Dienstag, Januar 27, 2026
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Programmauswahl: Mutige Konzertprogramme

Round-Up zum Thema Programmauswahl – künstlerische Vision oder pragmatischer Kompromiss?

Die Programmauswahl ist ein Drahtseilakt zwischen musikalischem Anspruch, Spielbarkeit für das Orchester und Publikumserwartung. Viele Dirigent:innen kämpfen hier mit sich – und manchmal auch mit Vereinsvorständen und den Musiker:innen. In diesem Round-Up beantworten die sechs Dirigenten Gauthier Dupertuis, Timo Kächele, Jürgen Kunkel, Bernhard Schlögl, David Schöpf und Stephan Wehrle jeweils vier Fragen zum Thema Programmauswahl – künstlerische Vision oder pragmatischer Kompromiss.

In diesem vierten Beitrag beantworten die sechs Dirigenten ganz konkret folgende Frage:

Welches war bisher Dein „mutigstes“ Konzertprogramm und welche künstlerische Vision stand dahinter?

Gauthier Dupertuis

Gauthier Dupertuis
Gauthier Dupertuis

Gauthier Dupertuis dirigiert die Brass Band La Lyre de Conthey (1. Klasse), das Harmonieorchester Echo du Trient de Vernayaz (2. Klasse) und das O.V.N.I. – Orchestre à Vent Non Identifé (Höchstklasse).

Im vergangenen Juni habe ich ein großes Blasorchester mit 70 Musikerinnen und Musikern gegründet. Ich wusste, dass die Konzerte viele Menschen anziehen würden, darunter meine Familie, meine Freunde sowie die Angehörigen meiner Musikerinnen und Musiker. Das Publikum war also weder fachkundig noch musikalisch und auch nicht an unsere Konzerte gewöhnt. Einige hatten noch nie ein klassisches Konzert besucht, andere erwarteten Marschmusik und Polkas. Da das Konzert zudem im Wallis (Schweiz), der Heimat der Brass Bands, stattfand, war mir auch bewusst, dass einige Besucher Vorurteile gegenüber den Blasorchestern und deren Repertoire haben würden. 

Das von mir ausgewählte Repertoire war jedoch technisch anspruchsvoll: Es bestand aus eher langen Stücken – ein Stück dauerte 10 Minuten, ein anderes etwa 20 Minuten und die Symphonie etwa 25 Minuten. Dennoch glaube ich, dass ich das Publikum mit außergewöhnlichen, für unsere Konzertsäle ungewöhnlichen Aspekten überraschen konnte. Alle Stücke wurden von Projektionen auf einer Leinwand begleitet, darunter Titel, Bilder, Videos und Texte. Ergänzt wurden diese durch Überlegungen zur künstlichen Intelligenz. Das Konzert begann mit Mothership von Mason Bates. Dabei projiziert ein Sampler elektronische Klänge, die sich mit dem akustischen Klang des Blasorchesters vermischen. Die Reaktionen waren gemischt: Einige waren schockiert, andere begeistert. Das Wichtigste ist, dass es niemanden gleichgültig ließ! Das zweite Stück war Ashen Skies of a Timeworn World von Casey Martin, das ziemlich lang, düster und schwer zugänglich ist. Dazu habe ich Bild-, Text- und Videoprojektionen erstellt, die den verschiedenen Abschnitten des Werks folgten. Da das Werk von der Menschheit und ihrer Neigung, alles zu zerstören (Umweltkatastrophen, Kriege), handelt, fand es allein schon aufgrund seines Themas sofort Anklang beim Publikum. Ebenso habe ich mir die Zeit genommen, die Hauptthemen des Werks vorzustellen. Dazu habe ich sie etwas vereinfacht dargestellt und den Konflikt zwischen den Themen aufgezeigt, indem ich erklärt habe, inwiefern z. B. die Blechblasinstrumente den Krieg und die Holzblasinstrumente eher die Hoffnung repräsentieren. 

Zum Abschluss des Programms sorgte Julie Girouxs großartige Sinfonie Nr. 6 The Blue Marble mit ihrer filmischen Sprache, die leichter zugänglich ist und von den Wundern unseres Planeten und der Menschheit erzählt, für einen positiven Ausklang des Konzerts. Das Stück wurde mit einer Videobegleitung aufgeführt, die Giroux selbst realisiert hatte. Es war sowohl bei den Musikern als auch beim Publikum ein großer Erfolg. Doch eines ist sicher: Das Stück, das den größten Eindruck hinterlassen hat und am meisten geschätzt wurde, war das von Casey Martin. Alle fanden es sehr sinnvoll, dass das Werk im Vorfeld erklärt wurde. 

Mit einem Wort (bzw. drei): TRAUEN WIR UNS!

Timo Kächele

Timo Kächele
Timo Kächele

Timo Kächele dirigiert die Stadtkapelle Sindelfingen und ist Posaunist beim Landespolizeiorchester Baden-Württemberg

Mutig ist relativ. Ich habe vor vier Jahren ein Orchester übernommen, das gut geführt war und ein gutes Ansehen in der Stadt hatte. Das Jahreskonzert wurde traditionell mit dem örtlichen Liederkranz bestritten und nicht zuletzt deshalb war diese Veranstaltung gut besucht und beliebt. Mein Vorgänger, der das Orchester über zwei Jahrzehnte dirigierte, war großer Fan von Opern, im Besonderen Wagner und generell von ernster klassischer Musik. Seine Programme waren stark von klassischen Transkriptionen und auch Chormusik geprägt.

Nach Corona bekam ich dann den Stab, den Liederkranz gab es zwischenzeitlich nicht mehr und das Publikum war sehr dezimiert. Wir haben dann das Jahreskonzert mit der vereinseigenen Bigband neu aufgesetzt und von Jahr zu Jahr wurde der Zuspruch wieder größer. Da ich durch meinen Beruf im Profiblasorchester eine deutlich andere (ganz ohne qualitative Wertung) Vorstellung hatte, wie ein symphonisches Blasorchester klingt und was es spielt, habe ich die Programme ganz anders, aber immer mit Thema (Weihnachtsmusik mal anders, oder Symphonische Rockmusik) und auch gefällig gemacht. Letztes Jahr habe ich mich dann getraut, ein Programm mit ausschließlich symphonischer Originalliteratur aufzulegen. Für die Leser dieses Blogs ist das mit Sicherheit nichts Besonderes, aber in dieser Stadt waren Stücke wie Arcus von Thiemo Kraas oder Deliverance von Etienne Crausaz schon ein neues Feld. Auch das Stück Ford‘s Machine mit viel Industrielärm von Bremstrommeln und Amboss war ein Wagnis. Doch es kam erfreulicherweise sehr gut an, was mit Sicherheit auch da dran lag, dass das Orchester Spaß vermitteln konnte und das Publikum durch Einführungen in die Werke mitgenommen wurde. 

Jürgen Kunkel

Jürgen Kunkel
Jürgen Kunkel

Jürgen Kunkel ist Dirigent der Blaskapelle Ebenhausen

Schwierige Frage. Ich versuche jedes Jahr ein forderndes und förderndes Programm aufzustellen. Aber wenn ich mich festlegen sollte, dann war es das Märchenkonzert
mit den beiden Hauptwerken Der Rattenfänger von Hameln von Otto M. Schwarz und A Princess’s Tale von Thomas Doss. 

Bernhard Schlögl

Bernhard Schlögl
Bernhard Schlögl

Bernhard Schlögl ist Dirigent des Sinfonischen Blasorchesters Tirol und ist künstlerischer Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte

Mein mutigstes Programm liegt noch vor mir. Im März 2026 (13./14.) gibt das Sinfonische Blasorchester Tirol anlässlich seines 10-jährigen Bestehens zwei Konzerte.

In dieser ersten Projektphase stehen vier große Werke am Programm: zwei Originalwerke und zwei Transkriptionen. Den Auftakt bildet die Ouvertüre für Harmoniemusik von Felix Mendelssohn Bartholdy (Arrangement: John Boyd), gefolgt von Wotans Abschied und Feuerzauber aus Richard Wagners Oper Die Walküre (Arrangement: Johannes Stert). Vor der Pause erklingt Danse satanique von Alexandre Kosmicki, bevor wir, und das ist tatsächlich ein wenig verrückt, nach der Pause die gesamte 5. Symphonie in c-Moll von Ludwig van Beethoven im Arrangement von Albert Schwarzmann spielen.

Die Vision dahinter ist einfach: Es sind Meisterwerke. Großartige Musik von großartigen Komponisten. Und genau diese Musik möchten wir mit voller Hingabe auf die Bühne bringen.

David Schöpf

David Schöpf
David Schöpf

David Schöpf dirigiert die Stadtkapelle Illertissen, die Musikkapelle Opfenbach, den Musikverein Lamerdingen, den Musikverein Mattsies sowie die Bezirksjugendblasorchester ASM Bezirk 5 Kaufbeuren und  ASM Bezirk 7 Lindau. Außerdem die Schwäbische Jugend Brass Band. 

Mein mutigstes Konzertprogramm war am Ostersonntag 2025 mit der Stadtkapelle Illertissen, stand unter dem Motto „Licht bringen“. Dieses Konzertprogramm war darauf ausgelegt, den Zuhörer:innen eine Erfahrung zu schenken, die lange im Gedächtnis und im Herzen bleibt, das 150-jährige Jubiläum gebührend zu feiern, aber auch das Orchester auf eine neue Stufe zu bringen. Zusätzlich stand die Vorbereitung für das Deutsche Musikfest an, aber ich wollte deswegen keine Abstriche im Programm machen, sondern ein stimmiges und anspruchsvolles Konzertprogramm zu gestalten – mit der ein oder anderen Besonderheit.

Das Programm sah wie folgt aus:

Illumination – David Maslanka
Lake of the Moon – Kevin Houben
Praise Jerusalem! – Alfred Reed
 – Pause –
Third Suite – Robert E. Jager
Songs of the Wizz – Quincy Jones, Charlie Smalls; arr. Peter Kleine Schaars
Frei wie dr Summerwind – Moritz Schneider, Robin Hoffmann; arr. Corsin Tuor
Suite from The Greatest Showman – arr. Takashi Hoshide

Als Eröffnung wählte ich Musik, die unsere Zuhörer:innen in eine andere (Klang)Welt (ent)führen sollte. Für mich gab es da keinen Besseren als David Maslanka, mit seiner einzigartigen Klangsprache, großen Kontrasten und emotionaler Tiefe.
Das nächste Werk, Lake of the Moon, war das Selbstwahlstück für das Deutsche Musikfest und beschreibt die scheinbar unendliche Suche nach Heimat. Hier konkret wie die Azteken durch eine lange Reise ihre Heimat finden. Explosive Rhythmen, orientalische Klänge und atemberaubende Technik sorgten bei diesem Werk für ein fesselndes Erlebnis.

Für unser 150-jähriges Jubiläum wollte ich als Hauptwerk des Konzerts ein Stück wählen, welches nachhaltig die Literatur der sinfonischen Blasmusik verändert und geprägt hat.
Praise Jerusalem! – Bei diesen Variationen über ein armenisches Osterlied aus dem 7. Jahrhundert wird jede Klangfarbe des Blasorchesters ausgeschöpft und lässt Holzbläser, Blechbläser und Schlagwerk in voller Pracht erstrahlen. Ein überwältigender Schluss, bei dem der feierliche Klang eines zusätzlichen sechstimmigen Blechbläsersatzes mit dem Blasorchesterklang verschmilzt, ist sicherlich eine der beeindruckendsten Schlusspassagen der gesamten Blasorchesterliteratur, was ich auch als sehr passend für das Jubiläum empfunden habe.
Nach der Pause widmeten wir uns wieder der sinfonischen Unterhaltungsliteratur, die zum Mitsingen und Mitpfeifen einlädt. Dabei haben wir darauf geachtet, dass für jede Altersgruppe etwas dabei war aber auch, dass es Musik fürs Herz ist!

Das Werk Third Suite von Jager war das Pflichtstück für das Deutsche Musikfest und schlägt die Brücke von der konzertanten Literatur auf die Unterhaltungsliteratur. Etwas anspruchsvolle Film- oder Musicalmusik sollte natürlich auch rein. Songs of the Wizz ist die Filmmusik des Filmes „The Wizz“ und ein sehr empfehlenswertes Werk, das auch Solisten fordert und den Orchestern meist viel Spaß macht zu spielen. Das nächste Stück, Frei wie dr Summerwind, war eine Ballade aus einem alten Schweizer Film „Dällebach Kari“ über Sehnsüchte und Freiheit. Dass das Jubiläum und Konzert auch wirklich besonders wird, hab ich das Stück, welches ursprünglich für BrassBand ist, von Corsin Tuor für Blasorchester arrangieren lassen und somit hatten wir auch eine Uraufführung im Konzert mit dabei. Dieses noch sehr unbekannte Werk ist wirklich wunderschön und ich kann nur jedem empfehlen es ins nächste Programm zu setzen. Unser letztes Stück war Suite from the Greatest Showman und ist die Filmmusik zum Film „The Greatest Showman“. Ich wollte mit Suite from the Greatest Showman das Konzert mit einer wichtigen Nachricht abschließen, die leider in der heutigen Zeit immer mehr in den Hintergrund rückt und zu kurz kommt: „Jeder Mensch hat einen Platz in dieser Welt, unabhängig davon, wie er aussieht, woher er kommt oder wovon er träumt. Wahres Glück kommt nicht vom Applaus der Welt, sondern davon, sich selbst treu zu sein und echte Verbindungen zu pflegen und mit Menschen zu teilen“. 
Insgesamt war es also ein technisch sehr anspruchsvolles Programm, das auch durch die große Emotionalität in den Werken schwierig zu spielen war und ich mir bis ein paar Wochen vor dem Konzert nicht sicher war, ob es sehr gut machbar ist. Ich wurde dann aber Gottseidank von meiner Mannschaft vom Gegenteil überzeugt und es war mit eines meiner schönsten Konzerte.

Stephan Wehrle

Stephan Wehrle
Stephan Wehrle

Stephan Wehrle dirigiert den Musikverein Siegelau

Wenn ich von “mutigen Konzertprogrammen” lese oder höre, verbinde ich damit leider oft die Selbstverwirklichung von Dirigenten. Ein bisschen so wie das “Heute machen wir mal was Freches” beim Friseur. Im Profi-Bereich mögen solche Programme sicherlich eine gewisse Berechtigung haben, bei Amateuren sollte man sich schon bewusst sein, dass hier viele tolle Musiker ihre Freizeit investieren – und diese Zeit sollte nicht aus dem Ackern an einem abgedrehten Programm bestehen, zu dem sie keinen Zugang finden können. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Mit der Ansicht im Hinterkopf war ich entsprechend sehr gespannt, ob mein Projekt “Ferngesteuert – Der vollautomatische Orchesterroboter” funktionieren wird, zumal es mal was ganz anderes war und ich anfangs in den Reihen auf Skepsis stieß. Unterm Strich war es eine rundum gelungene Sache.

Wie oben angedeutet, sind es in meinem Fall also eher einzelne Werke und auch nur etwa 2-3 pro Konzert, die ich als mutig bezeichnen würde, um besagte Komfortzone zu verlassen und Neues kennenzulernen. Beispiele sind hier sicherlich die Serenade, Op. 22c von Derek Bourgeois mit ungewohnten Taktarten, The Danserye von Tielman Susato (Arr. Manu Mellaerts) mit klarem Fokus auf Bläsermusik oder so gesehen auch Bohemian Tequila von Stefan Schwalgin, was unter den Traditionalisten bekanntlich etwas polarisiert.

Übersicht über die Round-Up-Serie:

Teil 1: Programmauswahl: Musikalische Entwicklung oder Publikumswirksamkeit?
Teil 2: Programmauswahl: Welche Werke kommen (nicht) an?
Teil 3: Programmauswahl: Was tun bei Widerstand von den Musiker:innen?
Teil 4: Programmauswahl: Mutige Konzertprogramme

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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