Die Konzerteröffnung – Aspekte und Ideen Teil 3

Ein Round-Up-Post mit Beiträgen von Susanne Bader, Gernot Haidegger und Marco Lichtenthäler

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Präludium, Ouvertüre, Vorspiel, Fanfare, Paukenschlag: Das erste Werk des Konzerts bestimmt dessen Charakter!

Über ihre persönlichen Auswahlkriterien für das Eröffnungswerk eines Konzerts schreiben in insgesamt drei Blog-Beiträgen neun erfahrene Dirigentinnen und Dirigenten. Diese drei Beiträge sollen Euch Inspiration und Repertoirequelle sein.

Susanne Bader

Susanne Bader
Susanne Bader

Susanne Bader leitet zusammen mit dem Chefdirigenten Stefan Kollmann das SJBO Karlsruhe. Seit 2019 ist sie die musikalische Leiterin des „Musikvereins Oßweil, Stadtkapelle Ludwigsburg e.V.“

Die Werke, die ich zur Eröffnung von Konzerten auswähle, sollen sowohl Musikern als auch Publikum einstimmen auf das was kommt. Das kann thematisch sein, wenn das Konzert ein Motto hat, oder auch einfach in entsprechende fröhliche Stimmung versetzen und Lust auf mehr machen.

Ich greife gerne auf Stücke zurück, die viel Schwung und Esprit haben. Es gibt eine schöne große Auswahl an Konzertouvertüren.

Bezüglich der Spielbarkeit achte ich darauf, dass die Stücke nicht zu schwer sind für meine Musiker. Oft ist doch die Anspannung zu Beginn eines Konzertes recht hoch. Was gibt es da besseres wenn man da als Musiker mit Spass, Leichtigkeit und Spielfreude starten kann.

Meine Favoriten sind Ouverturen von Alfred Reed, wie z.B. The Music Makers, The Hounds of spring oder Dance Celebration von Tomihiro Tatebe. Besondere eigene und schöne Erinnerungen verbinde ich mit der Overture on an Early American Folk Hymn von Claude T. Smith. Naoya Wada hat mit Seven Short Fanfares eine schöne Sammlung an kurzen „Gute-Laune“-Vorspeisen verlegt.

Ohnehin ein schöner Vergleich mit einem guten Essen: „amuse oreilles“ statt „amuse gueule“, eine gute Eröffnung muss Hunger auf mehr machen.

Gernot Haidegger

Gernot Haidegger
Hauptmann Gernot Haidegger

Hauptmann Gernot Haidegger ist Kapellmeister der Militärmusik Oberösterreich.

Ein altes Sprichwort besagt „Aller Anfang ist schwer“. In gewisser Weise stimmt das auch, aber ich finde, wenn man einige Faktoren berücksichtigt, ist dieser Anfang im Hinblick auf eine gelungene Konzerteröffnung dann doch nicht so schwer.

Natürlich soll vor jedem Konzert etwas Anspannung zu spüren sein, denn nur so können sowohl die Musiker als auch der Dirigent voll konzentriert in die Aufführung gehen, ohne den Auftritt auf die leichte Schulter zu nehmen.

Da mein Orchester ein reines Ausbildungsorchester ist und ich jedes Jahr neue Musiker bekomme, ist es mir wichtig, den Musikern verschiedene Arten von Musik bei einem Konzert näher zu bringen. Genauso ist auch die erfolgreiche Konzerteröffnung ein wichtiger Punkt in der Ausbildung. Jedoch beginnt meines Erachtens eine gelungene, gute Eröffnung nicht erst beim ersten Ton, sondern ist vielmehr ein Lernprozess, den die jungen Musiker auf sich nehmen müssen.

Für einen erfolgreichen Einstieg ins Konzert sind in meinen Augen schon die Momente ab dem Betreten des Konzertsaales wesentlich: Wie verhalten sich die Musiker vor der Sitzprobe, wie diszipliniert spielen sie sich ein, welche Form des Einstimmens wird gewählt, welche Passagen wählt man beim Soundcheck, um nur einige Punkte zu nennen. Die wichtigsten Fragen sind meiner Meinung nach allerdings, in welchem Rahmen das Konzert stattfindet und mit welchem Publikum ich zu rechnen habe. Darauf einzugehen sehe ich als meine elementarste Aufgabe als Unterhalter. Manchmal habe ich jedoch bei meinen geschätzten Kollegen das Gefühl, dass sie am Geschmack und/oder Interesse des Publikums vorbei spielen, was zwar oft ambitioniert klingt, aber zu Langeweile und Desinteresse im Auditorium führen kann.

Auch bei Konzertwertungen sind die ersten Minuten des Auftretens maßgeblich. Schon vor dem Start der Wertungsstücke können Orchester durch diszipliniertes Verhalten und klug gewählte Einblas-Stücke beim Einspielen auf der Bühne für Sympathiepunkte bei den Bewertern sorgen.

Bei meinen Konzerten, sofern es sich nicht um ein Themenkonzert oder ein Komponistenportrait handelt, gibt es einen fixen Programmablauf und als erstes Stück wähle ich immer einen Konzertmarsch. Warum? Das Publikum erwartet von einem Militärorchester konzertante Marschmusik, diese Erwartungshaltung wird mit einem Marsch gleich zu Beginn erfüllt.  Außerdem beginnt jeder Marsch mit einem fanfarenreichen Eingang und im vollen Orchesterklang. Das gibt den jungen Musikern Sicherheit und festigt das Orchester. Jedoch wähle ich hier nicht Standard-Märsche, sondern sehr anspruchsvolle Stücke. Ein Beispiel ist Skyliner von Otto M. Schwarz oder Sympatria von Thomas Asanger. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf das Buch Teaching Music through Performing Marches (Carl Chevallard, compiled and edited by Richard Miles) hinweisen.

Viele meiner Eröffnungstücke werden von mir selbst neu instrumentiert, wie z.B. Slavostni Pochod  (Militärmusik OÖ – Galakonzert 2019 – Slavnosti Pochod – YouTube). Noten können übrigens gerne unter verein@militaermusikooe.at bestellt werden. Einerseits kann ich so näher auf die Orchesterbesetzung und ihre Instrumentierung eingehen und anderseits dem Publikum bereits in Vergessenheit geratene Orchesterwerke neu präsentieren.

Für den eigentlichen Einstieg ins Konzertprogramm wähle ich dann immer eine Ouvertüre. Entsprechend der französischen Bedeutung „Eröffnung“ ist eine Ouvertüre im Konzert oder im Musiktheater ein Werk, das zum Auftakt einer Vorstellung gespielt wird. Hier kann man aus dem Vollen schöpfen und für mein letztes Konzert habe ich An American Symphony gewählt (Militärmusik OÖ – Galakonzert 2019 – An American Symphony – YouTube). Sehr gerne orientiere ich mich an meinen Komponistenkollegen, die immer wieder äußerst interessante Transkriptionen veröffentlichen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die Werke von Fritz Neuböck (z. B. Four Quarters) und Siegmund Andraschek hinweisen. Auch andere junge österreichische Komponisten haben spannende klassische Transkriptionen im Angebot, etwa Daniel Muck, Stefan Ebner, Georg Zwettler oder Peter Hammer (z. B. Donausagen Walzer). Für mich persönlich ist es wichtig, Werke zu spielen, die den neuen symphonischen Orchesterklang widerspiegeln.

Nach der Pause, im zweiten Teil eines Programmes, beginne ich gerne mit einer Fanfare. (z. B. Fanfare In Iubilo oder Triumphal Prelude). Es muss aber nicht immer etwas Altes sein, auch viele zeitgenössische österreichische Komponisten haben beeindruckende Werke geschrieben. Besonders hervorheben möchte ich hier den jungen Komponisten Mathias Werner, mit dem die Militärmusik Oberösterreich eine sehr enge Zusammenarbeit pflegt. Auch mit anderen jungen und junggebliebenen Komponisten stehen wir in gutem Kontakt. So finde ich es immer sehr spannend, eine Uraufführung zu bestreiten und direkt mit dem Komponisten das Stück zu erproben.

Gute Opener sind: Alpine Inspirations oder Festivus Fanfare von Martin Scharnagel, Fanfare for the Limestone von Daniel Muck, Break up von Thomas Asanger, Another Opening von Fritz Neuböck, Imperial Overture, Glory Fanfare, Unity Fanfare oder Fanfare for the Champion von Otto M. Schwarz und Trumpets and Bridges, Ouverture Allemande, Austrian Overture, Magic Overture von Thomas Doss.

Marco Lichtenthäler

Marco Lichtenthäler
Marco Lichtenthäler

Marco Lichtenthäler ist Landesmusikdirektor in Rheinland-Pfalz. Die von ihm initiierte Bläserphilharmonie Altenkirchen steht in den Startlöchern.

Wie wichtig ist ein Eröffnungswerk?

Wenn wir einen uns unbekannten Menschen das erste Mal sehen, scannen wir ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen nach wichtigen Merkmalen wie zum Beispiel Geschlecht, Alter oder Attraktivität. Die Amygdala, unser „emotionales Gehirn“, steuert diese individuellen und emotionalen Ansichten. Sie sorgt für das intuitive Gefühl der Sympathie oder Abneigung.

Als Dirigent hat man mit dem Eröffnungswerk eines Konzertes genau diesen kurzen Moment, wenn die ersten Töne erklingen, das Publikum binnen Sekunden in den Bann der Musik zu ziehen. Nicht umsonst sagt der Volksmund, dass der erste und letzte Ton eines Konzertes im Ohr bleiben. Die Auswahl des Eröffnungswerkes ist somit für den weiteren Verlauf eines Konzertes von großer Bedeutung.

Ein Werk, welches das Publikum sofort überrascht und keinerlei abschweifende Gedanken zulässt, ist zweifelsohne Alleluia Laudamus Te von Alfred Reed. Mit einem mächtigen Blechchoral startet das Werk fulminant und bietet mit seinem hymnischen Charakter die typisch Reed’schen Klangfarben seiner fantastischen Art zu instrumentieren. Nicht nur vertikal erklingen feinste harmonische Strukturen, auch horizontal schafft es Reed, dass jede Stimme in sich schön klingt. Neben dem wuchtigen Hauptthema der Blechbläser erklingt im weiteren Verlauf eine lange, fließende Linie in den Hörnern und Holzbläsern, um mit einem fanfarenartigen Schlussteil nochmals die gesamte Klangfülle eines sinfonischen Blasorchesters zu präsentieren. Zur Eröffnung eines feierlichen Konzertes beispielsweise im Rahmen eines Kirchenkonzertes halte ich dieses Werk für perfekt geeignet. Zudem bietet die Aufführung in einer Kirche die Möglichkeit, im feierlichen Schlussteil die Orgelstimme mit zu besetzten, was dem ganzen Werk im wahrsten Sinne des Wortes die Krone aufsetzt.

Eröffnungswerke gibt es sehr viele, aber findet man für sein Orchester auch die eine perfekte Eröffnungsmelodie? Schafft man es vielleicht sogar, jedes Konzert mit ein und demselben Werk zu eröffnen, damit der Zuhörer dieses Werk als Erkennungsmelodie des jeweiligen Orchesters identifiziert, ähnlich eines Jingles in der Werbung (denken Sie nur z. B.  an das Jingle eines Telekommunikationsanbieters). Genau diese Frage hat sich die 2021 neu gegründete Bläserphilharmonie im Kreis Altenkirchen (BPAK) auch gestellt. Das Orchester wollte gerne eine „eigene“ Ouvertüre haben und hat sie kurzerhand über ein erfolgreiches Crowdfunding bei Otto M. Schwarz in Auftrag gegeben. Es soll eine eher klassisch anmutende Ouvertüre sein, die bei jedem Konzert der BPAK gespielt werden wird und die obige Gesichtspunkte berücksichtigt. Man darf gespannt sein, was der Komponist aus dieser Vorgabe machen wird. Die Premiere ist für den 3. Oktober 2021 geplant und wer weiß, vielleicht entsteht dort ja ein Eröffnungswerk, dass in ein paar Jahren als großartige Ouvertüre von zahlreichen Orchestern weltweit gespielt wird.

Ein herzliches Dankeschön an Susanne Bader, Gernot Haidegger und Marco Lichtenthäler für ihre Aspekte und Ideen zum Thema Konzerteröffnung!

Die 3 Teile dieser Serie im Überblick

Die Konzerteröffnung – Aspekte und Ideen Teil 1 mit Beiträgen von Sandra Settele, Dr. Björn Jakobs und Stefan Klein
Die Konzerteröffnung – Aspekte und Ideen Teil 2 mit Beiträgen von Petra Springer, Miguel Etchegoncelay und Joop Boerstoel
Die Konzerteröffnung – Aspkete und Ideen Teil 3 mit Beiträgen von Susanne Bader, Gernot Haidegger und Marco Lichtenthäler

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Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

2 thoughts on “Die Konzerteröffnung – Aspekte und Ideen Teil 3

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