Das leidige Thema “Probenanwesenheit”

Wann ist eine Musikprobe richtig gut?

Aus meiner Sicht müssen folgende Kriterien erfüllt sein: Alle sind (rechtzeitig) da. Die Probe beginnt pünktlich. Es herrscht eine ruhige Arbeitsatmosphäre. Der/die Dirigent:in probt effektiv, zeigt, was er wie haben möchte. Er/Sie ist in der Lage mit seinen Gesten die gewünschten Effekte zu erzielen und braucht dazu nur so viele Worte wie unbedingt nötig. Es geht hauptsächlich um die Musik. Im Idealfall gefällt mir das Repertoire (wenn nicht: auch kein Drama). Die zwei Stunden sind vorbei, ohne dass ich auch nur einmal auf die Uhr sehe. Nach der Probe bleiben einige noch da, um noch etwas zu trinken (gerne auch etwas zu essen) und vor allen Dingen noch etwas zu Quatschen.

Utopisch? Nein. Ich habe „meinen“ Verein gefunden.

In fast allen Musikvereinen, in die ich derzeit komme (Zukunftswerkstätten) und mit denen ich rede (z. B. in den Online-Seminaren), ist „Probenbesuch“, „Probenanwesenheit“ bzw. „Probenbeteiligung“ ein Thema. Viele bemängeln den schlechten Probenbesuch.

Jeder ist irgendwann mal krank. Es gibt Gründe im beruflichen, schulischen und familiären Bereich, warum ein Probenbesuch manchmal nicht möglich ist. So gerne man auch gehen würde. Dann gibt es Leute, die eventuell nur jede zweite Probe da sind, weil sie in Schichten arbeiten. Student:innen sind nur in den Semesterferien da. Das sind alles nachvollziehbare Gründe. Die versteht jeder.

Es scheint aber in vielen Musikvereinen Leute zu geben, die sich aus unerklärlichen Gründen abmelden bzw. einfach gar nicht erscheinen. In Proben ist das eher noch zu verschmerzen. Wenn das bei Auftritten passiert, wird’s sehr problematisch.

Zugegeben. Es kostet manchmal etwas Überwindung, sich nach einem harten Arbeitstag, eventuell noch mit Mehrarbeit und Überstunden, in die Probe aufzumachen. Im Sommer verspricht der heimische Pool im Garten mehr Abkühlung als der Probenraum. Im Winter ist es draußen finster und kalt, so dass man sich lieber auf der Couch in die Decke mummeln möchte. Wenn man aber weiß, dass einen ein entspannter und doch spannender Abend erwartet; wenn man sich auf die Musik und das gemeinsame Musizieren mit den Kolleg:innen freut; wenn man weiß, dass nicht nur die Intonation sondern auch die Stimmung gut ist; ein positiv gestimmter Dirigent vor dem Orchester steht, der in jeder Lage sein Handwerk beherrscht; wenn die Musik gespielt wird, die man liebt; und wenn auch kein missmutiger Vorstand wartet, der sich ständig nur beklagt weil der Probenbesuch schlecht ist oder sich keine Leute für Arbeitseinsätze finden lassen, usw., dann schafft man die Überwindung auch und geht in die Probe.

Grundsätzlich ist es in der Situation erst einmal egal, aus welchen Gründen die Musiker:innen nicht da sind. Sie fehlen, Punkt. Deshalb macht es keinen Sinn, darüber in der Probe zu schimpfen, zu meckern und sich zu beklagen. Um die, die da sind, geht es schließlich nicht. Fehlen viele Musiker:innen gilt zunächst nur eines: Mit den Anwesenden so gut wie möglich proben und ein positives Probenerlebnis vermitteln – wie in jeder Probe.

Das Frustrierende am schlechten Probenbesuch ist, dass der/die Dirigent:in wenn’s blöd läuft, wochenlang die gleichen Stellen probt, ohne dass es einen hörbaren Fortschritt gibt. Klangausgleich und Intonation zu proben macht keinen Sinn, wenn nicht alle, die beim Konzert dabei sind, in der Probe sind. Und wenn es ganz hart kommt, probt der Dirigent noch kurz vor dem Konzert Technik. Ärger und Unmut sind vorprogrammiert. Auf Dirigenten- und Musiker-Seite. Wer will das schon… Schließlich ist der Musikverein ein Ort, an dem wir unsere Freizeit verbringen. Da wollen wir Spaß und Freude haben, eine gute Zeit verbringen. Ärger und Frust haben wir im Alltag schon genug.

Durch einen schlechten Probenbesuch leidet nicht nur die musikalische Qualität des Orchesters, sondern auch die Gemeinschaft. Auf lange Sicht keine gute Entwicklung für den Musikverein.

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als herauszufinden, warum die Leute fehlen. Schwierig wird es, wenn die Gründe nicht „im Außen“ liegen – beispielsweise Krankheit, Arbeitsbelastung, familiäre Verpflichtungen und ähnliches – sondern „im Verein“ liegen. Aber diese Gründe muss man erst einmal kennen um sie beheben zu können. Und wenn man sie herausgefunden hat, muss man Lösungen parat haben. Nicht einfach. Wenn herauskommt, dass es am Dirigenten liegt, was macht man dann? Rausschmeißen? Und wenn es am Stuhlnachbar liegt? Allgemein gültige Lösungsstrategien gibt es hier sicherlich nicht.

Eine sehr sympathische Idee hatte vor kurzem ein Verein, bei dem ich eine Zukunftswerkstatt moderiert habe. Sie haben ein „Harmonie-Team“ gegründet. Arbeitsauftrag an das Harmonie-Team: Mit den Kandidaten, die öfters ohne offensichtlichen, nachvollziehbarem Grund fehlen oder sonst irgendwie unzuverlässig sind, wohlwollend reden mit dem Ziel, sie wieder für den Musikverein zu begeistern. Die Zusammensetzung des „Harmonie-Teams“: weder der Vorstand noch sonst jemand aus der Vorstandschaft und auch nicht der Dirigent. Sondern zwei anerkannte, „weise“ Menschen aus dem Verein, die es in der Regel mit allen „gut können“ und von eher ausgeglichenem, versöhnlichem Charakter sind. Am liebsten jemand aus der älteren und einer aus der jüngeren Generation. Ich finde, das ist ein sehr guter Ansatz und bin gespannt, wie die Gespräche laufen. Zwei Personen mit oben genannten Eigenschaften haben sich während der Zukunftswerkstatt gleich gefunden. Ich kann mir vorstellen, dass es in anderen Musikvereinen nicht ganz so einfach ist, zwei Persönlichkeiten, die diese Aufgaben übernehmen können, zu finden. Aber auch nicht unmöglich.

Auseinandersetzungen (im positiven Sinne) mit Musiker:innen oder dem/der Dirigent:in sind nie einfach. „Man will ja auch keinen verlieren.“ Und doch bleibt manchmal nur dieser Weg, wenn die Harmonie im Musikverein anhaltend gestört wird.

Für einen guten bis optimalen Probenbesuch (nahezu 100% Anwesenheit der Musiker:innen) braucht es zunächst einen umfassend ausgebildeten Dirigenten, der in der Lage ist, eine gute Probenarbeit zu machen und ein Händchen für die passende Literatur hat. Weiter bin ich davon überzeugt, dass ein funktionierendes Registerleitersystem einen schlechten Probenbesuch vorbeugt. Dazu müssen die Aufgaben des Registerleiters genau definiert sein. Zu seinem Aufgabengebiet gehört, das Register zusammen zu halten. Der Registerleiter ist derjenige der weiß, warum jemand in der Probe nicht da ist. Und er/sie hinterfragt selbstverständlich auch. Klare Absprachen über das Abmeldemanagement sind notwendig, die Einführung von Konzertmeister eine große Hilfe.

In vielen Musikvereinen ist es Usus, einmal im Jahr die/den “Probenkönig:in” zu küren. Beispielsweise bei der Weihnachtsfeier. Der- bzw. diejenige mit den meisten Probenanwesenheiten wird geehrt und bekommt ein Geschenk. Dazu wird eine Probenanwesenheitsliste geführt – sofern der Musikverein nicht Konzertmeister eingeführt hat. Konzertmeister liefert die Anwesenheiten auf Knopfdruck. Diese sind allerdings nur korrekt, wenn jeder seine An- bzw. Abwesenheit zuvor ehrlich eingetragen hat. Hilft das für durchgängig voll besetzte Proben im Jahresverlauf? Nun, da bin ich nicht sicher. Die Würdigung einmal im Jahr ist aber sicherlich eine nette Geste.

Sehr erstaunt bin ich immer wieder, dass in jedem Verein ständig über das Abmeldemanagement diskutiert wird. Wir reden sehr viel davon, wie wir mit Abwesenheiten umgehen, mit kurzfristigen Absagen, mit unzuverlässigen Persönlichkeiten, wie und bei wem man sich abmeldet, usw. Manche denken über Probenquoten nach: „Jeder muss mindestens 80% aller Proben besucht haben, um am Konzert mitzuspielen.“ Oder ähnliches. Die Einladung, 20% aller Proben zu fehlen wird quasi mitgeliefert.

Sollten wir in unserer Kommunikation im Musikverein nicht mehr darüber reden, dass die Normalität ist, dass jede:r Musiker:in immer da ist!?? Jeder hat sich freiwillig dazu entschlossen, in den Musikverein einzutreten. Damit einher geht die Verpflichtung zu einer 100%igen Anwesenheit bei Proben, Auftritten, Konzerten und Arbeitseinsätzen. Die Ausnahme ist: „Entschuldigung, ich kann an diesem Termin leider nicht.“ Es gibt Vereine, die haben neben den Satzung eine “Orchesterordnung”, die jeder, der in den Verein eintritt, unterschreibt. Darin enthalten: Ein Passus, mit der Verpflichtung zur Anwesenheit bei allen Terminen. Außerdem eine “Ausnahme-Regelung”, falls eine Teilnahme am Termin ausnahmsweise nicht möglich ist. Z. B. mit dem Hinweis, dass jeder für seine Aushilfe in diesem Fall selbst sorgt.

Die Termine eines Blasorchesters sind nicht freibleibend. Ich habe es früher leider selbst oft genug erlebt, dass in meinem damaligen Musikverein Auftritte abgesagt werden mussten, weil sich Leute auf „wichtigen“ (weil dünn besetzten) Stimmen abgemeldet haben. Ich fand das extrem frustrierend. Immer wieder. Es ist für ein Vereinsmanagement nicht einfach, die optimale Anzahl an Auftritten anzunehmen. Den einen sind es zu viele Auftritte, den anderen zu wenig. Hier gute Kompromisse zu finden ist schwierig. Ich halte im Übrigen nichts davon, wenn bei jeder Auftrittsanfrage zuerst nach einer Probe abgefragt wird, “wer ist da?”. Und davon die Entscheidung abhängig gemacht wird, ob der Auftritt angenommen wird oder nicht. Sehr viel besser finde ich es, wenn die Vorstandschaft oder besser noch die Musikkommission beispielsweise für das Sommerprogramm eine zu bewältigende Anzahl an Auftritten aussucht und die Termine langfristig über den Konzertmeister bekannt gibt. Jeder kann sich so diese Termine frei halten oder ggf. rechtzeitig bekannt geben, falls er da beispielsweise im Urlaub ist. Bei dieser Vorgehensweise ist es dann auch leicht, eine Aushilfe zu finden.

Unabdingbar ist die sehr rechtzeitige Bekanntgabe der Termine. Auf Grund meiner beruflichen Situation (Selbstständigkeit) ist für mich eine Bekanntgabe der Termine bereits ein Jahr im Voraus wichtig. Bei meiner beruflichen Terminplanung kann ich Proben- und Konzertwochenenden so prima freihalten. In meinem Blasorchester klappt das Gott sei Dank. Und wenn ich einmal doch nicht kann, organisiere ich in Zusammenarbeit und in Absprache mit meiner Registerleiterin meine Aushilfe.

Meine Bitte an Euch: Wenn der Probenbesuch der Musiker:innen lang anhaltend nicht zufriedenstellend ist, packt dieses Thema bitte an, untersucht die Gründe und sucht gemeinsam nach Lösungsansätzen. Für die Qualität der Musik und die Gemeinschaft (Kameradschaft) ist die Anwesenheit möglichst aller bei allen Proben, Auftritten, Konzerten und Arbeitseinsätzen sehr wichtig.

In der Gruppe Netzwerk Sinfonische Blasmusik auf Facebook habe ich ein Stimmungsbild der momentanen Probenanwesenheit abgefragt:

Stimmungsbild Probenanwesenheit

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

4 thoughts on “Das leidige Thema “Probenanwesenheit”

  • 9. November 2021 at 19:29
    Permalink

    eine sehr informative Darstellung, sicherlich für viele Vereine und Vereinsfunktionäre eine hilfreiche Zusammenstellung . Clever in den Orchesterproben angewandt, fühlen sich möglicherweise die “schwarzen Schafe” herausgefordert( Register sorgt für bessere Aushilfe….). Oder, wenn der Probenbesuch schlecht ist: nur Registerproben! Und die Ansage, wenn Gesamtorchester spielt! Der Dirigent könnte auch provozieren : bestimmte Spieler erhalten ein angemessenes Solo. usw….

    Reply
  • 9. November 2021 at 21:57
    Permalink

    warum kann man solche Beiträge nicht in Solzialen Medien(wie z.B. Facebook) weiterleiten ?

    Reply
    • 10. November 2021 at 9:28
      Permalink

      Hallo Winfried,
      das geht… Unter dem Beitrag gibt es die Möglichkeit dazu: Einfach auf den Button “Share on Facebook” klicken, schon kannst Du es in deinen Facebook-Account verlinken. Eine andere Möglichkeit: Die URL kopieren und in deinem Facebook-Newsfeed einsetzen.
      Viele Grüße
      Alexandra

      Reply
  • Pingback: Blasmusikblog Monatsrückblick November 2021 – Blasmusik

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