Tuesday, July 28, 2026
MusiklebenWettbewerbe

WMC, Kerkrade, 1. Division Harmonie und viele Fragen…

Über das dritte Wochenende des World Music Contest in Kerkrade, NL

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Eines ist schon einmal sicher: Der WMC – World Music Contest – in Kerkrade ist der weltweit prestige-trächtigste Wettbewerb für Sinfonische Blasorchester!

An insgesamt vier Wochenenden messen sich in diesen Sommerwochen des Jahres 2026 im beschaulichen Örtchen Kerkrade in den Niederlanden Brass Bands, Showbands, Fanfareorchester und Sinfonische Blasorchester aus vielen verschiedenen Nationen von drei Kontinenten dieser Erde – wie schon seit 75 Jahren (alle 4 Jahre). Erstmalig gibt es auch einen Jugendorchester-Wettbewerb, dem vierten Wochenende vorgeschaltet. Soweit erst einmal grob beschrieben, was da in Kerkrade (nahe der Stadt Aachen, gerademal über die „Grenze“ gehüpft) abgeht.

Mein Besuch am vergangenen Wochenende konzentrierte sich auf Harmonie 1. Division. Dazu ein bisschen Harmonie 3. Division und Fanfareorchester. Kommendes Wochenende stehen dann Harmonie 2. Division und – vor allem – Harmonie Concert Division an. Harmonie steht hier für Blasorchester – die übliche Bezeichnung in den Niederlanden. Kommendes Wochenende bin ich wieder dabei, werde auf jeden Fall alle Orchester der Concert Division anhören und werde nächste Woche entsprechend – auf meine Art – berichten.

Tja, also, ich hab’s mal wieder getan. Ich habe alle 15 Orchester in der 1. Klasse angehört! 15 Orchester bedeuteten in diesem Fall auch 15mal das Pflichtstück Trencadis von Bert Appermont zu hören. Keine große Aufgabe! Eher das Gegenteil: hochspannend! Dafür sorgten unterschiedliche Interpretationen, Sitzordnungen (!), Tempi, Dynamik (im Sinne von Lautstärke), Größe der Orchester, die einzelnen Dirigenten und Musiker:innen (besonders die Solisten – die verschiedener nicht sein konnten).

Bevor ich jetzt lange über dieses Werk schwärme, integriere ich Euch hier die Aufnahme der Banda Municipal de Barcelona unter der Leitung José R. Pascual-Vilaplana. Absolut hörenswert:

Bestellmöglichkeit: Trencadis

Erst weiterlesen, wenn Ihr das Werk komplett gehört habt! Die Aufführungen in Kerkrade waren alle ohne Sopran.

Apropos „Sitzordnungen“: Ihr glaubt nicht, was es ausmacht, ob die Tuben ganz rechts vorne oder rechts weiter hinten, beispielsweise hinter den Saxophonen sitzen. Es hat auch kolossale Auswirkungen, ob das Klarinetten-Register links oder rechts sitzt. Mit diesen Hörerlebnissen hat es das Thema „Sitzordnungen“ wieder auf meine Ideen-Liste für den Blasmusikblog geschafft.

In der ersten Division habe ich ein paar fantastische Selbstwahlstücke gehört – aber auch fragwürdige…

Yggdrasil – The World Tree von Bert Appermont möchte ich Euch hier als erstes ans Herz legen. Die Koninklijke Harmonie Sint Martinus Opgrimbie (Belgien, gehört zu Maasmechelen) unter der Leitung von Toon Rutten (beeindruckender Dirigent!) hat dieses Werk bei Bert in Auftrag gegeben. Eine offizielle Aufnahme gibt es noch nicht, aber es gab und gibt den WMC-Livestream. Für 20 Euro könnt Ihr hier das ganze 3. Wochenende, von dem ich Euch hier berichte, bequem von der Couch aus ansehen:

https://vidabywmc.nl

Kleiner Sidefact: Andries de Haan interviewt(e) im Livestream jeweils nach ihren Auftritten die Dirigenten. Ich habe mich sehr gefreut Andries wiederzusehen, wir waren vor sehr vielen Jahren Kollegen beim DeHaske-Verlag.

Andries de Haan
Andries de Haan – Präsentator des Livestreams: https://vidabywmc.nl
Andries de Haan im Gespräch mit Dirigent Tijmen Botma
Andries de Haan im Gespräch mit Dirigent Tijmen Botma

Im Ranking erreichte die Koninklijke Harmonie Sint Martinus Opgrimbie mit knapp 93 Punkten den 5. Rang. In meiner internen persönlichen Rangliste war dieses Orchester, das erste Orchester des ersten Tages, sehr lange an diesem Tag Spitzenreiter… Bis das Sinfonische Blasorchester Perg auf die Bühne kam… Danach war ich mir nicht mehr so sicher… Und diese Unsicherheit verstärkte sich mit jedem neuen Orchester nach Perg, das auf die Bühne kam…

Sinfonisches Blasorchester Perg
Sinfonisches Blasorchester Perg

Das SBO Perg unter der Leitung von Thomas Asanger hatte unbestritten das berührendste Selbstwahlwerk der 1. Division im Gepäck: When the Snow falls quietly von Thomas Doss. Ein Auftrag an Thomas Doss mit historischem Hintergrund und örtlichem Bezug zur Heimat des SBO Perg. When the Snow falls quietly versetzte uns in den Februar 1945 und in das KZ Mauthausen. Gänsehaut pur, als die fantastische Sopranistin Katharina Wegscheider das Wiegenlied für ein totes Baby gesungen hat… An dieser Stelle lasse ich den Dirigenten Thomas Asanger selbst zu Wort kommen:

“Das Stück When the Snow Falls Quietly erzählt die Geschichte der sogenannten „Mühlviertler Hasenjagd“: Im Februar 1945 versuchten rund 500 Häftlinge, überwiegend Ukrainer, aus dem Konzentrationslager Mauthausen auszubrechen. Die meisten wurden verfolgt und ermordet. Nur elf von ihnen überlebten – weil Familien aus der Region sie unter Lebensgefahr auf ihren Bauernhöfen versteckten. Sie riskierten ihr eigenes Leben, um das Leben anderer zu retten. Gelebte Zivilcourage.”

Thomas Asanger ist zurecht sehr stolz auf sein Sinfonisches Blasorchester Perg. Er schrieb mir für Euch ein paar Zeilen die aufzeigen, was es für so ein großes Orchester zunächst einmal bedeutet, sich auf den Weg nach Kerkrade zu machen, wie aufregend und gefühlsbeladen die Reise für alle ist und dass es sich schlussendlich lohnt:

„Die Teilnahme am World Music Contest war für uns eine emotionale Reise. Die Vorbereitung war über Monate hinweg intensiv: Neben akribischen Stimmgruppen- und Registerproben nahmen wir beide Wettbewerbsstücke auf, um jedes Detail analysieren und verfeinern zu können. Gleichzeitig sammelten wir bei Konzerten unter unterschiedlichsten akustischen Bedingungen wertvolle Erfahrungen. Der organisatorische Aufwand – etwa der Transport großer Instrumente wie Klavier und Schlagwerk – war enorm und verlangte allen Beteiligten viel ab. Umso größer war die Freude, diese Arbeit endlich auf die Bühne zu bringen. Wir fühlten uns bestens vorbereitet, auch wenn man bei einem Musikwettbewerb – anders als etwa im Sport – die Konkurrenz nicht einschätzen kann. Direkt nach unserem Auftritt hatten wir das Gefühl, unsere beste Leistung gezeigt zu haben. Die vielen positiven Reaktionen auf unsere Interpretation von When the Snow Falls Quietly von Thomas Doss und auf das Pflichtstück bestätigten dieses Gefühl. Die Preisverleihung wurde dann zum Wechselbad der Gefühle: Mit jedem aufgerufenen Platz steigt die Spannung. Als schließlich nur noch zwei Orchester übrig waren, wurde mir klar, dass wir in jedem Fall das beste österreichische Ergebnis der vergangenen 25 Jahre erreicht hatten. Die Freude über den zweiten Platz und die höchste Bewertung des Pflichtstücks war entsprechend grenzenlos.“

An dieser Stelle nochmals herzlichen Glückwunsch an das Sinfonische Blasorchester Perg, an den Dirigenten Thomas Asanger und an den Komponisten dieses aufwühlenden Werkes Thomas Doss.

Harmonie St. Cecilia Grevenbicht-Papenhoven
Der “Weltmeister” der 1. Division: Harmonie St. Cecilia Grevenbicht-Papenhoven unter der Leitung von Jos Simons

Das SBO Perg wurde in der 1. Division mit 94,07 Punkten Zweiter. Den ersten Platz und somit den Weltmeistertitel in der 1. Division hat sich das niederländische Orchester Harmonie St. Cecilia Grevenbicht-Papenhoven unter der Leitung von Jos Simons mit 94,22 Punkten geholt. Merkt Ihr was? Opgrimbie, habe ich oben schon erwähnt, 92,88 Punkte auf dem fünften Platz, auf dem vierten Platz Swedish National Youth Band mit 93,44 Punkten, Concordia Obbicht unter der Leitung von Alex Schillings mit 93,65 Punkten auf dem dritten Platz… Jeder dieser fünf Orchester hätte „Weltmeister“ werden können!!! Das lag alles so nah beieinander, deshalb konnte ich auch an beiden Tagen lange nicht meinen Favoriten nennen… Beim letzten Orchester im Wettbewerb, Obbicht, hätte ich schwören können, dass es das Sieger-Orchester ist…

Das Südtiroler Jugendblasorchester unter der Leitung von Karl Geroldinger
Das Südtiroler Jugendblasorchester unter der Leitung von Karl Geroldinger

Viele andere Orchester in dieser Kategorie haben auch großartig gespielt. Z. B. Das Südtiroler Jugendblasorchester unter der Leitung von Karl Geroldinger. Es erspielte sich mit 88,69 Punkten den 7. Platz. Neben hervorragenden Solisten (Danke an die beiden Soloklarinettistinnen zusammen mit dem Hornisten für einen wunderbaren Gänsehaut-Moment in Trencadis) mit entsprechend sensibler Orchesterbegleitung, war es hier vor allen Dingen der runde, warme Gesamtklang des Orchesters, der mich beeindruckt hat. Eines der wenigen Orchester, in denen das Fortissimo nie schreiend wirkte. Mehr Orgelmomente als bei den Südtirolern habe ich bei keinem anderen Orchester gehört…

Naja, Punkte sind eigentlich egal, was zählt ist die Musik und deshalb schreibe ich jetzt lieber noch weiter über meine Favoriten bei den Selbstwahlstücken der 1. Division. Das hilft Dir, liebe Blasmusikblogleserin, lieber Blasmusikblogleser, eventuell mehr, da Ihr ja auch immer auf der Suche nach hervorragenden Werken seid.

Den Knaller abgeschossen haben die Schweden – die Swedish National Youth Band unter der Leitung von Helge Haukas. Eines ihrer Selbstwahlwerke war Tango Club aus der viersätzigen Suite Four Pictures from New York von Roberto Molinelli in der Transkription von Jean-Claude Braun (Chef der Musique Militaire Grand-Ducal Luxemburg). Der junge Altsaxophonist Erik Dalhielm der Oberhammer!!!! „WOW“ ist alles, was ich dazu sagen kann. Der Saal und sein Orchester haben ihn gefeiert! Und die Jury auch, denn er hat den Award für die beste Solo-Leistung der 1. Division erhalten. Hier eine nur annähernd so gute Version auf Youtube:

Bestellmöglichkeit: Four Pictures from New York

Eine Neuentdeckung und ein Werk, das mich sofort angesprochen hat, ist La Via dei Laghi von Federico Agnello. Tja, so ist das manchmal, ich höre ein Werk und es schafft es bei mir sofort in die Schublade: erinnerungswürdig und empfehlenswert! Das aufführende Orchester, das Orchestra di Fiati della Brianza unter der Leitung von Pietro Boiani hat das Werk für sich von Federico schreiben lassen. Da es so brandneu ist müsst Ihr Euch schon den Livestream holen (https://vidabywmc.nl/) um es zu hören, denn es ist noch nicht eingespielt. Und es ist auch noch nicht im Druck erschienen, auch da müsst Ihr Euch leider noch gedulden. Aber ich darf – nach Absprache mit dem Verleger – jetzt schon verraten: Das Werk wird im nächsten Jahr bei Symphonic Dimension, dem Verlag von Otto M. Schwarz, erscheinen.

Orchestra di Fiati della Brianza
Orchestra di Fiati della Brianza

La Venta de los Gatos von José Serrano ist bzw. war auch eine Neuentdeckung für mich. Im Original ist dieses Werk ein Zwischenspiel aus seiner gleichnamigen Zarzuela. Die Transkription für Blasorchester ist von Sergi Pastor. La Venta de los Gatos ist ein historisches Gebäude in Madrid, das eine legendäre Kneipe beherbergt, die es in einen berühmten Roman geschafft hat. Dieses Werk war Pflichtstück beim Certamen Internacional de Bandas de Música “Ciudad de Valencia” im Jahr 2022 in der Honorary Division (der höchsten Klasse in Valencia – dazu später noch ein paar Worte). Von damals hier eine Aufnahme:

Bestellmöglichkeit: La Venta de los Gatos

Bis hier hin waren es durchweg Werke, die ich bemerkenswert bei der Aufführung fand und neu für mich waren. Über zwei weitere Werke als Selbstwahlstücke habe ich mich riesig gefreut, denn sie gehören zu meinen Lieblingswerken: Solemnitas von Franco Cesarini und Divertimento von Oliver Waespi.

VBJ Youth Wind Orchestra, Bern
VBJ Youth Wind Orchestra, Bern

Ich denke, ich gehe sehr richtig in der Annahme, dass das VBJ Youth Orchestra aus der Region Bern unter der Leitung von Marco Nussbaumer und Armin Bachmann das Orchester mit den durchschnittlich jüngsten Musiker:innen in der 1. Division Harmonie war. Auf Nachfrage teilte mir Marco mit, dass das Durchschnittsalter dieses Orchesters bei ca. 18 Jahren liegt. Der Zufall wollte es, dass ich im Saal neben der Mama von Trompeter Silvan, 13 Jahre alt, saß – sie war zurecht sehr stolz! Und eben dieses Orchester hat sich an Solemnitas von Franco Cesarini gewagt! Ein Werk dessen Herausforderungen nicht zuletzt in der Fuge am Ende des Werkes stecken! Und – ich glaube es steht auf dem Blasmusikblog bereits häufiger – Solemnitas gehört tatsächlich zu meinen Lieblingswerken von Franco und ich bedaure  immer sehr, dass es nicht öfter gespielt wird. Die 16-jährige Klarinettistin Sophie Ammeter gewann den „Award for a special musical promise / moment“. Fantastisch.

Concordia Obbicht
Concordia Obbicht unter der Leitung von Alex Schillings

Divertimento von Oliver Waespi wurde als weiteres Selbstwahlstück von der Concordia Obbicht unter der Leitung von Alex Schillings aufgeführt. Divertimento von Oliver Waespi war im Jahr 2011 Aufgabenstück (Pflichtstück) beim Eidgenössischen Musikfest in St. Gallen in der Höchstklasse! Ich habe damals alle 17 Orchester in dieser Klasse gehört und seit damals liebe ich dieses Werk! Zur Erinnerung: Wir befinden uns bei meinem, diesem Beitrag in der 1. Division – also 1. Klasse… Weitere Orchester haben Werke gespielt, die wir genau so gut auch in der Concert Division hören könnten. Z. B. Contemplation von Alexandre Kosmicki, als Selbstwahlstück interpretiert vom späteren Weltmeister in der 1. Division, der Harmonie St. Cecilia Grevenbicht-Papenhoven unter der Leitung von Jos Simons (oben schon erwähnt). Über La Venta de los Gatos von José Serrano habe ich oben schon geschrieben, dass es Pflichtstück in höchsten Division in Valencia im Jahr 2022 war. Extreme Make-Over von Johan de Meij – interpretiert von den Schweden –  wird von Johan selbst mit Grad 6 eingestuft. Höhere Grade haben wir nicht – was aber nicht heißt, dass es nicht noch schwierigere Werke gibt – wir wissen alle, dass Schwierigkeitsgrade „relativ“ eingeordnet werden müssen und sind, und dass wir die Werke vor zwanzig Jahren anders eingestuft haben, als sie heute in der Range sind.

Das alles wirft Fragen auf… keine Antworten! Habe ich zumindest nicht. Allerdings war die Tatsache, dass in den verschiedenen Divisionen (nicht nur 1. Division) schwierigere Selbstwahlstücke gespielt wurden als der Division eigentlich zuordenbar, Thema einiger Diskussionen von meinen verschiedenen Gesprächsrunden über die drei Tage. Die Wahl der freien Stücke neben dem Pflichtstück liegt in der Verantwortung der Orchester. Oder doch nicht? Liegt sie vielleicht auch etwas in der WMC- bzw. Wettbewerbs-Organisation? Sollte hier ein Kontrollgremium eingreifen im Sinne eines fairen, vergleichbaren Wettbewerbs? Nun, wie schon geschrieben, ich weiß die Antwort nicht. Ich gehöre ja zu den Menschen, die im Publikum sitzen und Musik genießen und nicht zu den Musiker:innen auf der Bühne (es sei denn ich sitze in meinem Freiburger Blasorchester). Letztendlich ist es mir als „Publikum“ egal, ob ein Grad 4-, 5- oder 6-Werk gespielt wird. Für mich spielt es bei dieser Kategorie Events wie dem WMC, zu dem ich auch Riva und Valencia zähle, auch keine Rolle, ob in den Reihen der Musiker:innen auf der Bühne einige Profis sitzen. Und auch die Anzahl der Aushilfen ist mir in diesem Moment herzlich egal. Für mich zählt das Gesamterlebnis, das ich im Publikum habe. Aber vielen Menschen in der Szene – ob auf der Bühne oder dieses Mal nicht – ist das wichtig. Darüber wird diskutiert… Und das ist kein „deutsches“ Ding. Ich habe darüber auch mit Österreichern, Schweizern, Italienern, Südtirolern und Niederländern geredet.

Müssen wir mit dem Repertoire immer höher, schneller, schwieriger, weiter? Eine weitere Frage, die wir diskutiert haben… Und in diesem Zusammenhang: wie gut sind eigentlich die jungen Komponisten ausgebildet? Bei einem Werk in der 1. Divisie habe ich mich tatsächlich laut zu der Aussage hinreißen lassen: „Ein Werk, das die Welt nicht braucht“ und gleich danach: „Der Junge soll erstmal sein Handwerk lernen!“. Es waren insgesamt zwei Werke, bei denen ich gedacht habe: Der wirft einfach alle seine musikalischen Ideen in den Stampot (niederländisch für Eintopf), rührt sie einmal durch und setzt sie wieder aneinander. Ohne erkennbare Strukturen, ohne erkennbare Zusammenhänge, ohne eine erkennbare Verarbeitung von Themen, ohne berührende, aufregende, schöne, hässliche oder lustige Momente… aber viel höher, schneller, schwieriger, weiter und viele Geräusche drin…

Johan Jansen, Blasmusikliebhaber, Eigentümer von gefühlt drölfmillionen CDs, 3-Tage-komplett-WMC-Durchhalter und Verbandsmensch (KNMO und ECWO) geht in seiner Meinung noch viel weiter, aber ich kann alle seine Argumente sehr gut verstehen. Er hat mir zuliebe seine Gedanken zu diesem Thema, das wir am Sonntag miteinander noch kurz diskutiert haben, niedergeschrieben. Er bezieht sich in seinen Aussagen hauptsächlich – aber nicht nur – auf die Fanfareorchester-Werke der Concert Division:

„Der WMC bietet dem Publikum die Gelegenheit, einige wirklich herausragende Orchester zu hören. Fast jedes Orchester hat zusätzliche Musiker engagiert oder eingeladen, manchmal sogar Profis. Dadurch sind alle Orchester in Topform und spielen auf einem unglaublich hohen Niveau.
Doch während ich im Publikum saß, kam mir immer wieder ein anderer Gedanke in den Sinn.

Was passiert mit dem Repertoire?

Immer öfter hören wir dieselbe Art von Musik. Oft hat man das Gefühl, dass der Fokus eher auf Technik, Lautstärke, unmöglichen Soli und den höchsten, tiefsten und schnellsten Tönen liegt, anstatt darauf, Musik zu machen, die das Publikum wirklich anspricht.
Ich verstehe, dass man, wenn man so hochkarätige Musiker im Orchester hat, deren Fähigkeiten zur Schau stellen möchte. Aber manchmal hat man das Gefühl, dass das Repertoire eher ausgewählt wird, um technische Brillanz zu demonstrieren, als um ein emotionales Musikerlebnis zu schaffen.
Ich habe kein Problem damit, diese Art von Musik in ein Konzertprogramm aufzunehmen. Meine Sorge ist, dass mir manchmal die Ausgewogenheit fehlt.
Insbesondere bei Fanfarenorchestern habe ich noch eine weitere Beobachtung gemacht.
Viele Musiker in Fanfarenorchestern spielen auch in Blasorchestern, und wir hören zunehmend, dass Fanfarenorchester Blasorchesterarrangements oder Originalwerke spielen, die sehr nach Blasorchestermusik klingen.
Für mich hat die Fanfare ihren ganz eigenen Charakter und Klang, und diese unverwechselbare Identität habe ich vermisst. Manchmal hört man auch, dass die Instrumentierung nicht mit einem echten Verständnis für das Fanfare-Orchester geschrieben wurde.
Auch wenn ich es wieder einmal sehr genossen habe, all den fantastischen Kapellen bei diesem WMC zuzuhören, habe ich das Gefühl, dass der aktuelle Trend zu technisch orientierten Kompositionen zu weit gegangen ist. Mir ist bewusst, dass diese Kommentare den Eindruck erwecken könnten, mir hätte die Veranstaltung nicht gefallen, aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Das Niveau war außergewöhnlich hoch, und ich habe die Darbietungen in vollen Zügen genossen.
Wir sollten jedoch das Publikum nicht vergessen. Wir sollten uns auch vor Augen halten, dass es sich im Prinzip um Amateurorchester handelt. Und – was vielleicht am wichtigsten ist – Musik mit schönen Melodien kann ebenso anspruchsvoll zu spielen sein und bietet einem Orchester dennoch jede Menge Möglichkeiten, sich zu profilieren.
Nehmen wir zum Beispiel Bruckner. Seine Musik ist unglaublich schwer zu spielen, doch ihre Herausforderungen beruhen nicht auf extrem hohen oder tiefen Tönen, endlosen technischen Soli oder überwältigenden Darbietungen von Virtuosität. Die Herausforderung liegt in der Musikalität, dem Zusammenspiel, der Phrasierung und dem Ausdruck.
Für mich waren die Konzerte der Belgian Guides Band und der Garde Républicaine perfekte Beispiele für eine ausgewogene Programmgestaltung, die technische Exzellenz mit musikalischer Tiefe und emotionaler Wirkung verband.“

Wenn es um die Unterstützung von jungen Komponist:innen geht, bin ich an erster Stelle. Das wissen viele von Euch. Aber nicht unter allen Umständen. Wir brauchen in der Blasorchesterszene durchdachte, handwerklich perfekte (oder zumindest gute), berührende, kreative Werke, mit Verstand, Gefühl und Herz. Außerdem brauchen wir frische, neue Klänge und Klangvielfalten, die jedoch auch nicht auf Verstand, Gefühl und Herz verzichten. Auf allen Niveaus. Das habt Ihr erreicht, wenn ich im Publikum sitze und lache, heule, Gänsehaut habe, mich aufrege, mich fürchte, ich von den Klängen gefesselt werde, ich nicht mehr still sitzen kann oder sich einfach nur ein wohliges Gefühl bei mir einstellt und ich mich nicht langweile.

Das alles, was ich eben geschrieben habe, muss man können. Und vor dem Können steht lernen. Junge Komponist:innen: lernt doch erstmal von den Großen, Erfolgreichen, versucht Euch dann an den unteren Schwierigkeitsgraden und wagt Euch dann – mit Unterstützung eines/einer Lehrer:in oder eines/einer Mentor:in – an die großen Werke. Danke.

Ein weiteres Diskussionsthema unter WMC-Besuchern aus meinem Netzwerk: Wie viel Welt steckt im World Music Contest WMC? Und in anderen Worten: Ist der WMC bei Orchestern und Juroren zu Niederlande-Belgien-lastig? Weiter: Können wirklich bei diesem Contest „Weltmeister-Titel“ vergeben werden?

Nun. Es gibt 193 Länder auf dieser Erde (ungleich) verteilt auf 5 Kontinente (oder 6, wenn wir Nord- und Südamerika trennen). Nicht in allen Ländern dieser Welt gibt es eine Blasmusiktradition (egal welche Formation). Beim WMC 2026 kommen die Orchester aus 31 Ländern von drei Kontinenten. Bei den Juroren für die Harmonien sind es 13 verschiedene Nationen. Allein auf Grund dieser Zahlen könnte man den Leuten, die denken, dass zu wenig Welt im WMC steckt, schon recht geben. Mal die reinen Blasorchester, also Harmonien, betrachtet: Bei den Sinfonischen Blasorchestern fehlen aus wichtigen Ländern, in denen es auch wirklich eine Blasmusiktradition gibt, tatsächlich Teilnehmer. Z. B. USA, Canada, Japan. Da ist die Frage nach einem Weltmeistertitel tatsächlich hinterfragenswert.

Wie „echt“ der Titel „Weltmeister“ tatsächlich ist, wird recht heftig und ausführlich auf dem Facebook-Account eines belgischen Musikers diskutiert. Und ein italienischer Dirigent bemängelte im Gespräch mit mir das Fehlen von italienischen, spanischen, portugiesischen und auch asiatischen Experten in der Jury. Dabei geht es ihm nicht darum, nicht berücksichtigt worden zu sein, sondern dass es ist diesen Ländern (zu denen wir auch Japan, USA und Kanada zählen können) eine andere Auffassung der Blasorchesterkultur und dem Blasorchesterklang gibt und diese – wir können es auch noch mit dem Wort „Geschmack“ ergänzen – beim Bewerten keine Stimme haben. Ich kann das nachvollziehen. Nordeuropäer ticken anders als die Südeuropäer. Ohne Frage. Das ist eine Tatsache, die wir nicht bewerten sollen, können und müssen. Alles darf. Es gibt nicht „richtig“ und „falsch“. Die Welt – auch die Blasmusikwelt – ist bunt.
Das Fehlen von Sinfonischen Blasorchestern aus aller Welt können wir sicherlich nicht der Organisation des WMC anlasten. Und es ist sicherlich auch nicht so, dass es unbedingt fehlendes Interesse der Sinfonischen Blasorchester in aller Welt ist. Das ist schlicht und ergreifend eine Frage des Geldes und der Finanzierung! Tür und Tor sind erstmal für alle Blasorchester dieser Welt geöffnet! Bei der Zusammensetzung der Jurys können wir die WMC-Organisation bitten, bei der nächsten Ausgabe diverser auszuwählen und zumindest hier noch internationaler zu werden.

Ich selbst würde jetzt noch erwähnen, dass viel zu wenige Frauen in den Jurys saßen, zu wenig Frauen am Dirigierpult standen und zu wenig Kompositionen von Frauen gespielt wurden. Aber dieses Fass mache ich hier nicht mehr auf.

Stadtkapelle Lahr
Stadtkapelle Lahr unter der Leitung von Nick Reed

Am WMC-Sonntag des dritten Wochenendes habe ich noch fünf Blasorchester der 3. Division gehört. Halleluja war es schön, Oregon und Flashing Winds zu lauschen! Und auch dieses fantastische Moving Heaven and Earth von Philip Sparke hat mir wieder viel Freude gemacht (wie kürzlich beim Eidgenössischen). Marco Pütz hat mit dem Pflichtstück, das für diese Division ausgewählt wurde, einen Volltreffer gelandet: Evolutions for Winds (Grad 3,5 – 4) – komponiert im Auftrag eines Blasorchesters aus meiner Heimat: Der Stadtmusik Weilheim. Besonders stolz war ich am Sonntagmittag auf ein Orchester aus meiner Heimat: Die Stadtkapelle Lahr mit ihrem Dirigenten Nick Reed erspielte sich mit 91,03 Punkten den 6. Platz (von 14 Orchestern). Dankeschön liebe Lahrer, für ein wunderbar musiziertes Movement for Rosa von Marc Camphouse! So schön. Und auch an dieser Stelle nochmals herzlichen Glückwunsch zu Eurem tollen Erfolg in Kerkrade!

Gelders Fanfare Orkest
Gelders Fanfare Orkest

Insgesamt habe ich drei Fanfareorchester gehört. In der Concert Divisie gab es ca. einstündige Konzerte mit jeweils mehreren Werken (ohne Pflichtstück), darunter ein Solowerk. In diesen drei Stunden Fanfareorchestermusik habe ich mich nur bei zwei Werken wohlgefühlt: Bei Moondog – The Viking of 6th Avenue von Thom Zigterman und bei Arioso Cantabile von Jan Van der Roost. Beide Werke gespielt von Gelders Fanfare Orkest. Die Koninklije Stadsfanfaren Izegem haben A Brussels Requiem von Bert Appermont gespielt, aber in meinen Ohren klang dieses großartige, berührende Werk sehr befremdlich – ich kenne hier nur die Blasorchesterfassung. In diesen drei Stunden Fanfareorchester-Konzert habe ich meine Liebe zu dieser Orchesterart nicht entdeckt.

Einen bewegenden Moment am Sonntagabend habe ich leider verpasst… Jan Van der Roost wurde als WMC-Ambassador geehrt. Mein guter Freund Joachim war dort und berichtete, dass nach der Ehrung das Nationalen Jugendfanfareorchester Arsenal gespielt und die ganze Rodahal mitgesungen hat. Da blieb bestimmt kein Auge trocken…

Ich maße mir wirklich nicht an, zu all den Fragen, die ich hier im Beitrag aufgeworfen habe und die in Kerkrade diskutiert wurden, DIE Antwort zu haben. Wie immer im Leben gibt es nicht nur schwarz oder weiß. Aber wir sollten in der Blasmusikszene zumindest in der Diskussion bleiben und vielleicht auch den Mut haben, diese Diskussionen öffentlich – mit unterschiedlichen Diskussionspartnern – zu führen. Gerne international und über Grenzen jeglicher Art hinweg. Mit dem Diskutieren oder besser gesagt Debattieren könnt Ihr hier auf dem Blasmusikblog gleich loslegen. Schreibt Eure Meinung zu den Themen dieses Beitrags gerne unten in das Kommentarfeld!

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

    2 thoughts on “WMC, Kerkrade, 1. Division Harmonie und viele Fragen…

    • Andreas Bachmann

      Ich sehe das ähnlich. Aus meiner Sicht leiden viele zeitgenössische Werke unter einem ausgeprägten Akademismus. Häufig steht das theoretische Konzept stärker im Mittelpunkt als die klangliche Wirkung oder die musikalische Aussage.

      Wenn “der Erfolg” der Komposition vom Publikum abgekoppelt vor allem von Jurys, Fachgremien und Förderinstitutionen abhängt, entsteht zudem ein weiterer Effekt: Wer ein Werk in Auftrag gegeben oder gefördert hat, hat naturgemäß wenig Interesse daran, dessen Qualität / Umsetzung anschließend infrage zu stellen. Dadurch fehlt oft eine wirklich unabhängige kritische Auseinandersetzung. Das kann dazu führen, dass Werke sehr positiv bewertet werden, obwohl sie sich später weder im Repertoire etablieren noch beim Publikum oder den Orchestern dauerhaft Bestand haben. Die Uraufführung bleibt die Letztaufführung.

      Dabei sind Innovation und Zugänglichkeit keineswegs Gegensätze. Im Gegenteil: Wirklich neue Musik entsteht dort, wo handwerkliche Qualität, Originalität und klangliche Überzeugung zusammenkommen.

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      • Alexandra LinkPost author

        “Wirklich neue Musik entsteht dort, wo handwerkliche Qualität, Originalität und klangliche Überzeugung zusammenkommen.” – absolut!
        Danke, für Deinen wertvollen Kommentar!
        Viele Grüße
        Alexandra

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