6 Fragen an Henning Strassburger zur Teilnahme des Jungen Ensemble Berlin am DOW 2016

Vom 30. April bis zum 8. Mai findet in Ulm (und um Ulm herum) der 9. Deutsche Orchesterwettbewerb statt. Für den Wettbewerb in der Kategorie B.1 Blasorchester haben sich 10 Sinfonische Blasorchester aus 8 Bundesländern qualifiziert. Ich habe Kontakt mit den Dirigenten dieser Blasorchester aufgenommen und ihnen jeweils 6 Fragen zum Deutschen Orchesterwettbewerb und zu ihrer Teilnahme gestellt.

Die erste Rücksendung und Beantwortung der Fragen kam vom Jungen Ensemble Berlin, bzw. von ihrem musikalischen Leiter Henning Strassburger.

Hier das Interview:

Wie und wann hat sich Ihr Orchester für den DOW qualifiziert? Was waren die Voraussetzungen zur Teilnahme am DOW?

„Im letzten Oktober gab es den Berliner Orchestertreff und dort konnten wir uns qualifizieren. Es war ziemlich spannend, da ich das Orchester erst im Juni übernommen hatte und in der Kürze der Zeit recht viele Umstellungen vornehmen musste. Aber alle haben fantastisch mitgezogen, es war ein toller Start!“

Mit welchen Werken treten Sie in Ulm beim DOW an und warum haben Sie für Ihr Orchester gerade diese Werke ausgesucht?

„Neben dem doch recht vertrackten Pflichtstück „Suite voor Harmonieorkest“ spielen wir das „Ballet sans Ballerine“ von Jean Deatwyler . Es ist konträr zur „Suite“ und eröffnet viele Räume, besonders klanglich. Außerdem hat es neben einer stark rhythmischen Komponente einen unfassbar schönen lyrischen Teil. Der allein ist es wert!“

Was ist Ihnen in der Wettbewerbsvorbereitung besonders wichtig und wie bereiten Sie Ihr Orchester ganz speziell auf diesen wichtigen Wettbewerb vor?

„In einem Verein mit Amateurmusikern hat man es natürlich mit ganz unterschiedlichen Leistungsstandards zu tun. Die Aufgabe eines Dirigenten besteht daher in erster Linie darin, dem Orchester zu ermöglichen, als Gemeinschaft wachsen zu können. Es geht nicht darum nur die Top-Leute zu pushen, sondern auch die, von denen solche Präzisionsleistungen in der Musik bisher noch nicht verlangt wurden. Das ist auch viel menschliche Kommunikation.
Speziell in der Wettbewerbsvorbereitung geht es mir darum, dass wir alle auf dem gleichen Wissenstand sind. Weiß die Tuba was die Flöte zu spielen hat und warum? Wie kann eine Triangel die Es-Klarinette unterstützen? Das sind für mich die Fragen, die geklärt werden müssen. Aus diesem Wissen heraus kann ich zusammen mit den Dozenten auch meine Klangvorstellung entwickeln und mich dann im Idealfall als Dirigent nur noch um das Musizieren kümmern. Ich möchte auch im Wettbewerb keine Musikmaschinen, sondern Menschen mit Charakter im Orchester haben.“

Welchen Stellenwert haben Wettbewerbe und Wertungsspiele einmal für Sie selbst und andererseits für die Musikerinnen und Musiker in Ihrem Orchester?

„Für mich kann ich sagen, dass ich mich freue Kollegen zu treffen und Feedback zur Arbeit mit meinem Orchester zu erhalten. Die Jury-Besprechung während der Qualifikation war z. B. unheimlich wertvoll und bereichernd. Die Zeit zur Genauigkeit in der Probenarbeit ist fantastisch, es macht richtig Spaß das Orchester wachsen zu sehen.
In einer Großstadt wie Berlin gibt es allerdings ständig aufregende und ungewöhnliche Projekte und Kooperationen, deswegen stehen Wettbewerbe nicht so sehr im Fokus bzw. die Aufmerksamkeitsspanne für einzelne Projekte ist relativ kurz. Die Musiker des JEB Blasorchesters haben aber hinsichtlich des DOWs natürlich einen ordentlichen Ehrgeiz entwickelt! Es schweißt uns noch mehr zusammen und alle freuen sich riesig darauf!“

Was spricht Ihrer Meinung nach generell für Wertungsspiele bzw. Wettbewerbe, was dagegen?

„Ich bin da zwiegespalten. Zum einen ermöglicht ein Wettbewerb Stücke mal bis ins Detail zu analysieren und absolut kompromisslos die Werkvorgaben von den Musikern einzufordern. Dazu hat man im regulären Vereinsbetrieb selten Zeit, da Konzertprogramme viel länger sind und diese Genauigkeit nur schwer zulassen. Aber die Präzisionsarbeit ist dann merklich auch auf andere Stücke übertragbar. Das ist ein wirklich toller Nebeneffekt der Wettbewerbsvorbereitung!
Kritisch bin ich ehrlicherweise hinsichtlich des Wertungs- und Konkurrenzgedankens in der Musik. Ich möchte ein Beispiel nennen: Ich war bei einem Klavierabend mit Barenboim. Er hat sich einmal vergriffen, daneben gehauen könnte man sagen – aha also 1,4 Punkte technischer Abzug? Egal! Ich kann sagen, dass der Abend mit Sicherheit das großartigste geboten hat, was ich bisher an Kunst hören durfte. Mir liefen echt die Tränen, was interessiert mich da der Patzer? Bei einem Wettbewerb hieße das aber sicherlich nicht mehr 1. Platz. Daran sieht man das Dilemma.
Ich würde Wettbewerbe aber nicht grundsätzlich in Frage stellen wollen.“

Mit welchen Erwartungen gehen Sie und Ihre Musikerinnen und Musiker nach Ulm?

„Wir haben natürlich den Ehrgeiz alles bestmöglich abrufen zu können, was wir in den letzten Wochen gemeinsam technisch, klanglich und musikalisch erarbeitet haben. Wenn wir es darüber hinaus noch schaffen, in dieser Stresssituation wirkliche „Momente“ zu erzeugen, dann haben wir alles erreicht, um uns als tolles Berliner Orchester präsentieren zu können!“

Über das Junge Ensemble Berlin – Blasorchester

Spielfreude, Spaß und Musik auf höchstem Niveau – das sind die Ziele des JEB | Blasorchesters. Dafür treffen sich jeden Mittwoch ca. 60 Studenten, Auszubildende oder junge Berufstätige, die in konzentrierter Probenarbeit spannende sinfonische Programme erarbeiten. Da das JEB ein flexibler Klangkörper ist, der auch Lust auf Neues hat, finden die Konzerte an unterschiedlichsten Orten statt. Vom Kammermusiksaal der Philharmonie, dem Atze Musiktheater, dem Lido-Club bis hin zu Open Air Konzerten.
Die Literatur reicht dabei von anspruchsvoller Originalliteratur für Bläser, über experimentelle Erstaufführungen bis hin zu Unterhaltungsprogrammen. Neben unserem künstlerischen Leiter Henning Strassburger stehen ein Team aus hochrangigen Dozenten aus der Berliner Orchester- und Opernwelt zur Verfügung.

Über den Dirigenten Henning Strassburger

Nach der Prüfung zum Ausbilder für Bläserensembles durch den Hessischen Blasmusikverband erhielt Henning Strassburger seine Dirigierausbildung u.a. am Dortmunder Opernhaus, sowie in Meisterkursen für Blasorchesterleitung bei Prof. Maurice Hamers und Prof. Steven Verheart. Er leitete mehrere Jahre das Jugendblasorchester Dreieich-Offenthal, dirigierte als Gast verschiedenste Sinfonieorchester und leitete 2 Jahre lang die Zentralkapelle Berlin. Als langjähriges Neugründungs- und Vorstandsmitglied der „Initiative Neue Blasmusik Hessen“ war er zudem maßgeblich an der künstlerischen Konzeption des Sinfonischen Blasorchesters Hessen beteiligt.
Henning Strassburger ist derzeit Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und war 2014 Gastprofessor am Department of Fine Arts an der University of Nevada.

Ein herzliches Dankeschön an Henning Strassburger für die Beantwortung der Fragen und dem Jungen Ensemble Berlin viel Erfolg in Ulm! Das JEB spielt am Sonntag, den 1. Mai um 11.40 Uhr im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich darauf, dieses Orchester zum ersten Mal zu hören!

Der nächste Beitrag zum Deutschen Orchesterwettbewerb erscheint am Samstag mit dem Interview mit Thomas Conrad von der Bläserphilharmonie Thum. Wer keinen Beitrag verpassen möchte, kann sich gerne rechts unter “Neue Beiträge abonnieren” eintragen. Du erhälst dann eine kurze Benachrichtigung (kein Newsletter) sobald ein neuer Beitrag online ist.

 

 

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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