6 plus 1 Fragen an Gordon Hein zur Teilnahme am Wettbewerb in Karlsruhe

Am kommenden Wochenende steht in Karlsruhe das nächste große Bläser- und Blasorchester-Event an: das Musikfest Baden-Württemberg. Neben einem umfangreichen Konzert- und Mitmachprogramm finden zahlreiche Wettbewerbe und Wertungsspiele statt. Zu ihrer Teilnahme an den Wettbewerben bzw. den Wertungsspielen habe ich einige teilnehmende Dirigenten befragt. Diese Woche werde ich jeden Tag die Antworten eines anderen Dirigenten hier auf dem Blasmusikblog veröffentlichen.

Den Anfang macht heute Gordon Hein, Dirigent des Musikvereins Fahrnau (bei Lörrach). Informationen über Gordon Hein findet Ihr am Ende dieses Beitrags.

  1. Mit welchem Orchester trittst Du in Karlsruhe an, welche Werke hast Du ausgesucht und warum hast Du diese Werke speziell für Dein Orchester ausgesucht?

Zum Wettbewerb in Karlsruhe trete ich mit dem Musikverein Fahrnau an. Als Pflichtstück schien für mich “The Legend of Maracaibo” aus der Feder von Jose Alberto Pina und als Selbstwahlstück “Theatre Music” von Philip Sparke am geeignetsten. Während “Maracaibo” das große, klangliche Stück mit viel Schlagwerk darstellt, übernimmt “Theatre Music” den technischen Part. Mir ist es wichtig möglichst viele musikalische Facetten zu zeigen. Diese beiden Stücke geben uns eine Menge Gelegenheit dazu. Bei der Auswahl der Stücke für Wertungsspiele oder Wettbewerbe schaue ich immer darauf das ganze Orchester präsentieren zu können. Keinem soll langweilig werden – beim Üben den Musikern, beim Zuhören dem Publikum und auch nicht den Juroren 😉

  1. Seit wann probt das Orchester die Wettbewerbs-Werke und wie bereitest Du das Orchester für den großen Auftritt in Karlsruhe vor?

Da wir beide Stücke schon im April an unserem Frühlingskonzert aufliegen hatten sind sie für uns nicht mehr ganz fremd. Die Vorbereitung für Konzerte / Wettbewerbe gestaltet sich bei uns über 10-11 Proben plus ein intensives Probenwochenende. Schwierig ist es, bei Werken die schon einmal aufgeführt wurden, die Motivation hoch zu halten. Meinen Musikern war klar, dass wir am Konzert nur mit „Halbgas“ fahren, beim Wettbewerb dann aber mit dem Originaltempo antreten. Somit war jedem das Ziel bis zum 16. Mai klar definiert.

Bei der Vorbereitung ist es mir besonders wichtig auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Stücke auf Wettbewerbsniveau auf einer fremden Bühne aufzuführen ist manchmal ganz schön heikel, da die Klanggewohnheit sich enorm ändern kann. Wir gehen deshalb zum Proben auch in eine benachbarte Schule, Konzertsaal und sogar in eine Kirche, um uns auf diesen Klang möglichst schnell einstellen zu können. Des weiteren würfle ich die Musiker in einer der letzten Proben einmal komplett durcheinander. Jeder darf sich hinsetzen wo er möchte, nur nicht an seinem gewohnten Platz. Da merkt die Posaune in der ersten Reihe auf einmal, dass er sich nicht an die Kollegen dran hängen kann sondern seinen Part bringen muss.

  1. Auf was legst Du bei der Probenarbeit zum Wettbewerb großen Wert/den größten Wert?

Auf Spaß an der Musik! Und dies nicht nur in der Probenarbeit für den Wettbewerb. Kann man die Orchestermitglieder besser als mit dem Interesse und Spaß für die Musik motivieren? Ich denke nicht. Versteh mich nicht falsch. Karlsruhe wird für uns keine Spaßveranstaltung, aber ich denke in der heutigen, hektischen Zeit erzielt man mit Drill nicht mehr Erfolg, als mit Motivation durch die Musik selbst.

Lass uns aber noch etwas tiefer in die Materie gehen. Meine musikalischen Hauptaugenmerke liegen auf Klang und Stilistik. Zum Klang gehört für mich Klangausgleich und Tonkultur. Dass die Technik und Intonation funktioniert, setze ich bei meinen Musikern voraus. Aber das wissen sie. Ganz ehrlich, ein falscher Ton kann uns vielleicht einen Punkt kosten, falsche Stilistik, langweilige Darbietung und forcierter Klang aber den ganzen Kopf.

  1. Die Entscheidung zur Teilnahme am Wettbewerb / an den Wertungsspielen: war große Überzeugungsarbeit beim Orchester notwendig, oder ist die Teilnahme eine Selbstverständlichkeit?

Fahrnau geht mit dem Thema “Musik und Kräftemessen” sehr gut um. Als ich mit der Idee kam am Wettbewerb in Karlsruhe teilzunehmen gab es keine Diskussionen. Bei so einem Großevent hier ganz in der Nähe war es gleich klar, dass wir uns in diesem Rahmen präsentieren wollen. Der letzte Wettbewerb liegt 7 Jahre zurück. Eine musikalische Standortbestimmung kam uns deshalb sehr gelegen.

Aus anderen Orchestern kenne ich allerdings die Problematik, die Musiker zu ihrem Glück überzeugen zu müssen. Begründet wurde die Nicht-Teilnahme aus “schlechten Erfahrungen in der Vergangenheiten” oder aus  “zu viel Stress durch einen zusätzlichen Großanlass im Jahr”. Natürlich, jeder Juror punktet unterschiedlich und besitzt eventuell andere Auffassungen als Dirigent und Orchester, doch jeder Juror bemerkt auch, wenn sich ein Orchester spielfreudig, enthusiastisch, überzeugend und gut vorbereitet präsentiert. Solche Orchester werden ganz bestimmt Anerkennung finden! Was auch nicht vergessen werden darf ist der gesellschaftliche Stellenwert, den eine Gemeinschaftsproduktion wie eine Wettbewerbsteilnahme einnimmt. WIR wollen etwas erreichen, am gleichen Strang ziehen, ein Ziel anstreben und verwirklichen.

  1. Welchen Stellenwert hat die Teilnahme am Wettbewerb / an den Wertungsspielen im Vereinsgeschehen?

siehe Frage 4 🙂

  1. Was spricht Deiner Meinung nach für, was spricht gegen eine Teilnahme an Wertungsspielen generell?

Ich fange mal ganz kritisch mit einem negativen Punkt an. Zu oft habe ich schon erlebt und gehört, dass ein Orchester eine unangemessene Bewertung bekam, weil die Juroren genau wussten welches Orchester/ welcher Dirigent gerade auf der Bühne Platz nimmt. Das ist ja nur menschlich. Zu manchen Kollegen pflegt man Sympathie zu anderen eher weniger. Ein gutes Vorbild bietet das Schweizer System. Hier wird hinter schwarzem Vorhang bewertet, völlig neutral und befreit von “Vor”-Urteilen. Wieso nicht auch bei uns?

Des weiteren finde ich es unpassend ein Orchester (mit vielen Extraproben und/oder Aushilfen) auf ein Wertungsspiel zu trimmen. Die Standortbestimmung stellt somit ein falsches Bild dar. Wem nützt das außer kurzfristig vielleicht besser da zu stehen als der Verein aus dem Nachbardorf? Die Wahrheit kommt eh heraus. Spätestens beim nächsten Frühschoppen.

Was spricht für eine Teilnahme? Sehr viel!

Neben dem schon erwähnten “Wir-Gefühl” finde ich es noch einmal wichtig das Wort “Standortbestimmung” aufzugreifen. Durch die damit verbundene fachliche Beratung durch die Jury, trägt die Teilnahme an Wertungsspielen zur weiteren Steigerung der musikalischen Fähigkeiten jedes einzelnen Musiker bei. Quasi ein Jungmusikerleistungsabzeichen für Erwachsene. In jedem Job gibt es Weiterbildungen die uns ein Stück voran bringen. Wieso nicht auch im Hobby?

  1. Noch eine zusätzliche Frage: Gordon, welchen Platz erhoffst du dir in Karlsruhe?

Das Prädikat eines Wettbewerbs oder Wertungsspiels sollte nicht immer ganz so wichtig genommen werden. Vielmehr gilt es doch, den angesprochenen Mängeln zukünftig Rechnung zu tragen, um z.B. Intonation und Tonkultur grundlegend und dauerhaft zu verbessern. Auch die anderen vielfältigen Auftritte das Jahr über profitieren von dieser Aufbauarbeit.

Herzlichen Dank, Gordon, für Deine ausführlichen Antworten. Dir und dem Musikverein Fahrnau viel Erfolg in Karlsruhe!

Gordon Hein
Gordon Hein

Über Gordon Hein:

Gordon Hein (*1982) spielt bereits seit seinem 8. Lebensjahr Trompete. Unterrichtet wurde er u. a. von Frank Amrein und Malte Burba. Gordon ist ein sehr vielfältiger Trompeter. Obwohl er eine klassische Ausbildung erhielt, wurde Big-Band-Jazz schnell zu seiner großen Leidenschaft. So ist er Leadtrompeter des Big Sound Orchestras, spielt und spielte aber auch in Sinfonieorchestern, im Musicalorchester und in verschiedenen Blasorchestern. Seit 2003 dirigiert Gordon Musikvereine, seit 2014 den Musikverein Fahrnau. Er belegte mehrere Kurse für Dirigieren und auch diverse Meisterkurse zum Beispiel bei Prof. Maurice Hamers und Peter Kleine Schaars. 2011 schloss er das berufsbegleitende Dirigierstudium an der Musikhochschule in Trossingen mit der Note „sehr gut“ ab.

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