Der Verhaltenskodex der Samurai und wie er uns in den Musikvereinen hilft

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Verhaltenskodex der Samurai? Wir sind Musiker, keine japanischen Kämpfer. Naja. Manche von uns kämpfen um den Fortbestand des Musikvereins. Oder um den Ausbau und die Festigung der Besetzung. Oder um den Zusammenhalt zwischen den Musikern. Oder gegen die große Konkurrenz, denen unsere jungen MusikerInnen in Ausbildung in den Gemeinden ausgesetzt sind. Alles gewaltfrei versteht sich. Aber wie ein Kampf fühlt es sich von Zeit zu Zeit schon an. Und manchmal fühlen wir uns wie Don Quijote. Oder wie Sisyphos.

Menschen unter Euch, die asiatische Kampfsportarten neben dem Musizieren in ihrer Freizeit ausüben, kennen vermutlich „Die sieben Tugenden der Samurai“ – wie der Verhaltenskondex auch genannt wird. Ich hatte keine Ahnung davon. Bis mir das Werk The Life of a Samurai – The Japanese Spirit of Toshizou Hijkata von Satoshi Yagisawa begegnete. Ich habe es gehört, fand es sehr interessant und wollte natürlich die Hintergründe wissen. Satoshi gehört zu den japanischen Komponisten, die nicht oft japanische Themen und Klänge in ihren Kompositionen aufnehmen, sondern sich eher an Europa orientieren. Um so überraschender war dieses Werk für mich.

In The Life of a Samurai von Satoshi Yagisawa geht es um den Samurai-Krieger Toshizou Hijkata. Er lebte von 1835 – 1869. Hijkata war – wenn ich seine Kurzbiografie auf Wikipedia richtig interpretiere – kein sehr freundlicher, sanfter Mensch. Eher das Gegenteil war der Fall. Aber das mögen Japaner anders einschätzen. Japaner werden auch heute noch mit diesem Krieger konfrontiert: Er taucht in Mangas bzw. Animes mit erfundenen Science-Fiction-Geschichten auf. Egal wie gewalttätig oder durchgreifend dieser stellvertretende Kommandeur der Shinsengumi (einer damaligen Polizeieinheit in der Kaiserstadt Kyoto) war, er lebte und agierte dennoch nach besagtem Verhaltenskodex der Samurai, wie er mündlich überliefert wurde. Einige Jahre nach dem gewalttätigen Tod von Toshizou Hijkata, im Jahr 1899, wurde der Verhaltenskodex von Inazo Nitobe aufgeschrieben und in englischer Sprache im Buch Bushido – The Soul of Japan veröffentlicht. Bushido bedeutet übersetzt „Weg (do) des Kriegers (bushi)”. Die Grundzüge des Verhaltenskodex, erweitert um die Philosophie des japanischen Militäradels stammen aus dem späten japanischen Mittelalter. Sie wurden dem Shinto, Buddhismus und Konfuzianismus entlehnt. Um Inazo Nitobe zu zitieren:

„Bushido ist also der Kodex jener moralischen Grundsätze, welche die Ritter beachten sollten. Es ist kein in erster Linie schriftlich fixierter Kodex; er besteht aus Grundzügen, die mündlich überliefert wurden und nur zuweilen aus der Feder wohlbekannter Ritter oder Gelehrter flossen. Es ist ein Kodex, der wahrhafte Taten Heilig spricht, ein Gesetz, das im Herzen geschrieben steht. Bushido gründet sich nicht auf die schöpferische Tätigkeit eines fähigen Gehirns oder auf das Leben einer berühmten Person. Es ist vielmehr das Produkt organischen Wachsens in Jahrhunderten militärischer Entwicklung.“

Inazo Nitobe in Bushido – The Soul of Japan

Und um den Bogen hier wieder zu bekommen: heutige Kampfsport-Clubs, die hauptsächlich asiatische Kampfsportarten anbieten, berufen sich in ihren Leitbildern und ihrem Verhalten auf eben diese Tugenden.

All diese Informationen habe ich auf verschiedenen Wikipedia und anderen Internet-Seiten gefunden.

Was sind denn nun genau diese sieben Tugenden, denen sich die Samurai-Krieger wie selbstverständlich verpflichtet sehen? Und wie, um alles in der Welt, helfen sie uns in unseren Musikvereinen?

Die sieben Tugenden der Samurai

  1. Gi: Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Rechtlichkeit
  2. Yu: Mut und Tapferkeit
  3. Jin: Menschlichkeit, Güte und Mitgefühl
  4. Rei: Einhaltung der Etikette, Höflichkeit
  5. Makoto oder Shin: Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Unverfälschtheit
  6. Meiyo: Ehre, Ehrbewusstsein
  7. Chügi, auch Chu: Loyalität, Pflichtbewusstsein, Treue

Im Nachfolgenden löse ich mich von allen Bedeutungen und historischen Hintergründen, die diese Tugenden für die Samurai-Krieger hatten und die ich sowieso nicht kenne. Ich schreibe vielmehr meine ganz eigenen Gedanken zu den jeweiligen Werten auf und welche Auswirkungen sie meiner Meinung nach auf die Vereinsführung haben könnten. Übrigens sehe ich darin nicht nur die Vereinsführung im Sinne der Vorstandschaft, sondern auch Vorteile, wenn sie vom Dirigenten / der Dirigentin befolgt werden. Und, da diese Tugenden eigentlich zu dem gehören, was wir mitunter „gute Erziehung“ nennen und als Selbstverständnis des respektvollen, menschlichen Umgangs miteinander gelten sollten, kann eine Erinnerung an diese Tugenden für alle Musikerinnen und Musiker auch nicht schaden.

Wie der Verhaltenskodex unseren Musikvereinen hilft, ihre Zukunft zu sichern.

1. Gi: Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Rechtlichkeit

Bei Marie von Ebner-Eschenbach findet sich im gleichnamigen Buch Die Aufrichtigkeit folgende Parabel:

Die Aufrichtigkeit
Die Aufrichtigkeit schritt eines Tages durch die Welt und hatte eine rechte Freude über sich.
Ich bin doch eine tüchtige Person, dachte sie; ich scheide scharf zwischen Gut und Schlecht, mit mir gibt’s kein Paktieren; keine Tugend ist denkbar ohne mich. Da begegnete ihr die Lüge in schillernden Gewändern an der Spitze eines großen Zuges. Mit Ekel und Entrüstung wandte die Aufrichtigkeit sich ab. Die Lüge ging süßlich lächelnd weiter; die letzten ihres Gefolges aber, kleines, schwächliches Volk mit Kindergesichtchen, schlichen demütig und schüchtern vorbei und neigten sich bis zur Erde vor der Aufrichtigkeit.
„Wer seid ihr denn?“ fragte sie.
Eines nach dem andern antwortete: „Ich bin die Lüge aus Rücksicht.“ – „Ich bin die Lüge aus Pietät.“ – „Ich bin die Barmherzigkeitslüge.“  – „Ich bin die Lüge aus Liebe“, sprach die vierte, „und diese kleinsten von uns sind: das Schweigen aus Höflichkeit, das Schweigen aus Respekt und das Schweigen aus Mitleid.“
Die Aufrichtigkeit errötete; sie kam sich plötzlich ein wenig plump und brutal vor.

Marie von Ebner-Eschenbach im Buch Die Aufrichtigkeit

Was ist nun besser? Mit den Kollegen im Musikverein unter allen Umständen, plump und brutal ehrlich umgehen, oder doch lieber Teil des „schwächlichen Volkes mit Kindergesichtchen“ sein?

Kennt Ihr folgende Situation: Da ist dieser hochtalentierte, junge Altsaxophonist. Fantastisch klassischer Ton, musiziert hingebungsvoll die schönsten Soli, hat eine beneidenswert ausgereifte Technik. Allerdings kommt er in jede Musikprobe grundsätzlich 10 Minuten zu spät. Hie und da fehlt er – keiner weiß warum. Bei außermusikalischen Arbeitseinsätzen hat er grundsätzlich andere wichtige Termine. Aber er ist ein Musiker, auf den man im Orchester nicht verzichten möchte.

Was tun? Dulden, weil man den Star nicht verlieren möchte? Was würde diese Ausnahme aber mit der Gemeinschaft an sich machen?

Ein Sprichwort besagt „Regeln sind dazu da gebrochen zu werden“. Innerhalb einer Gemeinschaft ein eher destruktiver Satz. Regeln gelten innerhalb des Musikvereins für alle gleich. Egal wie schmerzhaft es sein mag. Gerecht, oder?

2. Yu: Mut und Tapferkeit

Eingefahrene Wege. Okay, man könnte auch Traditionen sagen. Obwohl ich jetzt nicht alle Traditionen als schlecht darstellen möchte. Ich bin ein sehr traditioneller Mensch. Historisch interessiert. Gewisse Dinge möchte auch ich bewahren und bin traurig, wenn sie dem Lauf der Zeit nicht standhalten. Traditionen zu verlieren heißt ja immer auch etwas aufgeben, das einem lieb geworden ist. Auf etwas verzichten, das schon immer da war. Angst vor Veränderung haben wir alle schon einmal gespürt.

Eine Tradition die mir wichtig ist zum Beispiel: Die Vereinsfahne. Sie ist zwar heutzutage nicht mehr modern. Aber doch irgendwie Identität stiftend. Meine Meinung: Man sollte sie in Ehren halten und entsprechend pflegen. Hier bewundere ich immer die Schweizer: Mit welchem Stolz sie bei jedem Auftritt ihre Vereinsfahne schwingen. Das möchte ich jetzt nicht als Empfehlung für das nächste Konzert geben, aber vielleicht findet sich ja auch eine neue, andere Möglichkeit, die Vereinsfahne einzusetzen? Manchmal muss man Traditionen nur etwas anpassen, modifizieren und modernisieren. Schließlich sagte ein schlauer Mensch ja auch einmal: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ (Manche sagen, es stammt von Gustav Mahler – stimmt aber wohl nicht.)

Nicht ganz ernstgemeinte Bemerkung am Rande: Die Vereinsfahnen der heutigen Zeit heißen Roll-Up-Banner.

Manche Traditionen im Musikverein gehören überdacht. Und zwar dann, wenn sie von einer Mehrheit innerhalb- und außerhalb des Vereins nicht mehr getragen und gelebt werden. Wenn sie uns in unserem Fortbestehen behindern. Wenn sie einer Zukunftssicherung durch Umstrukturierungsmaßnahmen entgegenstehen.

Dinge im Musikverein zu ändern erfordert sehr viel Mut. Neue Wege einzuschlagen, sich Wiederständen entgegen zu stellen, Kritiker zu überzeugen, alle Schäfchen dennoch beieinander zu halten, braucht Courage. Durchzuhalten und am gemeinsam definierten neuen Konzept festzuhalten braucht Tapferkeit. Tapferkeit? Auch so ein altmodisches Wort. Passt hier aber sehr gut, dann Tapferkeit bedeutet laut Wikipedia: „Tapferkeit ist die Fähigkeit, in einer schwierigen, mit Nachteilen verbundenen Situation trotz Rückschlägen durchzuhalten. Sie setzt Leidensfähigkeit voraus und ist meist mit der Überzeugung verbunden, für übergeordnete Werte zu kämpfen.“

Was meine ich nun mit den Traditionen, die überdacht werden müssen, wenn sie von der Mehrheit nicht mehr getragen werden? Mein Lieblingsbeispiel: Das Jahreskonzert! Man lädt zum Jahreskonzert. Das Konzertprogramm gleicht Fruchtsalat – für jeden ist was dabei. Das Konzept? Weder Fisch noch Vogel. Ist ja nicht schlimm. Wenn es den Musikern und vor allem dem Publikum gefällt. Es besteht ja nur dann Handlungsbedarf, wenn man den Saal nicht mehr voll bekommt; wenn der Nachwuchs fehlt; wenn der Probenbesuch zu wünschen übrig lässt; wenn man mit dem bestehenden Konzert-Konzept keinen neuen Dirigenten bekommt. Meine Gedanken zu diesem Thema habe ich ausführlich im Beitrag Jahreskonzert – was ist das eigentlich? geäußert.

Ein neues Konzertformat durchzuführen erfordert Mut. Wir wissen ja nicht, ob das, was wir uns Neues in der Vorstandschaft in Zusammenarbeit mit unserem Dirigenten ausgedacht haben, beim Publikum ankommt, ob alle MusikerInnen mitziehen, ob der gewünschte Erfolg eintritt, ob danach lobend darüber gesprochen wird, usw.

Die Vorstandschaft neu zu strukturieren und vom herkömmlichen Modell (1. Vorsitzender, 2. Vorsitzender, Kassierer, Schriftführer, usw.) auf eine teamorientierte Vorstandschaft umzustellen braucht ebenfalls Mut. Oder neue Konzepte in der Jugendausbildung auszuprobieren. Alles, was wir in Zukunft anders machen wollen als bisher, erfordert Mut. Vor allem auch gegen Totschlagsätze wie „das haben wir schon immer so gemacht“ und „das haben wir alles schon probiert, funktioniert sowieso nicht“ anzukämpfen. (Wobei – zugegeben – Todschlagargumente uns ganz schön mutlos machen können.)

Logisch müssen wir uns da auch immer unseren Ängsten stellen. Aber einer meiner Lieblingssätze, den alle, die schon einmal in einem meiner Workshops Zukunft der Musikvereine waren oder einen Klausurtag mit mir durchgeführt haben, kennen, ist: „Was wir nicht ausprobiert haben, davon wissen wir nicht ob es funktioniert oder nicht.“ Also, nur Mut! Und tapfer durchhalten. Denn: „Nichts tun ist sehr viel schlimmer als das Falsche zu tun.“ Gehört auch zu meinen Lieblingssätzen – möchte jedoch nicht auf das Copyright bestehen.

3. Jin: Menschlichkeit, Güte und Mitgefühl

Lieber Leser, liebe Leserin, kennst Du das Lieblingsessen deines rechten Sitznachbarn im Orchester? Weißt Du, was Dein linker Sitznachbar für einen Beruf ausübt? Kennst Du die jungen Nachwuchsmusiker, die nach den Sommerferien die Reihen des Musikvereins auffüllen, alle persönlich? Weißt Du, dass der Sohn des 2. Trompeters hochgradig behindert ist und sehr viel Unterstützung, Liebe, Aufmerksamkeit braucht und der Grund ist, warum der 2. Trompeter öfters fehlt?

Menschlichkeit, Güte und Mitgefühl können wir erst dann unseren Kolleginnen und Kollegen entgegenbringen, wenn wir sie auch wirklich kennen.

Der Musikverein bzw. das Blasorchester ist ein soziales Gefüge, das in erster Linie durch die Musik zusammengehalten wird. Wir alle wollen das Gleiche: gute Musik machen. Sekundär, aber nicht zu vernachlässigen, ist jedoch die soziale Komponente. Neben der Musik – die meiner Meinung nach immer an erster Stelle in all unserem Denken und Handeln im Musikverein stehen sollte – ist eben auch eine gute Kameradschaft notwendig. Und eben auch das, was die Samurai in ihrem Verhaltenskodex mit „Jin“ leben: Menschlichkeit, Güte und Mitgefühl.

Aus dem Buch Die Bildung der Menschlichkeit für junge Menschen: Schritte zu Gesellschaft von morgen von Nana Walzer möchte ich Euch dazu gerne folgendes zitieren:

„Mitmenschlichkeit erkennt man letztendlich daran, dass wir kooperativ statt konkurrenzorientiert, konstruktiv statt destruktiv, informativ statt ignorant, kreativ/innovativ statt abwehrend/abwartend im Umgang mit Vielfalt und zuversichtlich statt angstbesetzt angesichts von Herausforderungen aller Art denken, fühlen und handeln.“

Nana Walzer im Buch: Die Bildung der Menschlichkeit für junge Menschen: Schritte zu Gesellschaft von morgen

Überraschender Weise drückt Nana Walzer in diesem einen Satz das aus, was für mich wie das Kochrezept für einen erfolgreichen Musikverein klingt.

Weiter möchte ich Nana Walzer zitieren:

„Praktische Mitmenschlichkeit kann sich erst entfalten, sobald wir erkennen, dass wir gemeinsam besser dazu in der Lage sind, Probleme zu lösen, als allein.“

Nana Walzer im Buch: Die Bildung der Menschlichkeit für junge Menschen: Schritte zu Gesellschaft von morgen

Wow. Für mich heißt das übertragen auf den Musikverein: Jeder ist verantwortlich. Nicht der Vorstand allein, nicht die Vorstandschaft allein, nicht der Dirigent allein. Nein. Jede(r) einzelne Musiker(in). Wir schaffen es nur gemeinsam. Und manchmal braucht es auch die Unterstützung anderer Musikvereine. Kooperation ist hier das Stichwort!

4. Rei: Einhaltung der Etikette, Höflichkeit

„Fünf Minuten vor der Zeit…“ – es weiß jeder wie dieser Spruch weitergeht! Ich gebe es zu. Ich gehöre zu den Menschen, die es hassen, wenn man auf jemanden warten muss. Es gibt heutzutage nicht mehr so viele gültige Ausreden, die es rechtfertigen, ohne Bescheid zu geben zu spät zu kommen. Kurze WA „sorry, bin aufgehalten worden, bin in 10 Minuten da – stell mir bitte schon mal meinen Stuhl hin“ – und man weiß, woran man ist.

Pünktlichkeit gehört für mich zu den Hauptbestandteilen der Höflichkeit.

Es ist höflich und respektvoll, pünktlich zur Probe zu kommen. Es ist höflich, wenn man den schon begonnenen Probenablauf nicht durch sein eigenes zu spät kommen stört. Umgekehrt  ist es genau das: Unhöflich und respektlos.

Ich höre jetzt schon wieder die Stimmen „es kann immer mal was dazwischenkommen“, „ich habe einen anspruchsvollen Job und der geht immer vor“, usw. Klar. Logisch. Das ist so. Und ich schreibe hier ja auch nicht von den Personen, die einmal im Jahr zu spät kommen, draußen ihr Equipment aufbauen und sich dann leise auf ihren Platz schleichen (der vorher von den Kollegen schon gerichtet wurde, weil man dem Sitznachbarn ja eine WA geschrieben hat, dass man sich leicht verspätet). In vielen Vereinen gibt es die, die fast jedes Mal zu spät kommen. Und da muss man wirklich sagen, dass das meist an den Prioritäten liegt, die hier anders gelegt werden. An diejenigen also meine Message. In allen Vereinen, in denen ich bisher gespielt habe, gab es den / die Eine(n), der mit großer Selbstüberzeugung zu spät kommt um sich dann auffällig durch die Reihen drängelnd lautstark auf den Platz zu setzen. Es ist schön, wenn es so eine Person in Eurem Verein nicht gibt. Muss man ja auch nicht dulden.

Zur Höflichkeit gehört für mich auch der respektvolle Umgang miteinander sowie die gegenseitige Wertschätzung. In vielen Workshops habe ich es schon erlebt, dass Vereinsführungskräfte erzählt haben, dass sie keine Wertschätzung erfahren. Dass ständig nur kritisiert und gemotzt wird. Dass viel erwartet wird – was die Führungskräfte begründet jedoch nicht erfüllen können. Kritik kommt bei ihnen destruktiv an und nicht unterstützend, wertschätzend, motivierend, konstruktiv. Liegt es an der Kommunikation? Könnte sein. Sollte auf jeden Fall auf den Prüfstand. (Immer zuerst vor der eigenen Tür kehren.)

Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Und manchmal gilt der Spruch: „Wie es in den Wald schallt….“. Gleichzeitig sollte aber auch ergründet werden, warum diese Musiker ständig an allem herummäkeln. Was ist der emotionsfreie Grund für ihre jeweilige Kritik? Es gehört auch zum respektvollen Umgang miteinander aufmerksam zuzuhören. Die anderen ernst zu nehmen. Eben auch die Dauer-Motzer.

5. Makoto oder Shin: Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Unverfälschtheit

Wahrhaftigkeit? Auch so ein altmodisches Wort. Diesen Punkt möchte ich gerne in die heutige Zeit übersetzen mit „transparente Kommunikation“ und „umfassende Information“.

Jeder kennt das ungute Gefühl, nicht alles zu wissen, ausgeschlossen zu sein oder nicht die ganze Wahrheit gesagt zu bekommen. Hat die Mehrzahl der Musikerinnen und Musiker eines Musikvereins diese Bedenken, entstehen mehr als nur Missverständnisse. Das Vertrauen in die Vorstandschaft ist in Gefahr. Zu sagen, der soziale Frieden ist gefährdet, ist wohl etwas übertrieben – aber in Richtung soziale Unruhen geht es schon.

Informationen müssen nicht nur zeitnah fließen, sie müssen auch korrekt und vollständig sein. Die Kommunikationswege? Leider immer vielfältiger. Je mehr Kommunikationswege uns zur Verfügung stehen, desto mehr müssen wir nutzen. Um so wichtiger ist es, sich Routinen und automatisierte Abläufe zu überlegen.

Ein Beispiel: Eine Vorstandsitzung hat stattgefunden, die Musikerinnen und Musiker müssen über deren Inhalt informiert werden. Was ist zu tun?

  • Protokoll der Vorstandsitzung an alle Vorstandsmitglieder – auf Verlangen für jeden einsehbar
  • Vorstand-Info (=Zusammenfassung der Sitzung): Per Mail an alle MusikerInnen und als Ausdruck für die Pinwand
  • Archivierung der Vorstand-Info im geschützten Bereich der Website
  • Vorstands-Minute nach der Probe – Fragen können geklärt werden
  • Für Informationen, die auch für MV-externe Personen interessant sind, muss ein Text geschrieben werden. Dieser Text kommt auf die Website, von dort automatisiert in den Newsletter und (teilautomatisiert) in die Sozialen Medien. Mit wenigen Änderungen wird dieser Text zur Pressemitteilung (Achtung: nicht jede Pressemitteilung ist für jedes Medium interessant und nicht jede Information eignet sich zum Verbreiten über die Presse und/oder die Sozialen Medien).
  • Einzelne, terminierte Punkte kommen zeitnah nochmals in die WhatsApp-Gruppe.

Darüber hinaus: Reden hilft!

Ein weiteres Beispiel: Der Dirigent hat das Programm für das nächste Konzert erarbeitet.

Was ist wichtig?

  • Vorstellung des gesamten Programms inklusive Zugabe
  • Hintergründe für die Zusammenstellung des Programms ggf. Bekanntgabe des „Mottos“, der „Leitgedanken“ oder des „Themas“.
  • Die Noten stehen vor Beginn der Konzert-Probenphase allen Musikern zur Verfügung.
  • Schriftliche Informationen über die einzelnen Titel an diejenigen, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sind sowie ggf. für die Konzertmoderation.
  • Für interessierte MusikerInnen die Hintergrundinformationen zu den einzelnen Werken schriftlich ebenfalls bereitstellen. (Auf langwierige mündliche Erklärungen zu Probenbeginn kann dann verzichtet werden.)

Das setzt voraus, dass sich der Dirigent rechtzeitig über das Konzertprogramm Gedanken macht, es schlüssig bis ins Detail erstellt und entsprechend aufbereitet. Spätestens zu Beginn der Konzert-Probenphase sollte dann auch der Probenplan mit allen Gesamtproben, Registerproben, „halben“ Proben (Blech mit Schlagzeug / Holz getrennt), Probentage und -wochenenden fest verankert und kommuniziert sein. Utopisch? Schränkt die Kreativität ein? Nun, vielleicht. Kommt auf den jeweiligen Typ drauf an. Aus meiner Sicht als Musikerin und Marketing-Beauftragte jedoch ideal. Und um es mit dem Lieblingssatz meines Vaters auszudrücken: „Alles eine Frage der Organisation.“

Zur Wahrhaftigkeit und Unverfälschtheit gehört für mich auch: Vorbild sein. Wir können von anderen nicht erwarten, sich entsprechend zu verhalten, wenn wir es als Führungskraft nicht vorleben.

6. Meiyo: Ehre, Ehrbewusstsein

Mit Ehrungen kennen wir uns aus. Mit Ehrungsordnungen auch. Für die Durchführung von Ehrungen besteht mancherorts Diskussionsbedarf. Die große Frage „Gehören Ehrungen ins Konzert?“ beantwortet jeder Musikverein für sich selbst. Zu diesem Thema habe ich bereits einmal eine Umfrage erstellt und die Ergebnisse in diesem Beitrag zusammengefasst: Ehrungen: pro und contra und vor allem, in welchem Rahmen?

Aber Ehre und Ehrbewusstsein können wir nicht nur auf die diskussionslos verdienten Ehrungen im Zusammenhang mit Musikvereinen beziehen.

Für mich ist das altmodische Wort „Ehrbewusstsein“ sowohl positiv als auch negativ besetzt. Natürlich sollten wir nach unseren eigenen Prinzipien handeln. Stehen diese Prinzipien dem Allgemeinwohl des Musikvereins jedoch entgegen, wird’s schwierig.

Wie meine ich das? Ein (nicht eindeutig beantwortbares) Beispiel:

Der Musikverein ist eingeladen, den Parteitag der CDU/SPD/der Grünen – egal welche Partei – musikalisch zu eröffnen. Der Musikverein bekommt als Gage 1.000 Euro. Zu meinen Prinzipien gehört es, mit meiner Musik politisch nicht zu agieren. Was zählt mehr: Die 1.000 Euro für die Vereinskasse? Oder meine persönlichen Prinzipien?

Ein weiteres Beispiel: Ein altgedienter Musiker. Hornist. Jahrelange Erfahrung auf der ersten Stimme. Dann kommen junge, motivierte Hornisten ins Orchester. Der Dirigent empfiehlt, den Jungen eine Chance zu geben, die Kräfte besser einzuteilen und ab sofort ein rollierendes System in der Stimmenverteilung im Hornregister einzuführen. Der altgediente Musiker spielt aus Prinzip nur die erste Stimme und wenn er das nicht mehr darf, hört er auf. Da wird das Ehrbewusstsein zur Ehrenkäsigkeit.

Aber um noch einmal ein Beispiel in positiver Weise anzubringen: Ehrbewusstsein hat auch etwas mit Stolz zu tun. Und obwohl auch dieses Wort sowohl positiv als auch negativ ausgelegt werden kann, sehe ich es doch als große Errungenschaft an, wenn die Musikerinnen und Musiker sagen: „Ich bin stolz, in diesem Blasorchester zu spielen“. Das ist die positive Identifizierung mit dem Verein. Wenn uns gelungen ist, dass die Musikerinnen und Musiker diesen Gedanken nach außen tragen, können wir alle „Kämpfe“ gewinnen. (In pazifistischer Weise gedacht natürlich!) Oder um es weniger pathetisch auszudrücken, dann setzt auf natürliche Weise ein, was ich immer „permanente positive Außendarstellung“ nenne, ohne großartig etwas dafür zu tun. (Kein Freifahrtschein das Marketing zu vergessen! Lediglich eine zusätzlich ideale Unterstützung.)

7. Chügi, auch Chu: Loyalität, Pflichtbewusstsein, Treue

Das mit der Loyalität und der Treue zu einem Musikverein ist so eine Sache. Dazu gleich einmal ein Beispiel aus einem meiner Workshops:

Musikerinnen und Musiker bleiben heutzutage nicht mehr unbedingt treu bei ihrem Heimatverein. Wenn das musikalische Umfeld, die Organisation an sich, die Konzerte und Events usw. für einen Musiker in einem Musikverein nicht mehr passen, dann wird er nicht auf Biegen und Brechen in diesem Musikverein bleiben. Er wird entweder aufhören zu musizieren oder sich einen neuen Musikverein suchen.

Als ich diese – meine – Überzeugung (für mich eine unumstößliche Tatsache) einmal in einem meiner Workshops vorgetragen habe, sagte ein Teilnehmer ganz spontan dazu: „Dann bin ich hier in diesem Workshop falsch“.

Er war der tiefen Überzeugung, dass Musiker loyal zu ihrem Verein stehen sollten. Auch wenn es einmal schwierig wird, es gerade überhaupt kein Spaß macht und die Zeiten nicht so rosig sind.

Ja und nein. Wir sollten erstens einmal nicht die Tatsachen ausblenden, dass es wirklich so ist, wie ich es oben geschrieben habe. Die Musikerinnen und Musiker spielen heutzutage dort, wo es ihnen gefällt. Die Mobilität gibt das sowieso her.

Vielmehr sollten wir in uns gehen und uns zuerst fragen, warum verlässt dieser Musiker den Musikverein? Und im zweiten Schritt sollten wir uns fragen: Was können wir besser machen?

Vor einiger Zeit habe ich mit einem Musikschulleiter, der sich auch sehr in der Blasorchester-Szene engagiert, über das Thema „Selbstreflektion der Musikvereine“ gesprochen. Er hat ein bisschen geklagt, dass viele Musikvereine in seiner Gegend etwas lethargisch in ihrer Vereinsarbeit, in musikalischen Anlässen und in der Jugendarbeit sind. Ich habe ein bisschen darüber geklagt, dass viele Musikvereine für alles, was innerhalb des Vereins nicht so gut läuft, Entschuldigungen von außen anbringen: Ganztagsschule, Werteverfall, zunehmende Belastung in Schule, Studium, Beruf, zu wenig (finanzielle) Unterstützung von der Gemeinde, usw. Und dass manche nicht dazu fähig sind, in sich selbst zu gehen und eine emotionslose Analyse durchzuführen. Eben nicht fähig zur Selbstreflektion sind. Er sagte zum Thema folgenden Spruch, der mir vermutlich immer in Erinnerung bleiben wird: „Wenn der Bauer nicht schwimmen kann ist die Badehose schuld.“

Mein Eindruck aus vielen Gesprächen und aus vielen Workshops „Zukunft der Musikvereine“. Diese Erklärungen „von außen“ sind schnell gefunden. Sie sind aber brandgefährlich. Sie können lähmen, die Kreativität blockieren und somit gute Lösungsansätze verhindern.

Es wird viel zu viel in den Vorstandssitzungen darüber diskutiert, was wegen den äußeren Umständen nicht geht. Mein Vorschlag: sucht Lösungsansätze für Eure Probleme, trotz der vielen externen Parameter, die wir in unserem Verein nicht lösen können.

Um Lösungsansätze zu finden und zu diskutieren tut es Not, zuerst einmal in den eigenen Verein zu schauen: Was läuft gut? Was könnte besser laufen bzw. läuft ziemlich schlecht? Wo besteht Handlungsbedarf? Eben eine umfassende Analyse der bestehenden Situation. Selbstreflektion.

Eine Analyse kann jedoch ziemlich schmerzhaft werden.

Ein Beispiel: Was sind die Gründe für den schlechten Probenbesuch?

Gründe „von außen“ = schnell gefunden:

  • Belastung in Schule, Studium, Beruf
  • Fehlende Kooperationsbereitschaft von anderen Vereinen oder Organisationen, die beispielsweise keine Rücksicht auf den Probentermin des Musikvereins nehmen
  • „Konkurrenz“ durch das Angebot anderer Vereine und Organisationen in der Gemeinde oder weil Champions-League-Spiele halt immer am Mittwoch sind (okay, war mal so…).

Gründe „innen heraus“ = schmerzhaft:

  • Proben sind langweilig
  • Dirigent redet zu viel und zeigt zu wenig
  • Vorstand verbreitet in der Vorstandsminute ständig schlechte Stimmung
  • Der Sitznachbar besteht darauf, erste Stimme zu spielen (ansonsten hört er auf mit Musik machen)
  • Der Sitznachbar will ständig sämtliche Soli spielen
  • Ein Mitmusiker grabscht ständig die jungen Mädels an
  • Dirigent ist keine Führungskraft und lässt zu viel „durchgehen“
  • Es gibt „Mauler“ im Verein, die ständig und lautstark alles schlecht machen – auch während den Proben
  • Oder ähnliches.

Warum schmerzhaft? Weil wir Konflikte scheuen. Weil wir Kritik nicht konstruktiv äußern können. Weil wir empfindlich sind und unsere Befindlichkeiten nicht hintenanstellen können. Weil wir Kritik ungern entgegennehmen.

Grundvoraussetzungen in einem Musikverein schaffen, damit sich die Musikerinnen und Musiker mit dem Musikverein identifizieren, sich wohlfühlen und Spaß haben ist von enormer Wichtigkeit und eine der Hauptaufgaben der Vereinsverantwortlichen. Jedoch nicht als Einbahnstraße und nicht freibleibend, also nicht ohne Verpflichtungen für alle Musikerinnen und Musiker. Man entscheidet sich freiwillig für den Verein, wenn man sich jedoch entschieden hat, gilt es, sich an die Regeln der Gemeinschaft zu halten und selbst Pflichten zu übernehmen.

Als Fazit aus diesem siebten Punkt des Verhaltenskodex der Samurai: Schaffen wir es, einen Musikverein bzw. ein Blasorchester zu formen, mit dem sich alle Musikerinnen und Musiker gerne identifizieren, dann sind Loyalität, Pflichtbewusstsein und Treue die natürlichen Begleiter.

Und nun?

Soweit Bushido – der Verhaltenskodex der Samurai und meine Gedanken dazu, wie diese Tugenden uns in unseren Musikvereinen helfen können. Ich hoffe, es sind Inspirationen darunter, die helfen, Euren eigenen Gedanken und Vorhaben Schwung zu geben. Vielleicht auch eine neue bzw. andere Richtung. Ich bin großer Fan davon, Gedanken umzudrehen und sie von einer anderen Seite zu betrachten. Das hilft mir kreativ zu werden und neue Ideen zu bekommen. Und genau das brauchen wir bzw. besonders die Musikvereine, bei denen es zurzeit nicht so rosig aussieht, was den Fortbestand angeht. Wie immer sind das lediglich Lösungsansätze und kleine Tritte in den Allerwertesten die Probleme anzugehen und für den eigenen Musikverein die eigene Strategie zu entwickeln. Die Musikvereine sind zu unterschiedlich, haben jeweils andere Grundvoraussetzungen und befinden sich alle in einem anderen – ihrem eigenen – Umfeld. Deshalb kann es nie Patentrezepte geben! Jeder Verein ist das Produkt seiner Mitglieder und deren Handlungsweisen. Jeder Verein schafft sich also selbst und ist demzufolge auch wandelbar. Nur Mut.

Repertoire-Empfehlungen zum Thema Samurai

Für alle, die bis hierhin gelesen haben noch ein paar Repertoire-Empfehlungen von Werken, die von japanischen Samurai handeln. Mögen sie – wohlbemerkt nur mit ihren positiven Eigenschaften und ihrem Sinn für Tugenden und Werte – für Euch Vorbilder sein.

Samurai / Nigel Clarke
Anjin: Blue Eyed Samurai / Naoya Wada
Abutso-Bo / Enrico Tiso
Legend of the Sword / Nathan Daughtrey
Bushido (The Way of the Warrior) / Michael Story

Und ein passender musikalischer Abschied an das Land der aufgehenden Sonne:

Sayonara / Jan Van der Roost

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