Blasmusikaspekte: Transkriptionen

Ein Interview mit Franco Hänle

In der Blasmusikblog-Reihe “Blasmusikaspekte” werden im Interview mit jeweils einem Dirigenten / einer Dirigentin ein Teilbereich bzw. ein besonderer Aspekt der Blasmusik bzw. unseres Musikvereinswesen diskutiert. Alle Blasmusikblog-LeserInnen sind eingeladen, sich zum Thema und den Antworten im Kommentarfeld unter dem Beitrag zu äußern! Wir freuen uns auf einen regen Austausch.

[Werbung | enthält Produktnennungen und Affiliate-Links]

Welche Werke eignen sich für Transkriptionen, welche würdest Du niemals arrangieren?

So einfach und pauschal ist diese Frage gar nicht zu beantworten. Meistens eignen sich Kompositionen, in denen schon viele Holz- und Blechbläserstimmen vorhanden sind, auch für Blasorchester, aber das ist nicht das einzige Kriterium. Auch gibt es Stücke, die ursprünglich für Klavier oder vierstimmigen Chor konzipiert wurden, welche sich aber für eine Übertragung auf ein Sinfonisches Blasorchester eignen und letztendlich hervorragend klingen. Meistens versuche ich mir vorab einige Passagen klanglich für die Bläser vorzustellen und ob mein inneres Ohr vorab eine gute Klanglichkeit entstehen lässt.

Welche Werke hast Du bereits für Blasorchester eingerichtet und welches sind die erfolgreichsten?

Insgesamt habe ich schon eine mittlere zweistellige Anzahl an Werken für Blasorchester eingerichtet, darunter aber auch sehr viele kleine Werke wie Choräle, die gelegentlich Anwendung in meinen Proben finden, beispielsweise zum Einspielen oder gezielt für klangliches Training. Ein paar der größeren Arbeiten sind verlegt. Ich gehe auch nicht vor und versuche eine möglichst große Quote herauszubringen, ich muss ja nicht davon leben. Zu den bisher erfolgreichsten Werken zählen das Stabat Mater von Karl Jenkins, Peer Gynt von Edvard Grieg, der Kaisermarsch von Richard Wagner sowie Tiento del primer tono y batalla imperial von Christobal Halffter. Letzteres Stück wurde schon von einigen renommierten Orchestern in Europa aufgeführt (Sinfonisches Blasorchester Bern, Nationales Jugendblasorchester der Schweiz, Sinfonisches Blasorchester Vorarlberg, Artistica de Bunol u.v.m.), worauf ich sehr stolz bin.

Transkription – Bearbeitung: wie grenzt Du diese beiden musikalischen Formen ab?

Bearbeiten bedeutet für mich einen signifikanten Eingriff in das ursprüngliche musikalische Material vorzunehmen, so wie man z.B. verschiedene Melodien aus einem Musical zu einem neuen Arrangement für Orchester aneinanderreiht und dabei eigene Übergänge schafft. Eine Transkription zu erstellen bedeutet für mich, dass man so nahe wie nur irgend möglich am musikalischen Text der Komposition bleibt und dabei eine neue Instrumentation schafft, d.h. das Werk an die Besetzung anpasst, welche das Stück möglichst originalgetreu zum Klingen bringen soll.

Was macht eine gute Transkription für Blasorchester aus?

Eine Transkription für Blasorchester ist aus meiner Sicht gelungen, wenn sie genauso gut mit einem Blasorchester klingt, funktioniert und den Hörer überzeugt, wie die ursprüngliche Fassung des Komponisten. Ein zentrales Element ist dabei für mich die Tonart, dass diese unverändert zum Original ist und nicht wie bei alten Bearbeitungen für Bläser vereinfacht und verschoben wird.

Wie gehst Du bei der Auswahl der Werke vor, die Du für Blasorchester einrichtest?

Die meisten meiner Werke kamen indirekt auf mich zu. In einigen Konzerten von Sinfonieorchestern, egal ob ich dabei mit auf der Bühne oder im Publikum sitze, höre ich manchmal schon parallel die Musik, die gerade läuft, wie sie von einem Blasorchester gespielt wird und klingen könnte. Das war in der Vergangenheit oft der Auslöser. Wenn ich dann an einem Stück wirklich näher interessiert bin, versuche ich die Partitur des Originals zu bekommen und diese wird dann sorgfältig studiert und auf die Machbarkeit für Blasorchester hin geprüft. Wenn ich am Ende zur Überzeugung gekommen bin, dass sich die Arbeit lohnt könnte, dann mache ich es. Das Lohnen war und ist für mich übrigens nie ein Argument. Ob ein Verlag daran interessiert sein könnte ist für mich im Idealfall eine angenehme Begleiterscheinung. Zunächst spielt für mich nur die Musik die zentrale Rolle und die Frage, ob die Bearbeitung eine Bereicherung für das Blasorchesterrepertoire darstellen könnte.

Gibt es ein bestimmtes Schema, nach welchem Du beim transkribieren vorgehst?

Eigentlich ist die Arbeitsweise immer ein wenig ähnlich. Zunächst muss man gründlich die Vorlage, also die Originalpartitur studieren und analysieren. Dabei sind die ersten zentralen Bausteine natürlich die Besetzung, die Originaltonart und die musikalische Form der Komposition. Ebenso muss man sich schon sehr früh darüber im Klaren werden, welche Solopassagen es möglicherweise gibt. Im zweiten Schritt geht dann die richtige Arbeit los und ich erstelle mir erst einmal ein paar Skizzen wie Abschnittsweise die Übertragung aussehen könnte. Zwar versuche ich so gut es geht die Stimmen von Instrumenten aus dem Original auch in der Transkription unverändert zu übernehmen, spannend wird es aber dann, wenn beispielsweise kleine Soloparts kommen. Wenn im Sinfonieorchester ein Klarinettensolo über einem Streicherteppich erklingt wirkt es natürlich komplett anders, als wenn im Blasorchester das Klarinettensolo über dem Holzbläserteppich spielen würde… Hier muss man dann abwägen, ob ein anderes Instrument das Solo spielt oder der Klangteppich eine andere Farbe durch die Instrumentation erhält. Darüber mache ich mir vorab meine Gedanken, bevor es an das Notensetzen geht.

Was entgegnest Du Blasmusik-Puristen, die jede Art von Transkription und Bearbeitung überwiegend ablehnen?

Zunächst einmal „bestätigend“, da ich ja genauso Originalliteratur für Blasorchester unglaublich wichtig finde und ein Programm sich überwiegend auf diese Literatur konzentrieren sollte. Allerdings kann man ihnen auch entgegnen, dass es in der Musikgeschichte schon häufig vorkam, gute Musik für verschiedene Besetzungsformen anzupassen und verfügbar zu machen. Von Mozart selbst gibt es einige Opernauszüge (z.B. “Don Giovanni”), die für Bläserquintett gesetzt worden sind, um sie in der Welt populär zu machen. Es gab ja noch kein Internet oder Streaming-Dienste, worüber man seine neuen Stücke hätte bewerben können. Die English Folk Song Suite von Ralph Vaughan-Williams wurde für Blasorchester komponiert, aber viele Schulorchester spielen heute die Fassung für Sinfonieorchester, die Gordon Jacob orchestrierte. Nicht viele wissen, dass es sich dabei im Prinzip um eine Bearbeitung von Blasmusik für Streicher handelt. Oder nehmen wir den Amerikaner Paul Creston, der veröffentlichte einige seiner Kompositionen (wie beispielsweise das Concerto for Marimba) in einer Version für Solist mit Sinfonieorchester und zugleich aber auch für Solist und Blasorchester. Er autorisiert damit aus höchster Instanz beide Optionen. Ich könnte hier endlos weitermachen – aber die Musik wird dabei ja nicht komplett verändert, sondern nur ein wenig das Klangspektrum. Auch aus pädagogischen Gründen (Musikvermittlung, Epochen der Musik etc.) halte ich Transkriptionen für unausweichlich, wir als Dirigenten stehen ja auch in der Verantwortung gegenüber unseren Musikern im Sinne der musikalischen Bildung. 

Vita Franco Hänle

Franco Hänle
Franco Hänle

Franco Hänle ist derzeit als Dozent für Dirigieren an der Berufsfachschule für Musik in Krumbach (Schwaben) tätig sowie als freischaffender Dirigent, Musiklehrer und Arrangeur aktiv. Er leitet mehrere sinfonische Blasorchester der Höchstklasse. In 2015 war er außerdem als Chefdirigent des Bundespolizeiorchesters in Hannover tätig. Er studierte an den Musikhochschulen Augsburg-Nürnberg, Trossingen, Basel sowie Stuttgart und erwarb neben den beiden Diplomen als Musiklehrer und Orchestermusiker auch einen Master in Orchesterleitung. Franco Hänle arbeitet regelmäßig mit verschiedenen Verbänden in der Dirigenten Aus- und Weiterbildung zusammen und ist ein gefragter Juror und Experte im In- und Ausland. Seit 2017 ist er Mitglied der internationalen Vorstandschaft der „World Association for Symphonic Bands and Ensembles“. Darüber hinaus ist er ein gefragter Gastdirigent, so zuletzt beim JugendMusikCamp der Bläserjugend Baden-Württemberg, dem Bundespolizeiorchester München und dem Nordbayerischen Jugendblasorchester.

Weitere Informationen erhältlich unter www.francohaenle.com.

Alexandra Link

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Immer informiert!

Gib hier Deine Mail-Adresse ein, um eine Nachricht zu bekommen, sobald ein neuer Beitrag online ist.