Programmauswahl: Welche Werke kommen (nicht) an?
Round-Up zum Thema Programmauswahl – künstlerische Vision oder pragmatischer Kompromiss?
Die Programmauswahl ist ein Drahtseilakt zwischen musikalischem Anspruch, Spielbarkeit für das Orchester und Publikumserwartung. Viele Dirigent:innen kämpfen hier mit sich – und manchmal auch mit Vereinsvorständen und den Musiker:innen. In diesem Round-Up beantworten die sechs Dirigenten Gauthier Dupertuis, Timo Kächele, Jürgen Kunkel, Bernhard Schlögl, David Schöpf und Stephan Wehrle jeweils vier Fragen zum Thema Programmauswahl – künstlerische Vision oder pragmatischer Kompromiss.
In diesem zweiten Beitrag beantworten die sechs Dirigenten ganz konkret folgende Frage:
Gibt es Werke, die Dein Orchester nur widerwillig „angenommen“ hat, letztendlich jedoch beim Publikum richtig gut ankamen? Wenn ja, welche?
Gauthier Dupertuis

Gauthier Dupertuis dirigiert die Brass Band La Lyre de Conthey (1. Klasse), das Harmonieorchester Echo du Trient de Vernayaz (2. Klasse) und das O.V.N.I. – Orchestre à Vent Non Identifé (Höchstklasse).
Ich erinnere mich, dass es mir sehr schwerfiel, meiner Brass Band ein Arrangement von Béla Bartóks „Rumänischen Volkstänzen” zu verkaufen. Dieses Werk, das aus sechs sehr kurzen und kontrastreichen Tänzen besteht, schien mit meinen Musikerinnen und Musikern keine Einheit zu bilden. Zudem entsprach die musikalische Sprache nicht der konventionellen Kompositionsweise für Brass Band. Eine meiner Musikerinnen hatte mir sogar versprochen, ihre Noten dieses Stücks zum Anzünden ihres Ofens zu verwenden, sobald sich die Gelegenheit dazu bieten würde.
Nach dem Weihnachtskonzert, bei dem wir das Stück aufführten, sprachen jedoch alle nur noch davon – und zwar in den höchsten Tönen. Außerdem wusste ich nicht, dass drei Personen aus Rumänien im Saal waren. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie sehr dieses Werk dem rumänischen Volk am Herzen liegt. Da wir die Stücke nicht im Voraus angekündigt hatten, waren diese Personen sehr überrascht und bewegt. Sie kamen mit Tränen in den Augen zu mir, um sich zu bedanken. Das hat mich sehr berührt!
Timo Kächele

Timo Kächele dirigiert die Stadtkapelle Sindelfingen und ist Posaunist beim Landespolizeiorchester Baden-Württemberg
Es ist doch eigentlich immer das Gleiche. Man hat mühsam ein Programm erarbeitet und es dann zur Aufführung gebracht. Obwohl der Eine oder Andere am Anfang skeptisch war, hat sich der große Aufwand gelohnt und beim Konzert haben alle ihr Bestes gegeben und bei der Nachfeier waren alle stolz und glücklich.
Nun steht ein neues Programm an, es gibt neue Stücke und beim ersten Durchspielen klingt alles ganz schrecklich und keiner kann sich vorstellen, dass sich die Mühe erneut lohnen wird und das „neue“ Programm auch nur ansatzweise so gut wird wie das alte.
Wie man damit umgeht wird ja in der nächsten Frage erörtert.
Meiner Erfahrung nach hat das Publikum oft ein feines Gespür dafür, ob ein Werk wirklich ernsthaft erarbeitet wurde und ob das Orchester auch dahinter steht. Das muss der Dirigent natürlich vorher regeln. Bei schwierigen Werken ist eine Werkeinführung äußerst zu empfehlen. Ein wenig humorvoll verpackt kann man oft viel ans Publikum verkaufen. Je diffiziler und weiter entfernt von den erlernten Hörgewohnheiten das Werk ist, löst es tiefliegende Emotionen aus. Diese Emotionen kann man besser einordnen, wenn ein Bezug zum Stück hergestellt wird.
Besonders in den Originalkompositionen der symphonischen Blasmusik ist das wichtig, da sie fast ausschließlich Programmmusik sind. Das Vorbild sind oft symphonische Dichtungen wie zum Beispiel von Richard Strauss.
Ich habe als Kind eine Schallplatte bekommen mit „Till Eulenspiegels lustige Streiche“. Gerd Albrecht erklärte jede Phrase und Klangfarbe ganz fantastisch. Auf der B-Seite wurde das Werk dann durchgespielt. Ich liebe das Stück bis zum heutigen Tag besonders und kann mir kaum vorstellen, dass jemand der dieses Werk einfach nur im Konzert hört, so viele Emotionen aufbauen kann. Aber, er kann die andere Ebene, zum Beispiel eine hervorragend gespielte Version und ein brennendes Orchester, wahrnehmen und schätzen.
Jürgen Kunkel
Jürgen Kunkel ist Dirigent der Blaskapelle Ebenhausen

Widerwillig angenommen werden oft die langsamen, ruhigen Stücke. Wenn dann jeder weiß, was in dem Stück los ist und die Musiker(innen) nicht mehr am Notenblatt kleben, erlebe ich als Dirigent oftmals auch “Aha-Effekte”.
In Stücken:
The Sound of Silence – James L. Hosay (obwohl bekannte Melodie)
As the Moon wisphers – Bemjamin Yeo – man hätte noch drei Sekunden später eine Stecknadel fallen hören.
Bernhard Schlögl

Bernhard Schlögl ist Dirigent des Sinfonischen Blasorchesters Tirol und ist künstlerischer Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte
Absolut, es gibt Werke, die mein Orchester nur widerwillig „angenommen“ hat, letztendlich jedoch beim Publikum richtig gut ankamen. Spontan denke ich an ein Pflichtstück der Stufe D (Oberstufe) beim Landeswertungsspiel 2015, das ich mit einem früheren Musikverein erarbeitet habe: Hunted Killer von Peter Engl – ein kaum bekanntes, aber äußerst spannendes Werk eines Tiroler Komponisten.
Dass sich in dieser Stufe (Modus „Konzertante Musik“) damals nur zwei Orchester anmeldeten, was definitiv am Pflichtstück lag, spricht für sich.
Die Kurzbeschreibung des Komponisten lautet:
„Halb im Fieber, halb im Rausch – lauf und spüre den Feind im Nacken. Nur ein Atemzug, der dir die Stille gibt, die nicht lange währt. Sie lassen nicht los, denn sie riechen deinen Drang nach mehr. Traue niemanden – Verrat auf jedem Schritt.
Doch nicht mich, lieber brenne ich!!!“
Es wäre gelogen zu behaupten, dass dieses Werk nicht auf massiven Widerstand gestoßen wäre – sowohl im Verein als auch bei Konzertgästen, die das Stück vorab hörten. Und dennoch ist es mir gelungen, vermutlich durch meine eigene Begeisterung und hartnäckige Arbeit, das Orchester nach und nach dafür zu gewinnen.
Heute, viele Jahre später, sprechen sie noch immer über dieses Stück – nicht über Armenische Tänze oder die Herr der Ringe Symphonie – und lachen über ihre anfängliche Skepsis.
Aktuelle Erfahrungen
Ganz aktuell bereite ich mich auf ein Gastdirigat mit einer Fusion zweier Orchester und über 90 Musikerinnen und Musikern vor. Am Programm steht unter anderem Testament von David Maslanka.
Auch hier höre ich bereits große Skepsis, vereinzelt sogar Ablehnung – obwohl die Proben noch nicht einmal begonnen haben. Ein Bericht nach dem Konzert wäre spannend. Ich würde jede Wette eingehen, dass die Begeisterung am Ende auf und abseits der Bühne groß sein wird. Und falls nicht: Auch das ist legitim. Das Thema hatten wir bereits.
David Schöpf
David Schöpf dirigiert die Stadtkapelle Illertissen, die Musikkapelle Opfenbach, den Musikverein Lamerdingen, den Musikverein Mattsies sowie die Bezirksjugendblasorchester ASM Bezirk 5 Kaufbeuren und ASM Bezirk 7 Lindau. Außerdem die Schwäbische Jugend Brass Band.
Da gibt es immer wieder Stücke, doch die zwei Stücke, die am meisten dabei herausgestochen sind, waren einmal Cobra von Jan Bosveld und Praise Jerusalem! von Alfred Reed.
Das Stück Cobra war das erste Stück in einem etwas anderen Klangidiom, das ich in einem doch sehr ländlich geprägten Blasorchester gemacht habe, um dieses Orchester auch an diese Art von Musik hinzuführen. Am schwierigsten war es für die Musiker den Zugang zur Musik zu finden und die doch abstrakten Bilder in Klang zu verwandeln. Auch die ein oder andere rhythmische Passage ist für die Musiker:innen anfangs schwierig gewesen da das Werk so offen und durchsichtig komponiert wurde, dass sich niemand verstecken kann. Im Konzert und dann auch im Wettbewerb haben die Musiker:innen es wunderbar gemeistert und ich wurde danach fast nur auf dieses Werk angesprochen.
Das Stück Praise Jerusalem! habe ich erst dieses Jahr mit der Stadtkapelle Illertissen aufgeführt und war natürlich aus anderen Gründen ein Stück, das nur widerwillig „angenommen“ wurde, denn das Werk ist technisch anspruchsvoll, jede Zeile der Musik strebt nach Phrasierung, die Balancen zwischen Holz, Blech und Schlagwerk müssen immer beachtet werden und jede:r Einzelne ist gefordert. Von der Soloflöte bis hin zur 3. Klarinette im Tutti. Vom Idiom war das Orchester schon diese Musik gewöhnt, wurde aber zum ersten Mal so richtig aus der Komfortzone gelockt. Das stößt immer – wie der Mensch so ist – auf Widerstand. Da wurde schon das ein oder andere Mal im Hintergrund gemurrt. Hier helfen dann aber die Satzführer, denen ich das Werk vorgeschlagen habe und abgestimmt wurde, dass es doch machbar sei. Im Konzert war dann das Publikum unfassbar begeistert, obwohl es auch die 16 Minuten durchgehende Musik nicht so gewohnt war.
Stephan Wehrle

Stephan Wehrle dirigiert den Musikverein Siegelau
Hier beobachte ich immer wieder, dass es stark davon abhängt, wie man das Werk ankündigt – sowohl dem Orchester vor dem Anspielen als auch dem Konzertpublikum in der Moderation. Glücklicherweise sind meine Musikerinnen und Musiker in Siegelau inzwischen recht leidensfähig und in der Regel auch schnell mit dabei, wenn ich ein Wagnis eingehe, solange ich insbesondere bei Programmmusik den Inhalt sowie Sinn und Zweck erkläre. Es hängt auch stark davon ab, wie die Lernkurve bzw. der Fortschritt verläuft: wenn es mehrere Proben braucht, bis das große Ganze überhaupt erkennbar wird, kann das die Akzeptanz ziemlich trüben. Wenn es hingegen vergleichsweise früh schon gut klingt, das Werk aber dennoch nicht gefällt, braucht es viel Motivation, dass die Details noch mit dem nötigen Elan ausgearbeitet werden.
Von echtem Widerwillen oder gar Verweigerung bin ich bislang verschont geblieben. Spannend waren die Rückmeldung zu Introduction, Dance and Finale Magic Child von Thomas Trachsel, bei dem mir anschließend mehrere Musiker berichteten, dass ihnen über das Konzert hinaus der Zugang zum Stück fehlte, obwohl wir es letztlich ganz ordentlich über die Bühne brachten. Vom Publikum erhielt ich jedoch eher eine positive Resonanz. Ähnlich verlief es mit dem SABIC Symphonic March von Bert Appermont.
Das prägendste Beispiel war sicherlich Crossbreed – A Musical Crossover for Wind Orchestra von Thiemo Kraas. Ein Musiker empfand die Verarbeitung von Segne du Maria darin als Verunglimpfung und tat sich mit der Idee schwer, ein Kirchenlied in einem solchen Kontext wiederzufinden. Ich habe versucht, den meiner Ansicht nach sehr gelungenen und respektvollen Ansatz des Komponisten – nämlich den musikalischen Ausflug von einem andächtigen Kirchenlied zur energiegeladenen Balkan-Musik und wieder zurück zu unternehmen – zu vermitteln. In diesem Fall blieb die Überzeugung jedoch aus, der Musiker entschied sich, die Konzertphase auszusetzen. Ich hatte zunächst Bedenken, dass seine Haltung auch andere verunsichern könnte, doch dem war nicht so. Das Stück deshalb aus dem Programm zu nehmen, war für mich keine Option, zumal es aufgrund der guten Ansage letztlich auch vom Publikum wohlwollend angenommen wurde.
Übersicht über die Round-Up-Serie:
Teil 1: Programmauswahl: Musikalische Entwicklung oder Publikumswirksamkeit?
Teil 2: Programmauswahl: Welche Werke kommen (nicht) an?
Teil 3: Programmauswahl: Was tun bei Widerstand von den Musiker:innen?
Teil 4: Programmauswahl: Mutige Konzertprogramme




