Blasmusikaspekte: Aufführungspraxis Solowerke

Ein Interview mit Niki Wüthrich

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In der Reihe “Blasmusikaspekte” werden im Interview mit jeweils einem Dirigenten / einer Dirigentin ein Teilbereich bzw. ein besonderer Aspekt der Blasmusik bzw. unseres Musikvereinswesen diskutiert. Alle Blasmusikblog-LeserInnen sind eingeladen, sich zum Thema und den Antworten im Kommentarfeld unter dem Beitrag zu äußern! Wir freuen uns auf einen regen Austausch.

Was spricht für die Aufnahme eines Solowerks in das Konzertprogramm eines Blasorchesters? Was dagegen?

Ein Solowerk ist in meinen Augen eine Bereicherung des Konzertprogramms. Sowohl für die Musiker:innen wie auch fürs Publikum. Der Fokus wird für einen Moment auf eine einzelne Persönlichkeit und den Klang und die Möglichkeiten eines bestimmten Instruments gelegt. Das Orchester ist zudem in anderen Aspekten wie dem Begleiten oder dem Wechselspiel zwischen sich zurücknehmen und dann wieder in Dialog oder Vordergund treten, gefordert.

Herausfordernd ist die richtige Wahl des Solowerks. Sowohl Solist:in wie auch Orchester sollen gefordert aber nicht überfordert sein. Zusammen mit internen Solisten sollte das Werk mit Bedacht und gut meisterbar gewählt werden, sodass das Spiel auch dem erhöhten Kribbeln am Konzert Stand hält. Orchesterintern stellt sich bei der Auswahl der Solisten die Frage der Fairness gegenüber anderen potentiellen Solist:innen. Ein externer Solist dagegen stellt meist ein zusätzlicher Kostenfaktor dar.

Zudem ist es ideal, wenn Solist und Dirigent sich kennen und musikalisch in die selbe Richtung ziehen. Wann immer möglich, sollten die beiden sich vor der ersten Orchesterprobe treffen und das Solo-Konzert im Detail durchgehen. Dabei sind Fragen wie Tempi, Übergänge, Kadenzen oder stilistische Fragen zu klären, sodass dem Orchester eine gemeinsame, einheitliche Interpretation präsentiert werden kann. Das Ausdiskutieren von differenzierenden Meinungen zwischen Solist und Dirigent vor dem gesamten Orchester ist unangenehm und wirkt unprofessionell.

An welcher Stelle des Konzertprogramms eignet sich ein Solowerk am besten?

Traditionellerweise steht das Solowerk nach einer Ouvertüre an zweiter Stelle im ersten Konzertteil bevor im zweiten Konzertteil ein grösseres integrales Werk wie beispielsweise eine Sinfonie erklingt. Je nach Länge des Werks, Stilistik und Schwierigkeitsgrad lässt sich das Solowerk dramaturgisch auch anders platzieren. Ich würde empfehlen, es im Verlaufe des Programms einzubetten. So ist zu Beginn des Konzerts der Fokus auf dem Tutti-Klang, bevor das Soloinstrument ins Rampenlicht gerückt wird. Eine allfällige, kurze Zugabe der Solist:in – ganz alleine oder wiederum mit Orchesterbegleitung – erfolgt direkt nach dem Solowerk. So schliesst sich am Ende des Konzerts bei Orchesterzugaben wieder der Bogen mit Gesamtorchesterklang.

Welche Art Solist:in eignet sich besonders für ein Konzert mit Blasorchester?

Sowohl für Blasinstrumente wie auch ziemlich alle anderen Instrumente gibt es eine reiche Auswahl von Originalkompositionen wie auch viele Transkriptionen von Solowerken mit ursprünglich Sinfonieorchesterbegleitung.

Professioneller Musiker oder aus den eigenen Reihen?

Einen professionellen Musiker als Solist:in für ein Konzert zu engagieren habe ich für alle Beteiligten immer als sehr inspirierend erlebt: Die Orchestermusiker:innen erleben, was auf ihren Instrumenten alles noch möglich ist und kriegen im Rahmen der Proben auch den einen oder anderen inspirierenden Tipp mit auf den Weg. Die Attraktivität des Konzertbesuchs wird für das Publikum gesteigert, insbesondere wenn es sich um einen renommierten Solisten mit entsprechender Ausstrahlung handelt. Und nicht selten ist der Solist:in erstaunt, mit was für einer Energie und Leidenschaft im Amateurorchester musiziert wird und lässt sich von diesem Drive beflügeln.

Solist:innen aus den eigenen Reihen zu präsentieren hat ebenfalls seinen Reiz. Ein Solo bedeutet eine gehörige Motivationsspritze für talentierte, ambitionierte Mitspieler:innen, was sich wiederum positiv auf andere Registerkolleg:innen auswirken kann. Das Publikum erlebt die bekannten Gesichter für einmal in anderer Rolle und staunt hoffentlich, welche ungeahnte Virtuosität und Musikalität in den bislang nur im Tutti agierenden Musiker:innen zum Vorschein tritt.

Welche Unterschiede gibt es in der Aufführungspraxis bei der Zusammenarbeit mit einem Holzbläser, einem Blechbläser, einem Schlagzeuger, einem Sänger oder einer Sängerin?

Ich würde da weniger zwischen den verschiedenen Instrumenten unterscheiden als eher versuchen, den jeweiligen stilistischen Anforderungen der einzelnen Werke gerecht zu werden. Selbstverständlich muss jederzeit auf eine angemessene Balance zwischen Solist:in und Orchester geachtet werden. Gegebenenfalls soll Dynamik oder Orchestrierung zugunsten der erforderlichen Ausgewogenheit angepasst werden. Bei leisen Solo-Instrumenten kann von Beginn weg eine dezente (sprich nicht als solche wahrnehmbare) elektronische Verstärkung in Betracht gezogen werden. Wenn mit Solisten-Verstärkung, dann bevorzuge ich eine Lösung mit einem kleinen Verstärker, der direkt beim Solisten platziert wird und nur so weit wir nötig hochgefahren wird. Gegenüber einer Lösung, bei welcher über ein PA-Soundsystem von links und rechts der Bühne beschallt wird, mischt sich bei ersterer Umsetzung der Klang besser mit dem unverstärkt aufspielenden Orchester.

Welche Aspekte sind bei der Aufführung eines Solowerks jeweils in einem Konzertsaal, einer Mehrzweckhalle, in einer Kirche oder „Outdoor“ speziell zu beachten?

Analog zur Auswahl von Orchesterwerken sollten auch bei den Solowerken die vorhandenen akustischen Gegebenheiten der Aufführungsorte schon bei der Programmauswahl und der passenden Solo-Instrumentenauswahl mit berücksichtigt werden. In einer Kirche mit langem Nachhall ist eine Messe mit Gesangsquartett naturgemäss besser aufgehoben als beispielsweise ein virtuoses, bigbandiges Trompetensolo.

Was gilt es besonders bei der Aufführung eines Werkes mit Sängerin bzw. Sänger zu beachten?

Einerseits ist der Balance (bei unverstärktem Gesang) besonders Tribut zu zollen. Andererseits sollte beim Partiturstudium dem Gesangstext besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Aus der Sprache lassen sich sowohl Phrasierung wie auch Gestaltung von Klangfarben und Gestus fürs Orchester ableiten.

Im Konzert: Wo steht der Solist / die Solistin am besten?

Der Solist:in steht üblicherweise vom Publikum aus gesehen schräg links vor dem Dirigenten. So ist er oder sie sowohl optisch wie akustisch für das Publikum optimal präsent. Gleichzeitig sollte darauf geachtet werden, dass ein guter (Augen-)Kontakt zwischen Dirigent und Solist gewährleistet ist.

Welche Werke hast Du selbst schon mit Solist aufgeführt?

Neben zahlreichen weiteren kleineren Werken erinnere ich mich gerne an die Aufführung originaler Solowerke wie das T-Bone Posaunenkonzerts von Johan De Meij (Solist: Seth Quistad), das Il Concerto for Clarinet and Orchestra des Spaniers Oscar Navarro (Solistin: Rita Karin Meier), an das Concertino für Orgel und Blasorchester von Thomas Trachsel (Andrea Kobi, Orgel) oder das Sinfonietta Alpestre (Eliana Burki) von Jean Daetwyler. In einer Operngala mit Mezzosopran-Arien oder eine Musical-Night mit einer Musical-Gala durfte ich diverse lohnenswerte Transkriptionen aufführen. Ein Highlight in der Zusammenarbeit mit etwas störrischen Solist:innen ist die empfehlenswerte Grand Grand Overture von Malcolm Arnold, welche drei Staubsauger und einen Bodenblocher ins solistische Rampenlicht rückt.

Welche Werke für Solist (Instrumentalist, Sänger) und Blasorchester möchtest Du unbedingt einmal aufführen?

Ich freue mich sehr darauf, Ende November mit der Stadtmusik Zürich die Queen-Symphony von Tolga Kashif nach coronabedingter Verschiebung nachholen zu dürfen. Dieses Werk beinhaltet neben einem Chor solistische Partien für Violine, Cello und Klavier. Ebenfalls noch auf der Liste der unfreiwillig verschobenen Projekte stehen die Aufführungen der fünften Sinfonie Return to Middle Earth von Johan De Meij (mit der Stadtmusik St.Gallen, Chor und dramatischer Sopran-Solistin) und das Nachholen der Transkription des Oratoriums The Armed Man von Karl Jenkins, mit solistischem Gesangs-Quartett, Chor und der Stadtmusik Bremgarten. Ausserdem freue ich mich darauf, als Dirigent des Swiss Symphonic Wind Orchestras in kommenden Projekten den einen oder die andere Profi-Stimmführer:in solistisch einsetzen zu dürfen.

Welche Werke eignen sich besonders für die Aufführung mit Blasorchester? Transkription eines Solo-Konzertes oder ein Originalwerk für Solist und Blasorchester?

Wie die vorangehende Auflistung zeigt, bin ich für beide Kategorien offen. Entscheidend bei Transkriptionen ist, dass auch in der Blasorchesterfassung der Solist:in genügend Raum gegeben werden kann. Romantische und zeitgenössische Werke mit schon im Original grosser Orchesterbesetzung eignen sich in der Regel besser als barocke oder klassische Kompositionen. Hier ist die Leichtigkeit und Transparenz des Streicherklangs oft nur unbefriedigend mit dem Blasorchester erzielbar.

Wann ist es sinnvoll, das Orchester auszudünnen bzw. in wie weit greifst Du bei einem Solowerk in die Instrumentation des Werkes ein?

Legitimiert dadurch, dass jedes Blasorchester seine eigenen Stärken und Schwächen sowie  unterschiedliche Besetzungsproportionen hat, soll der Dirigent:in auf jeden Fall korrigierend in die Instrumentation eingreifen, damit eine befriedigende Balance zwischen Solist und Orchester gewährleistet ist. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Transkription von Offenbachs Concerto militaire, bei welcher wir bei vielen Einsätzen des Solo-Cellos im Orchester immer wieder Verdoppelungen streichen oder auch die Anzahl Spieler reduzieren mussten, damit das Cello genügend hörbar und die stilistische erforderliche Leichtigkeit in der Begleitung erreicht werden konnte.

Vita Niki Wüthrich

Niki Wüthrich
Niki Wüthrich

Niki Wüthrich ist Dirigent und künstlerischer Leiter des Swiss Symphonic Wind Orchestra und seit 2019 Dirigent des Blasorchesters der Stadtmusik St.Gallen.  Schon einige Jahre dirigiert er die Stadtmusik Zürich (seit 2013) und die Stadtmusik Bremgarten (seit 2010). Als vielseitiger und leidenschaftlicher Musiker liegen ihm Konzerte mit einem besonderen Augenmerk auf eine spannende Programmkonzeption und spartenübergreifende Bezüge besonders am Herzen. Als Dirigent blickt er zudem auf erfolgreiche Zusammenarbeiten mit Formationen wie der Camerata Schweiz, dem Collegium Musicum Turicense, dem Sinfonieorchester con Brio, dem Akademischen Chor Zürich, dem Solothurner Jugendblasorchester, dem Musikverein Meilen oder dem Zürcher Blechbläser Ensemble und gemeinsam mit Solisten wie Madeleine Merz (Sopran), Rita Karin Meier (Klarinette), Kent Stettler (Vocals), Seth Quistad (Posaune) oder Eliana Burki (Alphorn)) zurück. 2010 erreichte er den Halbfinal des 6. Schweizerischen Dirigentenwettbewerbs.

Als Posaunist lebt Niki Wüthrich seine Kreativität mit Vorliebe in Brass Ensembles wie dem Quintetto Inflagranti oder dem Swiss Brass Consort aus. Zudem darf er als Mitglied des Collegium Musicum Basel immer mal wieder das grosse sinfonische Repertoire aufführen. Seine Studien absolvierte er an der Hochschule für Musik und Theater in Bern in den Fächern Posaune (bei Armin Bachmann (Lehrdiplom) und Branimir Slokar (Konzertdiplom mit Auszeichnung)) sowie Orchesterdirektion bei Dominique Roggen. Weitere wertvolle Impulse von Markus Wüest (Posaune) sowie Douglas Bostock, Andreas Spörri, Isabelle Ruf-Weber und Alexander Rumpf (Dirigieren) bereichern seine musikalische Ausbildung.

Ergänzend ist Niki Wüthrich gerne als Wettbewerbs-Juror im Einsatz und fördert den musikalischen Nachwuchs in Bremgarten im Rahmen eines Musikschulleiterpensums. 2012 bis 2018 durfte er im Dirigentenkursleiterteam sowie im «Vorstand Bereich Musik» des Zürcher Blasmusikverbands tätig sein. Als ausgebildeter Kulturmanager (Master of Advanced Studies in Arts Management, Uni Basel) hatte er die Produktionsleitung des Konzerttheaters «Im Orchester graben» mit Ursus & Nadeschkin inne und war von 2004 bis 2015 Geschäftsführer der Camerata Schweiz.

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Beitragsbild: Niki Wüthrich mit Rita Karin Meier (Solo-Klarinettistin der Oper Zürich)

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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