Hat das Modell „Musikverein“ ausgedient?

Vor kurzem las ich in Facebook von einem Flohmarkt von einem Musikverein. Dieser wollte nicht etwa überflüssige, nicht mehr gebrauchte Noten, Instrumente und sonstiges Zubehör verkaufen, sondern gleich das komplette Inventar veräußern, weil er sich komplett auflöst.

Solche Nachrichten schrecken mich auf. Hat schon ein Musikverein-Sterben eingesetzt?

Vor kurzem wurde auch in der Nähe von Freiburg ein Musikverein aufgelöst. Zuletzt spielten in diesem Verein nur noch 8 aktive Musikerinnen und Musiker. In der Mitgliederversammlung wurde die Auflösung fast einstimmig von den Verbliebenen gewünscht. Nach 124 Jahren Musikverein in diesem Dorf ist dieser nun Geschichte.

Ich habe im Internet recherchiert und noch einige Zeitungsartikel gefunden, in denen von einer drohenden Auflösung oder einer Auflösung eines Musikvereins die Rede war (Artikel aus diesem Jahr).

Nach diesen aufschreckenden Nachrichten aus Facebook und der Zeitung wollte ich es genau wissen und habe bei einigen Blasmusikverbänden nach den Mitgliederzahlen gefragt.

Für den Bund Deutscher Blasmusikverbände BDB habe ich bei Geschäftsführer Thomas Höß nachgefragt. Die Anzahl der Musikvereine im BDB bleibt in etwa stabil. Im Jahr 2013 bestand der BDB aus 1146 Mitgliedsvereinen, im Jahr 2014 waren es 1143, im Jahr 2015 wieder 1145 und dieses Jahr 1147. Also alles im grünen Bereich! Allerdings gehen, so Thomas Höß, die Zahlen der Teilnehmer an den Jungmusikerleistungsabzeichen stetig nach unten. Irgendwann wird ein G8-Knick die Musikvereine erreichen. Die Tendenz geht, so Höß, schon jetzt deutlich in Richtung immer älterer Musikerinnen und Musiker in den Musikvereinen.

Auch Andreas Horber, Geschäftsführer der Bayerischen Blasmusikverbände gibt Entwarnung: 2013 waren 2.520 Musikvereine in den Bayerischen Blasmusikverbänden organisiert, dieses Jahr sind es 2.567. Auch bei den Bayerischen Blasmusikverbänden geht die Altersstruktur nach oben: Im Jahr 2013 musizierten 49.594 Musiker/innen unter 18 Jahren in den Vereinen, im Jahr 2016 sind es nur noch 48.391 unter 18 Jahren.

Der Musikverein - eine aussterbende Art?
Der Musikverein – eine aussterbende Art?

Es sieht so aus, als müßten wir noch mehr für unseren Nachwuchs tun. Auch in meiner Umfrage zur Zukunft der Musikvereine aus dem Jahr 2015 hat sich ergeben: Die Musikvereine werden kleiner.

Für das Land Rheinlandpfalz bekam ich von Frau Hiltrud Bürkle die folgenden Zahlen: 2014 gab es noch 822 Musikvereine, im Jahr 2016 sind es nur noch 804. Also eher rückläufig.

Wie sieht es bei unseren Nachbarn aus?

In der niederländischen Zeitung „de Volkskrant“ bin ich auf einen Artikel vom 6. Juni 2016 gestoßen in der berichtet wird, dass im Nationalen Blasmusikverband KNMO im Jahr 2014 noch 2.334 Musikvereine organisiert waren und im Jahr 2016 23 Musikvereine weniger, also 2.311. In den letzten 10 Jahren haben sich 200 Musikvereine aufgelöst. Die Anzahl an Orchestern, die an Wettbewerben teilnehmen hat sich in den letzten 10 Jahren halbiert. Schlechte Nachrichten aus dem Land der hochwertigen Sinfonischen Blasmusik!

Das Elsaß kennt diese Probleme nicht. Jean-Rémy Spenle, der Präsident der Union Départementale des Société de Musique du Haut-Rhin schrieb mir: „Derzeit am Oberrhein und im Elsass haben wir dieses Problem noch nicht. Im Oberrhein im Jahr 2014 waren wir 141 und heute sind wir 142 Musikvereine. Im Elsass im Jahr 2014 waren wir über 300 Musikvereine und heute sind wir die gleiche Zahl. Wir haben dieses Problem mit den Musikschulen. Die Erklärung dafür ist vor allem die Schließung von kleinen Strukturen und die Schaffung einer größeren Einheit.“

Auch Südtirol meldet konstante Musikvereins-Zahlen: Stephan Niederegger, der Pressereferent des Verband Südtiroler Musikkapellen und Chef-Redakteur der südtiroler Zeitschrift KulturFenster, in der auch über die Südtiroler Blasmusikszene berichtet wird, schrieb mir, dass seit Jahrzehnten 211 Mitgliedskapellen im Verband organisiert sind. In diesen Mitgliedskapellen musizieren rund 10.000 Musikantinnen und Musikanten, Tendenz steigend!

Karin Vierbauch, Geschäftsführerin der Österreichischen Blasmusikjugend hat mich mit Zahlen aus Österreich versorgt. Im Jahr 2012 waren 2169 Musikvereine im Österreichischen Blasmusikverband ÖBV organisiert, im Jahr 2015 insgesamt 2.170. Also groß keine Änderungen. Erfreulich die Zahl der Jugendkapellen. Waren es 2012 noch 525 vereinseigene Jugendorchester, sind es im Jahr 2015 924!

Bei den Schweizern habe ich nicht nachgefragt. Die feiern in Montreux gerade ihr Eidgenössisches Musikfest. Dort nehmen von 1883 Musikvereinen im Schweizer Blasmusikverband 556 an den Wettbewerben teil. Das sagt genug. Sehr bemerkenswert.

Bereits vor einem Jahr habe ich in der BZ von einem Verein nördlich vom Kaiserstuhl gelesen: „Projektorchester als Zwischenlösung“ – der Verein kann nur noch in Kooperation mit dem Nachbarverein ein Konzert spielen. Ich habe bei Thomas Roth, der mit diesem Verein familiär verbunden ist, nachgefragt, was daraus geworden ist. Er schrieb mir: „Der Status ist aktuell der, dass die ‘jüngeren’ Aktiven als Gastspieler in Holzhausen mitspielen. Das funktioniert seit fast 2 Jahren wohl relativ gut. Die Senioren haben vor mittlerweile rund 5 Jahren die Neuershauser Dorfmusikanten ins Leben gerufen. Dort steht Kameradschaft und volkstümliche Musik im Vordergrund.“ Das ist doch eine tolle Lösung für alle!

Ebenso kann ich von einem positiven Beispiel aus Obersäckingen berichten. In der Badischen Zeitung vom 1. Juni 2016 ist zu lesen: „Musikverein Obersäckingen erholt sich.“ Und weiter: „Vor wenigen Jahren erst stand der Musikverein Obersäckingen mangels Aktiven vor dem Aus. Jetzt zeugt ein 21 Mitglieder zählendes Jugendorchester von Perspektiven für die Zukunft.“

Wie ich schon in meinem Beitrag „Der Musikverein eine aussterbende Art?“ geschrieben habe: Aussterben werden die Musikvereine nicht, das große Musikvereinssterben hat noch nicht eingesetzt. Aber gewisse Zeichen zeigen uns, dass sich die Musikvereins- und Blasorchesterwelt verändern wird. Mancherorts werden sich Vereine auflösen. Auch wird sich in Zukunft die Arbeitsweise vieler Blasorchester ändern: es wird eine Spezialisierung zum Beispiel auf reine Konzertorchester, auf reine Unterhaltungsorchester oder auf Orchester, die sich auf die traditionelle Blasmusik konzentrieren, geben. Musikvereine werden fusionieren, wie es mancherorts schon mit den Jugendkapellen geschieht. Außerdem wird immer mehr – den geänderten schulischen und beruflichen Anforderungen geschuldet – projektbezogen gearbeitet werden. Lassen wir uns darauf ein. Lasst uns kreative Lösungen finden. Sicher wird sich die Funktion des Musikvereins als „Gemeinde-Organ“ ändern. Musikerinnen und Musiker werden zu diesen Orchestern pilgern, in denen die Musik gespielt wird, die sie spielen möchten. Das gibt neue Vereinsstrukturen bzw. –formen und Raum für viele neue, tolle blasmusikalische Projekte. Es wird sich etwas ändern in der Vereinslandschaft, aber die Blasmusik wird weiterhin attraktiv sein und bleiben. Davon bin ich überzeugt.

Nachtrag vom 15. Juni 2016:

Ich habe vom Blasmusikverband Baden-Württemberg BVBW nun auch die Informationen erhalten und möchte diese hier gerne anfügen. Der Pressereferent Ralf Lanzinger schrieb mir: “Es ist in der Tat so, dass sich immer wieder einmal ein Musikverein auflöst. Die Gründe sind vielfältig und teilweise sehr speziell. Es gründen sich auch immer wieder neue Musikvereine. Die Zahl unserer Musikvereine ist stabil bei etwa 1500. Von einem flächendeckenden Phänomen von Musikvereinsauflösungen kann keine Rede sein.”

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

12 thoughts on “Hat das Modell „Musikverein“ ausgedient?

  • 14. Juni 2016 at 11:08
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    Der Grosserfolg des Eidge. Musikfestes in Montreux heisst überhaupt nicht, dass es in der Schweiz keinen Mitgliederrrückgang resp. kein Vereinssterben gibt. Ganz im Gegenteil…

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    • Alexandra Link
      14. Juni 2016 at 12:50
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      Vielen Dank, Theo Martin, für diesen wichtigen Hinweis! Ich werde gleich nach dem Eidgenössischen beim Schweizer Blasmusikverband die Zahlen anfragen und diese dann nachliefern! Viele Grüße Alexandra Link

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  • 14. Juni 2016 at 16:52
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    Diese Entwicklung sind wir bereits 2001 mit der Gründung der Orchestergemeinschaft Seepark Gbr als Gemeinschaft aus dem Musikverein Freiburg-Mooswald e.V. (seit 60 Jahren) und dem Musikverein Betzenhausen-Bischofslinde e.V. (seit 30 Jahren) angegangen. Beide Vereine wurden erhalten in ihrer Struktur und Tradition, sind aber musikalisch seit nunmehr 15 Jahren eins. Vor allem in einem so engen Ballungsraum wie Freiburg, in dem jeder Stadtteil seinen eigenen Musikverein hat(te) wäre es nicht anders denkbar gewesen.

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    • Alexandra Link
      14. Juni 2016 at 18:17
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      Danke, Michael, für Deinen Beitrag. Wieso habt Ihr Struktur und Tradtion erhalten und nicht auch formell einen Verein gegründet?

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    • 16. Juni 2016 at 2:19
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      @Alexandra: Die Zusammenlegung von zwei e.V. Vereinen ist rechtlich immer an einige Fallstricke geknüpft. So wäre bei einer Zusammenlegung im Falle unserer beiden Vereine die Notwendigkeit mindestens einen e.V. aufzulösen. Gemäß Satzung in Abhängigkeit zur Stadt Freiburg wäre in einem solchen Fall durch die Stadtverwaltung als eine “kann”-Formulierung zu entscheiden, was mit dem Vereinsvermögen geschieht. Es ist also nicht sicher, dass dies in den Besitz eines “Folge-Vereins” übergehen würde. Neben diesem finanziell-rechtlichen Aspekt, war es allen Beteiligten aber eben genau wichtig, die Tradition der beiden e.V. auch weiter zu erhalten und so eine Zusammarbeitsform zu finden, die beidem gerecht wird. In der Form der Gbr ist nun sowohl das Finanzamt zufrieden, als auch die Kriterien “Erhalt der Tradition” und “Zukunftsfähigkeit” erfüllt. Geregelt wird die Arbeit über eine gemeinsame “Geschäftsordnung”, die sich die Vorstandschaften ergänzen zu den klassischen Satzungen gegeben hat.

      In beiden Vereinen sind die vier Positionen der geschäftsführenden Vorstände (also 1. VS + 2. VS + Kassierer + Schriftführer) durch die gleichen Personen besetzt. So dass es also in Summe für die “Orchestergemeinschaft Seepark Gbr” nicht doppelt so viele Vorstände gibt. Alle Infos dazu unter http://www.orchestergemeinschaft.de/vereine.html

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      • Alexandra Link
        16. Juni 2016 at 9:16
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        Danke, Michael, für Deine ausführliche Antwort! Ich denke, ich sollte das Thema “Fusion” einmal genauer für einen Beitrag im Blasmusikblog recherchieren.

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  • 14. Juni 2016 at 22:14
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    Ob in der Spezialisierung wirklich das Allheilmittel liegt, weiß ich nicht. Wir in Höhenkirchen-Siegertsbrunn setzen genau auf das Gegenteil – wir bemühen uns, alles abzudecken: Kammermusik, Marsch- und Unterhaltungsmusik, Konzertrepertoire, Big Band. Und der Erfolg gibt uns Recht – seit Jahren wächst unser Verein und zählt derzeit über 200 aktive Musiker (inkl. Schüler). Entscheidend ist m. E. der Faktor Qualität. Wer heute im Musikverein spielt, möchte seine knappe Freizeit attraktiv gestalten und stellt entsprechende Anforderungen an sich und den Verein. Einfach nur zur Probe, um mal wegzukommen und nachher noch zum Wirt zu gehen, das lockt heute niemanden mehr.

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    • Alexandra Link
      14. Juni 2016 at 22:41
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      Danke, Florian Sepp, für Deinen Kommentar! Jeder Verein, in dem es gerade nicht so gut läuft, muß für sich selbst seinen eigenen Weg finden. Dieser Weg kann eine Fusion sein, kann die Spezialisierung sein oder vielleicht gibt es auch noch ganz andere Ideen.

      Wo es gut läuft gibt es keinen Grund irgendetwas zu ändern.

      Ich bin vollkommen mit dir eins: einfach nur zur Probe, um mal wegzukommen…. Das ist wirklich nicht mehr der Grund Nr. 1, warum Menschen im Musikverein musizieren.

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  • 7. August 2016 at 10:51
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    Auch wir setzen auf Abwechslung. Unter dem Jahr spielen wir im Orchester die ganze Bandbreite der Unterhaltung mit Showeinlagen und am Konzert symphonisch. Zudem haben wir noch diverse kleine Besetzungen, bei denen wir bewusst auf den Nachwuchs setzen; sei es für Kirche oder Bierfest, in Kammer- oder Brass-/Bigbandbesetzung. Zusätzlich bieten wir diverse Workshops an (nicht nur musikalisch), die sehr gut besucht sind, bei denen wir auch Musik-Rentner ins Boot holen.
    Sicher ist der Aufwand riesig, was den Einen oder Anderen abschreckt, aber jammern hilft auch nichts.
    Man muss Angebote und Plattformen schaffen, mit denen sich Jugendliche identifizieren und präsentieren können.
    Am Anfang war es ein riesiges Pensum, mittlerweile agieren die Besetzungen beinahe autark und nach 3 Jahren ist das Durchschnittsalter im Verein von 32 auf 24,7 Jahre gesunken, die Leistungsklasse von Mittel- auf Ober- bis Höchststufe gestiegen, trotz des jungen Alters und die Ausbildungszahlen von 3-4/Jahr auf 15-20/Jahr sprunghaft angestiegen.
    Auch die Bereitschaft Verantwortung im Verein zu übernehmen hat sich rapide verbessert.
    Wichtig ist nur, ständig am Ball zu bleiben. Auch hier gilt: von nichts kommt nichts und die Zeiten des Selbstläufers sind einfach vorbei.
    Wir selbst bleiben dran und werden die Entwicklung weiter vorantreiben und sind gespannt, wie die nächsten Jahre sich entwickeln werden.
    Unser Credo: nicht Jammern, Machen und aktiv einbinden.

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    • Alexandra Link
      7. August 2016 at 15:51
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      Danke, Jürgen, für diesen wertvollen Beitrag!

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  • Pingback: Unterricht für Erwachsene – die andere Art der Nachwuchsgewinnung im Musikverein – Blasmusik

  • 2. November 2017 at 12:25
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    In einer globalisierten Welt, in der in erster Linie das schnellste, für mich günstigste Angebot – möglichst ohne Bringschuld – zählt, ist ein Musikverein ein mit Tradition einhergehender Dinosaurier. Das Vereinssterben wird kommen – wenn Arbeitgeber ihre soziale Verantwortung ignorieren, wenn Arbeitnehmer gesellschaftliche Bindungslosigkeit akzeptieren. Es ist wie mit allem: gewisse Rechte ( tolle Konzerte, herausragende Wettbewerbe/ Wertungsspiele, einmalige Vereinsausflüge….usw) ziehen auch Pflichten mit sich nach: es fängt beim pünktlichen Probenbesuch an, geht über Abmeldung bei Nichterscheinen bis hin zur instrumentalen Vorbereitung; von einer Ämterübernahme im Verein ganz zu schweigen. Wir alle können es ändern – wenn wir denn wollen. Verantwortung übernehmen hat etwas mit Dienst an der Gesellschaft zu tun: dies geht auch mit kleinen Aktivitäten. Doch bei einer zunehmenden Eventgesellschaft sind immer wiederkehrende Pflichten ein Problem. Es liegt an uns!

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