„Stille, Skulpturen“ – Projekt der Stadtkapelle Lahr e.V. mit Neuer Musik

Wenn die Flöte und ein Eierschneider in die Musikertasche gepackt werden.

Ein Gastbeitrag von Marion Haid, Vorständin für Öffentlichkeitsarbeit in der Stadtkapelle Lahr

In der Reihe “Das besondere Konzert” werden auf dem Blasmusikblog.com Konzerte mit speziellen, innovativen, originellen und kreativen Programmen vorgestellt. Sie sollen einerseits inspirieren und andererseits Mut machen, in der Konzertprogrammgestaltung “ausgetretene Wege” zu verlassen.

Skeptisch steht die Flötistin in ihrer heimischen Küche, greift nach Kochtöpfen, raschelt mit Papiertüten, streicht nachdenklich über die Drähte des Eierschneiders und überlegt, was der Dirigent der Stadtkapelle Lahr, Nicholas Reed, gemeint haben könnte, dass jeder Musiker „klangvolle Gebrauchsgegenstände“ zu nächsten Probe mitbringen soll.

Stadtkapelle Lahr Ungewöhnliche Utensilien
Ungewöhnliche Utensilien für ein ungewöhnliches Konzert

Ein Projekt mit neuer Musik und die Zusammenarbeit mit dem Profiensemble „Ensemble Aventure“ standen auf dem Plan. Doch richtig etwas darunter vorstellen, das konnte sich die Flötistin und einige ihrer Musikerkollegen (noch) nicht. Doch sie haben sich alle gemeinsam darauf eingelassen und heraus kam ein Projekt, das die Musiker in ganz neue Welten führte und nachhaltig die Stadtkapelle Lahr als innovatives Ensemble prägen wird.

Noch bevor Corona zuschlug, hat die Stadtkapelle Lahr den überdachten Innenhof des Lahrer Max-Planck-Gymnasiums reserviert, um dort mit „Ensemble Aventure“ gemeinsam mit den Zuhörern auf eine spannende und experimentelle Reise in die „Neue Musik“ zu gehen.

Für die Stadtkapelle, die sich mit ihren über 70 Musikern im Schwerpunkt der sinfonischen Blasmusik verschreibt, war es ein Experiment. – aber ein sehr spannendes und letztlich ein sehr erfolgreiches.

„Es passiert schnell, bei Laien aber auch bei Profimusikern, dass man nur noch auf einer Schiene fährt. Aber jeder Musiker sollte auch immer mal über den eigenen Horizont hinausschauen, sich musikalisch und als Mensch weiterentwickeln“, betont Nicholas Reed, Leiter der Stadtkapelle und Profischlagzeuger des Ensembles Aventure und somit Kenner zweier verschiedener musikalischen Welten.

Ausgewählt für eine Auftragskomposition

Initiiert wurde diese außergewöhnliche musikalische Begegnung durch den ad libitum Kompositionswettbewerb der Winfried Böhler Kultur Stiftung und das Netzwerk Neue Musik Baden-Württemberg e.V. Die als Tandem angetretenen Stadtkapelle Lahr e.V. und das Ensemble Aventure wurden unter vielen Bewerbern ausgewählt, das von Adrian Nagel für die beiden Klangkörper komponierte Werk „Ausstellung II“ uraufzuführen.

Stadtkapelle Lahr Nicholas Reed in Aktion
Nicholas Reed in Aktion

Nach dem Gewinn dieser Auftragskomposition hatte Dirigent Nicholas Reed die Idee um die Auftragskomposition ein Sonderkonzert mit dieser Thematik zu gestalten. Auf dem Programm in Lahr standen: „Pageant“ von Vincent Persicetti, „Ausstellung II“ von Adrian Nagel (Uraufführung), „Sculptures Musical“ von John Cage, „Silence my Soul“ von Francisco F. Feliciano sowie „Irdische Tänze“ von Gelead Mishory. Das für das Konzert gestaltete ausführliche Programmheft mit erläuternden Werkkommentaren hat den Zuhörern den Zugang zu den unterschiedlichen Stücken erleichtert. (siehe Link zum Programmheft am Ende des Berichts).

Die online-akademie für die Blasorchester-Szene Ladderboard

Dabei hatten die „stillen Skulpturen“ keine Bühne im klassischen Sinne, sondern Musiker und Publikum sowie Bühne und Zuhörerbereich zerschmolzen zu einem großen Ganzen.

Stadtkapelle Lahr Musizieren auf Augenhöhe
Musizieren auf Augenhöhe: Die Musiker von Ensemble Aventure und die Stadtkapelle Lahr vermischen sich

Neben dem Sonderkonzert in Lahr haben die beiden Ensembles das Werk von Adrian Nagel bei dem international renommierten Neue Musik – Festival ECLAT Anfang Februar im Theaterhaus Stuttgart präsentiert.

Den Raum und den Klang intensiv nutzen – Stille aushalten!

Während die mittleren drei Konzertwerke von der Stadtkapelle und Ensemble Aventure gemeinsam gestaltet wurden, waren sowohl Persichettis „Pageant“ und Mishorys „Irdische Tänze“ die verbindende Klammer aus dem Repertoire der beiden Musikwelten.

Die Uraufführung „Ausstellung II“ begann wie ein Actionfilm oder ein Banküberfall mit einem Uhrenabgleich. Das Werk ist eine Komposition für neun Gruppen à fünf bis acht Bläser, bei dem sich die Gruppen weitläufig im ganzen Raum verteilen. Durch den Abgleich der Stoppuhren zu Beginn wird das Spiel der neun Gruppen synchronisiert.

Stadtkapelle Lahr Neue Musik bedeutet
Neue Musik bedeutet auch graphische Notation. Im Werk von Adrian Nagel spielt die Stoppuhr eine wichtige Rolle.

Wie in einer Kunstausstellung waren die sehr zahlreichen Zuhörer aufgefordert, zwischen den Ensembles umherzugehen, sogar einen Blick in die Noten zu werfen und das Werk aus verschiedenen „Hör-Richtungen“ wirken zu lassen.

„Damit möchte ich die Sozialform des Zuhörens in Frage stellen“, erklärte der Komponist zu Beginn des Konzertes. Auch das Aushalten von Stille als individuelles Erlebnis, die Einbeziehung von Raum und Klang sowie die Aufmerksamkeit für feine Nuancen waren Nagel in seiner Komposition ein zentrales Anliegen.

Stadtmusik Lahr Komponist Adrian Nagel
Komponist Adrian Nagel erläutert dem Publikum seine Auftragskomposition.

Für die Stadtkapelle war es erstaunlich, wie vorbehaltlos sich fast alle Zuhörer auf diese Konzept einlassen konnten.

John Cage darf nicht fehlen!

Die „Sculptures Musicales“ des amerikanischen Altmeisters John Cage schloss sich thematisch an die räumliche Konzertkonzeption in idealer Weise an. Neben Instrumenten wurden hier auch Alltagsgegenstände zur Klangerzeugung genutzt und so wechselte die Flötistin von ihrem bisherigen Instrument zur ungewöhnlichen Klangerzeugung des Eierschneiders. Elektrische Werkzeuge und die verschiedenartigsten Gegenstände, die eigentlich auf eine Baustelle statt in ein Konzert gehören, waren Teil der Installation.

Nicholas Reed hatte die schwierige Aufgabe, das Ganze zu koordinieren und, in der Bildsprache Cages formuliert, einzelne scharfkantige Skulpturen einer Ausstellung daraus zu machen. Die Reihenfolge, wann welche Gruppe wo im Raum mit verschiedenen Instrumenten spielte, hatte das Los vorher festgelegt; genauso wie die Pausen – Stille –  dazwischen.

„Hart angeschnitten werden die Klangsäulen bei Cage ebenso plötzlich wieder ausgeschaltet und münden in eine musikalisch erfüllte Stille, in der ihr Klang nachzittert“, verdeutlicht es Wolfgang Rüdiger (Fagott), Leiter des Ensemble Aventure.

Wolfgang Rüdiger
Wolfgang Rüdiger, Leiter des Ensemble Aventure, bezieht das Pubiikum mit ein.

In der Konzeption noch offener, dafür aber wieder mit den gewohnten Blasinstrumenten und durchaus in harmonischen Gewand, folgte die Improvisationsvorlage „Silence my Soul“. Ein eher meditatives Stück, in dem die Zuhörer in direkter Ansprache einbezogen wurden.

Ein fulminanter Abschluss waren dann die „Irdischen Tänze“ des Komponisten Gilead Mishory, der extra zum Konzert angereist war. Das Ensemble Aventure zeigte hier, wo klassische Musik Grenzen der Harmonie und Melodik überschreiten kann und darf. Den solistischen Höhenflügen der Profisolisten folgten treibende Tutti-Rhythmen und archaische Klänge.

Und die Zuhörer?

Die Erwartungen der Stadtkapelle Lahr für ein derartiges Konzert im ländlichen Lahr waren nicht sonderlich hoch. Umso erstaunter waren die Verantwortlichen, wie viele Interessierte sich auf das Experiment einlassen wollten, so dass sogar noch Stühle nachgeholt werden mussten. Die Musiker sahen Gesichter, die sie noch nie bei einem Stadtkapellen-Konzert gesehen hatte. Andererseits waren die die “üblichen“ Konzertzuhörer erstaunt und überrascht, in welcher Weise „ihre Stadtkapelle“ Musik in einer ganz anderen Richtung präsentieren konnte.

Stadtkapelle Lahr Applaus
Applaus für das Projekt vom Publikum im Theaterhaus Stuttgart.

Und was sagen die Musikerinnen und Musiker?

Für die meisten Musiker der Stadtkapelle Lahr war dies eine ganz neue musikalische Erfahrung. Das Projekt war für viele eine große Unbekannte, die meisten hatten bisher lediglich einen geringen Bezug zur neuen Musik. Doch hat sich die große Mehrheit der Musikerinnen und Musiker (das Projekt war ein freiwilliges Zusatzangebot) vorbehaltlos darauf eingelassen, anfängliche Skepsis abgelegt und ist tief in die Welt der neuen Musik eingetaucht. Mit großem Spaß aber auch professioneller Ernsthaftigkeit wurden die Proben begangen und die Profimusiker des Ensembles Aventure schmolzen immer mehr mit dem Laienorchester zu einem großen Ganzen zusammen.

„Normalerweise hat man sein Instrument und seine Noten und die werden „abgearbeitet“. Nun musste man wirklich jede Note erarbeiten. Was meint der Komponist an dieser Stelle? Wie soll diese Passage gespielt werden?“, beschreibt Hornist Steffen Moser die ungewöhnliche Probenarbeit.

Stadtkapelle Lahr Beim Workshoptag
Beim Workshoptag mit dem Ensemble Aventure ist Gruppenarbeit angesagt.

Bei allen Proben selbst war auch der Komponist Adrian Nagel anwesend, um sein Werk näher zu bringen. Auch das war sehr hilfreich.

Und welches Fazit ziehen das Orchester und der Verein?

Schon die Workshop-Phase war ein Höhepunkt für sich. Wobei hier vor allem Wolfgang Rüdiger mit seiner mitreisenden Begeisterungsfähigkeit und seinem Enthusiasmus für diese Art von Musik ein Erfolgsgarant war. Einmalig war für die Laien-Musiker auch der Prozess des Kennenlernens dieser neuen Art, sich musikalisch auszudrücken und für ganz viele waren die herzlichen Begegnungen mit den Profis von Ensemble Aventure und die Arbeit auf Augenhöhe ein nachhaltiger menschlicher wie musikalischer Gewinn.

Für alle war es im Übrigen eine besondere Erfahrung ein komplettes Konzert im Stehen zu spielen, teilweise umher zu wandeln, und einen ganzen Konzertraum in seiner Größe permanent auszunutzen und zu bespielen. Der anfänglichen Unsicherheit in den ersten Proben folgte recht bald die nötige Souveränität.

Gewinnbringend an sich waren auch die entsprechenden Diskussionen und positiven Prozesse unter den Musikern, von der ersten Ankündigung und ersten theoretischen Einführungen durch den Dirigenten bis zum Konzertende und den tollen Rückmeldungen der Zuhörer.

Ein besonderes Highlight war auch der später folgende Tag im Theaterhaus Stuttgart bei der Eröffnung des ECLAT-Festivals. Angefangen von der besonderen Atmosphäre eines großen Theaterhauses, einem eingefleischten Publikum aus der Region Stuttgart, TV-Berichte in SWR 2, einer geselligen Busfahrt und vielen Eindrücke von den anderen Konzertbeiträgen an diesem Abend. Nebenbei sei verraten: Die Lahrer haben noch viel „schrägere“ Beiträge gesehen und gehört als ihren!

Das ganze Projekt war begleitet durch ein außergewöhnlich großes und positives Echo in der Presse; und dies nicht nur lokal, sondern auch überregional. Und eine letzte Erkenntnis: Für eine andere Art von Musik gibt es teils auch andere Fördertöpfe und Finanzierungsmöglichkeiten wie in der üblichen Blasmusikschiene.

Fazit: Die Begeisterung und Unvoreingenommenheit der Laien der Stadtkapelle Lahr hat es ermöglicht, bekannte Pfade zu verlassen und einmal zusammen mit Profis über den Tellerrand hinauszuschauen. Viele Musiker zeigten sich begeistert von dem Projekt und auch von dem Auftritt bei dem Eclat-Festival, auch wenn vielleicht der ein oder andere für sich das Fazit zog, doch lieber wieder nach den schwarzen auskomponierten Punkten auf einem weißen Blatt Papier spielen zu wollen.

„Das ist schon ein sehr spannender Prozess, den wir das als Instrumentalisten durchlebt haben“, betont Michael Moser, Vorstand Musik der Stadtkapelle Lahr.

Doch die Neugierde und die Spielfreude gemeinsam etwas Neues zu erleben sind ein extra Punkt, die das Projekt zu etwas Besonderem machten. Das wird noch lange in dem Orchester nachhallen. Und der Eierschneider steht jetzt erst mal wieder an seinem Platz im Küchenschrank. Doch zaubert er jetzt der Flötistin bei jedem Öffnen der Schranktür ein kleines Lächeln ins Gesicht.  

Autorin: Marion Haid (Querflöte)
©Fotos: Tobias Fiedler

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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