Der Dirigent im Spannungsfeld Pädagoge, Psychologe und Künstler

Ein Interview mit dem Dirigenten Christian Steinlein

Im Rahmen eines Interviews für ein Porträt in der Zeitschrift Eurowinds ist das Folgende Interview zum Thema “Der Dirigent im Spannungsfeld Pädagoge, Psychologe und Künstler” mit dem Dirigenten Christian Steinlein entstanden (Eurowinds 6/2019). Da in der Zeitschrift nur begrenzt Platz ist konnte das komplette Interview nicht abgedruckt werden. Da die Antworten zu den gestellten Fragen in aller Ausführlichkeit jedoch sehr interessant sind, hier auf dem Blasmusikblog.com nun komplett:

Welche außermusikalischen Fähigkeiten und welche Charaktereigenschaften sollte ein Dirigent eines Blasorchesters mitbringen um seine Aufgabe als musikalischer Leiter eines Musikvereins erfolgreich erfüllen zu können?

Christian Steinlein: Ein Dirigent braucht ein gesundes Selbstvertrauen, wenn er vor ein Orchester und auch vor ein Publikum tritt. Er sollte stets Sicherheit und Ruhe ausstrahlen, und Überzeugung von dem, was er da tut. Das Selbstvertrauen darf dabei aber niemals in Überheblichkeit und Selbstüberschätzung umkippen. Ideal ist, denke ich, ein ausgewogenes Verhältnis von Ego und Demut.

Ein Dirigent braucht Durchsetzungsvermögen und sollte in der Lage sein, wenn nötig auch mal Werke, Probenmaßnahmen, etc. gegen Widerstände oder Skepsis durchzusetzen, wenn er vom Sinn und Nutzen für das Orchester überzeugt ist. Manchmal muss man die Musiker zu ihrem Glück “zwingen”, wobei hier besser nicht von Zwang, sondern von Motivation die Rede ist. Man sollte wissen, wie man seine Musiker von einer Sache überzeugen kann.

Das setzt wiederum etwas anderes voraus: Bevor ich andere für eine Sache begeistern kann, muss ich erst mal Eigenmotivation schaffen. Das ist oft gar nicht so leicht. Ich muss  wissen, wo ich Inspiration und Energie finden kann. Ein Dirigent sollte stets neugierig und offen sein.

Eine weitere Eigenschaft halte ich persönlich aber für noch viel wichtiger. Sie betrifft den Umgang mit den Musikern.

Ein Dirigent arbeitet in den Proben und Konzerten immer mit anderen Menschen zusammen, deshalb sollte er definitiv auch ein hohes Maß an  sozialer Kompetenz mitbringen. Ohne Empathie  und Einfühlungsvermögen kann er nicht verstehen, was die Musiker wünschen oder brauchen. Das ist aber wichtig, wenn er von ihnen etwas bestimmtes zurück bekommen möchte. Außerdem wird er ohne respektvollen Umgang bei den Orchestermitgliedern kaum Bereitschaft erzeugen können, ihm zu folgen.

Zusätzlich sind natürlich Kenntnisse über den geschickten Gebrauch von Sprache, sowohl verbal als auch nonverbal, essentiell.

Last but not least sollte ein Dirigent Visionen haben und voller kreativem Tatendrang sein. Musikalische Arbeit braucht immer eine Richtung und Ziele, die erst mal formuliert werden müssen.

Was macht Deiner Meinung nach überhaupt einen „guten Dirigenten“ aus?

Christian Steinlein: Ganz eindeutig ist diese Frage für mich nicht zu beantworten, weil für jeden Dirigenten ganz individuelle Bedingungen gelten.

In einem bestimmten Verhältnis gehören aber folgende Eigenschaften dazu:

Er sollte “Künstler” sein, sollte also die Fähigkeit haben, Musik nicht nur intellektuell sondern auch emotional zu begreifen, ein angemessenes Gespür für Ästhetik in allen musikalischen Belangen eingeschlossen.

Ein umfangreiches allgemeinmusikalisches Wissen muss vorhanden sein. Dazu gehören ausreichende Kenntnisse entscheidender Merkmale verschiedener Stilistiken, Epochen und Besetzungsformen, die Grundlagen der Musik- und Formengeschichte und der Instrumentenkunde, sowie Musiktheorie, Tonsatz und Gehörbildung.

Natürlich muss er über gute dirigentische Fertigkeiten, in Form einer deutlichen, verbindlichen, differenzierten und ästhetischen Schlagtechnik,  verfügen. Dazu kommt  umfassende Literaturkenntnis.

Ein Dirigent sollte aber auch immer “Psychologe” sein. Wenn er seine Musiker kennt und weiß, wie er sie handeln muss, ist zielgerichtetes Arbeiten natürlich viel besser möglich. Er sollte also wissen, wann seine Musiker am leistungsbereitesten sind. Manche brauchen z.B. eine gewisse Strenge und klare Regeln, um gut funktionieren zu können, andere wiederum eine grundlegend positive, unautoritäre und entspannte Atmosphäre, um völlig frei agieren zu können. Auch wenn es einen regelrechten Spagat vor dem Orchester voraussetzt, wird ein guter Dirigent versuchen, all diesen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Gerade im Laienbereich ist ja nicht immer das “perfekte” Ergebnis (Gibt es so etwas wie Perfektion in der Musik überhaupt?) erzielbar. Im Idealfall weiß der Dirigent, wann die Musiker an ihrer Leistungs- und Belastungsgrenze kommen und wann er u. U. noch mehr fordern kann. Neben einer geschickten Programmauswahl ist ein gesundes Toleranzvermögen in Bezug auf das musikalische Ergebnis in jedem Fall hilfreich.

Auch immens wichtig ist die Fähigkeit, die Musiker zu einer gesunden Proben- und Auftrittsdisziplin zu motivieren.

Natürlich muss der Dirigent auch “Pädagoge” sein. Er muss wissen, wie er seine Vorstellung von Musik in das Bewusstsein, die Köpfe und auch die Finger seiner Musiker bekommt. Sein ganzes Wissen und musikalisches Profil nützt nur wenig, wenn er es nicht an die Musiker heranbringen kann oder es von ihnen nicht angenommen wird.

Ein guter Dirigent sollte aber v. a. eines sein: authentisch. Wir sind alle Menschen mit Ecken und Kanten. Versuchen wir diese zu ignorieren oder zu verstecken, werden wir unglaubwürdig. Egal ob sensibel oder cholerisch, emotional oder pragmatisch, wir sollten uns am Ende immer treu sein.

Wie viel Pädagoge und wie viel Psychologe soll in einem Dirigenten stecken und welche Auswirkungen hat das auf seinen Anspruch als Künstler?

Christian Steinlein: Natürlich muss das künstlerische Ergebnis immer im Zentrum der Arbeit stehen. Die Frage nach dem Anteil des Pädagogen und Psychologen ist dabei also keine Frage des musikalischen Ziels, sondern des Wegs dahin. Der künstlerische Anspruch sollte demnach durch sinnvolles pädagogisches und psychologisches Handeln erfüllt werden.

Nun geht es aber um die ideale Gewichtung dieser Typen:

Wie bereits oben ausgeführt, ist u. a. die Persönlichkeit des Dirigenten ausschlaggebend dafür. Der eine ergötzt sich mehr am künstlerischen Resultat,  der andere eher am Weg dahin. Um für die Musiker glaubwürdig zu bleiben, wird die Verteilung der oben genannten Eigenschaften in jedem Fall anders aussehen.

Es spielt dabei sicherlich auch die individuelle Prägung und Ausbildung des Dirigenten eine maßgebliche Rolle. Viele Blasorchesterleiter hierzulande  sind ausgebildete Pädagogen, wie Schulmusiker oder Instrumentallehrer. Im klassischen Bereich findet man dagegen häufig rein künstlerisch ausgebildete Dirigenten. Das kann sich natürlich stark auf die Art der Probenarbeit, auf die Toleranzfähigkeit und den Umgang mit den Musikern auswirken.

Die Musiker sollten optimaler weise dabei spüren, dass der Dirigent hinter seinem Weg steht und von ihm überzeugt ist.

Ein weiterer Faktor ist das Orchester selbst. Die ideale Gewichtung von Pädagoge, Psychologe und Künstler in der Person des musikalischen Leiters hängt natürlich auch von den Bedürfnissen des jeweiligen Orchesters ab. Handelt es sich beispielsweise um ein Nachwuchs-, Vereins-, Auswahl- oder Profiorchester, oder ganz allgemein gefragt: Welchen Stand der Ausbildung und welche Ansprüche haben die Musiker?

Fazit: Dirigenten sind oft unterschiedlich geprägt und stehen vor ganz unterschiedlichen Aufgaben. In jedem von ihnen sollte sowohl ein Künstler, als auch ein Psychologe und Pädagoge stecken.

Wie hoch der  jeweilige Anteil dieser drei Typen  idealerweise sein sollte, ist situations- und typabhängig.

Künstlerische Aufgabe versus pädagogische Vorgehensweise in der Probe: Widerspruch oder Ergänzung?

Christian Steinlein: Es handelt sich hier meiner Meinung nach um ein untrennbares Begriffspaar: Durch geschicktes pädagogisches Vorgehen erfülle ich im Idealfall die künstlerische Aufgabe.

Pädagogisches und methodisch durchdachtes Vorgehen wird erst durch das zu erreichende Ziel legitim und besteht ja nicht zum Selbstzweck. Die künstlerische Aufgabe verliert derweil aber auch an Wert, wenn sie nicht sinnvoll und erfolgreich vermittelt werden kann.

Wie können Dirigenten in ihrer Ausbildung bei den Verbänden oder im Dirigierstudium an der Hochschule noch besser in den Bereichen Pädagogik und Psychologie ausgebildet werden und siehst Du darin überhaupt eine Notwendigkeit?

Christian Steinlein: Es ist unmöglich für alle Studienorte und- gänge, oder sämtliche Aus- und Fortbildungsmaßnahmen der Verbände zu sprechen. Die Dirigentenausbildung ist nun mal ein äußerst großes Feld mit ungleichen Bedingungen. Ich kann aber von meinen eigenen Erfahrungen und denen von Bekannten und Kollegen berichten, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe.

Es wird oft angemerkt, dass es in Kursen und Lehrgängen überwiegend um das Thema Schlagtechnik ginge und das Thema Proben eher auf der Strecke bliebe. Probenpädagogik als feststehendes und wahrnehmbares Fach, mit dem man sich intensiv auseinandersetzt, habe ich selbst bisher nur selten gesehen. Wenn es überhaupt auftaucht, dann wird es meist nur am Rande und sehr unkonkret behandelt (Ausnahmen bestätigen die Regel). Der Begriff Probenpsychologie ist mir, ehrlich gesagt, bisher so gut wie nie begegnet.

Ein Problem bei diesen Fächern ist oft falsches Verständnis dafür, indem man die Vermittlung absoluter Wahrheiten erwartet, was sehr schwierig ist. Konkrete Rezepte und Schemata sind nämlich nur bedingt befriedigend lehrbar. Klar gibt es viele pädagogische und methodische Ansätze und Modelle, mit denen man sich beschäftigen kann. Im Idealfall installiert man bei den angehenden Dirigenten aber eher die wichtigen und entscheidenden Fragen für eine effiziente Probenarbeit und schärft so ihr pädagogisches Profil. Das Proben selbst muss dann über die Jahre in der Praxis erlernt und verfeinert werden. Das ist ein wenig so, wie beim Autofahren.

Ein weiteres Problem ist die zur Verfügung stehende Zeit. Das Vermitteln von handwerklichen Fertigkeiten, wie Schlagtechnik oder Partiturstudium/ -analyse, als auch musikwissenschaftlichen und -theoretischen Wissens, benötigt viel Zeit. Die Probenarbeit macht aber einen riesigen Anteil am Erfolg der Arbeit eines guten Dirigenten aus. Deshalb sollte ihr ebenso ausreichend Raum und Aufmerksamkeit in der Ausbildung zu Teil werden, auch wenn das bedeutet, das andere Lernfelder mal etwas reduziert werden müssten. Hier stellt sich die Frage nach den Prioritäten, die nicht unbedingt immer und überall geschickt beantwortet wird.

Proben ist, wie bereits erwähnt, eine Sache, die man in der Theorie durchaus umfassend behandeln kann, oft fehlt es in der Ausbildung aber an ausreichender Praxis, sprich an der Möglichkeit, Erlerntes mit realen Musikern auszuprobieren. Eine gute Sache ist hier die Arbeit mit Teilnehmerensembles, wie sie in verschiedenen Lehrgängen vorgesehen ist. Ebenso positiv sind die Praktika, die an vielen Hochschulen durchgeführt werden. Allerdings gibt es diese sinnvollen Maßnahmen scheinbar noch nicht überall in ausreichendem Maße, und wenn doch, dann wird hier oftmals wieder auf das Dirigat selbst geachtet. Das ist ja auch wichtig. Wenn ein Dirigent vieles zeigen kann, dann hat das logischerweise positive Auswirkungen auf seine Probenarbeit. Wenn er aber nicht weiß, wie er sein Orchester dafür sensibilisieren oder wie er die Aufmerksamkeit der Musiker auf sich ziehen kann, wie er Verständnis für das Orchesterspiel und die musikalischen Programme fördern kann, etc., dann hilft ihm dieses Handwerk auch nur bedingt weiter.

Sämtliche aufgezählten Probleme können dazu führen, dass Probenpädagogik und -psychologie zu wenig in den Lehrplänen auftaucht oder berücksichtigt wird.

Um mich hier aber nicht nur kritisch zu diesem Thema zu äußern:

Persönlich bin ich sehr froh, während meiner Ausbildung immer wieder gute Impulse hierzu durch meine Lehrer bekommen zu haben, und sehe die Tatsache, dass Blasorchesterleitung an vielen Hochschulen begleitend zu oder in Verbindung mit einem instrumentalpädagogischen Studiengang  oder Schulmusik angeboten wird, als sehr sinnvoll an.

Die Ausgangsfrage war ja, ob und wie man die Dirigentenausbildung hinsichtlich des pädagogischen und psychologischen Aspekts weiter verbessern kann. Das Erkennen der Bedeutung von effizienter Probenarbeit für die Tätigkeit eines guten Dirigenten, die damit verbundene Aufnahme  oder Erweiterung dieser Aspekte in die jeweiligen Fächerkanones mit einer angemessenen Stundenzahl,  sowie regelmäßige Praktika, die ja nicht immer nur mit ganzen Orchestern, sondern auch mal mit kleineren Ensembles, ob nun instrumental oder vokal, durchgeführt werden können, wären für mich sinnvolle und notwendige Maßnahmen.

Das Musikvereinsleben besteht nicht nur aus Konzerten. Es gibt viele „Pflichttermine“ zu absolvieren, die vielleicht nicht jeder Musikerin / jedem Musiker Spaß machen. Was für Anforderungen stellt dies an den Dirigenten als Künstler, Pädagoge bzw. Psychologe?

Christian Steinlein: Die Herausforderung für den Künstler ist sicherlich, jeden dieser “Pflichtermine” ernst zu nehmen. Nicht jeder Anlass bietet gute Rahmenbedingungen, die einem höchste Wertschätzung zu Teil werden lassen oder das Musizieren einfach machen. Wir alle wissen, dass ein Konzert in einem voll besetzten und schönen Saal oder der  Unterhaltungsauftritt vor einem begeisterungsfähigen Publikum mehr Freude bereitet, als ein Kurzauftritt bei schlechten akustischen und platztechnischen Verhältnissen vor Menschen, die sich überhaupt nicht für einen interessieren. Dennoch verdient es die Musik auch unter suboptimalen Bedingungen, bestmöglich umgesetzt zu werden.

Auch bei einem Geburtstagständchen oder der Umrahmung eines Gottesdienstes beispielsweise kann und sollte ich ansprechende und hochwertige Literatur auswählen, die es ja in sämtlichen Genres und Schwierigkeitsstufen gibt. Und auch der Marsch und der einfache Kirchenchoral müssen erst mal angemessen vorbereitet und gestaltet werden. Wenn mir schließlich die Musik selbst etwas gibt, dann verliert der Termin auch seinen “Pflicht”-Charakter.

Findet man am Ende dennoch absolut keinerlei künstlerischen Anspruch oder einen anderen Sinn in einem Auftritt, dann sollte man sich vielleicht auch mal Gedanken darüber machen, ob man ihn wirklich spielen sollte.

Wenn man aber einen Zweck im Anlass erkennt, dann gibt es für mich keinen Grund, warum man nicht alles daran setzen sollte, diesen auch qualitativ ansprechend zu gestalten. 

Das führt dann schon zur Aufgabe des Pädagogen: Er sollte in der Probe bei der Erarbeitung der Literatur für besagte Termine ein ähnlich hohes Maß an Sorgfalt und Wertschätzung an den Tag legen, wie bei der Vorbereitung von Konzertprogrammen beispielsweise.

Mir ist klar, dass das in der Praxis aus zeitlichen Gründen oft nicht möglich ist. Der Anspruch sollte aber allemal bestehen.

Wo wir beim Psychologen wären:

Er sollte den Eigenwert der Musik für die Orchestermitglieder aufzeigen und in den Mittelpunkt stellen. Man musiziert ja schließlich nicht nur für das Publikum und der äußeren Umstände wegen, sondern auch für sich selbst. Wenn z.B. der vorgetragene Choral dann an Lebendigkeit und Ausdruck gewinnt, man also auch aus einem simplen Dreizeiler etwas Besonderes machen kann, dann wird daraus etwas, auf das man sich freuen kann.

Ich sehe den Gebrauch des Begriffs “Pflichttermin” übrigens schon kritisch, denn dieser steht ja bereits für fehlende Wertschätzung der Sache gegenüber und sollte deshalb möglichst vermieden werden.

Lebt der Dirigent die Wertschätzung gegenüber diverser Anlässe und der Musik nicht selbst vor, dann braucht er sich auch nicht wundern, wenn es Motivationsprobleme im Orchester gibt.

Es gibt Dirigenten, die eher von ihrer pädagogischen Ausbildung beispielsweise an einer Pädagogischen Hochschule geprägt sind, andere sehen sich beispielsweise durch ein Musikstudium eher als Künstler. Wie gehen Deiner Meinung nach die verschiedenen Dirigenten-Typen mit Konfliktpotentialen in Musikvereinen um?

Christian Steinlein: Auch hier ist in meinen Augen keine konkrete Antwort möglich, da eine pädagogische Ausbildung ja kein menschliches Handeln vollständig ersetzten kann. Sie hilft aber dem Studierenden dabei, sein Profil in verschiedene Richtungen zu schärfen und sein Tun hinsichtlich pädagogischen Wirkens zu reflektieren. Eine Garantie für einen sinnvollen Umgang mit Konflikten gibt es dennoch nicht.

Umgekehrt gibt es sicherlich Dirigenten mit rein künstlerischer Ausbildung, die diese Kompetenz von Haus aus schon mitbringen.

Letztlich sollte man aber davon ausgehen können, dass ein Mensch, der sich für einen pädagogischen Beruf entscheidet, auch ein Mindestmaß an Empathie und Einfühlungsvermögen mitbringt, und in Verbindung mit seiner Ausbildung in der Lage sein sollte, Konflikte frühzeitig zu erkennen und im Falle ihres Auftretens ggfs. schlichten und deeskalieren zu können. Bei einem reinen Künstler bin ich nicht sicher, ob man das einfach voraussetzen kann.

Was man vielleicht auch bis zu einem bestimmten Punkt vermuten könnte, ist, dass beide Typen überhaupt an ganz unterschiedlichen Stellen Konfliktpotentiale erkennen. Und während der Pädagoge vielleicht immer nach Konfliktbewältigung suchen wird, könnte der Künstler den ein oder anderen Konflikt im Dienste der Sache sogar in Kauf nehmen. Das ist aber sehr pauschalisiert dargestellt und muss in der Realität überhaupt nicht so zutreffend sein. Dafür spielt einfach wieder die Persönlichkeit des Dirigenten neben seiner Ausbildung eine wichtige Rolle.

In einem Musikverein musizieren Menschen mit ganz unterschiedlichen Leistungsständen und auch mit ganz unterschiedlicher Motivation. Wie kann es einem Dirigenten gelingen, alle unter einen Hut zu bringen?

Christian Steinlein: In dem sich jeder seiner Rolle und Aufgabe im Verein bewusst wird. Dafür muss der Dirigent sorgen.

Grundvoraussetzung und Ziel zugleich ist hierfür, dass die Musik, also der kreative und produktive Schaffensprozess im Fokus eines jeden einzelnen steht, auch, wenn es wahrscheinlich in jedem Verein genug Musiker gibt, die nur sekundär wegen der Musik, und mehr wegen des sozialen Aspekts in die Proben kommen. Die gemeinsame Sache und das gemeinsame Erreichen von Zielen ist der beste Garant für das Entstehen von Gemeinschaftsgefühl. Und wenn ich das erreiche, habe ich auch deutlich weniger Probleme mit unterschiedlichen Leistungs- und Motivationsständen.

Eine Voraussetzung ist dabei aber sehr wichtig:

Die Diskrepanz zwischen leistungsstark und leistungsschwach, sowie zwischen hoch motiviert und weniger motiviert, darf letztlich einen gewissen Punkt nicht übersteigen, sonst ist Frust mit all seinen Folgeproblemen vorprogrammiert.

Wenn das aber gegeben ist, denke ich, dass es essentiell ist, jedem Musiker, je nachdem wo er steht, konkrete Aufgaben und Verantwortung zu geben. Fühlt sich ein starker Spieler technisch unterfordert und ist er frustriert, weil die anderen schon wieder nicht genug geübt haben, kann man seine Erwartungen an sich selbst hochschrauben. Während man in anderen Registern vielleicht noch Töne und Rhythmen sortieren muss, arbeitet man mit ihm bereits an Faktoren wie Klangschönheit, Balance, Intonation oder Phrasierung. Man kann evtl. auch Aufgaben in Form von Organisation und Leitung der Registerproben an ihn abgeben. Das Gefühl von Unterforderung weicht dadurch u.U. einem Gefühl von Verantwortung und Wertschätzung. In diesem Zusammenhang versuche ich auch stets Führungsspielern bewusst zu machen, welch wichtigen Einfluss sie zur Orientierung und als Vorbilder für die schwächeren Spieler haben, und dass das ganze System ohne sie nicht funktionieren kann.

Natürlich gibt es bei diesem Vorgehen keine hundertprozentige Erfolgsgarantie, aber ich möchte behaupten, bisher damit ganz gute Ergebnisse erzielt zu haben. Außerdem nehme ich in einem gesunden Maß auch Literatur mit in meine Programme auf, die die Führungsspieler schon mal technisch und musikalisch fordern. Ganz ohne diesen Faktor funktioniert es auch nicht. Aber immer nur so, dass der Rest des Orchesters nicht dauerhaft überfordert wird.

Ich mache auch gerne Werbung für Auswahlorchester oder Orchesterprojekte, um den “Unterforderten” neue Ziele und Möglichkeiten aufzuzeigen. Viele sind in den Vereinen nämlich durchaus wieder “besänftigt”, wenn sie sich woanders mal “austoben” können.

Auf der anderen Seite müssen sich aber auch die leistungsschwächeren ihrer Verantwortung für das musikalische Gesamtergebnis bewusst sein. Es ist für mich nichts Schändliches dabei, z.B. mal schwierige Passagen zu vereinfachen, auszudünnen oder auch anderen zu überlassen, solange es noch genug Spieler gibt, die die jeweilige Passage bewältigen können. Das muss ich auch so einfordern.

Außerdem sollte jeder ein Mindestmaß an Einsatzbereitschaft und Engagement zeigen. Tritt jemand dauerhaft gleichgültig und absolut leistungsverweigernd in Probe oder Konzert auf, ist das für mich ein No-Go und den anderen Orchestermitgliedern und deren Zeit gegenüber unverschämt. Keiner soll überfordert oder gar bloß gestellt werden, aber jeder sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten so gut es geht einbringen.

Wenn sich schwächere Vereinsmitglieder respektiert, nicht bloß gestellt oder unter Druck gesetzt fühlen, wird man sie in den meisten Fällen auch erfolgreich dahin motivieren können, sich ihrer Fähigkeiten angemessen zu bemühen. Wenn sich dann gleichzeitig die Stärkeren  wertgeschätzt fühlen, kann man alle Mitglieder eines Orchesters durchaus  sinnvoll unter einen Hut bringen.

Praxisbeispiel: Ein Musiker kommt ständig zu spät in die Probe, es kommt vor, dass er bei Auftritten ohne Entschuldigung fehlt und auch ansonsten lässt seine Motivation für den Musikverein zu wünschen übrig. Wie gehst Du persönlich mit so einer Situation um?

Christian Steinlein: Viele Kursteilnehmer fragen gerne mal nach einem pauschal gültigen Rezept für solche Situationen. Meinen Erfahrungen nach gibt es ein solches aber nicht. Es kann so viele Komponenten geben, die zu einer solchen Situation führen. Hat sich die Person beispielsweise schon immer so verhalten oder gab es einen bestimmten Auslöser dafür? Gibt es unangenehme Konstellationen im Verein, die dazu führen? Macht die Person privat gerade eine schwierige Phase durch? Ist starke berufliche Belastung der Grund für die aktuelle Unzuverlässigkeit? Oder passiert das ganze aus Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit?

Zuerst wäre für mich wichtig klarzustellen, dass ein solches Verhalten für die Disziplin eines Orchesters dauerhaft nicht tragbar ist. Gibt es konkrete und gute Gründe für das Verhalten, dann kann man sie kommunizieren. Es muss nicht vor dem ganzen Verein breit getreten werden, aber zumindest die Verantwortlichen sollten informiert sein. Zu diesen Verantwortlichen gehört für mich neben dem Dirigenten v.a. auch der Vorstand/ die Vorstandschaft. Die Lösung eines solchen Problems muss vom Verein, nicht allein von der musikalisch verantwortlichen Person gefunden werden.

Der erste Schritt für mich ist dann das persönliche Gespräch. Verständnisvoll und nicht vor versammelter Mannschaft, aber deutlich den eigenen Standpunkt vertretend. Wenn ich von jemandem etwas will oder erwarte, ist respektvoller Umgang Grundvoraussetzung. Persönliche Gespräche können übrigens auch mit Leuten aus dem Umfeld des betreffenden Musikers (enge Freunde, Familienmitglieder, etc.) geführt werden. Manchmal erfährt man hier sogar mehr über die wahren Beweggründe. Früher oder später muss aber definitiv auch die Version des Betroffenen selbst angehört werden.

Alle weiteren Schritte hängen nun vom Ergebnis dieser ersten Gespräche ab. Sollte es zu schwerwiegenden Folgen kommen, wie im schlimmsten Fall einem Austritt, ist am Ende eine offene Kommunikation mit dem Verein sehr wichtig. Fatal wäre allgemeiner Frust, weil auf einmal ein Kollege weg ist, aber unklar, warum. Es müssen ja keine persönlichen oder intimen Details preis gegeben werden.

Genauso fatal wäre es aber auch, wenn bei beschriebener Ausgangssituation  gar nichts passiert und die anderen Vereinsmitglieder den Eindruck bekämen, den Verantwortlichen sei es egal, wenn jemand ständig zu spät kommt oder sogar unentschuldigt fehlt. Zusammenfassend sei zu sagen: Solche Probleme sind nicht leicht aus der Welt zu schaffen, ignoriert werden dürfen sie aber auch nicht, sonst hängt ganz schnell die Moral im Orchester schief. Auch wenn es kein richtiges und einzig wahrhaftiges Vorgehen in solchen Fällen gibt, ist dennoch in der Regel fast alles lösbar, wenn die Beteiligten nur ausreichend und respektvoll miteinander kommunizieren.

Ein herzliches Dankeschön an Christian Steinlein für dieses überaus interessante Interview!

Christian Steinlein
Christian Steinlein

Christian Steinlein studierte Posaune (pädagogisch und künstlerisch) an der Hochschule für Musik Würzburg, sowie Blasorchesterleitung an der Berufsfachschule für Musik Bad Königshofen und bei Prof. Hermann Pallhuber an den Hochschulen in Stuttgart und Mannheim. Außerdem besuchte er die Fortbildung für internationale Juroren an der Bundesakademie in Trossingen. Meisterkurse und Workshops bei namhaften Persönlichkeiten, wie Isabelle Ruf-Weber und Johann Mösenbichler vervollständigen seine Ausbildung.

Christian Steinlein war musikalischer Leiter des Musikverein Gurtweil und des Kreisblasorchesters des Nordbayerischen Musikbundes im Landkreis Würzburg. Zur Zeit dirigiert er die Schwarzwaldkapelle Münstertal und im Rahmen seiner Tätigkeit als Musikschullehrer eine Bläserklasse und ein Jugendblasorchester (seit 2012).

Er ist Initiator und Dirigent des Sinfonischen Blasorchesters Hochrhein und leitet regelmäßig weitere Projektensembles, wie das Dozentenorchester der Musikschule Südschwarzwald. Im Herbst 2019 leitete er im Rahmen eines Gastdirigats das Sinfonische Verbandsblasorchester Markgräflerland.

Als Dozent wird er von Orchestern, wie den Verbandsjugendorchestern der Blasmusikverbände Hochrhein und Vorspessart, dem Bundesschulmusikerorchester oder den “Filder Winds” eingeladen. Für den Nordbayerischen Musikbund hält er Workshops zum Thema Dirigieren und führt jährlich den selbst konzipierten Lehrgang “Der Orchesterassistent” durch. Seit 2018 ist er leitend für die Nordbayerische Bläserakademie tätig. Seit 2012 ist er an der Musikschule Südschwarzwald für tiefes Blech, Bläserklassen und Blasorchester angestellt. 

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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