Tuesday, September 22, 2026
SinfonischWerke

Das besondere Konzert: Women only  

Ein Plädoyer für mehr Aufführungen von Komponistinnen

Ein Gastbeitrag von Steffen Siegert

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Women Only - Feuerwehr- und Stadtkapelle Adelsheim
Women Only – Feuerwehr- und Stadtkapelle Adelsheim

Die Literatur für Blasorchester stammt überwiegend aus der Feder von Männern. Dies ist kein subjektiver Eindruck, sondern lässt sich leicht durch den Vergleich verschiedenster Konzertprogramme belegen. Um es gleich vorwegzunehmen – dies ist sehr schade. Bereits 2023 habe ich mit meinem Orchester, der Feuerwehr- und Stadtkapelle Adelsheim, deshalb ein Konzertprogramm zusammengestellt, das ausschließlich Werke von Komponistinnen enthielt. Natürlich hatte dies auch eine pädagogische Komponente, da sich diese Werke in Form, Klang und Stil zum Teil deutlich von den bisher bekannten (männlichen) Werken unterschied. In diesem kurzen Beitrag möchte ich aber den Fokus auf die Komponistinnen und deren Werke legen. 

Julie Giroux dürfte noch eine der bekannteren unter den Komponistinnen sein. Sie schrieb mehrere Kompositionen für Blasorchester, sowie sechs Sinfonien. Als Orchestratorin war sie auch im Bereich der Filmmusik aktiv und erhielt hierfür Emmys, sowie eine Oscar-Nominierung. Ihr Repertoire umfasst dabei nahezu alle Schwierigkeitsgrade von Level 2 bis 6. Wir hatten uns das Werk Journey through Orion (Grad 3+) vorgenommen. Journey through Orion nimmt einen mit auf eine klangliche Reise 1.500 Lichtjahre weit in das Sternbild Orion. Ausgehend von den atemberaubenden Aufnahmen des Hubble Space Telescope führt das Stück durch das Sternbilder, Kometen und Asteroiden. Die Musik webt Bilder von Sternentstehung, Nebelwolken und kosmischer Weite und lädt dazu ein, innerlich zu reisen, zu staunen und neue Ideen zu finden 

Ash von Jennifer Jolley (Grad 3-4). Das Werk erzählt eine persönliche Kindheitserinnerung der Komponistin an das erste Erleben von Ascheregen in Südkalifornien: Als Kind sah sie nie Schnee, wohl aber einmal winzige Ascheflocken vom Himmel fallen. Neugierig und verwundert erfuhr sie in der Schule, dass diese Flocken von Waldbränden stammten. Die Erfahrung verbindet nun Faszination mit einer ernüchternden Einsicht: etwas Schönes und Zauberhaftes kann aus etwas Zerstörerischem entstehen. Es ist sphärisch, aufregend, mit engen Harmonie und ebenso fremden und überraschenden Wendungen und verfolgt dennoch einen klaren Aufbau. 

Woman Only - Konzertprogramm
Woman Only – Konzertprogramm

Tara Islas ist laut eigener Aussage Performer, Teacher und Composer. Die Hornistin hat ein breites Ouevre, schreibt nicht nur für Blasorchester, sondern auch Chor- und Kammermusik und ist Arrangeurin. Ascent to the Summit  ist eine Fanfare für Blechbläser und Schlagwerk. Das Stück aus dem Jahr 2016 steht deutlich in der Tradition der olympischen Fanfaren a la John Williams. Und dennoch, es ist anders, aber überzeugt euch selbst. 

Il Cinghiale di Bronze von Kumiko Tanaka steht wohl noch am ehesten in der Tradition der “klassischen” Blasorchesterkompositionen. Das dreiteilige Oberstufenwerk erzählt das Märchen “Das bronzene Schwein” von Hans Christian Andersen. Für die Dirigent:innen ist es dennoch spannend, wie hier eine Mischung aus Disney, italienischer Kompositionstradition und moderne Blasorchestersetzung umgesetzt wird. 

Ein Stück der ganz besonderen Art, wenngleich mit einem anderen, niederschwelligeren musikalischen Anspruch, war Band of Heroes von Erika Svanoe. Zunächst zur Komponistin: Dr. Erika Svanoe ist Komponistin und Dirigentin und leitet derzeit die Symphonic Band der University of Wisconsin–Stout. Als aktive freiberufliche Komponistin, Dirigentin und Dozentin verbindet sie akademische Erfahrung mit praktischer Konzertarbeit. Band of Heroes (Grad 3) ist ein interaktives Werk inklusive einer PowerPoint Präsentation, bei der das Publikum abstimmen kann, in welche Richtung sich die Geschichte weiterentwickelt. Wir haben dies im Konzert ganz praktisch umgesetzt, indem wir das Publikum per Mentimeter-Umfrage (Link Mentimeter) eingebunden haben. Ein ganz neues und anderes Erlebnis, auch für das Publikum. 

Ein Marsch durfte natürlich auch nicht fehlen und diesen lieferte Suzanne Welter mit Ladies first (Grad 3). Ein Marsch, der vornehm zurückhaltend daher kommt und sich aus einem vermeintlich einfachen Motiv weiterentwickelt. Ladies first steht für den Respekt und die Wertschätzung, die Frauen verdienen. Es ist eine Hymne an die Kraft, den Charme und die Leidenschaft der Frauen und erinnert daran, dass Frauen eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielen und dass ihre Stimmen und Talente genauso gehört und gefeiert werden sollten wie die der Männer. 

Sehr besonders war das letzte Stück unseres Konzertes, denn wir durften eine europäische Uraufführung spielen. Ich hatte zuvor Kontakt mit Michele Fernandez aufgenommen. Die Komponistin, mittlerweile auch in Diensten von Hal Leonard, befand sich in den letzten Zügen der Arbeit an ihrem Werk Unidad e Ritmo. Die Komposition Unidad en Ritmo entführt in die bezaubernde Welt des Afro-Latin-Jazz. Die Musik beschreibt die Verschmelzung europäischer Melodien und harmonischer Klänge mit den rhythmischen Schätzen Afrikas. Diese faszinierende Fusion wird in vier ikonischen Stilen präsentiert: Guaguanacó, Son Montuno, Bolero und Afro-Cuban. Jeder Teil repräsentiert Aspekte des Lebens, die am besten durch Einheit, gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung der Herausforderungen, die jeder auf seine Weise erlebt, erfahren werden können. Die Komponistin betont, dass diese musikalische und spirituelle Vereinigung ohne die tragischen Umstände der Sklaverei und das Leiden der versklavten Menschen in der Karibik nicht möglich gewesen wäre. In einigen Stücken, wie dem Bolero und dem Afro-Cuban, spürt man die Emotionen, die durch die Betrachtung ihres Leidens geweckt werden. 

Ich bin mir darüber bewusst, dass es weitaus mehr Komponistinnen in unserem Bereich gibt. Die Intention hinter diesem Konzertprogramm war es meine eigene Perspektive als Dirigent zu weiten und den Gewinn dieser Kompositionen zu erkennen und in weitere Konzertprogramme einfließen zu lassen. Ich hoffe, damit ein wenig Lust auf diese Werke und vor allem auf die faszinierenden Komponistinnen dahinter gemacht zu haben – und dass sie unsere Konzertprogramme künftig häufiger bereichern. 

Vita Steffen Siegert

Steffen Siegert
Steffen Siegert

Steffen Siegert (Jahrgang 1981) ist Verbandsdirigent des Blasmusikverbandes Tauber-Odenwald-Bauland (BMV-TOB) und trägt dort die Gesamtverantwortung für den musikalischen Bereich sowie das Fortbildungswesen. Der studierte Realschullehrer für Musik und Mathematik (PH Ludwigsburg) verbindet in seiner Arbeit analytische Struktur mit pädagogischer Leidenschaft.
​Der Saxofonist und Inhaber des B-Scheins (Bundesakademie Trossingen) blickt auf Stationen beim Musikverein Tamm und der Stadtkapelle Ditzingen zurück. Aktuell leitet er die Stadtkapelle Adelsheim sowie seit Herbst 2025 den Musikverein Mudau. Sein Fokus liegt auf einer zukunftsorientierten Orchesterarbeit und der qualifizierten Aus- und Weiterbildung von Dirigenten und Musikern.

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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