Blasmusik in Japan

Mit meinen persönlichen Tipps „Blasorchesterwerke japanischer Komponisten“

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Die Blasmusikszene in Japan gehört für mich neben der in Spanien zur Zeit zu den spannendsten, was Orchester, Komponisten und deren Werke anbetrifft.

Bereits zwei Mal durfte ich in das Land der aufgehenden Sonne reisen und war jedes Mal überwältigt und begeistert. Ein Besuch eines Konzerts des Tokyo Kosei Wind Orchestras in Tokyo bleibt mir in ewiger Erinnerung. Damals hat noch Frederik Fennell dirigiert. (OMG, wie lange ist das schon her?) Japan ist mein Wunsch-Reiseland Nr. 1!

Hayato Hirose
Hayato Hirose

Seit vielen Jahren kenne ich den Komponisten, Dirigenten und Dozenten Hayato Hirose. Wir haben uns viele Male in Chicago bei der MidWest getroffen, sind dort gemeinsam am De-Haske-Stand gestanden und haben natürlich abends gefeiert…. Und obwohl die Entfernung unserer beider Wohnorte gegenseitige Treffen nahezu unmöglich macht und er nicht in Facebook ist, pflegen wir seit sehr vielen Jahren unseren Kontakt per Mail. Ich habe Hayato vor einiger Zeit viele Fragen über die Blasmusikszene in Japan gestellt, die er mir dann sehr detailliert beantwortet hat.

Hayato Hirose ist einer der erfolgreichsten japanischen Komponisten. Seinen Master in Komposition und Blasorchesterdirektion legte er am renommierten Lemmens-Institut in Belgien ab. Er studierte bei Jan Van der Roost, Piet Swerts, Andy Vores und Yoriaki Matsudaria. Hayato dirigiert Blasorchester, Chöre und Sinfonieorchester in Japan. Außerdem gehört er dem Lehrkörper des Shobi College of Music in Tokyo an.

Die Instrumentalausbildung in Japan ist, sehr ähnlich wie in den USA, in den Schulen organisiert. Alle allgemeinbildenden Schulen in Japan bieten Aktivitäten am Nachmittag, nach dem Unterricht, an. Zu den Aktivitäten, die angeboten werden, gehört beispielsweise Fußball, Baseball, Basketball, Volleyball, Chor, Popmusik, Blasorchester, Kunst, usw. Die Schullehrer unterrichten im Bläserklassen-System. Das Niveau des Unterrichts schwankt jedoch, abhängig von Schule und Region. Sehr wenige SchülerInnen nehmen noch zusätzlichen privaten Instrumentalunterricht. Darunter eigentlich nur diejenigen, die einen professionellen Weg einschlagen möchten.

An den Schulen und Hochschulen in Japan gibt es in etwa 12.400 Blasorchester (Elementary 1.100, Junior High 7.200, High School 3.800, College 300). Hayato Hirose schätzt, dass zur Zeit etwa 1,2 Millionen Menschen in Japan durch die „after school activities“ Erfahrungen in einem Blasorchester gemacht haben – und das bei einer momentanen Bevölkerungsanzahl von etwa 12,6 Millionen Japanern. Allerdings findet es Hayato Hirose sehr bedauerlich, dass die meisten nach der Schule bzw. Hochschule mit dem Musizieren aufhören. Ein ähnliches Phänomen wie in den USA.

Dennoch gibt es etwa 1.700 „Community Bands“ – also vergleichbar mit unseren örtlichen Musikvereinen. Weiter gibt es 32 Militärorchester (Army 21, Marine 6, Air Force 5). Es gibt sieben professionelle Blasorchester und 10 – 15 saisonale, auf Projektbasis agierende professionelle Blasorchester. Eine Besonderheit: die Polizei und die Feuerwehr warten mit nicht genau gezählten 40 – 80 Blasorchestern auf.

Zu den besten professionellen Blasorchestern in Japan gehören ohne Frage das Tokyo Kosei Wind Orchestra und das Siena Wind Orchestra. Beide Orchester sind vor allem durch ihre CD-Einspielungen weltweit bekannt.

Organisiert sind die Blasorchester in Japan in der „All Japan Band Association“. Hauptaufgabe dieses Verbands ist die Organisation des Nationalen Blasorchester-Wettbewerbs, des Marching-Band-Wettbewerbs und Ensemble-Wettbewerbs. Die All Japan Band Association besteht aus 11 regionalen Verbänden und diese wiederum aus Unterverbänden in insgesamt 47 Präfekturen, die jeweils die Vorentscheide für den nationalen Wettbewerb austragen.

Hayato Hirose schätzt, dass in etwa 60% der gespielten Musik von japanischen Komponisten komponiert, von japanischen Verlegern verlegt, stammt. Weitere 20% der gespielten Literatur sind Transkriptionen. Mit jeweils 10% halten sich amerikanische und europäische Komponisten die Waage. Die zehn wichtigsten japanischen Komponisten sind laut Hayato: Hirokazu Fukushima, Masanori Taruya, Hayato Hirose, Satoshi Yagisawa, Hiroki Takahashi, Yosuke Fukuda, Masamicz Amano, Eiji Suzuki, Toshio Mashima und Hiroaki Kataoka. Einige dieser Namen sind auch uns Europäern wohl bekannt.

Bei Blasorchester-Konzerten sitzen – je nach Ort, Rahmen und Orchester – von 300 bis hin zu 1.800 Personen im Publikum. Man kann von durchschnittlich 500 – 700 Besuchern sprechen. Von einer in der breiten Öffentlichkeit verankerten Blasorchester-Kultur können wir nach Meinung von Hayato Hirose in Japan dennoch nicht sprechen. Auch in Japan stehen die Besucher meist in direktem Verhältnis zu den MusikerInnen auf der Bühne. Aber er und viele seiner Kolleginnen und Kollegen sehen es als ihre Aufgabe an, der Blasmusik in Japan einen noch höheren Stellenwert zu geben.

Meine Lieblingswerke japanischer Komponisten beschränken sich (zur Zeit) auf folgende Herren: Hayato Hirose, Yasuhide Ito, Soichi Konagaya, Toshio Mashima, Itaru Sakai und Satoshi Yagisawa. Ich bin mir sicher, dass dies gleichzeitig auch die meist gespielten japanischen Komponisten im deutschsprachigen Europa sind.

Das bei uns im deutschsprachigen Europa wohl bekannteste japanische Werk, das auch – wenigstens nach unseren europäischen Ohren – „japanisch“ klingt, ist Gloriosa von Yasuhide Ito. Vermutlich gibt es kein Höchststufenorchester, das dieses Werk noch nicht gespielt hat.

Ein weiteres Werk von Yasuhide Ito habe ich kürzlich beim Meisterkurs Dirigieren mit Douglas Bostock in der BDB-Musikakademie in Staufen kennen gelernt: Festal Ballade for Band. Dieses basiert laut Douglas auf japanischen Volksweisen und Tänzen. Es wird allerhand japanisches Schlaginstrumentarium dafür benötigt. Allerdings konnte Douglas den Schlagzeugern jede Menge Alternativen nennen, beispielsweise ein Kochtopf als Ersatz für eines der japanischen Schlaginstrumente. Durch die Verwendung der eben genannten Volksweisen klingt auch dieses Werk in unseren Ohren sehr japanisch.

Über Yasuhide Ito habe ich bereits einmal einen Beitrag geschrieben: hier nachlesen.

Die meisten anderen japanischen Komponisten, die Originalwerke für Blasorchester schreiben, bedienen sich mehr oder weniger der „blasmusikalischen Weltsprache“ – sofern die Werke nicht auf japanischen Volksliedern bestehen. Dieser „blasmusikalischen Weltsprache“ bedienen sich die europäischen Komponisten im Prinzip aber auch…. Ein Werk, das so typisch deutsche Volkslieder wie zum Beispiel Des Wandern ist des Müllers Lust oder Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal künstlerisch in ein großes Blasorchesterwerk im Grad 5 oder 6 verarbeitet, ist mir schließlich auch noch nicht untergekommen…

Toshio Mashima ist leider im April 2016 verstorben. Zur Erinnerung an ihn habe ich im Blasmusikblog einen Gastbeitrag von Keiichi Kurokawa veröffentlicht: R.I.P Toshio Mashima. Persönlicher als in diesem Beitrag kann man Toshio Mashima wohl nicht vorstellen.

Toshio Mashima hat unzählige Arrangements in der Reihe „New Sounds for Concert Band“ (De Haske-Verlag) veröffentlicht. Zu den erfolgreichsten zählen Omens of Love, At the Mambo Inn, Beauty and the Beast und viele mehr. Diese Arrangements gehören sicher zu den Besten die auf dem Markt sind, allerdings sind sie meist auch nur von Orchestern der höheren Leistungsstufen spielbar.

Zu Toshio Mashimas besten Originalwerken für Blasorchester zählt ganz sicher Les Trois Notes du Japon. Obwohl dieses Werk japanische Motive enthält ist es doch nicht durchweg „typisch japanisch“ zu nennen…

Ein Komponist, der immer wieder japanische Themen aufgreift, ist Itaru Sakai – wobei die Musiksprache auch nicht typisch japanisch zu nennen ist. Die Ouvertüre Omisoka zum Beispiel beschreibt die Atmosphäre eines japanischen Neujahrsfests.

The Seventh Night of July ein Fest, das natürlich am 7. Juli stattfindet und „Tanabata“ heißt. Es beschreibt die Legende eines jungen Mannes und einer jungen Frau, die durch die Milchstraße getrennt und sich nur in dieser einen Nacht im Jahr sehen dürfen.

Ganz wunderbar von Itaru Sakai übrigens Fanfare of Wakakusa Hill – die kürzeste Fanfare für Blasorchester, die es gibt – 43 Sekunden! Einen Beitrag über dieses Werk könnt Ihr hier nachlesen.

Zu den erfolgreichsten und viel gespielten japanischen Komponisten unserer Tage zählt in jedem Fall Satoshi Yagisawa. Wer von Euch regelmäßig bei der MidWest in Chicago ist, der hat ihn bestimmt schon persönlich getroffen. Meine Favoriten von ihm sind Young Phaesents in the Sky und Fanfare – Benefaction from Sky an Mother Earth.

Wer sich für japanisches Essen interessiert, sollte sich übrigens mit Satoshi auf Instagram oder Facebook verlinken. Eine Spezialität von ihm sind seine nahezu täglichen Essens-Posts… Der Kerl versteht es zu Leben und zu Genießen!

Wer etwas „typisch japanisches“ sucht, wird bei Satoshi übrigens auch fündig. Er hat diesen total witzigen Marsch March Bou-Shu geschrieben.

Bei Hayato Hirose finden all jene etwas, die auf der Suche nach märchenhaften Werken mit Sprecher und / oder Sänger – beispielsweise für Kinderkonzerte – sind. In Alice’s Adventures in Wonderland hat die Alice sowohl eine Sing-Stimme (Sopran) als auch gesprochenen Text. Wer keine Sängerin hat, spricht die ganze Geschichte.

Ohne Gesang, aber mit Sprecher gibt es von Hayato Hirose The Bremen Town Musicians – Die Bremer Stadtmusikanten.

Das erste Werk, das im deutschsprachigen Raum von Hayato Hirose bekannt wurde, ist die American Overture. Dieses Werk gehört zu den im Jahr 2005/2006 bei den Wertungsspielen in den Bayerischen Musikverbänden meist gespielten. Der Titel mag Euch vielleicht etwas abschrecken, aber hört mal rein, das ist gute Musik, die richtig Spaß beim Spielen macht!

Oben im Beitrag habe ich schon erwähnt, dass 20% der gespielten Musik in Japan Transkriptionen sind. Deshalb muß ich in einem Beitrag über Blasmusik in Japan auch einen der besten Transkripteure (heißt das so?) aus Japan nennen: Tohru Takahashi. Von Rhapsody in Blue über Le Carneval du Romain, Festive Overture, Dichter und Bauer bis hin zu einfacheren Dingen wie zum Beispiele O mio babbino caro hat er unzählige Transkriptionen für Blasorchester erstellt. Und alle meisterhaft! Die Österreicher mögen es frevlerisch nennen, aber seine Transkription vom Radetzky Marsch oder Geschichten aus dem Wiener Wald haben Hand und Fuß und klingen! Okay, wenn das Orchester in der Lage ist, dieses Transkriptionen zu spielen…

So, ausklingen lasse ich diesen Beitrag nicht mit einem Werk von Hayato Hirose, sondern mit meinem All-Time-Favorite Konzertmarsch Grand March von Soichi Konagaya. Diesen Marsch könnte ich tausend Mal hintereinander hören, würde ihn liebend gern wieder einmal spielen. Grand March macht mir jedes Mal gute Laune!

Gerne könnt Ihr Eure Repertoire-Tipps von japanischen Komponisten unten in die Kommentare schreiben.

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

2 thoughts on “Blasmusik in Japan

  • 15. Januar 2019 at 12:01
    Permalink

    Gloriosa ist wohl die unangefochtene Nr. 1, das kann man so Unterschreiben.
    Gerade bei uns hier in Süddeutschland, kann man aber wohl sagen, ist Herr Yagisawa derzeit der Komponist der Stunde.

    Hymn to the Sun – With the Beat of Mother Earth
    Macchu Picchu
    Hymn to the Infinite Sky

    Die letzten Jahre vergingen selten ohne dass eines dieser 3 entweder bei Wertungsspielen oder in Konzertprogrammen Aufgetaucht wäre. Gerade die Hymn to the Sun ist von der Stimmung gesehen weniger weltlich anzusehen, aber es ist eines der für mich persönlich Emotionalsten Stücke die es in dieser Kategorie gibt, abgesehen davon dass es eine große Herausforderung darstellt und sich nur wenige Orchester unterhalb der Kategorie 5 an dieses Stück trauen.

    Reply
    • Alexandra Link
      15. Januar 2019 at 13:43
      Permalink

      Vielen Dank für Deinen Kommentar, Christoph!

      Reply

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