Donnerstag, April 9, 2026
DirigentenFührung

Dirigieren ohne Machtspiel: Partizipation im musikalischen Entscheidungsprozess

Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?

Im vierten Round-Up-Beitrag lest Ihr die Antworten zur Frage: „Welche Erfahrung hast Du mit Partizipation im musikalischen Entscheidungsprozess gemacht?“

Herzlichen Dank an die vier Dirigenten Stefan Klein, Gregor Kovacic, Daniel Niederegger und David Schöpf für ihre wertvollen Antworten!

Stefan Klein

Stefan Klein
Stefan Klein

Stefan Klein dirigiert die Musikfreunde Fidelia Wormersdorf und ist Hornist im Musikkorps der Bundeswehr

Musik funktioniert nicht mit Druck. Daher hat das Miteinander für mich absolute Priorität. Das kenne ich auch aus der Sicht des Musikers. Wenn ein Dirigent Dich spielen lässt, wird es am Ende immer musikalischer und emotionaler sein, und das ist es doch, was wir transportieren wollen. Es gab mal einen Musikkorps Chef der sagte: “Gute Musik kann man nicht befehlen”. Das kann ich zu 100% befürworten.

Gregor Kovacic

Gregor Kovacic
Gregor Kovacic

Gregor Kovacic ist Dirigent Salzburger Landesblasorchesters, der Kammerharmonie Salzburg, des Blasorchesters Ravne (Pihalni orkester Železarjev Ravne, Slowenien) und des Blasorchesters Loibach (JTK Loibach, Kärnten). Er ist Autor des Buches Dirigieren oder Dirigiert werden.

Im Laufe meiner Arbeit habe ich gelernt, dass musikalische Entscheidungen am stärksten wirken, wenn sie zwar vom mir als Dirigenten initiiert sind, aber so schnell wie möglich gemeinsam mit dem Orchester weiterentwickelt werden. Jedes Orchester hat seine eigene Geschichte, seine Klangtradition, seine Energie – darauf sollten wir als Dirigent:innen aufmerksam hören. Zugleich müssen wir den Blick nach vorn richten: Wie können wir neue Impulse setzen, ohne die gewachsene Identität zu verlieren? Diese Balance zwischen Bewahren und Erneuern ist für mich der Kern gemeinschaftlicher musikalischer Arbeit.

Wenn Musiker:innen spüren, dass ihre Ideen gehört und ernst genommen werden, verändert sich sofort die Atmosphäre im Ensemble. Die Aufmerksamkeit wächst, das gemeinsame Musizieren wird lebendiger, das Vertrauen tiefer. Natürlich braucht jedes Orchester eine klare künstlerische Richtung – doch innerhalb dieses Rahmens sollte Raum bleiben für Eigeninitiative, Neugier und Kreativität.

Gregor Kovacic: Dirigieren oder dirigiert werden
Gregor Kovacic: Dirigieren oder dirigiert werden

Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, alles festzulegen, sondern den Prozess in Bewegung zu halten: Impulse zu geben, zuzuhören, zu reagieren und verbinden. So entsteht ein gemeinsamer musikalischer Dialog, in dem alle Beteiligten Verantwortung übernehmen – jede:r auf seine Weise, entsprechend seiner Rolle und Erfahrung.

Partizipation bedeutet dabei nicht, dass jede Entscheidung demokratisch abgestimmt wird, sondern dass alle ein inneres Verständnis und eine Mitverantwortung für das Ergebnis entwickeln. Wenn das gelingt, entsteht etwas Kostbares. Und vielleicht ist das Entscheidende, dass jede:r im Ensemble – egal ob Profi oder Amateur – den Mut behält, die „kindliche“ Begeisterung für das Spielen zu bewahren. Diese Freude, dieses Staunen über den Klang ist die Quelle, aus der lebendige Musik immer wieder neu entsteht.

Daniel Niederegger

Daniel Niederegger
Daniel Niederegger

Daniel Niederegger ist Dirigent der Stadtmusikkapelle Amras (AT), der Musikkapelle St. Johann im Ahrntal (IT/Südtirol) und der Brass Band Pustertal (IT/Südtirol)

Partizipation hat für mich eine große Stärke – wenn sie strukturiert erfolgt.

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, wenn Programmgestaltung, musikalische Schwerpunkte oder beispielsweise die Entscheidung an Konzertwertungen teilzunehmen zunächst in der Runde der Musikkomission besprochen werden, bevor sie in die breite Gruppe getragen werden.

Musiker:innen, die gehört werden, fühlen sich stärker verbunden mit dem Ergebnis.

Wichtig ist jedoch, Partizipation zielgerichtet zu halten: nicht endlos diskutieren, sondern fokussiert gestalten.

David Schöpf

David Schöpf
David Schöpf

David Schöpf dirigiert die Stadtkapelle Illertissen, die Musikkapelle Opfenbach, den Musikverein Lamerdingen, den Musikverein Mattsies sowie die Bezirksjugendblasorchester ASM Bezirk 5 Kaufbeuren und  ASM Bezirk 7 Lindau. Außerdem die Schwäbische Jugend Brass Band. 

Im musikalischen Entscheidungsprozess, bei dem MusikerInnen mitwirken dürfen, dreht es sich meist um die Stückauswahl. Entweder habe ich ein festes Gremium mit denen ich die Stücke bespreche oder ich gehe auf einzelne MusikerInnen, manchmal auch auf den Vorstand zu. Dadurch, dass bei mir die Entwicklung des Orchesters immer im Vordergrund steht, schlage ich meist ein Programm vor, das ich als stimmig empfinde, und bespreche es anschließend. Im Gremium, in dem z.B. meine Satzführer sitzen, kann ich dann genau auf Dinge eingehen und eventuelle Sorgen sowie Ängste besprechen. Als Dirigent eines Orchesters, in dem man auch langfristig weiterkommen will, ist es Gold wert, Rückhalt aus den Reihen des Orchesters zu haben. Um vorwärtszukommen oder, um den Schritt in eine neue Stufe zu wagen, ist eine leichte Überforderung meiner Meinung nach immer sinnvoll, um den Verein und die MusikerInnen wachsen zu lassen. Das ist unweigerlich mit einem Übeaufwand verbunden und kann auf Kritik stoßen. Da ich mich dann aber mit den SatzführerInnen (oder der Vorstandschaft) besprochen habe, grünes Licht bekommen habe und dem Orchester das Feedback geben kann, dass alles im machbaren Rahmen ist, kann man viel Unmut schon im Keim ersticken.
Es ist auch als Dirigent fast unmöglich immer über jedes Stück oder jedes neue Werk Bescheid zu wissen, deshalb freue ich mich immer über Tipps oder Hinweise auf neue Werke von meinen MusikerInnen oder dem Gremium. Aber auch alte Werke, die gerade wieder eine kleine Renaissance erleben, finden dann wieder den Weg auf meinen Schreibtisch. Oft sind es auch MusikerInnen, die in Projektorchestern unterwegs sind und so eine andere Perspektive auf Werke von KollegInnen mitbringen, die mich dann oft sehr positiv überraschen.

Übersicht über das fünfteilige Round-Up zum Thema Dirigieren ohne Machtspiel – wie gelingt dirigentische Führung auf Augenhöhe?:

Dirigieren ohne Machtspiel: Führung auf Augenhöhe
Dirigieren ohne Machtspiel: Eigenverantwortung des Orchesters
Dirigieren ohne Machtspiel: Grenzen der Eigenverantwortung
Dirigieren ohne Machtspiel: Partizipation im musikalischen Entscheidungsprozess
Dirigieren ohne Machtspiel: Umgang mit Widerstand oder Infragestellung

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert