33 Tipps und Ratschläge für Dirigier-Anfänger

Vor kurzem bin ich auf diesen Artikel in der Schwäbischen Zeitung gestoßen: Im Landkreis Ravensburg fehlt es an Dirigenten (vom 18. April 2018).

Meine Schwester spielt in einem dörflich geprägten Musikverein auf dem Hotzenwald (Südschwarzwald), der in der Mittel- bis Oberstufe spielt. Dieser Verein hat ein paar Jahre (!) gesucht, bis sich endlich ein passender Dirigent gefunden hat.

Wie im Artikel in der Schwäbischen Zeitung geschrieben, sind es vor allem die kleineren, nicht so gut besetzten Musikvereine in den tieferen Leistungsstufen, die Mühe haben, den Dirigentenposten zu besetzen. Warum das so ist soll heute nicht das Thema auf dem Blasmusikblog.com sein. Heute geht es eher darum, jungen Dirigentinnen und Dirigenten Mut zu machen, einen Musikverein / ein Blasorchester zu übernehmen und Tipps und Ratschläge zu geben, wie eine erfolgreiche Übernahme gelingen kann. Denn eines ist sicher: wir brauchen mehr (qualifizierte) Dirigentinnen und Dirigenten für unsere Musikvereine und Blasorchester.

Ich habe langgediente, erfahrene DirigentInnen gebeten, sich in ihre Anfangszeit zu versetzen und drei Dinge zu nennen, die es Ihnen am Anfang erleichtert hätten diesen Weg einzuschlagen. Ihre Empfehlungen an junge Musiker, die sich für das Dirigieren interessieren. Was man als besonders wichtig am Anfang ansieht. Welche Bedenken man hatte, die sich hinterher als unwahr erwiesen haben. Oder einfach Hilfestellungen, Tipps, Ratschläge und Empfehlungen. Ganz konkret war die Fragestellung:

3 Dinge, die ich als Anfänger gerne über das Dirigieren (eines Musikvereins/Blasorchesters) gewußt hätte!

Herausgekommen ist eine stattliche Liste von 33 Tipps, Ratschlägen, Hinweisen, die für junge Dirigentinnen und Dirigenten nützlich sein können und Mut machen sollen, einen Musikverein / ein Blasorchester zu übernehmen.

Im Folgenden die jeweils drei Antworten von Bernd Gaudera, Stefanie Glabischnig (AT), Dr. Björn Jakobs, Henning Klingemann, Marco Lichtenthäler, Jochen Lorenz, Prof. Johann Mösenbichler (AT), Stefan Reggel, Pietro Sarno, Toni Scholl und Jean-Christophe Spénle (FR):

Bernd Gaudera

Sinfonisches Blasorchester und Jugendblasorchester der Stadtkapelle Landau, Landesmusikdirektor Rheinland-Pfalz a. D., Blue Note Big Band

Ich bin schon in sehr jungen Jahren und ganz allmählich ans Dirigieren gekommen. So der übliche Weg als Stellvertreter im Heimatverein, dann C-Kurse, der erste eigene Verein, dann Musikstudium, dann der 2. Verein (bei dem ich immer noch bin), dann die ganzen Fortbildungen. In so fern ist es für mich schwierig mich an 3 konkrete Dinge zu erinnern.

1.

Eine Sache dürfte aber gewesen sein, dass ich mir damals keinerlei Gedanken um das „Drumherum“ im Verein Gedanken gemacht habe. Das war viel auch aus jugendlicher Ignoranz und Fixierung rein auf die Musik. Aber dadurch bin ich öfter mal angeeckt, weil ich einfach auf außermusikalische und persönliche Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen habe. Sowas war damals im Dirigentenkurs auch nie Thema, da ging es immer nur um Harmonielehre, Gehörbildung, Schlagtechnik……

2.

Alles Weitere hängt damit irgendwie zusammen. Möglicherweise habe ich am Anfang den einen oder anderen Musiker vergrault weil ich z.B. auf anderen Mundstücken bestanden hab und das sehr vehement und kompromisslos vertreten habe. Da gehe ich heute diplomatischer vor um meine Ziele zu erreichen.

3.

Eine dritte Sache würde meine Tätigkeit bei einem professionellen Blasorchester betreffen. Hier hatte ich anfänglich auch den Spagat zwischen meinen musikalischen Zielen, den Zielen der Musiker und vor allem den polizeidienstlichen Vorstellungen / Notwendigkeiten unterschätzt. Vor allem letzteres gab dann den Ausschlag, dass ich nach nur 16 Monaten mein Engagement beendete (wo ich sonst ein eher langlebiger Dirigent bin).

 

Steffi Glabischnig
Stefanie Glabischnig

Stefanie Glabischnig (AT)

Jugendmusikkapelle Millstätterberg, Geschäftsstelle der Österreichischen Blasmusikjugend

jmk-millstaetterberg.at https://www.facebook.com/jmkmillstaetterberg

Ich habe mich mit 16 Jahren dazu entschlossen, am Kärntner Landeskonservatorium den „Lehrgang für Blasorchesterleitung“ zu besuchen. Recht jung, voller Euphorie und Leidenschaft zur Musik durfte ich im Zeitraum von drei Jahren viele Inputs und die wichtigsten Tools und Basics für das umfassende Handwerk des Dirigierens theoretisch und praktisch erfahren und lernen. Meine ersten Erfahrungen sammelte ich mit der besonders erfüllenden Aufgabe der Leitung unseres vereinseigenen Jugendblasorchesters, worauf ich im Jahr 2012 die musikalische Leitung der Jugendmusikkapelle Millstätterberg übernahm. Heute, sechs Jahre später, nach vielen lehrreichen Stunden der Probenarbeit und absolvierten Konzerten mit unserer Musikkapelle, einigen besuchten Fortbildungen und Meisterkursen, nach Begegnungen mit Persönlichkeiten, die mich wahrhaft geflasht und beeindruckt haben und nach durchlebten Emotionen – die aus einem nur an wenigen Orten derart entlockt werden können, wie am Platz vor dem Dirigentenpult – weiß ich, dass es für mich noch unbeschreiblich viel zu lernen und zu bergreifen gibt. Und das ist gut so.

Die folgenden drei Dinge hätte ich als Anfängerin über das Dirigieren eines Blasorchesters gerne gewusst:

4.

Mit Handwerkzeug und Herz
Was einem zu Beginn der Ausbildung vielleicht viel zu wenig klar ist, besonders aber eine wesentliche Rolle spielt, wenn man sich dazu entschließt, einen Musikverein zu übernehmen, ist die zwischenmenschliche Ebene, die Hand in Hand mit den musikalischen Kompetenzen eines Kapellmeisters bzw. einer Kapellmeisterin gehen soll. Die Musikerinnen und Musiker deines Musikvereins gehen im Alltag ihren Beruf nach, sind teils Schüler, teils Studenten, Angestellte, vielleicht Bauarbeiter, Ärzte oder Lehrer. So individuell die einzelnen Zugänge aller Mitglieder sind, mindestens dementsprechend unterschiedlich sind auch die Charaktere deiner Musiker. Doch alle verfolgen zum Zeitpunkt der Probe bzw. des Auftritts das gleich Ziel – gemeinsam zu musizieren und als Blasorchester zu einem stimmigen Gefüge zu verschmelzen. Als Kapellmeisterin bzw. als Kapellmeister ist man neben dem musikalischen Führen stets gefordert, gemeinsame Nenner zu finden, die außergewöhnlichen Persönlichkeiten hinter den Instrumenten seines Blasorchesters wahrzunehmen, dementsprechend zu agieren und daraus das Großartigste zu formen.

5.

Programm fordernd auswählen, und doch nicht darauf vergessen, dass man schließlich für das Publikum musiziert
Ich besuche regelmäßig und gerne Fortbildungen für Dirigenten. In den Jahren 2013 bis 2015 habe ich intensiv an Dirigierfortbildungen und Meisterkursen teilgenommen. Neben dem Dirigieren und Ausprobieren stehen im Zuge dieser Angebote besonders auch das Kennenlernen von toller (oft schwieriger) Blasorchesterliteratur im Fokus. Meine Begeisterung für Symphonische Blasorchesterliteratur habe ich bei der Programmauswahl für ein Frühjahrskonzert unserer Musikkapelle besonders ausgelebt, ohne dabei wirklich zu berücksichtigen, für wen wir unsere Konzerte spielen. Es ist bereichernd, wenn man seinem Publikum neue, spannende Werke näherbringt, die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine Reise ins „Land der anspruchsvollen Originalwerke“ von nationalen und internationalen Komponisten nimmt, aber es ist auch wichtig, die Palette der Hörerfahrungen des Publikums richtig einzuschätzen und eine passende Mischung für das Publikum zu finden.

6.

Trau dir was zu!
Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal ein Blasorchester leiten werde. Rückblickend habe ich schon sehr früh eine große Leidenschaft und Freude zum Musizieren empfunden. Durch die Ausschreibung des Konservatoriums bin ich auf den „Lehrgang für Blasorchesterleitung“ aufmerksam geworden. Ohne lange darüber nachzudenken, bin ich meinem Bauchgefühl gefolgt, habe ich mich kurzerhand zum Lehrgang angemeldet und war mittendrin im Lernprozess rund ums Dirigieren. Das war und ist nach wie vor die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Das Leiten eines Blasorchesters ist fordernd und manchmal auch kraftraubend aber es gibt – das glaube ich obwohl ich mitteljung bin, zu wissen – nicht viele Aufgaben im Leben, die dich so erfüllen werden, kaum ein anderer Resonanzkörper kann deine musikalischen Vorstellungen und Emotionen derart in Klang hüllen wie es ein, vielleicht bald dein Blasorchester umsetzt und nirgendwo anders wirst du dir wünschen, die unbeschreiblich-schönen Momente, die man gemeinsam als Musikverein erlebt, einfach festzuhalten. Es steht außer Frage, dass alle, die ehrenamtlich ein Blasorchester leiten, ein gewisser Idealismus verbindet, sie einer Intention ihres Herzens folgen und aus Freude und Passion zur Sache diese Funktion ausführen. Wenn auch du diese Euphorie empfindest und für die Musik brennst, dann kann ich dir nur raten, dich zur nächstgelegenen Dirigierausbildung anzumelden und los zu starten.

Björn Jakobs
Dr. Björn Jakobs

Dr. Björn Jakobs

Schülerorchester des Orchestervereins Wadgassen, Kreisdirigent des BSM (Bund Saarländischer Musikvereine) Musikkreis Saarlouis

7.

Feedback erfahren
Viele Dirigenten (auch ich) dachten mit Anfang 20, dass mich der Besuch eines dreijährigen Dirigentenlehrgangs des Verbandes zum Kapellmeister qualifizieren würde. Aber der stolz an der Uniform getragene Pin brachte mich leider genau so wenig weiter, wie die Inhalte des Kurses, die zu viel wenig auf Pädagogik ausgelegt waren. Meiner Ansicht nach liegen die Schwerpunkte hier immer noch auf theoretischen Grundlagen wie dem Schreiben von Kadenzen sowie der Verbands- und Verlagskunde, die ich (ehrlich gesagt) in der Praxis kaum brauchte. Mein Fehler bestand mit Anfang 20 darin, dass ich dachte, ohne fremde Hilfe auszukommen. Es gab keine Rückmeldung und produktive Verbesserungsvorschläge durch andere Dirigenten, man schmorte im eigenen Saft und freute sich über die stets positiven Rückmeldungen in den Konzerten, wie toll es denn gelaufen sei. Allerdings bestätigen Aufnahmen aus dieser Zeit diese Ansichten nicht. Ich würde mir aus heutiger Sicht Feedback von Dirigenten geben lassen, die in der Region große Orchester dirigierten. Sicher hätte man den einen oder anderen Tipp gebrauchen können.

8.

Ein fremdes Orchester dirigieren
Neben der Leitung des vereinseigenen Schülerorchesters, in dem ich selbst als Jugendlicher mitgespielt hatte, wäre es sinnvoll gewesen, auch mal den Blick über den Tellerrand zu wagen und mit fremden Orchestern zu proben. Beim Üben mit Freunden und Verwandten verliert man die Fähigkeit, Kritik zu üben. Man wird verständnisvoll und zurückhaltend und muss diese Eigenschaften erst wieder mühsam ablegen. Ebenso obliegen dem externen Dirigenten zusätzliche Anforderungen: man muss Leistungen abliefern, schließlich bekommt man ja auch  Geld dafür. Zu falsche Scham ist übrigens ebenso fehl am Platz. Ich ärgere mich heute noch, auf Anfrage hin nicht ein städtisches Orchester übernommen zu haben, welches dann ein Kollege übernommen und zur Spielunfähigkeit geführt hatte.

9.
Qualifizierten Unterricht nehmen
Erst mit Anfang 40 nehme ich die Möglichkeit wahr, professionellen Unterricht im Dirigieren zu nehmen. Dies brachte mir sehr viel, denn viele Fehler, die sich eingeschlichen hatten wurden nun schonungslos aufgedeckt. Die Schlagbilder wurden sauberer, ich bekam eine Vorstellung davon, wie es klingen sollte und welche Ansagen zum gewünschten Erfolg führen können. Dies hätte ich 20 Jahre früher benötigt. Meiner Ansicht nach bringt dieses Einzelcoaching viel mehr als die herkömmlichen Dirigentenkurse! Auch ein Blasinstrument erlernt man nicht in einem mehrwöchigem Kurs, die regelmäßige Beschäftigung und die immerwährende Rückmeldung sind unerlässlich für eine wünschenswerte Entwicklung eines Dirigenten.

Henning Klingemann
Henning Klingemann

Henning Klingemann

Modern Sound(s) Orchestra, Seelze, „da capo orchestra“ der Herschelschule Hannover

10.

Was für andere passt, passt nicht unbedingt für mich

Ich habe früher versucht viele Dirigenten zu beobachten und deren Bewegungen zu adaptieren. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass vieles davon gar nicht zu mir passt und bei meinem Dirigat auch nicht den gewünschten Effekt hat. Vielmehr hilft das bewusste Hinterfragen: Was soll mit dieser oder jener Bewegung erreicht werden und wie kann ich dieses Ziel mit einer zu mir passenden (vielleicht nur etwas abgewandelten) Bewegung erzielen. So erreicht man ein Repertoire an Dirigierbewegungen, die zu einem passen und bei den Musikern nicht nur den gewünschten Effekt erzielen, sondern auch authentisch sind.

11.

Versuche möglichst viel Erfahrung auch auf der “anderen Seite“ zu sammeln

Man wird es nie schaffen, dass alle Musikerinnen und Musiker im Orchester jede Minute der Probe über Jahre hinweg spannend finden. Mir hat das Spielen unter mehreren Dirigenten (auch in vielen Projektorchestern) sehr geholfen, um für mich herauszufinden, was eine Probe zu einer guten Probe macht und was eben nicht.

Dies hat mir in zweierlei Hinsicht geholfen: Einmal die konkrete Herangehensweise an Werke und deren spezielle Herausforderungen. Ich habe natürlich als Musiker immer genau das gemacht, was der Dirigent von mir erwartet, habe aber ständig hinterfragt, ob ich das sinnvoll finde und wie ich das jetzt machen würde. Dies ist gerade spannend bei unterschiedlichen Dirigenten mit denselben Werken. Zweitens habe ich mir aber auch bei der generellen Probenarbeit die Frage gestellt, was gefällt mir an dieser Probe und was nicht und warum nicht, um bewusst in meinen Proben hierauf zu achten.

12.

Überzeug dich erstmal selbst, dann überzeugst du auch deine Musikerinnen und Musiker

Vor einigen Jahren, noch im Musikstudium, habe ich einen Chor geleitet. Ich weiß nicht mehr bei welchem Stück oder welcher Art der Musik, aber: ich hatte an einer Passage ein Problem mit dem Chor. Sie wollten das einfach nicht so singen, wie ich es haben wollte. Ich musste es (obwohl ich das wenn es geht zu vermeiden versuche) verbal erläutern und dennoch hat es nicht überzeugend geklungen. Es kam ein Auftritt und einer der Musiker filmte mit einer Kamera das Konzert. Die Kamera stand seitlich an der Bühne, so dass ich als Dirigent noch zu sehen war. Als ich mir die Aufnahme mit besagtem Stück ansah, erschrak ich und erkannte schnell: das Problem waren nicht die Musiker, sondern ich, der Dirigent! Die Dirigierbewegung passte überhaupt nicht zu der Passage, aber der Gesang des Chores zu meiner Bewegung. Seitdem habe ich zu Hause einen großen Spiegel, vor dem ich die Werke einstudiere und mich permanent frage, ob meine Bewegung passt, ein Übergang deutlich ist, das Ritardando klar erkennbar ist und, und, und…

Marco Lichtenthäler

Landesmusikdirektor Rheinland-Pfalz

13.

Nicht entmutigen lassen, wenn nicht alle sofort begeistert sind von neuen Programmen oder Änderungen im Probenablauf (bspw. Einspielen außerhalb der gewohnten B-Dur-Tonleiter). Durch konsequente Arbeit und Authentizität werden früher oder später alle durch die steigende Qualität überzeugt.

14.

Vermeintlich nicht realisierbare Projekte oder Ideen, von denen man als Dirigent aber absolut überzeugt ist, unbedingt voran treiben. Nichts ist unmöglich und oft sind es genau diese „unmöglichen“ Projekte, die einen Verein voran bringen.

15.

Viele Konzerte besuchen und vor allem viel Literatur erarbeiten, um ein breites Repertoire zu kennen. Das Internet ist hier eine riesige Hilfe. Gute Repertoirekenntnisse sind oft der Schlüssel zu hervorragenden Programmen.

Jochen Lorenz
Jochen Lorenz

Jochen Lorenz

Symphonisches Blasorchester Obere Nahe (Höchststufe) www.sbo-oberenahe.de, Symphonisches Blasorchester des Landkreises Kaiserslautern (Oberstufe) www.sbo-kl.de, Zwei übern Berg (Mittelstufe) www.zweiübernberg.de, 1. Vorsitzender des Kreismusikverband Bad Kreuznach

www.jochenlorenz.com

16.

Praxistest  – wo kann ich das mal ausprobieren?

Eine der größten Schwierigkeiten im Prozess der Findung, ob das Dirigieren etwas für mich ist, war die Möglichkeit es in einem geschützten Raum einfach mal auszuprobieren. Schön und gut, wenn man zu Hause die Musik auf einer CD „dirigiert“ (blöderweise macht die CD was sie will und nicht das, was ich will), aber die Selbsterfahrung, was es bedeutet lebendige Musiker*innen vor sich zu haben ist Gold wert. Nun hatte ich das Glück einen guten und weitsichtigen Dirigenten im Musikverein zu haben, der mir diese Möglichkeit in verschiedenen Proben und dann sogar in einem Konzert (zunächst mit einem Werk) gegeben hat. Das war mein Einstieg, der vor mehr als 25 Jahren dafür gesorgt hat, dass ich Dirigent wurde. Die Angst, dass der Prophet im eigenen Land nichts taugt ist hier gänzlich unbegründet. Ich denke, dass der Mut sich in diese Position zu begeben vielmehr sehr wertschätzend betrachtet wird.

17.

Ausbildung – Dirigieren

Wenn man nun die Idee hat Dirigent*in zu werden ist es wiederum gar nicht so einfach einen guten Weg dahin zu finden. Eine Möglichkeit ist sicherlich einen der C-Kurse/Dirigentenkurse der Musikverbände zu besuchen. Dies ist aber im Erstschritt sehr aufwendig, umfassen diese Kurse (sinnvollerweise) einige Wochenenden und dauern bis zu 1,5 Jahre bis zum Abschluss. Ein erster Einstieg können Workshops für interessierte Menschen sein, die an einem Wochenende einen Grundlageneinstieg in das Dirigentenhandwerk vermitteln. Diese ersetzen keinesfalls eine fundierte Ausbildung aber sie eröffnen, durch die von professionellen Dirigenten geleiteten Einheiten, eine Möglichkeit sich an das Feld des Dirigierens sehr gut anzunähern.

Solche Workshops haben wir in Kooperation mit Musikschule und Kreismusikverband bereits mehrfach erfolgreich durchgeführt und so mehr als 30 jungen Menschen einen guten Einblick in die Arbeit vermittelt. Einige davon sind heute Dirigent*innen der umliegenden Vereine.

18.

Der Mensch als Dirigent*in

Aus meiner Sicht ist die menschliche/persönliche Kompetenz eines/einer Dirigenten*in eine Schlüsselqualifikation für erfolgreiches Arbeiten. Insbesondere in der Laienmusik. Die Schwierigkeit ist, dass es in diesem Bereich nur wenige Angebote an Aus- und Fortbildung gibt. Meist ist wohl das Vorbild für die persönliche Arbeit prägend. Wie macht das mein/e Dirigent*in? Wie geht er/sie mit dem Orchester um. Hier ist aus meiner Sicht ein besonderer Schwerpunkt in der Ausbildung zu legen, was leider (aus meiner Erfahrung) aufgrund der Fokussierung auf die musikalischen Inhalte oft zu wenig thematisiert wird. Aber was nutzt Fachwissen, wenn es so präsentiert wird, dass niemand es hören will oder der/die Musiker*in von der Art und Weise der Arbeit des/der Dirigent*in nicht mitgerissen und motiviert ist.

Gerade im Bereich der Laienmusik, wo Freude und Motivation ein so wichtiger Schlüssel für erfolgreiches Arbeiten ist, sollte der Bereich der Menschenführung und Sozialkompetenzen viel stärker in den Fokus rücken. Wir haben sehr viele gute Musiker vor den Orchestern, wir sollten (im Sinne eines Vorbildes) auch gute Menschen vor dem Orchester sein.

Prof. Johann Mösenbichler
Prof. Johann Mösenbichler

Prof. Johann Mösenbichler (AT)

GMD der Bayerischen Polizei, Anton Bruckner Privatuniversität, Linz, Polizeiorchester Bayern, WiBraPhon, Euregio-Blasorchester

19.

Erst im Laufe meiner künstlerischen Arbeit wurde mir immer mehr bewusst: Orchestermusizieren ist das Ergebnis der Arbeit mit musizierenden Menschen, die es gilt in den Prozess der musikalischen Arbeit aktiv einzubinden. Natürlich ist dabei unsere musikalische Kernkompetenz mit all ihren Teilbereichen sehr wichtig. Allerdings wird häufig die Kommunikations- und Sozialkompetenz zu wenig bewusst beachtet bzw. weiterentwickelt und sensibilisiert.

20.

Orchesterentwicklung dauert immer länger als man sich am Beginn seiner Dirigententätigkeit vorstellt. Nur durch jahrelange, kontinuierliche Arbeit ist eine nachhaltige Orchesterentwicklung überhaupt erst möglich. Viele Dirigierende geben viel zu früh auf. Ein zumindest mittelfristiges Konzept unter Einbeziehung der musikalischen Ausbildung, der Jugendarbeit und vor allem der individuellen Talentförderung ist die Basis einer nachhaltigen Qualitätsentwicklung in jedem Orchester.

21.

Die wirklich wahre Musik in den tausenden Noten einer Partitur zu finden, zu verstehen und diese dann auch sensibel und subtil vermitteln zu können ist ein jahrelanger Reifungsprozess. Selten sind es die Menge der zu spielenden Töne, die Menge an Taktwechsel oder die Menge der klanglichen Effekte, die ein verbindliches Qualitätsmerkmal einer Komposition darstellen. Die in der Blasmusik gemessenen technisch orientierten Schwierigkeitsgrade sind dazu auch nicht immer hilfreich.

Ich habe aber immer gewusst: Musik ist etwas ganz Besonderes, etwas Wunderbares, etwas Einzigartiges! Deswegen habe ich noch keine Sekunde bereut!

Viel Freude und Erfüllung beim Musizieren!

Stefan Reggel
Stefan Reggel

Stefan Reggel

Stadtkapelle “Musikverein” Buchloe, Musikverein Dösingen, Kreisblasorchester Ostallgäu

22.

Mein erster Aspekt: Man soll keine Angst haben, vor dem Orchester mit seinen Musikerinnen und Musikern zu stehen. Für viele Dirigieranfänger ist das ein Hindernis. In den meisten Fällen sind die Leute dafür dankbar über den, der da vorne steht. Weil sie einfach merken, dass da jemand ist, der ihnen hilft sich selbst anzuleiten, zu führen und den ganzen Klangapparat zusammen zu führen. Dirigieranfänger sollen den Mut haben und eine Freude daran entwickeln, vor dem Orchester zu stehen. Die Erkenntnis, die ich in 15 Jahren Dirigent sein erfahren habe ist, dass die Musikerinnen und Musiker Dir glauben, dass Du eine Hilfe bist. Mir hat noch keiner gesagt „Du bist hier fehl am Platz“ oder „das stimmt ja gar nicht, was Du da sagst“. Mein erster Punkt ist: Du bist eine Hilfe für die Menschen, Du tust ihnen gut und kannst Dich drauf freuen, wenn Du da vorne stehst. Hab keine Angst, hilf den Menschen mit Deinem Kenntnisstand und Deiner Erfahrung – wo Du gerade stehst.

23.

Für meinen zweiten Aspekt ein kleines Beispiel: Ich habe eine kleine Jugendgruppe mit sieben oder acht Musikerinnen und Musiker mit einer ausgewogenen Besetzung projektweise geleitet. Dann habe ich mich dazu entschieden, einfach mal mitzuspielen. Die Jugendlichen waren zunächst überrascht. Ich habe versucht, sie trotzdem zu unterstützen. Aber dann kamen so wichtige Punkte wie Wiederholungszeichen, eine Fermate und schließlich der Schluß. Da wurde die Gruppe sehr unsicher. Ich habe dann abgebrochen und gesagt, ja, da fehlt nun einer der da vorne steht. Die junge Trompeterin links neben mir sagt: „Ja, da brauchen wir jetzt einen Dirigenten“. Ich habe ihr vorgeschlagen, nach vorne zu gehen und diese Rolle zu übernehmen. Sie hat sofort ja gesagt und ist nach vorne gegangen. Voller Freude und Elan hat sie dann damit begonnen, uns den Einsatz gegeben, angezeigt wie lange die Fermate ist und schließlich wann das Stück zu Ende ist.

Meine Empfehlung aus dieser Erfahrung: Habe den Mut, junge Leute vor das Orchester zu stellen. Am besten noch vor der Pubertät, wenn die Kinder noch offener und begeisterungsfähig sind, wenn Du sie inspirieren und auf den guten Geschmack bringen kannst. Du kannst damit etwas säen und pflanzen und es wird gedeihen.

24.

Man sollte sich, wenn man mit dem Dirigieren beginnt, im Klaren sein, dass man nicht für alles verantwortlich ist. Das habe ich in meinen Anfangsjahren oft gemacht. Ein Seminar von Michael Stecher hat mich zum Nachdenken gebracht. Er vertritt die sehr strikte Meinung: „Ein Dirigent ist nur zuständig für die musikalische Arbeit mit dem Orchester. Das ist seine Kernkompetenz.“ Unterm Strich hat er Recht. Jedoch muß jeder für sich selbst herausfinden, ob er mehr oder weniger geben möchte. Zunächst einmal bist Du der Dirigent. Für außermusikalische Aufgaben gibt es Helfer im Verein: der Vorstand, die Registerleiter, Notenwarte, usw. Du bist als Dirigent nicht dafür zuständig, dass jeder die richtigen Socken oder Schuhe an hat. Habe den Mut, die Aufgaben zu verteilen und nicht zu viel selbst zu tun.

Pietro Sarno
Pietro Sarno

Pietro Sarno

Stadtorchester Friedrichshafen

25.

Ins kalte Wasser geschmissen werden

Das Wichtigste ist, viel Praxiserfahrung zu sammeln und so viel wie möglich vor einem Orchester zu stehen. Ich hatte die große Möglichkeit, ganz am Anfang meines Studiums mit einem Orchester bestehend aus Musikstudenten zu arbeiten. Ich hatte davor damals großen Respekt und fühlte mich vielleicht noch nicht bereit dazu – im Nachhinein aber war es die beste Erfahrung, die ich machen konnte und es waren Projekte, bei denen ich unglaublich viel gelernt habe!

26.

Meine eigene Begeisterung für die Musik übertagen

Eine der schönsten Dinge, die ich beim Dirigieren erlebe, ist es, wenn es mir gelingt, meine Begeisterung z.B. für ein bestimmtes Stück, auf das Orchester zu übertragen. Sieht man dann in den Gesichtern der Musiker, dass es gelungen ist, ist es für mich einer der schönsten Momente, den man als Dirigent erlebt. Dies hat mich in meiner Anfangszeit als Dirigent sehr motiviert und tut es selbstverständlich auch heute noch.

27.

Menschenführung

Die Qualitäten im Thema Menschenführung sind als Dirigent nicht zu unterschätzen! Mir hat dabei das Musikpädagogikstudium sehr geholfen und ich kann nur jedem Dirigieranfänger raten, sich mit diesem Thema gründlich auseinander zu setzen.

Toni Scholl
Toni Scholl

Toni Scholl

Bläserphilharmonie Baden-Württemberg, Schwäbisches Jugendblasorchester, Akademischer Mitarbeiter am Landeszentrum für Dirigieren an der Staatlichen Hochschule für Musik in Mannheim

Aus der heutigen Sicht wäre es schön gewesen, am Anfang meiner Dirigentenkarriere folgende Punkte besser zu wissen oder zu können:

28.

Dass wir Dirigenten auch eine große Verantwortung für alles rund um unsere Orchester haben und nicht nur die Verantwortung in den musikalischen Belangen tragen. Auch persönliche Probleme werden an den Dirigenten herangetragen und das Thema Menschenführung ist sehr präsent. Eine psychologische Grundschulung wäre da sehr hilfreich.

29.

Ich würde mir im Bereich Organisation eine bessere Vorbereitung auf den Beruf des Dirigenten wünschen. Gerade im Berufsblasorchesterbereich müssen wir als Dirigent auch organisatorisch Führen und Leiten und verschiedenste Aufgabenfelder bearbeiten.

30.

Die Möglichkeit das Fach Blasorchesterleitung bereits in jungen Jahren studieren zu können, hat vor 30 Jahren in Deutschland gefehlt. Dieses Studium hätte ich gerne sofort zu Beginn meiner Laufbahn durchlaufen.

Jean-Christophe Spénle (Foto Clemens Liebig)
Jean-Christophe Spenlé (Foto Clemens Liebig)

Jean-Christophe Spenlé (FR)

Musikverein Freiburg-Tiengen

31.

Ein Dirigent ist ein Teamleader.

Er braucht viel, sehr viel Taktgefühl um seine Ideen durchführen zu können. Dies gilt sowohl für die Vorstandschaft als auch für die Musiker oder auch hinsichtlich dem Publikum. Und obwohl sich die Ideen weiterentwickeln und anpassen müssen, muss ein Dirigent seine Richtlinie einhalten.

32.

Warum machen sich die Musiker die Mühe zu kommen?

Ein Dirigent muss unbedingt die Erwartungen seiner Musiker verstehen und erfüllen. Kommen die Musiker um sich zu entspannen, um Freunde zu treffen, suchen sie eine musikalische Herausforderung? Am schwierigsten ist es, wenn ein Teil der Musiker eine musikalische Herausforderung erwarten und der andere Teil für die Kameradschaft kommt. Dann muss der Dirigent sein Team führen (siehe Punkt 1) können.

33.

Immer Spaß haben mit den Leuten, die zur Probe gekommen sind (egal wie viel % da sind).

Diese Musiker sind da und möchten eine gute Probe erleben. Musik ist ein Hobby und die Musiker geben sich viel Mühe Vorschritte zu machen und Familie, Beruf und Hobby in Einklang zu bringen.

 

Ein herzliches Dankeschön an alle DirigentInnen, die an diesem Beitrag mitgewirkt haben. Weitere Tipps, Hilfestellungen, Ratschläge dürfen gerne weiter unten in das Kommentarfeld geschrieben werden.

 

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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