er ein Programm gestaltet, hängt für ihn vom Ziel des jeweiligen Projekts ab. Bei Jugendblasorchestern oder Auswahlensembles steht häufig der pädagogische Gedanke im Vordergrund: Jedes Werk soll dazu beitragen, das Ensemble, einzelne Register oder die Musikerinnen und Musiker weiterzuentwickeln.

Mit seinen eigenen Orchestern verfolgt er zwei Ansätze und bezieht dabei häufig neben Originalliteratur auch Transkriptionen in die Programme ein. Manchmal steht am Anfang ein Thema, zu dem er recherchiert und ein passendes Programm zusammenstellt. Ein Beispiel war das Konzertprojekt „Make Music, Not War“, für das Holsts Mars aus The Planets ausgewählt wurde. Bei „The Sounds of Water“ bildete Smetanas Die Moldau einen Teil des Programms, und das Weihnachtsprojekt „Samba Claus“ griff Márquez’ Danzón Nr. 2 auf. Für „Made in America“ kamen unter anderem Bernsteins Ouvertüre zu Candide und die Symphonischen Tänze aus „West Side Story“ zum Einsatz.

In anderen Fällen beginnt die Programmplanung mit einem einzelnen Werk, das Salvini besonders reizvoll findet oder das für die Entwicklung des Orchesters gerade sinnvoll erscheint. Von diesem Stück ausgehend entwickelt er dann die Idee für das gesamte Konzert.

Dabei achtet er darauf, unterschiedliche musikalische Erfahrungen zu ermöglichen. Ein langsames, kantables Werk gehört für ihn ebenso dazu wie ein oder zwei Stücke, die etwas anspruchsvoller sind als das gewohnte Repertoire. Außerdem möchte er gern ein Werk einbeziehen, dessen musikalische Sprache ungewohnt oder zeitgenössisch ist.

Das bedeutet nicht, dass Transkriptionen grundsätzlich ausgeschlossen sind. Entscheidend ist für Salvini, dass sie musikalisch überzeugend sind und zum Programm passen. Er bevorzugt in der Regel Originalwerke für Blasorchester, weiß aber auch, dass eine gute Bearbeitung in einem bestimmten Zusammenhang sinnvoll sein kann.

Diese Herangehensweise ist für mich ein interessanter Ansatz für jedes Blasorchester: Ein Konzertprogramm muss nicht einfach eine Abfolge von Stücken sein, die dem Publikum gefallen könnten oder die man eben schon immer gespielt hat. Es kann eine Geschichte erzählen, ein Thema erschließen und den Musikern die Möglichkeit geben, sich musikalisch weiterzuentwickeln.

Geld ist knapp – und die Vereine müssen kreativ werden

Die finanzielle Situation gehört zu den größten Herausforderungen der italienischen Blasmusikszene. Salvini beschreibt die öffentliche Unterstützung auf nationaler und regionaler Ebene als sehr gering. Manche Orchester erhalten Zuschüsse von ihrer Kommune, doch diese reichen häufig nicht aus, um die laufenden Kosten zu decken. Räume, Uniformen, Instrumente, Noten, Musikschule und Verwaltung müssen schließlich bezahlt werden.

Auch Sponsoring spielt nach seiner Einschätzung kaum eine Rolle. Bezahlte Konzerte, mit denen ein Orchester seine Aktivitäten finanzieren könnte, sind ebenfalls nicht so üblich wie beispielsweise in der Schweiz.

Ein wichtiger Teil der Einnahmen entsteht deshalb durch Auftritte bei kommunalen und religiösen Veranstaltungen. Musikvereine begleiten Umzüge, spielen bei Gedenktagen und übernehmen musikalische Aufgaben im öffentlichen Leben. Mancherorts gibt es Vereinbarungen mit der Gemeinde, durch die der Verein für diese Leistungen einen bescheidenen finanziellen Beitrag erhält.

Wie viel Eigeninitiative dahinterstecken kann, zeigt das Beispiel von San Paolo d’Argon. Seit mehr als 20 Jahren organisiert der dortige Musikverein das zehntägige Sommerfest „Birra&Banda“. Die Musikerinnen und Musiker kochen, bedienen die Gäste und schenken Bier aus. Auch Salvini selbst packt dabei mit an. Die Veranstaltung bringt Einnahmen für die Vereinsaktivitäten und schafft zugleich Gelegenheiten, sich außerhalb der Proben und Konzerte zu begegnen. Das Fest ist also nicht nur eine Einnahmequelle, sondern stärkt auch den Zusammenhalt. Zehn Tage lang gemeinsam für Hunderte von Gästen zu arbeiten, ist schließlich eine ganz andere Art von Gemeinschaftserlebnis als die wöchentliche Probe.

Daneben gibt es staatliche und regionale Förderprogramme. Allerdings müssen dafür häufig umfangreiche bürokratische Voraussetzungen erfüllt werden. Gerade kleinere Vereine verfügen nicht immer über die personellen und organisatorischen Ressourcen, um entsprechende Anträge zu bearbeiten. In der Lombardei wird nach Salvini an einem regionalen Gesetz gearbeitet, das die Unterstützung von Musikkapellen verbessern könnte.

Ein weiteres Problem betrifft den Kauf von Noten. Salvini kritisiert, dass viele Vereine kaum Notenmaterial erwerben, sondern in den Archiven benachbarter Kapellen nach spielbaren Stücken suchen. Das mag auf den ersten Blick eine praktische Lösung sein, hat aber Folgen: Wenn neue Werke nicht gekauft werden, fehlen den Verlagen Einnahmen, und neue Literatur findet schwerer ihren Weg in die Orchester. Für Salvini ist diese Praxis ein Faktor, der die Entwicklung des Repertoires und das künstlerische Wachstum bremst.

Gerade wenn Orchester musikalisch vorankommen möchten, braucht es aber Zugang zu geeigneter Literatur. Die finanzielle Frage ist deshalb eng mit der musikalischen Entwicklung verknüpft.

Tief in der Gemeinde verwurzelt – aber nicht überall gleich angesehen

Bei allen Schwierigkeiten haben italienische Blasorchester einen großen Vorteil: Sie sind eng mit ihren Gemeinden verbunden. Salvini schätzt, dass mindestens 98 Prozent der Kapellen eine starke lokale Verankerung haben. Sie spielen bei zivilen und religiösen Festen, begleiten wichtige Ereignisse und sind für viele Menschen ein selbstverständlicher Teil des Gemeindelebens.

Wie hoch ihr Ansehen ist, unterscheidet sich allerdings stark von Ort zu Ort. Es gibt Musikvereine, die von ihrer Kommune unterstützt werden, bei denen auch Menschen aus Nachbarorten die Konzerte besuchen und deren musikalische Arbeit einen festen Platz im kulturellen Leben hat. Anderswo werden Blasorchester kaum ernst genommen oder mit dem Vorurteil verbunden, sie würden schlecht spielen.

Trotzdem betont Salvini, dass die Bedeutung eines Musikvereins nicht allein an seinem musikalischen Niveau gemessen werden sollte. Für viele Menschen ist er der erste Zugang zum Instrumentalunterricht und zum gemeinsamen Musizieren. Auch das Publikum kann durch die örtliche Kapelle mit Musik in Berührung kommen.

Natürlich stehen die Vereine in Konkurrenz zu anderen Freizeitangeboten. In kleineren Städten ist Fußball dabei ein besonders starker Mitbewerber. Salvini formuliert es mit einem Augenzwinkern: Wenn der Staatspräsident oder eine andere wichtige Persönlichkeit in die Stadt kommt, begrüßt die Blaskapelle gemeinsam mit dem Bürgermeister den Gast – und nicht die Fußballmannschaft.

Dieser Satz bringt etwas auf den Punkt, das leicht übersehen wird: Blasorchester leisten nicht nur musikalische Arbeit. Sie übernehmen auch gesellschaftliche Aufgaben, schaffen Begegnungen und repräsentieren ihre Gemeinden. Ihr Wert liegt deshalb nicht ausschließlich in der Qualität eines Konzertprogramms.

Gerade diese enge Verbindung zur Bevölkerung unterscheidet die italienische Szene nach Salvinis Einschätzung von manchen anderen Ländern. Sie ist eine Stärke, die erhalten bleiben sollte – auch wenn sich die musikalischen und organisatorischen Strukturen weiterentwickeln müssen.

Der Blick über die Grenzen: Was Italien noch lernen kann

Wie steht die italienische Blasmusik im internationalen Vergleich da? Salvinis Antwort fällt deutlich aus. Mit einem Wort bezeichnet er die Szene als „rückständig“.

Vor allem die USA, Japan, die Niederlande, die Schweiz und Österreich – insbesondere Nordösterreich – sieht er in vielen Bereichen weiter. Dort seien Strukturen und Ausbildungssysteme besser entwickelt. In den USA sei insbesondere die Verbindung zwischen Schulmusik und Blasorchester beeindruckend. Sie ermögliche ein hohes musikalisches Niveau und eine fundierte Ausbildung.

Gleichzeitig sieht Salvini einen Unterschied, der ihm wichtig ist: Seine amerikanischen Freunde beklagen mitunter, dass ihre Orchester nicht so stark in der Gemeinde verankert seien und bei Konzerten nur wenige Zuhörer kämen. Wenn amerikanische Orchester in Italien auftreten, seien sie dagegen überrascht, wie viele Menschen die Konzerte besuchen.

So betrachtet hat Italien also durchaus etwas zu bieten, das anderswo nicht selbstverständlich ist: ein Publikum, das seine örtlichen Musikvereine kennt und sie als Teil des Gemeindelebens wahrnimmt. Die Herausforderung besteht darin, diese soziale Verankerung mit einer stärkeren musikalischen Entwicklung zu verbinden.

Auch der Vergleich mit Japan sei schwierig, erklärt Salvini. Die Unterschiede beträfen nicht nur die Ausbildung, sondern ebenso das Repertoire und die organisatorischen Voraussetzungen. Italien habe noch viel Arbeit vor sich, um in diesen Bereichen aufzuschließen.

Die Entwicklung der vergangenen 30 Jahre stimmt ihn dennoch zuversichtlich. Vor allem die bessere Ausbildung an Musikschulen habe dazu geführt, dass das musikalische Niveau vieler Musiker gestiegen sei. Damit seien auch die Erwartungen an die Dirigenten gewachsen. Wer mit besser ausgebildeten Musikern arbeitet, muss sich intensiver mit dem Repertoire beschäftigen und die Proben entsprechend gestalten.

Diese Veränderung vollzieht sich allerdings nicht überall gleich schnell. Gute Beispiele gibt es, aber es fehlt an einem flächendeckenden System, das sie dauerhaft in die Breite trägt.

Eine Zukunft, in der Blasorchester ernst genommen werden

Was wünscht sich Denis Salvini für die Zukunft der italienischen Blasmusik? Vor allem, dass die begonnene Entwicklung weitergeht – und schneller vorankommt.

Dirigenten sollen erkennen, wie wichtig eine angemessene Ausbildung ist: für sie selbst, für die musikalische Qualität ihrer Orchester und für die Wirkung, die sie in ihren Gemeinden entfalten. Die Ausbildung soll nicht auf einzelne Kurse beschränkt bleiben, sondern ein solides Fundament erhalten. Dazu gehört für Salvini auch, dass das Dirigieren von Blasorchestern einen festen Platz im akademischen Bildungssystem bekommt und langfristig als Berufsperspektive ernst genommen wird.

Gleichzeitig braucht es Strukturen, die den Vereinen die Entwicklung erleichtern: eine gute Nachwuchsarbeit, qualifizierte Lehrkräfte, fachliche Unterstützung bei der Suche nach Dirigenten, bessere finanzielle Rahmenbedingungen und einen bewussteren Umgang mit dem Repertoire.

Am Ende geht es ihm aber um noch etwas Grundsätzlicheres. Blasorchester sollen nicht länger als Ensembles zweiter Klasse betrachtet werden. Sie sollen die Anerkennung erhalten, die sie verdienen – durch ihre musikalische Arbeit und durch ein System, das gegenseitiges Wachstum ermöglicht.

Nach unserem Gespräch bleibt für mich das Bild einer Blasmusikszene, die voller Gegensätze steckt. Auf der einen Seite stehen jahrhundertealte Traditionen, Kapellen mit einer tiefen Verbindung zu ihrer Gemeinde und eine große Bereitschaft, das kulturelle Leben vor Ort mitzugestalten. Auf der anderen Seite gibt es erhebliche Unterschiede bei Ausbildung, Finanzierung und musikalischen Möglichkeiten. Manche Orchester beschäftigen sich bereits intensiv mit zeitgenössischer Originalliteratur, während andere vor allem traditionelle Aufgaben erfüllen.

Diese Vielfalt ist kein Makel an sich. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, die unterschiedlichen Voraussetzungen ernst zu nehmen und zugleich Wege zu schaffen, auf denen sich die gesamte Szene weiterentwickeln kann. Dafür braucht es engagierte Musiker, gut ausgebildete Dirigenten, unterstützende Verbände und Kommunen, die den Wert ihrer Musikvereine erkennen.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus Denis Salvinis Einblicken: Die Zukunft der Blasmusik entsteht nicht allein auf der Bühne. Sie entsteht auch in Musikschulen, in Vereinsvorständen, in der Zusammenarbeit mit Gemeinden und in der Bereitschaft, neue Wege zu gehen, ohne die eigene Tradition aufzugeben.

Grazie mille Denis Salvini für diese lebendig beschriebene Blasmusikszene in Italien! Danke, dass Du uns diese tiefen Einblicke gibst und uns somit den Blick über den Tellerrand des deutschsprachigen Europas ermöglichst.

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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