Blasmusikaspekte: Registerleiter und Stimmführer im Sinfonischen Blasorchester

Ein Interview mit Dorian Wagner

In der Reihe “Blasmusikaspekte” werden im Interview mit jeweils einem Dirigenten / einer Dirigentin ein Teilbereich bzw. ein besonderer Aspekt der Blasmusik bzw. unseres Musikvereinswesen diskutiert. Alle Blasmusikblog-LeserInnen sind eingeladen, sich zum Thema und den Antworten im Kommentarfeld unter dem Beitrag zu äußern! Wir freuen uns auf einen regen Austausch.

Begrifflichkeiten: Registerleiter, Registersprecher, Stimmführer – unterschiedliche Funktionen oder verschiedene Bezeichnungen für die gleichen Tätigkeiten?

Unterschiedliche Funktionen! Welche Bezeichnungen für diese Funktionen gewählt werden, ist letztlich nicht entscheidend. Entscheidend für die Arbeit einer Orchestergemeinschaft ist allerdings, dass hinter den Bezeichnungen ein klares Verständnis der Rollen und Tätigkeiten dieser Positionen besteht. Idealerweise wurde es sogar gemeinsam erarbeitet.

Ich schlage vor, organisatorische und musikalischen Funktionen zu trennen und dafür auch unterschiedliche Begriffe zu nutzen.

Organisatorische Belange fallen häufig innerhalb der Register eines Orchesters an. Unabhängig davon, ob ein Register chorisch besetzt ist wie das der Klarinetten oder meist solistisch wie das der Hörner, bietet es sich an, dass eine Person für die jeweilige Gruppe Verantwortung übernimmt, den Überblick behält und Organisatorisches „managt“. Dabei sind keine besonderen musikalischen Fähigkeiten oder Kompetenzen gefragt. Diese werden im Gegensatz dazu dann gebraucht, wenn es um die Führung der Register beim Musizieren geht. Bei besonders großen, chorisch besetzten Registern ist es sinnvoll, in kleinere Gruppen nach Stimmen zu unterteilen. 

Die Rolle der organisatorischen Leitung nenne ich daher Registersprecher, die der musikalischen Stimmführer.

Was sind in Deinem Orchester die Aufgaben der Registersprecher?

Der Registersprecher übernimmt vorwiegend organisatorische Aufgaben: Er oder sie erhält die neuen Notenmappen von der Notenwartin, empfängt neue Schnupperkandidaten in ihrer ersten Probe, plant Registerproben und hat einen Überblick über die Anwesenheit seiner Kolleginnen und Kollegen in Proben und Konzerten. Das ist für mich als Dirigent wichtig, weil ich oft in der Probe einen Ansprechpartner brauche, wenn ein Register „dünn“ besetzt ist. Außerdem kann dies den positiven Nebeneffekt haben, dass die Proben besser besucht sind, weil man seine Registerkollegen ungern grundlos alleine lässt.

Der Registersprecher motiviert sein Register aber auch zur Mitarbeit in Orchesterbelangen wie z. B. zur Mithilfe beim Schlagwerkaufbau oder zum Eintragen in diverse Helferlisten. Hier hat sich gezeigt, dass diese persönlichere Ansprache viel wirksamer ist, als das Reden und Bitten vor dem ganzen Orchester.

Welche sozialen Aspekte siehst Du darüber hinaus als Vorteile eines Registersprecher-Systems?

Der Registersprecher „spricht“ für sein Register, das heißt, er kann Anliegen seiner Mitspieler vor dem Orchester oder dem Dirigenten vertreten, aber auch innerhalb seines Registers moderierende Funktion übernehmen, um den Zusammenhalt in seinem Register zu stärken. Prinzipiell kann jeder Mitspieler diese Aufgabe übernehmen, der sich unabhängig von seiner Stimme durch Zuverlässigkeit, Integrität und insgesamt hoher Beteiligung an Orchesteraktivitäten auszeichnet. Dementsprechend wird er oder sie auch als Vertrauensperson für ein oder zwei Jahre gewählt. Wenn ein Register sich als Team begreift, hat dies auch wieder positive Auswirkungen auf die musikalische Arbeit.

Welche musikalischen Voraussetzungen sollen dann Deiner Meinung nach ideale Stimmführer erfüllen?

Der ideale Stimmführer ist natürlich technisch versiert, auf das Stück vorbereitet (er beherrscht die eigene Stimme und kennt die anderen), er hat eine hohe Auffassungsgabe für musikalische Zusammenhänge und ist in der Lage, parallel zum eigenen Spiel intensiven Kontakt zu Dirigent und Mitspielern zu halten. Wenn dazu ein natürliches Selbstbewusstsein auf gestalterisches Ausdrucksvermögen trifft, dann ist er oder sie für die Stimmführerposition bestens geeignet. Es lohnt sich aber, die Aufmerksamkeit auch auf die Perspektive der Nicht-Stimmführer, also der Tutti-Spieler zu lenken, die idealerweise natürlich genau auf den Stimmführer hören können und flexibel Klangfarbe, Dynamik, Artikulation und Intonation ihres eigenen Spiels dem des Stimmführers anpassen können. Damit werden an sie ebenfalls sehr hohe Anforderungen gestellt. Hilfreich für sie ist es, wenn der Stimmführer in der Lage ist, mit Deutlichkeit voran zu gehen. Dann verabschieden wir uns vom „Einfach-so-mitspielen“ und können im wörtlichen Sinne sym-phonisch „zusammen-klingen“.

Wie sinnvoll ist es, dass ein Stimmführer auch die Funktion der Registerproben-Leitung übernehmen kann?

Aus unseren eigenen Erfahrungen heraus ist es für uns, das SBO Ludwigshafen, aktuell nicht sinnvoll. Es hat sich gezeigt, dass auch sehr versierte, fortgeschrittene Bläser oder Schlagzeuger die Leitung einer Registerprobe als Überforderung wahrgenommen haben, weil sie, sobald sie selbst an der Klangerzeugung beteiligt waren, diese nicht von außen beurteilen konnten. Wenn sie aber nicht mitgespielt, sondern sich auf das Zuhören „von außen“ konzentriert haben, dann konnte das Register wiederum das Zusammenspiel nicht geschlossen üben. Aus meiner Sicht sollte es in den Registerproben ganz wesentlich ermöglicht werden, dass die Tutti-Spieler in Ruhe üben können, dem Stimmführer zu folgen und umgekehrt der Stimmführer seine Rolle ausloten kann. Wir werden also in Zukunft auf die eigenständigen Registerproben weitestgehend verzichten und hoffen auf noch bessere finanzielle Rahmenbedingungen, um die Anzahl der Dozentenproben erhöhen zu können.

Welche Vorteile hat ein Stimmführer-System für ein großes Sinfonisches Blasorchester?

Je größer eine Besetzung ist, desto wichtiger sind Gruppierungen, um nachher den Gesamtklang vereinheitlichen zu können. Speziell durch Stimmführer werden dabei Orientierungspunkte in der Masse geschaffen. Schwierigkeiten entstehen in großen Besetzungen natürlich nicht nur aufgrund der höheren Anzahl der Einzelspieler, die den Notentext letztlich individuell umsetzen, sondern auch aufgrund größerer Entfernungen zwischen den Spielern und im Falle von komplex instrumentierten Werken der Dichte des Klangs. Den Stimmführern ist in diesem „Chaos“ vorbehalten, flexibel auf andere Stimmen zu reagieren, müssen dabei aber ihren Mitspielern eine Führung anbieten. Um einen intensiveren Kontakt zwischen den Stimmführern zu kultivieren, sollte ich vielleicht mal eine reine Stimmführer-Probe ansetzen…?

Bei kleineren Blasorchestern bzw. Musikvereinen: Sind Registersprecher und Stimmführer notwendig oder überflüssig?

Eigentlich können die musikalischen und organisatorischen Funktionen für jedes Ensemble gewinnbringend sein, sollten aber an sinnvolle Gruppengrößen angepasst werden. In einem kleineren Ensemble gibt es dann vielleicht nur einen gemeinsamen „Registersprecher tiefes Blech“ für Posaune, Euphonium und Tuba. Stimmführer kristallisieren sich in kleineren Besetzungen oft automatisch heraus und die Anpassung an diesen fällt in einer kleineren Stimmgruppe leichter. Gleichwohl ist die musikalische Kommunikation zwischen eher führenden Spielern für den Gesamtklang wichtig.

Wie sieht die optimale Zusammenarbeit zwischen dem Dirigenten und den Registersprechern bzw. Stimmführern aus?

Als Dirigent ist mir einerseits ein schneller und unkomplizierter Kontakt zu den Registersprechern wichtig. Die organisatorischen Wege müssen kurz sein; per Mail, WhatsApp oder natürlich in erster Linie direkt in der Probe. Andererseits sind auch für mich die Registersprecher besondere Ansprechpartner für soziale Belange im Orchester.

Das Spiel des Stimmführers ist für den Dirigenten Maßstab dessen, was an Phrasierung, Artikulation, Intonation, dynamische Schattierungen etc. in der Stimmgruppe möglich ist. Außerdem übernehmen im SBO Ludwigshafen viele Stimmführer eigenständig die Stimmeinteilungen.

In wie weit haben Registersprecher bzw. Stimmführer Einfluss auf die Konzertprogramme?

Nicht mehr oder weniger als jedes andere Orchestermitglied auch. Von jedem können Programmvorschläge und Werkwünsche jederzeit an mich herangetragen werden. In nahezu alle Programme nehme ich Werke auf, die aus dem Orchester vorgeschlagen wurden. Letztendlich ist die Programmgestaltung aber wesentliche Aufgabe des Dirigenten. Sie trägt seine Handschrift und ist Teil seiner künstlerischen Tätigkeit.

Wo liegen die Probleme und Herausforderungen bei der Umsetzung solcher Konzepte innerhalb eines Blasorchesters?

In einem Musikverein besteht leicht die Gefahr, dass Vorgaben zu Registersprechern und Stimmführern mit Skepsis aufgenommen werden, weil sie womöglich als reine Hierarchieren wahrgenommen werden oder weil sich einzelne Spieler nicht genügend wertgeschätzt fühlen. Zum Beispiel in diesem Sinne: „Der darf immer die 1. Stimme spielen, und ich muss mich mit der 3. zufrieden geben.“ Natürlich ist es für ambitionierte Musiker und Musikerinnen sicherlich erfüllend, eine Stimme anzuführen, aber ein gutes Orchester kann schließlich nicht nur aus Stimmführern bestehen. Auch das Augenmerk der Dirigenten darf sich nicht zu sehr auf die Stimmführer richten. Alle Orchesterstimmen sind wichtig und alle Spieler sollen Musik erleben dürfen – und das am besten in jeder Probe! Dieser Herausforderung müssen wir Dirigenten uns im Amateurbereich besonders bewusst sein.

Vita

Dorian Wagner
Dorian Wagner

Der Dirigent Dorian Wagner wurde 1986 in Karlsruhe geboren. An der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim studierte er Schulmusik mit dem Hauptfach Posaune und dem Beifach Politikwissenschaft an der Universität Mannheim.
Besonders hat ihn sein Lehrer Markus Theinert geprägt, bei dem er ab 2009 Dirigieren mit Schwerpunkt Blasorchesterleitung studierte. Dessen unaufhörliche Suche nach erlebbarem Musizieren wurde fortan für Dorian Wagner zum Leitbild seiner dirigentischen Tätigkeit.

Nach seinem Studium arbeitete er zunächst zwei Jahre als Bildungsreferent für den Landesmusikrat Niedersachsen, war Vizepräsident der deutschen Sektion der World Association for Symphonic Bands and Ensembles (WASBE) und stellvertretender Landesvorsitzender der Jeunesses-Musicales Rheinland-Pfalz. Heute ist er Lehrer am Otto-Hahn-Gymnasium in Landau. Seit 2012 leitet Dorian Wagner das Sinfonische Blasorchester Ludwigshafen.

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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