6 Fragen an Oliver Nickel zur Teilnahme des Musikvereins „Viktoria“ Altenmittlau am DOW 2016

Noch wenige Tage bis zum Deutschen Orchesterwettbewerb 2016 in Ulm. Die Spannung auf den Wettbewerb hin steigt, ich freue mich schon sehr darauf die Orchester in der Kategorie B.1 zu hören. Ich habe mir vorgenommen, alle 10 Blasorchester anzuhören. Und natürlich werde ich nach dem Wettbewerb hier im Blasmusikblog.com von meinen Eindrücken und Erlebnissen berichten.

Die heutigen Antworten kommen von Oliver Nickel, dem musikalischen Leiter des Musikvereins „Viktoria“ Altenmittlau:

Wie und wann hat sich Dein Orchester für den DOW qualifiziert? Was waren die Voraussetzungen zur Teilnahme am DOW?

„Wir haben uns im November 2015 im Rahmen des Hessischen Orchesterwettbewerbs in der Landesmusikakademie in Schlitz qualifiziert. Die allgemeine Voraussetzung für die Weiterleitung zum Deutschen Orchesterwettbewerb war das Erreichen von mindestens 21 Punkten in der Gesamtwertung, die wir überschritten hatten.“

Mit welchen Werken tretet Ihr in Ulm beim DOW an und warum hast Du für Dein Orchester gerade diese Werke ausgesucht?

„Unser Pflichtstück wird die „Suite voor Harmonieorkest“ des Niederländers Bob Vos sein. Dieses anspruchsvolle Werk hat mit seiner Vielschichtigkeit, seiner Harmonik, der speziellen farbigen Klangsprache und der Instrumentierung viele Facetten, die es herauszuarbeiten gilt. Dies ist eine besonders reizvolle Aufgabe für das Orchester und wir alle lernen sehr viel daran. Interessant ist auch die Tatsache, dass wir mit diesem Stück ein Werk aus der niederländischen Tradition spielen und man kann ja ruhigen Gewissens sagen, dass die Holländer mit ihrer Art der Blasmusik mit prägend für die Entwicklung in Deutschland waren und auch immer noch sind.

Mit „Angels in the architecture“ des Amerikaners Frank Ticheli als Kürstück setzen wir einen starken Kontrast und können so eine andere Seite der Blasmusik präsentieren, was mir persönlich sehr wichtig war. Es ist ein unglaublich begeisterndes und mitreißendes Werk, sowohl für das Orchester auf der Bühne, als auch für das Publikum im Saal, was wir beim Hessischen Orchesterwettbewerb in Schlitz bereits erleben durften, als das Publikum am Ende des Vortrags zu Tränen gerührt war.

Während die Herausforderungen in der „Suite voor Harmonieorkest“ neben den technischen Aspekten eher im Klang und dem Bewältigen der nicht immer einfachen Instrumentierung liegen, fordert die Partitur von „Angels in the architecture“ uns alle in ganz anderer Weise. Zum einen zwingt das hohe Tempo zu einer enormen Konzentration verbunden mit einer gewissenhaften Sicherheit in jeder einzelnen Stimme, zum anderen darf der Zusammenhang des Gesamtwerks in den langsamen Passagen nicht verloren gehen. Dabei spielt das Zusammenmusizieren und das Hinhören auf die eigenen Orchesterkollegen eine sehr wichtige Rolle.

Beide Werke haben sehr unterschiedliche Schwierigkeiten, die das Orchester in besonderer Weise fordern. Ich sehe in der Probenarbeit an diesen Kompositionen, auch unabhängig vom DOW, eine sehr lohnenswerte Aufgabe, die das Orchester in den genannten Aspekten schon enorm weitergebracht hat.“

Was ist Dir in der Wettbewerbsvorbereitung besonders wichtig und wie bereitest Du Dein Orchester ganz speziell auf diesen wichtigen Wettbewerb vor?

„Natürlich spielt die konzentrierte und kontinuierliche Probenarbeit eine wichtige Rolle, was sich in zahlreichen Satz- und Zusatzproben widerspiegelt. Mit einem Orchester, das uneingeschränkt eine erfolgreiche Teilnahme in Ulm als Ziel hat, lässt sich an den Werken noch intensiver und vor allem detaillierter proben. Das fordert viel Kraft und Einsatz aller Beteiligten, aber das Verständnis für das jeweilige Werk steigt mit jeder Probe, was aus pädagogischer Sicht natürlich ein wichtiger Lerneffekt für das gesamte Ensemble ist. Trotz der intensiven Arbeit legen wir alle viel Wert auf eine gute Gemeinschaft im gesamten Orchester, die für ein erfolgreiches gemeinsames Musizieren unabdingbar ist.

Besonders wichtig in der Probenarbeit ist mir das Erfahren der unterschiedlichen Klangwelten, das gegenseitige Hören aufeinander, wobei der Fokus bei den Werken aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit ganz anders ist und somit das klangliche Ergebnis auch ein unterschiedliches sein muss. Das gilt es herauszuarbeiten und das macht den Kontrast der beiden Werke auch so reizvoll. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, den niederländischen als auch den amerikanischen Klang nach Ulm zu bringen.

Als Dirigent besteht meine Aufgabe aber nicht nur in der Probenarbeit. Viel mehr geht es auch darum, dem Orchester immer mehr Sicherheit zu vermitteln, so dass wir bei unserem Wettbewerbsvortrag wissen, dass wir uns auf uns gegenseitig verlassen können. Das gilt nicht nur für die Beziehung Dirigent – Orchester, sondern auch für die Musiker untereinander.“

Welchen Stellenwert haben Wettbewerbe und Wertungsspiele einmal für Dich selbst und andererseits für die Musikerinnen und Musiker in Deinem Orchester?

„Ein Wettbewerb hat natürlich einen großen Stellenwert, da er wie bereits erwähnt die Chance bietet, sehr intensiv an zwei Werken zu arbeiten und dabei zu versuchen, das Beste aus dem Orchester herauszukitzeln. So gelingt hoffentlich eine Form von Standortbestimmung im Vergleich mit den anderen Orchestern, die natürlich nicht ganz objektiv sein kann, aber in der Lage ist, Impulse für die zukünftige Arbeit zu setzen.

Für die Musikerinnen und Musiker in Altenmittlau hat der Wettbewerb einen sehr großen Stellenwert, ist das Orchester doch in diesem Bereich als erfahrener DOW-Teilnehmer ein „alter Hase“. Das spürt man natürlich in der nötigen Ernsthaftigkeit, der entsprechenden individuellen Vorbereitung und dem Willen, das in den Proben Erarbeitete schnell umzusetzen. Natürlich ist man im Orchester stolz auf die Erfolge aus der Vergangenheit und wir alle tun hier unser Bestes, um den Musikverein Viktoria Altenmittlau in Ulm wieder gut zu repräsentieren.“

Was spricht Deiner Meinung nach generell für Wertungsspiele bzw. Wettbewerbe, was dagegen?

„Wettbewerbe nehme ich als wichtigen Teil in der Agenda eines Orchesters wahr. Allerdings muss man damit auch richtig umgehen. Ich lehne im Prinzip zwei Dinge kategorisch ab: zum einen das Mitmachen nur um Dabei zu sein, denn dann muss ich dem Orchester den Stress nicht zumuten. Zum anderen ist aber auch das Mitmachen mit dem Anspruch, um jeden Preis erster werden zu müssen, aus meiner Sicht kein vernünftiges Ziel. Natürlich stehen wir hier alle in einer gewissen Konkurrenz-Situation und jeder versucht selbstverständlich, sich eine gute Platzierung zu erspielen. Wir sollten die Wettbewerbe – und gleiches gilt auch für die Wertungsspiele – aber viel mehr als Chance sehen, eine Rückmeldung für unsere Arbeit zu bekommen (das gilt ganz im Speziellen für die Dirigenten) und die Begegnung mit anderen Ensembles und Dirigenten sinnvoll nutzen um auch zu registrieren, was um einen herum noch so alles passiert. Gerade aus dem letzt genannten Aspekt halte ich die Teilnahme eines Orchesters an einem Wettbewerb oder Wertungsspiel für immens wichtig. Wie viele Musikvereine stecken tief in ihrem Kaninchenfell und wissen nicht, welche Entwicklung die Welt der Blasmusik nimmt? Hier kann eine Teilnahme an Wettbewerben, ein Erleben von anderen Orchestern, das Erfahren einer guten Kritik für den eigenen Vortrag ein „Ohröffner“ sein, der das Orchester doch enorm weiterbringen kann.“

Mit welchen Erwartungen gehen Du und Deine Musikerinnen und Musiker nach Ulm?

„In Ulm möchten wir die bestmögliche Interpretation der beiden gewählten Stücke präsentieren und zufrieden von der Bühne gehen. Jetzt über Platzierungen nachzudenken bei der Vielzahl der wunderbaren Orchester, die anreisen werden, wäre vermessen. Wenn wir eine entsprechende Platzierung bekommen mit der Gewissheit, dass wir uns gut präsentiert haben, können wir ruhigen Gewissens den Heimweg antreten. Der größte Gewinn für uns wird in jeder Hinsicht sein, beide Werke unter voller Konzentration und in Höchstform in einem angemessenen Rahmen spielen zu dürfen. Wenn wir dann das Publikum erreichen, wie es beim Hessischen Orchesterwettbewerb in Schlitz der Fall war, wissen wir, dass wir alles richtig gemacht haben.“

Über den Musikverein „Viktoria“ Altenmittlau

Das sinfonische Blasorchester des Musikvereins “Viktoria” Altenmittlau umfasst etwa 70 aktive Musiker zwischen 12 und 75 Jahren mit unterschiedlicher musikalischer Erfahrung und Interessen. Ein kompletter Waldhornsatz sorgt dabei nicht nur für den typischen Orchesterklang sondern dient auch als Beispiel für die auf weite Strecken mehrfach besetzten Stimmen im gesamten Orchester. Des Weiteren kommen oft als exotisch geltende Instrumente wie Oboen, Fagotte, Alt- und Bassklarinette sowie Bassposaune hinzu. Gerade diese Instrumente tragen im Orchester des Musikvereins Altenmittlau maßgeblich zu einer enormen Klangvielfalt bei.

Seit 1995 ist der Verein amtierender Landessieger des Landes Hessen und damit zur Teilnahme am im vierjährigen Rhytmus ausgetragenen Deutschen Orchesterwettbewerb berechtigt. Der jüngste bundesweite Erfolg wurde am 01.05.2008 beim 7. Deutschen Orchesterwettbewerb in Wuppertal errungen, bei dem sich die Altenmittlauer mit hervorragenden Erfolg ( 24,0 von 25 möglichen Punkten ) den 1.Platz in der Kategorie B1 (sinfonische Blasorchester) und somit erstmals in der Vereinsgeschichte den Titel des Bundessiegers sichern konnten.

Das Repertoire umfasst neben Pop- und Volksmusik auch sinfonische Werke. Mit einigen zeitgenössischen Komponisten solcher Werke konnte das Orchester in der Vergangenheit bereits kooperieren, beispielsweise mit Rolf Rudin, der im 15 Kilometer entfernten Erlensee wohnt, Stefan Adam, der im Nachbarort von Altenmittlau, in Neuses, aufgewachsen ist, oder der in Musikerkreisen bekannte Thomas Doss.

Über Oliver Nickel

Oliver Nickel
Oliver Nickel

Oliver Nickel (*1973, Darmstadt) absolvierte ein Dirigierstudium am Konservatorium in Maastricht, welches er mit hervorragender Auszeichnung abschließen konnte. Neben seinem Lehrer und Mentor Pierre Kuijpers, der ihn maßgeblich prägte, erhielt Oliver Nickel weitere wichtige Impulse in Meisterkursen bei Douglas Bostock, Fried Dobbelstein, Jan Cober, Alex Schillings und Eugene Corporon.

Bereits im Vorfeld studierte Oliver Nickel an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz die Fächer Musik, Geographie und Pädagogik. Seine Lehrer waren unter anderem Matthias Schwantner (Klarinette), Burkhard Schaeffer (Klavier) und der Celibidache-Schüler Joshard Daus (Chor- und Orchesterleitung). In dieser Zeit konzertierte er mit Mitgliedern des Mainzer Philharmonischen Orchesters und des Wiesbadener Staatstheaters.

Oliver Nickel ist heute überregional ein gern gesehener Gastdirigent und Dozent. Seine Kenntnisse und Fähigkeiten hat er dabei oft in den Dienst der Jugendarbeit gestellt. Nickel arbeitete bereits mit namhaften Blasorchestern wie der „Jungen Bläserphilharmonie NRW“ und konzertierte als Dirigent auch über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Neben seiner Dirigententätigkeit arbeitet Oliver Nickel hauptberuflich als Studienrat an einem Privatgymnasium. Seine Arrangements für Sinfonisches Blasorchester erleben weltweit ihre äußerst erfolgreiche Aufführung.

Oliver Nickel leitet das große Orchester des Musikvereins Altenmittlau seit 2013.

Auch an Dich, lieber Oliver Nickel, ein herzliches Dankeschön für die Beantwortung der 6 Fragen zur Teilnahme des Musikvereins „Viktoria“ Altenmittlau am Deutschen Orchesterwettbewerb. Dir und Deinem Orchester viel Glück und Erfolg in Neu-Ulm!

Der Musikverein „Viktoria“ Altenmittlau spielt sein Wettbewerbsprogramm am Sonntag, den 1. Mai um 12.50 Uhr im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm.

Die Reihe „6 Fragen an…“ geht am Mittwoch weiter mit den Antworten von Henning Klingemann vom Modern Sound(s) Orchestra Seelze.

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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