Zur finanziellen Lage der Musikvereine nach Corona

„Fast zwei Jahre ohne Einnahmen: Wie sieht es mit den Finanzen aus? Sind finanzielle Hilfen nötig?“ war die Frage, die ich insgesamt 14 Vereinsverantwortlichen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gestellt habe. Die Antworten sind teilweise überraschend und auch erfreulich.

Sandra Behrens, Junges Orchester Auenland JOA

Es ist überwältigend, wie sehr wir von unseren Vereinsmitgliedern unterstützt werden. Teilweise werden Beiträge für die Teilnahme an den Nachwuchsgruppen seit über einem Jahr weiterbezahlt, obwohl keine Unterrichte stattfinden dürfen. Hier können wir gar nicht genug danken.
Finanziell sieht unsere Situation auf den ersten Blick eventuell besser aus, als sie es tatsächlich ist. Wir hatten für die Jahre 2020/2021 fünf eigens organisierte Projekte („Bunte Farben – Bunte Lieder“ Konzert mit Chor einer Grundschule, „Atemlos“ Musical mit einer IGS, „Abendmesse“ Konzert mit einem Posaunenchor, „Abend der Genüsse“ Themenkonzert mit Buffet, „Krimi & Shopping“ Themenkonzert) im Kalender stehen. Für diese Projekte wurden die Noten komplett neu arrangiert und umgeschrieben, gemeinsame Probenwochenenden geplant und vieles mehr. Teilweise haben wir dafür bereits Spenden und andere finanzielle Unterstützung erhalten, die Projekte und Proben jedoch noch nicht durchführen dürfen. So sieht es derzeit finanziell noch recht gut aus. Wie sich die Lage jedoch entwickelt, sobald die Projekte dann zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden (und das werden sie!), ist noch unklar. Auf jeden Fall werden wir mit ganz neuen (geringeren!) Zuschauerzahlen, anderen Auftrittsräumen und ggf. kostenintensiven Auflagen rechnen müssen. Derzeit greifen wir diese so entstandenen Reserven noch nicht an, da es sich vor allem um Zweck gebundene Spenden handelt. Dennoch ist es gut zu wissen, dass es einen Puffer gibt und so keine Existenzängste entstehen. Viele andere Kosten sind natürlich durch das Ruhen des Konzertbetriebes auch entfallen. So wurden deutlich weniger Noten eingekauft, es mussten keine Plakate erstellt werden oder Aushilfen engagiert werden und so weiter. Unsere Dirigentin arbeitet ehrenamtlich. Wir haben kein eigenes Vereinsheim. Unsere fixen Kosten wie Versicherungen, Verbandsbeiträge, Gebühren für Homepage und ähnliches konnten so also durch unsere Mitgliedsbeiträge aufgefangen werden.
Für den nun ggf. anstehenden Umbau der Unterrichtsräume konnten im Gegensatz dazu allerdings auch keine Rücklagen gebildet werden, so dass wir hier auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein werden. Die derzeitig vorhandenen finanziellen Mittel, sind zweckgebunden und für die hoffentlich bald umsetzbaren und bereits organisierten Projekte bestimmt.

Martin Dirrigl, Stadtkapelle Rosenheim

Finanziell haben wir eigentlich keine Probleme, da wir durch die fehlenden Proben und Auftritte keine Dirigenten bezahlen müssen, keine Flyer, Plakate und Programmhefte drucken und keine Bühnen mieten. Für uns ist die Aufnahme des Probenbetriebs und eventuelle Standkonzerte am Stadtplatz an oberster Priorität und nicht die mühselige Suche nach Förderanträgen.

Da ich auch in Tirol aktiv musiziere kann ich dir sagen, dass die Situation bei unseren österreichischen Freunden ähnlich ist, nur dass wir bei der Bundesmusikkapelle Zell am Ziller nächste Woche mit den Proben beginnen und ab Juli in die Platzkonzertsaison starten wollen.  Auch letzten Sommer haben wir unter Einhaltung der Abstands- und Sicherheitsregeln von Juli bis September wöchentlich erfolgreich unsere Platzkonzerte praktiziert, so dass ich letztes Jahr 14 wunderbare Konzerte spielen durfte.

Rolf Geisler, Sinfonische Blasorchester Wehdel, „artemosso“ Bremen

In die Wehdeler Finanzen habe ich leider keinen Einblick. Das Bremer Orchester „artemosso“ hat in den letzten Jahren gut gewirtschaftet. Es gibt dort allerdings auch kaum Kosten, weil kein Equipment angeschafft werden muss und natürlich durch die entfallenden Konzerte auch keine Kosten für diese entstehen. Wir können es uns sogar leisten, unseren Dirigenten zu bezahlen und auf den Einzug der Beiträge zu verzichten. Dafür haben einige freiwillig etwas überwiesen.

Norbert Goldhardt, Blasmusikverein Carl Zeiss Jena e. V.

Der Ausfall der Einnahmen konnte in unserem Fall durch Förderprogramme, interne Sparmaßnahmen, öffentliche Zuwendungen und Spenden vollständig kompensiert werden. Das heißt aber auch, ohne die externen Hilfen hätte der Verein entweder seinen Betrieb einstellen müssen oder massiv Zuschüsse seiner Mitglieder benötigt.

Manfred Hirtenlehner, Stadtmusikkapelle Waidhofen an der Ybbs (Österreich)

Klar ist es schwierig. Laufende Kosten bleiben und auch der Ankauf von Instrumenten war im letzten Jahr immer wieder ein Thema. In Österreich wurden Fonds eingerichtet, wo man Ausgleichszahlungen erhalten konnte. Die Anträge waren sehr umfassend, wurden auch eingehend geprüft, meines Wissens aber auch in den meisten Fällen bewilligt. Unsere Haupteinnahmequellen wie etwa unser Volksfest oder unser Jahreskonzert im Herbst fallen fast gänzlich weg. Gewisse Subventionen wurden trotz allem ausbezahlt. Im Großen und Ganzen muss man sagen. Uns geht es gut, wir hatten keine Verluste, und wir konnten durch einiges an Geschick und Glück trotzdem Instrumente ankaufen. Natürlich bleibt abzuwarten, wie sich die Lage jetzt entwickelt. Passen noch alle Uniformen? Wie gut tut es dem Probelokal wenn es ohne “Leben” im Inneren rumsteht… Das lässt sich jetzt noch nicht abschätzen.

Joachim Hofmann, Musikverein Röllbach 1927 e. V.

Die Finanzen sind aktuell nicht das große Problem. Wir haben aktuell relativ überschaubare Ausgaben und wurden/werden sowohl im Jahr 2020, als auch im ersten Halbjahr 2021 durch ein Förderprogramm des Freistaats Bayern unterstützt. Zuletzt haben wir, als Ersatz für unser sonst jährlich an Christi Himmelfahrt stattfindendes „Jugend musiziert“, das sonst in ein eintägiges Fest eingebunden ist, einen „Vatertagslieferservice“ organisiert. Mit dem Gewinn aus dieser Aktion, sowie der bereits zugesagten Förderung, werden wir sicherlich wieder eine Weile über die Runden kommen.

Roland Hürlimann, Musikgesellschaft Walchwil (Schweiz)

Die Schweizer Musikvereine konnten vom Bund und den Kantonen in zweierlei Hinsicht Unterstützung erwarten. Einerseits wurden Ausfallsentschädigungen bis maximal CHF 10‘000 ausbezahlt, z.B. für ausgefallene Konzerte und Projekte, wo bereits Kosten entstanden sind. Andererseits konnte für die Dirigenten Kurzarbeit angemeldet werden. Von beiden Unterstützungsleistungen konnte die Musikgesellschaft Walchwil profitieren und steht daher zumindest aus finanzieller Sicht schadlos da. Hier darf auch auf die gute und schnelle Bearbeitung des Kantons Zug hingewiesen werden, leider lief es, liest man die Fachliteratur, nicht in allen Kantonen gleich effizient und gut ab…

Carsten Klein, MUSAS Musik aus Seevetal

Im Januar 2020 konnten wir durch unser jährliches Neujahrskonzert noch Einnahmen generieren, die uns über das erste Jahr der Pandemie erfolgreich hinweggeholfen haben. Hinzu kam die Aussetzung aller aufschiebbaren Ausgaben, sowie die Beantragung der Corona Hilfen für Vereine. Für 2020 konnten wir daher mit einem zufriedenstellenden Ergebnis das Jahr abschließen. Zugute kam uns auch die grundsätzliche Übernahme der Dirigentenvergütung durch den Mutterverein, der aber auch über die gesamte Zeit den vollen Beitrag in Höhe von 51€ / Quartal pro Erwachsenen eingezogen hat.

Für 2021 sieht die Prognose weniger gut aus, da wir mit Kosten im zweiten Halbjahr bspw. durch Probenwochenende und Marketingkosten rechnen, die wir sonst in der Regel aus den Einnahmen im 1. Halbjahr kompensieren.

Nicole Maack, Sinfonisches Blasorchester „Flutissimo“ Bardowick

Unsere finanzielle Situation ist erträglich, lässt aber keine Sprünge zu. Wir bilden regelmäßig Rücklagen für Konzertreisen oder größere Anschaffungen. Die helfen uns jetzt über die Zeit. Unsere Konzertreise für Pfingsten in diesem Jahr haben wir um ein Jahr verschoben.

Christine Narewski (1. Vorsitzende) und Sophie Plötz (2. Vorsitzende), Blasmusikverein Oranienburg e.V. 

Wenn wir nichts weiter unternehmen, fällt an wesentlichen Kosten nur das Dirigentenhonorar an, welches durch die Mitgliedsbeiträge gedeckt ist. Wir zahlen ansonsten weder Miete noch Gehälter. Die meisten weiteren Kosten entstehen erst mit den Konzerten (Werbung, Miete, Solisten und Aushilfen, Licht- und Tontechniker…).

Die zwei abgesagten Probenwochenenden konnten wir zum Glück kostenfrei stornieren.

Unsere Onlineworkshops im Dezember konnten wir über Fördermittel des Landesblasmusikverbandes finanzieren. Auch waren einige unserer Projekte durch großzügige Einmalspenden gedeckt. Als finanziellen Schaden haben wir lediglich entgangenen Gewinn zu verzeichnen.

Wichtiger als finanzielle Hilfe ist uns, dass sich im Land Brandenburg mit mehr Enthusiasmus für die Laienorchester eingesetzt wird. Die Lobby der Amateurmusikszene ist in anderen Bundesländern deutlich stärker – wo nun auch bereits wieder geprobt werden darf.

Frank Reuber, Klangwerk Morsbach

Die finanzielle Situation ist zunehmend angespannt. Auch wenn sich die Ausgaben in den letzten 14 Monaten aufgrund der Situation reduziert haben, so sind Kosten z.B. für das Probelokal, Versicherungen und Musikprojekte im Nachwuchsbereich geblieben. Ob wir zusätzliche finanzielle Hilfen benötigen werden, hängt natürlich maßgeblich davon ab, wie zeitnah der „normale“ Probebetrieb und folgend die Annahme und Durchführung von Auftritten wieder möglich sein werden.

Christian Schärer, Symphonisches Blasorchester Kreuzlingen (Schweiz)

Das Orchester stand beim ersten Lockdown eine Woche vor unserer Konzertreihe „Symphonia Classic“ mit drei Konzerten im ganzen Kanton Thurgau. Die Vereinsleitung unternimmt seit diesem Moment alles, um die Kosten, bei Konzert- und Auftrittsausfällen, möglichst gering zu halten. Die Maßnahmen des schweizerischen Bundes gemeinsam mit dem schweizerischen Blasmusikverband haben die Möglichkeiten geschaffen, Ausfallsentschädigungen zu beantragen. Der Aufwand ist groß, solch ein Dossier zu erstellen, jedoch wurde letztes Jahr unser Antrag bewilligt und einige Kosten zurückerstattet. Ebenfalls waren Stiftungen, Sponsoren, die öffentliche Hand und Gönner sehr solidarisch und kulant und haben uns für letztes Jahr die gesprochenen Beiträge trotz allem überwiesen. Durch die aktuelle Solidarität ist die aktuelle Situation noch zu meistern. Jedoch haben wir Bedenken vor der Zukunft, wenn Sponsoren und Stiftungen aus wirtschaftlichen Gründen ausbleiben sollten, da diese selbst in schwierigen finanziellen Situationen sein könnten. Hier könnten alle Vereine auf die Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen sein.

Daniela Schliebs, Musikverein Kyllburg

Wir hatten tatsächlich Glück und konnten im Januar 2020 noch unser Jahreskonzert mit einem wirklich sehr guten finanziellen Erfolg abschließen. Wir veranstalten in diesem Zusammenhang immer eine Tombola, welche einen großen Anteil am Gewinn hat. Außerdem haben wir erstmals „Wertkarten“ verwendet. Zur Erläuterung: Wir machen zum Jahreskonzert kein klassisches Stuhlkonzert mit Eintritt, sondern eine Veranstaltung mit Tischen, Stühlen und Getränkeausschank sowie der erwähnten Tombola.

Außerdem haben wir durch die Sammlung der Mitgliedsbeiträge 2020, welche wir durch ein persönliches Anschreiben mit der Beigabe eines Überweisungsträgers (und eines kleinen Päckchen Gummibärchen) gestaltet haben, nicht nur die jährlichen Beiträge, sondern auch einen großen Batzen an Spenden erhalten.

Wir haben die letzten Jahre auf unsere Uniformen hin gespart und da die Ausgaben auch gering waren, stehen wir finanziell noch ganz gut da.

Die aktuell noch hohen Rücklagen werden sich aber dieses Jahr durch die bereits mehrfach erwähnte Anschaffung der Uniformen rapide reduzieren.

Die Organisation unseres Jubiläumsjahres ist also dann (leider) auch eine finanzielle Herausforderung. Wir können bspw. nicht mal eben so ein Zelt mieten oder namhafte „Bands“ einladen, sondern werden das Ganze in einem anderen – noch offenen – geringeren finanziellen Rahmen gestalten.

Finanzielle Hilfe haben wir – bis auf diverse Spenden – bisher nicht erhalten und möchten diese auch in der Zukunft erst mal nicht in Anspruch nehmen.

Daniel Seemann, Musikverein Westerstetten e.V.

Die Vorstandschaft hat sich am Anfang der Pandemie natürlich Sorgen um die finanzielle Situation gemacht. Es wurde eine Übersicht erstellt mit einer Prognose. Diese wäre ohne fremde Hilfe nicht zu stemmen gewesen. Durch unseren Einfallsreichtum und die Unterstützung der Bewohner in unserer Gemeinde konnten wir durch unsere „Essen-to-go“- Aktionen gutes Geld verdienen, welches wir auch dringend benötigt haben. Auch durch

Zuschüsse von Seiten der Gemeinde und des Verbandes konnten einige Kosten gedeckt werden.
Durch Arbeitseinsätze bei einem örtlichen Unternehmen konnten wir ebenfalls unser Konto aufbessern. Ein großer Dank gilt natürlich auch unseren Sponsoren und Gönnern, die uns wie selbstverständlich unter die Arme gegriffen haben. Auch Anschaffungen wurden erstmals auf unbestimmte Zeit verschoben, um so Geld zu sparen.

Eins hat sich aber auch in solchen schwierigen Zeiten gezeigt, dass sehr viele zu uns stehen und uns helfen. Ein großer und wichtiger Punkt und kein selbstverständlicher, ist, dass unsere beiden Dirigenten auch auf einen Teil Ihres Gehalts verzichtet haben, obwohl sie genau so viel arbeiten und leiten wie vorher. Sie planen schon die nächsten Konzerte und Events und schlagen sich die Nächte um die Ohren um die Videos zu bearbeiten und zu schneiden. Das zeigt die tiefe Verbundenheit zu uns und so was wissen wir alle sehr zu schätzen. Jeder für jeden und alle für alle!

Durch diese ganzen Maßnahmen sind wir finanziell sehr gut aufgestellt, müssen aber natürlich in diesem Jahr genau so weitermachen, denn Einnahmen über Auftritte und große Eigenfeste werden auch dieses Jahr ausbleiben. Wir sind unheimlich stolz auf das, was wir bis jetzt geleistet haben und das Lob und die Anerkennung bekommen wir tagtäglich durch die Gemeinde oder auf einer anderen Art wieder zurück.

Ein herzliches Dankeschön an Sandra Behrens, Martin Dirrigl, Rolf Geisler, Norbert Goldhardt, Manfred Hirtenlehner, Joachim Hofmann, Roland Hürlimann, Carsten Klein, Nicole Maack, Sophie Plötz & Christine Narewski, Frank Reuber, Christian Schärer, Daniela Schliebs und Daniel Seemann für ihre Beiträge!

Insgesamt drei Fragen habe ich an diese Vereinsverantwortlichen gestellt. Hier die Serie mit den Antworten im Überblick:

Zur momentanen Situation der Musikvereine
Abmeldewelle im Musikverein nach Corona?
Zur finanziellen Lage der Musikvereine nach Corona

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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