MidWest Chicago 2018

Ein Gastbeitrag von Christoph Breithack

Mein erster Tag auf der Midwestclinic 2018 in Chicago

Am Dienstagabend sehe ich auf meinem Weg vom Flughafen ins Hotel in den Straßen des Stadtzentrums von Chicago an mehreren Ecken Personen mit Instrumentenkoffern auf dem Rücken. Wie in jedem Jahr seit 1946 wird die Innenstadt kurz vor Weihnachten unübersehbar von den über 18.000 Teilnehmern an der jährlichen Midwest Clinic (www.midwestclinic.org) für vier Tage in Beschlag genommen. Als ich dann abends mit einem amerikanischen Dirigenten-Kollegen ein Stück außerhalb des Stadtzentrums essen gehe, stehen plötzlich drei weitere Dirigenten an unserem Tisch und begrüßen uns herzlich. Das große jährliche Treffen von Kollegen und Freunden aus ganz Nordamerika und der Welt hat bereits begonnen, obwohl die eigentliche Veranstaltung noch gar nicht  eröffnet ist.

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Die Innenstadt von Chicago

Die Eröffnung folgt am nächsten Morgen pünktlich um 9:30 Uhr im McCormick Place Kongresszentrum (http://www.mccormickplace.com). Aufgrund seiner Größe habe ich in diesem Gebäudekomplex eher das Gefühl, in einem Großflughafen zu sein. Ich komme mir aber nicht verloren vor, da die Menschenmassen anscheinend alle irgendwie miteinander bekannt sind. Überall stehen Gruppen, die sich unterhalten, ständig begrüßen sich Leute freudig und tatsächlich  spüre ich nach wenigen Minuten schon die besondere Midwest-Stimmung, die sich in jedem Jahr hier einstellt. Ich spüre die Vorfreude auf vier Tage mit großartigen Konzerten, interessanten Vorträgen, Fortbildungen und einer sehr großen Blasmusik-Fachmesse. Vor den beiden Eingangstoren zur Messe versammeln sich nun auch immer mehr Menschen. Und auch ich sehe in den Menschenmassen plötzlich alte Bekannte aus den USA oder werde unerwartet von hinten angetippt und von einem Kollegen aus Deutschland begrüßt.

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Der Eingangsbereich zur Messe am frühen Morgen vor dem Besucheransturm

Die Flächen füllen sich mit jeder Minute mehr und pünktlich um 9:30 Uhr eröffnen die Herald-Trumpets der US-Army Band „Pershings Own“ aus Washington D.C. (https://bit.ly/2Ez67XW) mit strahlenden Klängen die Veranstaltung. Der herzliche Applaus ist ein Teil des Gefühls, dass diese Veranstaltung vermittelt. Am Abend werde ich zum Abschluss des Tages eine ganz besondere Probe miterleben, in der ein Organisator der Veranstaltung den jungen Musikern sagen wird, dass sie in ihrem Leben vermutlich kein zweites Konzert erleben werden, in dem das Publikum so interessiert und unterstützend ist und in dem sich die Konzertbesucher so sehr mit den Aufführenden über deren musikalischen Erfolg freuen, wie hier auf der Midwestclinic. Denn alle Anwesenden sind aktive Dirigenten und Lehrer die wissen, was es bedeutet, auf der Bühne zu stehen und welche großen Anstrengungen im Vorfeld erforderlich sind, um musikalische Höchstleistungen zu erbringen.

Es geht also endlich los. Ich besuche zuerst die Veranstaltung des Reynold Conducting Institutes. Ich sehe wie Prof. H. Robert Reynolds, der in den USA einer der angesehensten Blasorchesterdirigenten ist, zusammen mit Prof. Kevin Sedatole von der Michigan State University Dirigentinnen und Dirigenten unterrichtet. Vor die exzellenten Spieler des Chamber Wind Ensembles der Michigan State University treten im 10 Minutentakt Dirigentinnen und Dirigenten, die an Universitäten, Middleschools oder Highschools unterrichten, aber auch ein professioneller Dirigent eines Militärorchesters nutzt die Gelegenheit, sich hier coachen zu lassen. Das Publikum, das den Saal bis auf den letzten Stehplatz füllt, beobachtet das Geschehen gebannt.

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Prof. H. Robert Reynolds mit einem Dirigierschüler

Ich finde es sehr gut, dass hier nicht nur Studenten als Dirigierschüler zu sehen sind, sondern dass die Personen aus dem beruflichen Alltag herausgegriffen sind. Bei manchen haben sich über die Jahre bestimmte Gewohnheiten eingeschlichen, andere sind noch jünger und weniger erfahren. Aber für jeden am Dirigierpult haben die beiden Dozenten hilfreiche Hinweise parat und es scheint, dass sich bei allen aktiven Teilnehmern nach zehn Minuten Unterricht eine Weiterentwicklung zeigt. Die Stimmung im Saal ist sehr positiv. Ich bin von den Dozenten begeistert, da sie großartige Dirigierlehrer sind und bewundere bei jedem Teilnehmer den in der kurzen Zeit erreichten Fortschritt. Immer wieder sehe ich Dirigierbewegungen oder Angewohnheiten, die ich auch von mir selbst kenne und kann viele Anregungen mitnehmen, die ich in den nächsten Monaten bei meinem eigenen Dirigat beachten werde. Die auf Weltklasse Niveau spielenden Chamber Winds der Michigan State University tragen zusätzlich dazu bei, dass ich schon nach wenigen Minuten denke, die aufwändige Anreise nach Chicago hat sich gelohnt.

Die Zeit zur nächsten Veranstaltung überbrücke ich mit einem ersten Besuch der umfangreichen Fachmesse. Von Creme für gerissene Lippen über Noten aller Nordamerikanischen Verlage bis natürlich zu den Instrumenten, die in schier unendlicher Anzahl ausgestellt sind, kann man hier alles finden, was irgendwie mit Blasorchester zu tun hat. Überall hört man Probespielstellen oder Auszüge aus bekannten Blasorchesterwerken, die beim Ausprobieren der Instrumente gespielt werden. Der unglaubliche Geräuschpegel scheint kaum jemand zu stören. Beim Gang über die Messe treffe ich mehrere alte Bekannte. Am WASBE Stand steht Markus Mauderer, bei Hal Leonard sind wie immer Johan de Meij, Philip Sparke und Otto M Schwarz anzutreffen.

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Mit Markus Mauderer am Stand der WASBE
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Mit Philip Sparke am Stand von Hal Leonard
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Mit Staff Sergeant Rebecca McLaughlin am Stand der der US Marines Band

Die Veranstaltungs-App erinnert mich, dass gleich ein Konzert beginnt. Aber einfach so in den riesigen Konzertsaal laufen geht nicht, denn es hat sich vor der Eingangstüre eine ca. 200 Meter lange Schlange gebildet, die sich um mehrere Ecken die Gänge entlang windet.

Deren Ende zu finden dauert eine Weile, dann geht es aber ganz schnell und ich sitze auf einem Platz mit guter Sicht zur Bühne.

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In einem der beiden großen Konzertsäle

Wie bei allen Konzerten hier dauert der Vortrag der Cy-Fair High School Symphonic Band eine Stunde. Das Schülerorchester trägt ein Blasorchesterwerk nach dem anderen vor. Die Schülerinnen und Schüler spielen auf sehr hohem Niveau und werden von ihren Lehrern dirigiert. Besonders beeindruckt mich die Aufführung des Konzertstücks für vier Hörner von Robert Schumann, da die Solisten alle aus dem Orchester kommen, also reguläre Schüler dieser Schule sind.

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Die Horn-Solisten der Cy-Fair Highschool Symphonic Band

Die ca. siebzehn-jährigen Jugendlichen spielen die extrem schweren Solostimmen mit einer bewundernswerten Sicherheit. Die musikalische Leistung, ein solch schweres Konzertprogramm mit großer Sicherheit und Präzision überzeugend abzuliefern, ist sehr beeindruckend. Mal abgesehen davon, dass bei uns zu Hause die meisten Blasorchester dieses Konzertprogramm wegen seiner Schwierigkeit überhaupt nicht spielen könnten, höre ich nur ganz selten Orchester, die klanglich so schön, rein und technisch sauber spielen, wie diese Schülerinnen und Schüler aus Texas.

Im jetzt folgenden Seminar, das ich mir aus einer Auswahl von ca. vier bis sechs ständig parallel laufenden Veranstaltungen ausgesucht habe, sitzt das nächste Schülerorchester und demonstriert mit einer Dozentin aus Kanada, wie langsame Musikstücke musikalisch interessant gestaltet und effektiv geprobt werden können.

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In einem Vortrag zur Interpretation langsamer Musikstücke

Hier geht es mitunter auch ganz pragmatisch zu: Wenn die Schlagzeuger bei einem langsamen Stück nichts zu tun haben, können sie doch einfach an den Mallet-Instrumenten andere Stimmen aus dem Orchester mitspielen. Die Fagottstimme ist ja vielleicht gar nicht besetzt, warum sollte diese nicht von der Marimba gespielt werden? Im Publikum merkt das eh keiner und der Marimbaspieler kann dabei gleich noch üben, den Bassschlüssel zu lesen. Das ist typisch für die Seminare hier: Alles ist sehr Praxis-orientiert und unverstellt. Die Anwesenden kennen die kleinen und große Probleme des Orchester-Alltags und sind wie ich über jeden praktischen Tipp und über Anregungen froh. Ich notiere mir die für mich hilfreichen Punkte und freue mich jetzt schon darauf, diese Notizen in den kommenden Monaten immer wieder aufzurufen und im Alltag anzuwenden.

Am späten Nachmittag steht noch ein Programmpunkt bevor, der nicht in meiner Veranstaltungs-App auftaucht und für Besucher der Midwestclinic eigentlich nicht zugänglich ist: Ein befreundeter Dirigent nimmt mich mit zur Generalprobe der Keller Middleschool Wind Ensembles (http://kellermsband.blogspot.com). Die Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen richten sich in einem Probenraum ein, der abseits des regulären Kongressgeschehens im vierten Stock des Gebäudes liegt. Manche lungern etwas verschlafen auf ihrem Stuhl herum, andere sind lebhaft und wirken ganz geschäftig. In sein Instrument bläst aber keiner.

Als der Lehrer auf das Dirigierpodium tritt und die Hand hebt, ist es gleich still. Nach einer kurzen Ansage dürfen alle ein paar Töne spielen. Wieder hebt der Lehrer die Hand und zählt den ersten gemeinsamen, einstimmig ausgehaltenen Ton an. Vom ersten Moment an ist offensichtlich, dass hier etwas ganz Besonderes zu hören sein wird. Der Klang resoniert derart warm, voll und schön im Raum, wie ich es von Anfängern noch nie gehört habe. Auf der Website der Band ist ein Youtube Video eines Konzerts verlinkt. Was ich jetzt live höre klingt mindestens genauso beeindruckend: https://www.youtube.com/watch?v=PEWX3wNeSSk

Die Schülerinnen und Schüler dieses Orchesters lernen ihre Instrumente seit 2 oder 3 Jahren (Klasse 7 und 8) und beherrschen diese auf beeindruckende Art und Weise. Der Klang ist voll und rund. Alle Stücke (bis Grad 4) werden mit hoher technischer Präzision und absolut transparent gespielt. Gleichzeitig zeigen diese Kinder eine beeindruckende Musikalität. Die Musikstücke werden ausdrucksstark interpretiert, was nicht zuletzt am deutlichen und ausdrucksstarken Dirigat des Lehrers Jed Maus liegt. Seiner gekonnten pädagogischen Leitung ist es offensichtlich zu verdanken, dass die Stimmung während der ganzen Probe entspannt und fröhlich ist. Die Kinder scheinen großen Spaß an dem zu haben, was sie gemeinsam tun. Auch wenn es offensichtlich ist, dass hier das Ergebnis einer sehr arbeits-intensiven und vermutlich anstrengenden Vorbereitungszeit zu sehen ist.

Nach dieser Probe beende ich meinen ersten Tag auf der Midwestclinic. Ich hatte genug Eindrücke und beschließe, das Abendkonzert der US Armyband „Pershings Own“ auszulassen. Ich habe das Repräsentationsorchester der USA aus Washington schon einmal gehört und bin jetzt zu müde, um dieses Konzert noch richtig genießen zu können.

Da es morgen auf der Konferenz weitergeht und dann den ganzen Tag über Konzerte von Spitzenorchestern stattfinden, habe ich noch genug Gelegenheit zu weiteren Konzertbesuchen.

Christoph Breithack

Ein herzliches Dankeschön an Christoph Breithack für diesen Gastbeitrag!

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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