Monday, October 19, 2026
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Drei Klischees der Blasmusik, die ich gerne beerdigen würde

Und überraschende Wahrheiten, die ich stattdessen ausgraben möchte

Vor einiger Zeit bin ich einmal gefragt worden, welche drei Klischees der Blasmusik ich gerne beerdigen würde und welche überraschenden Wahrheiten ich stattdessen ausgraben möchte. Ich musste tatsächlich nicht lange überlegen. Folgende drei Klischees sind mir sofort in den Kopf geschossen. Viel Spaß beim Lesen und über Eure Kommentare freue ich mich bei diesem Beitrag besonders – bitte nutzt das Kommentarfeld am Ende des Beitrags dafür. Danke. Traut Euch gerne Eure konträre Meinung ins Kommentarfeld am Ende des Artikels zu schreiben, aber bestätigt gerne auch, wenn Ihr der gleichen Meinung wie ich seid oder diese sogar bekräftigen wollt.

1. „Blasmusik, Bier und Bratwurst gehören zusammen“

Ein Klischee, das allerdings der Wahrheit entspricht. Nicht überraschend und es muss auch nicht ausgegraben werden. Zumindest arbeitet ein großer Teil der Musikvereine bzw. Blaskapellen an diesem Image. Auch viele Musikfeste im deutschsprachigen Europa sowie diverse professionell aufgezogene Blasmusik-Festivals sorgen dafür, dass Blasmusik im Bier-Bratwurst-Kontext im Gedächtnis der Bevölkerung fest verankert wird und bleibt.

Mit großer Sorge sehe ich die immer größer werdende Menge an Social-Media-Filmchen in denen Musikvereine für ihre Veranstaltungen werben und alle Darsteller gefüllte Biergläser oder Bierflaschen in der Hand haben. Diese Kurzvideos könnten genauso gut Bierwerbung sein. Zumindest sagen sie ganz klar aus: Bier und Blasmusik gehören zusammen. Als ich einen Social-Media-Beauftragten eines Musikvereins einmal darauf hingewiesen habe wurde mir geantwortet, dass das Reel die Geselligkeit, Aufgeschlossenheit und Modernität der Musikvereine zeigt und schließlich seien alle biertrinkenden oder mit dem Bierglas winkenden Musiker:innen im Video über 18 Jahre alt.

Der Beitrag, für den ich die meiste Kritik seit Bestehen des Blasmusikblogs bekommen habe, ist: Randnotiz: Alkohol und Blasmusik. Tragisch ist das für die Musikvereine bzw. Blasorchester, die eine seriöse Jugendarbeit machen möchten. Außerdem für die, die eher konzertant unterwegs sind. Denn da das öffentliche Bild der Blasmusik überwiegend mit Bierseligkeit und Umtata assoziiert wird ist eine differenzierte Darstellung der unterschiedlichen Blasmusik-Formen gar nicht mehr möglich. Die überraschende Wahrheit: Wir müssen noch viel klarer die Unterschiede in der Öffentlichkeit darstellen. Es gibt eben unterschiedliche Arten von Blasmusik. Sie haben alle ihre Berechtigung. Keine Art ist mehr wert als die andere. Es gibt nur unterschiedliche Vorlieben. Eine große Aufgabe. Ich arbeite seit 10 und mehr Jahren daran.

2. „Die Komponisten stehen unter der Knute der Verlage – und die Verlage sind nur auf Profit aus“

Wo dieser Unsinn herkommt, habe ich noch nie verstanden. Gute Komponisten schreiben was sie wollen. Einschränkungen kommen von den Auftraggebern der Kompositionen, die natürlich den Schwierigkeitsgrad und die Länge, meist das Genre des Auftragwerks angeben und meist auch noch Vorstellungen davon haben, was bzw. welches Thema das Werk haben soll. Ich schätze mal, dass der meist geäußerte Wunsch der Auftraggeber ist: „Vertone unsere Vereinsgeschichte…“, „Vertone eine Legende oder eine Sage aus unserer Gegend oder eine historische Geschichte“. Wir sollten Jacob de Haan fragen, wie oft er schon den Auftrag bekommen hat: „Bitte ein Werk wie Oregon“ oder „Bitte ein Werk wie Concerto d’amore“…

Eine gute Verleger-Komponisten-Kooperation kann sehr fruchtbar für beide Seiten sein. Besonders wenn der Verlag über eine hervorragende Redaktion verfügt. Ein guter Verleger bzw. Musikredakteur (Editor) arbeitet konstruktiv mit dem Komponisten zusammen, checkt den musikalischen Text auf Fehler, holt extreme Schwierigkeiten aus Stimmen, die nicht zum Rest passen, schaut auf Blätterbarkeit der Einzelstimmen, geht in Kommunikation mit dem Komponisten bezüglich Bezeichnungen, Artikulations- und Spielanweisungen, wenn sie nicht klar verständlich sind, usw.

Ein guter Verleger kümmert sich um seine Komponisten und sorgt für die ganzheitliche „Vermarktung“ und nicht nur um einzelne Werke, die er als Bestseller erkennt. Bei guten Komponisten gibt ein guter Verleger alle Werke raus. Schwierige wie leichte – ein Bestseller kann dafür sorgen, dass auch ein ultra schwieriges Werk, das keinen break even verspricht, veröffentlicht wird. Der Mix macht es aus!

Zum Thema „Profit“ kann ich nur sagen: Als ich noch beim Verlag war, war ich sehr froh, am Monatsende ein Gehalt ausgezahlt bekommen zu haben. Und das galt auch für alle meine Kolleginnen und Kollegen.

3. „Die jungen Musiker:innen wollen nur Pop- und Filmmusik spielen“

Wenn ich in Workshops frage, wie wir die jungen Musiker:innen in unseren Jugendkapellen bzw. Blasorchestern halten können, kommt meist (u. a.) die Antwort: „Wir müssen moderne Literatur spielen.“ Nun, was ist moderne Literatur? In der Wissenschaft von vielen: „Pop- und Filmmusik“. So spielen nun denn auch die meisten Jugendorchester Arrangements aus diesen Genres. Meiner Meinung nach können wir die jungen Musiker:innen auch mit originalen, zeitgenössischen Kompositionen begeistern. Vielleicht auch mal mit einer Polka. Denn, wenn ich in den Zukunftswerkstätten die Musiker:innen frage: „Was ist das besondere an Deinem Musikverein?“, dann antworten die meisten: „Die Vielfalt des Repertoires, das wir spielen.“ Warum soll das nicht für die jungen Musiker gelten?

Originale, zeitgenössische Kompositionen für junge Musiker:innen sind – sollte der Komponist dazu fähig sein – genau dem Schwierigkeitsgrad angepasst und machen nicht zuletzt deswegen den Jugendorchestern sehr viel Spaß. Diese Werke sind Zielgruppen-genau geschrieben und haben lediglich den Anspruch den jungen Musiker:innen die Freude am Musizieren im Blasorchester zu vermitteln. Außerdem enthalten sie oft pädagogische Aspekte, die dazu beitragen die Musiker:innen besser zu machen. Die jungen Musiker:innen sollen schließlich in den Jugendorchester-Proben auch etwas dazulernen um dann irgendwann gut ausgebildet in unseren großen Blasorchestern mitspielen zu können.

Ein weiterer Aspekt spricht noch für die Auswahl von Originalwerken an Stelle von meist billig erstellten Arrangements von Pop- und Filmmusik: Wenn wir unsere Kinder immer nur mit Fastfood füttern lernen sie niemals die Vielfalt aller Gaumenfreuden und Genüsse kennen.

Und schließlich und endlich: Höre ich Jugendkapellen mit Smoke on the Water auf der Bühne denke ich: “und das soll jetzt modern sein? Den Song gibt es schon seit 1972!” Und endgültig einen dicken Hals bekomme ich, wenn ich in Programmen von Jugendorchestern das Trinklied Auf der Vogelwiese lese… Wir bringen also unseren 12-jährigen schon bei, dass es lustig ist, wenn jemand besoffen unterm Tisch liegt…

Any comments zu den drei Klischees? Kennt Ihr weitere Klischees? Habt Ihr eine ganz andere Meinung dazu? Schreibt Eure Gedanken zu diesem Thema gerne unten ins Kommentarfeld. Diskutieren – auch konträr – ausdrücklich erlaubt und gewollt!

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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