Die etwas andere Art der Dirigenten-Suche

Ein Interview mit Joachim Gutmann, Vorstand Öffentlichkeitsarbeit in der Schwarzwaldkapelle Münstertal

Es gibt leichtere Dinge für einen Musikverein bzw. ein Blasorchester als eine neue Dirigentin / einen neuen Dirigenten zu finden. Viele Faktoren machen das Finden zu einer Herausforderung.

Die Aus- und Fortbildung der Kandidaten ist beispielsweise nicht offensichtlich vergleichbar. Es gibt verschiedene Arten von Grundausbildungen von DirigentInnen, die sich in Umfang, Lehrinhalt und Praxisanteil unterscheiden. Auch im professionellen Bereich sind die Abschlüsse bei Bachelor und Master an den verschiedenen Hochschulen bzw. Konservatorien und auch in den verschiedenen Ländern nicht unbedingt vergleichbar. Dann gibt es noch Sonderformen wie beispielsweise der Metafoor-Lehrgang an der BDB-Musikakademie in Staufen. Wie soll eine Vorstandschaft auf Grund der vorgelegten Abschlüsse die richtigen Schlüsse ziehen?

Eine weitere Frage: wie beurteilt man “Erfahrung”? Ist es gut, einen Dirigenten zu wählen, der lange Zeit bei einem Verein war? Oder eher einen, der schon in vielen Musikvereinen und Blasorchestern dirigiert hat?

Und dann eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Passt der Dirigent zu uns? Kommen wir rein menschlich klar miteinander oder wenigstens der größte Teil des Vereins?

Die letzte Frage kann bei “normalen” Auswahlverfahren, bei dem 3-6 Kandidaten zum Vordirigieren eingeladen werden und die MusikerInnen anschließend abstimmen zum größten Auswahlkriterium werden. Die Gefahr: es wird nicht der geeignetste Dirigent ausgesucht, sondern der, mit dem die MusikerInnen den meisten Spaß beim Vordirigat hatten.

Die Schwarzwaldkapelle Münstertal ist im letzten Jahr einen besonderen Weg bei der Auswahl ihres neuen Dirigenten gegangen. Dieses Auswahlverfahren finde ich so spannend und auch gelungen, dass ich es Euch heute gerne vorstellen möchte. Ich habe dazu ein Interview mit Joachim Gutmann, dem Vorstand Öffentlichkeitsarbeit in der Schwarzwaldkapelle Münstertal, geführt. Somit erhaltet Ihr Informationen aus erster Hand.

Joachim Gutmann
Joachim Gutmann
Welche Gedanken zur Dirigentensuche habt Ihr Euch im Vorfeld gemacht, für welche Vorgehensweise habt Ihr Euch entschieden und warum?

“Wir hatten eine wirklich tolle und sehr erfolgreiche Zeit mit Denis Laile als unseren Dirigenten. Als er uns mitgeteilt hat, dass er nach 15 Jahren bei uns aufhört, stellte sich natürlich die Frage, wie wir vorgehen sollten, um eine möglichst optimale Nachfolgelösung zu finden. Dazu ist einerseits natürlich die fachliche Qualifikation wichtig, es muss andererseits aber auch menschlich passen. Gleichzeitig war uns aber auch bewusst, wie schwierig es ist, die Probenarbeit in all ihren Facetten nach nur einem Probedirigat seriös zu beurteilen. Es sind einfach sehr viele Aspekte, die wichtig sind.

Wir hatten dabei das Glück, dass wir ziemlich viel Zeit für die Dirigentensuche hatten, da uns Denis dankenswerterweise schon mit einem ganzen Jahr Vorlauf informiert hat. So ist dann die Idee entstanden, diese Zeit intensiv zu nutzen und mit Bewerbern nicht nur Gespräche und Probedirigate, sondern mit zwei Bewerbern komplette Projektphasen mit jeweils einem Konzert zum Abschluss durchzuführen. Wir waren überzeugt, dass man sich so einfach sehr viel besser kennenlernt. Das gilt natürlich für beide Seiten. Auch der Dirigent lernt so das Orchester und das „Drumherum“ im Verein viel besser kennen.”

Welches Anforderungsprofil lag Eurer Dirigentensuche zu Grunde und wie kam es zustande?

“Wir haben uns vorab überlegt, was uns wichtig ist und was weniger oder auch gar nicht. Die Frage ist ja nicht „wer ist der beste Dirigent“, sondern „welcher Dirigent passt am besten zu uns“.

Der Schwerpunkt lag bei uns eindeutig auf der Arbeit mit dem Orchester, also zum Beispiel die musikalische Ausrichtung, das Repertoire, die Programmgestaltung und die Probearbeit. Im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen war für uns die Mitarbeit in der Jugendausbildung dagegen keine zwingende Voraussetzung.

Letztendlich ist das dann in einen Fragenkatalog eingeflossen, der Grundlage für unsere Gespräche mit den Bewerbern war. Der Ablauf der Gespräche war deshalb aber trotzdem nicht schematisch. Der Fragenkatalog war für uns einfach eine Hilfe, damit wir nichts vergessen und damit die Ergebnisse der Gespräche hinterher auch vergleichbar waren.”

Schwarzwaldkapelle Münstertal Osterkonzert
Schwarzwaldkapelle Münstertal
Wer war in der Schwarzwaldkapelle zuständig für die Dirigentensuche und in wie fern wurden die Musikerinnen und Musiker mit einbezogen?

“Zuständig war der geschäftsführende Vorstand. Das ist ein sechsköpfiges Gremium mit den Ressortvorständen. Federführend war dabei Philip Steffe, das ist unser Musik-Vorstand und übrigens selbst Dirigent. In diesem Gremium haben wir die Vorbereitungen getroffen, die Gespräche mit den Bewerbern geführt und nachbereitet sowie dann die Auswahl für die Probedirigate getroffen.

Der geschäftsführende Vorstand besteht bei uns nur aus Musikerinnen und Musikern, die teilweise auch Registerführer sind. Aber auch in ihrer Gesamtheit waren die Musikerinnen und Musiker von Anfang an einbezogen. Zunächst war es ja wichtig, die Vorgehensweise und dabei vor allem die Idee, mit zwei Bewerbern Konzertprojekte durchzuführen, abzustimmen. Das hat ja nur Sinn, wenn die Musiker das wollen und dahinterstehen. Sowohl die Auswahl der Projektdirigenten als auch dann die finale Auswahl unseres neuen Dirigenten wurde in geheimer Wahl von den Musikerinnen und Musikern getroffen. Davor gab es jeweils ausführliche Feedbackrunden. Hier konnten sich alle einbringen, sowohl in der Diskussion als auch schriftlich und anonym per Feedbackkarten. Davon wurde auch regen Gebrauch gemacht. Die wichtigsten Entscheidungen wurden also von den Musikerinnen und Musikern getroffen.”

Wie gestaltete sich der konkrete Ablauf Eurer Dirigentensuche?

“In die Stellenanzeigen haben wir schon reingeschrieben, dass wir mit Bewerbern gerne Projektphasen durchführen möchten. Wir haben das aber so formuliert, dass es nicht als K.O.-Kriterium verstanden werden sollte, denn zu dem Zeitpunkt wussten wir ja noch nicht, ob das überhaupt funktioniert. Wir hatten dann zum Glück recht viele und sehr qualifizierte Bewerber. Mit allen haben wir dann Gespräche geführt. Dabei haben wir auch schon angesprochen, dass wir mit zwei Bewerbern gerne Konzertprojekte durchführen möchten. Die Idee fanden alle gut. Es gab keinen, der dazu nicht bereit gewesen wäre oder der sich kritisch dazu äußerte. Vier Dirigenten haben wir dann zu Probedirigaten eingeladen, von denen dann zwei durch unsere Musikerinnen und Musiker für die Konzertprojekte gewählt wurden.

Das erste Konzert war im Sommer und das zweite dann im Spätherbst. Davor waren jeweils etwa zwei Monate Zeit für die Vorbereitung, in der die Projektdirigenten die Proben geleitet haben. Unser eigentlicher Dirigent war in diesen Phasen beurlaubt. Zum Glück ließ sich das so mit den beiden Bewerbern terminlich realisieren. Das ist ja nicht gerade selbstverständlich, aber es hat funktioniert.

Wir haben mit den Projektdirigenten jeweils ein komplett neues Programm erarbeitet und aufgeführt. Das war für uns alle eine sehr interessante und spannende Erfahrung.”

Wie kam die Entscheidung letztendlich zustande?

“Nach jeder Projektphase haben wir Feedbackrunden durchgeführt und dokumentiert. Die dabei entstandenen Protokolle waren dann die Grundlage für die Diskussion und die anschließende Wahl des neuen Dirigenten durch unsere Musikerinnen und Musiker.”

Welche Vorteile hat Eure Art der Dirigentensuche und welche Nachteile?

“Wichtigster Vorteil ist ganz klar, dass sich Dirigent und Orchester gut kennenlernen. Und zwar in allen Phasen einer Konzertvorbereitung vom ersten Kennenlernen der Musikstücke bis hin zum Konzert. In diesen Phasen erleben Dirigent und Orchester sich sehr viel authentischer als in der doch „unechten“ Situation eines Probedirigats.

Ein weiterer Vorteil sehe ich darin, dass man unterschiedliche Dirigenten kennenlernt und mit ihnen arbeitet. Jeder setzt doch etwas andere Schwerpunkte, es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Ich finde, das ist für das Orchester und jeden Musiker eine sehr interessante und lehrreiche Erfahrung. Man kann als Musiker bei jedem Dirigenten etwas für sich mitnehmen.

Ein Nachteil ist, dass es doch recht lange geht bis die Entscheidung fällt. Bei uns ging das von der Ausschreibung bis zur Entscheidung etwa ein dreiviertel Jahr. Die Terminplanung muss in dieser Zeit komplett darauf ausgerichtet werden. Das größte Risiko sehe ich darin, dass ein Bewerber, mit dem man ein Projekt gemacht hat oder noch machen will, von sich aus zurückzieht. Dann hätte man viel Zeit investiert und womöglich immer noch keinen Dirigenten.”

Schwarzwaldkapelle Münstertal
Schwarzwaldkapelle Münstertal
Welche Empfehlungen kannst Du nach Euren Erfahrungen Musikvereinen geben, die einen neuen Dirigenten suchen?

“Ich tue mich jetzt etwas schwer damit, allgemeingültige Empfehlungen zu geben. Wichtig ist, dass man sich klar wird, welche Anforderungen wichtig sind und welche Prioritäten man setzen will.

Der Weg, den man dann wählt, hängt doch auch sehr von der jeweiligen Situation ab. Für uns war unsere Vorgehensweise optimal, weil uns das Thema extrem wichtig war und wir bereit waren, einen hohen Aufwand zu treiben, um zu einer guten Lösung zu kommen. Das ging aber auch nur, weil die Voraussetzungen dafür gegeben waren: Wir hatten die nötige Zeit und die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf diese Vorgehensweise einzulassen. Ich meine damit die Bereitschaft der Musiker, der Bewerber und nicht zuletzt auch des „alten“ Dirigenten, der ja noch während seiner eigentlichen Amtszeit für die Projektphasen aussetzen muss.

Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, waren sehr positiv. Wir haben zwei interessante Konzertprojekte mit zwei tollen Dirigenten durchgeführt und sind am Ende zu einer sehr guten und für uns passenden Entscheidung gekommen.”

Ein herzliches Dankeschön an Joachim Gutmann und die Schwarzwaldkapelle Münstertal dafür, dass sie diese besondere Erfahrung mit uns allen teilen und somit hoffentlich viele Vorstandschaften, die vor der Aufgabe stehen einen neuen Dirigenten für den Musikverein / das Blasorchester zu suchen, unterstützen. Für weitere Fragen Eurerseits stelle ich gerne den Kontakt zu Joachim Gutmann her. (alexandra@kulturservice.link)

PS. Ich bin immer nach der Suche nach positiven, vorbildlichen “Best-Practice”-Beispielen! Hinweise gerne an alexandra@kulturservice.link.

 

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

3 thoughts on “Die etwas andere Art der Dirigenten-Suche

  • 17. Mai 2018 at 14:28
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    Wir haben in einem Bewerberverfahren vorab die Partitur eines Stückes mit Angabe eines Ausschnittes zugeschickt und angekündigt, dass wir im Vorstellungsgespräch eine Aufnahme des Ausschnittes vorspielen werden. Der Bewerber sollte nach dem Hören des Ausschnitts im Gespräch erläutern, welche Punkte in einer Probe mit dem aufgenommenen Orchester wichtig wären und wie er vorgehen würde. (Es war eine reale Aufnahme aus einer Probe, kein perfekter Mitschnitt.)
    Die fachlichen Qualifikationen (abseits vom Dirigat) und Unterschiede zwischen den Bewerbern wurde dadurch gut und umgehend deutlich.

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    • Alexandra Link
      17. Mai 2018 at 16:24
      Permalink

      Vielen Dank für die Idee, Christoph!

      Reply
  • Pingback: Blasmusikblog Monatsrückblick Mai 2018 – Blasmusik

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