Ensembleleitung Blasorchester EBO – vorbildliches Ausbildungssystem in Oberöstereich

Über die vierjährige Dirigenten-Ausbildung im Landesmusikschulwerk Oberösterreich unter der Federführung von Thomas Doss

Die Dirigenten(-Grund)-Ausbildung für Blasorchester im Bundesland Oberösterreich ist bereits seit 30 Jahren im Oberösterreichischen Landesmusikschulwerk verankert. Zurzeit absolvieren den Kurs Ensembleleitung Blasorchester – kurz EBO – insgesamt auf die vier Lehrgangsjahre bzw. 8 Semester verteilt durchschnittlich bis zu 200 Schülerinnen und Schüler. Eine enorme Zahl, wenn man bedenkt, dass es im Oberösterreichischen Blasmusikverband OÖBV insgesamt 478 Mitgliedskapellen gibt. Mit dem OÖBV, sowie mit der oberösterreichischen Bläserakademie und der Militärmusik Oberösterreich gibt es eine enge Kooperation.

Der Kurs EBO ist als nebenberufliche vierjährige Ausbildung angelegt. Der Unterricht wird an 15 Landesmusikschulen verteilt über Oberösterreich angeboten. Ein neuer Kurs kann bereits ab ca. 6 Anmeldungen bei der jeweiligen Landesmusikschule starten. Um den Eintritt in die Ausbildung jedem zu ermöglichen, gibt es für das erste Semester keine Aufnahmeprüfung. Außerdem liegt dem Ausbildungssystem die (subventionierte) Gebührenordnung des Landesmusikschulwerkes zu Grunde.

Thomas Doss
Thomas Doss

Die Gesamtkoordination, die inhaltliche und konzeptionelle Entwicklung liegt seit nunmehr 16 Jahren in den Händen des Pädagogen, Dirigenten und Komponisten Thomas Doss. Er ist Ansprechpartner für insgesamt 12 Kollegen im Team und das Bindeglied zwischen Ausbildung und der Landesmusikdirektion bzw. dem Landesmusikschulwerk, also dem Arbeitgeber der insgesamt 13 Lehrkräfte. Seit 2016 gibt es auch eine enge Kooperation mit der Militärmusik Oberösterreich, wo die Rekruten direkt in der Kaserne das Angebot nutzen können und den 1. Jahrgang der EBO mit Thomas Doss (Dirigieren) und Thomas Asanger (Theorie und Chor) wöchentlich unterrichtet bekommen.

Der Aufwand für die Schüler:innen ist nicht unerheblich. Obligatorisch sind wöchentlich drei Stunden Unterricht in Theorie und Praxis, plus regelmäßige Lehrproben und zusätzliche Workshops mit Spitzenreferenten. Hinzu kommt noch der wöchentliche Unterricht am Hauptinstrument und an einem Tasteninstrument.

Wie schon beschrieben gibt es für den Einstieg in das erste Semester keine Aufnahmeprüfung. Er ist für alle zugänglich. Alle werden genau da abgeholt, wo sie stehen. Dafür gibt es aber jedes Jahr eine Zwischenprüfung in Theorie und Praxis für den Aufstieg in den nächsten Jahrgang. Nach dem ersten, spätestens nach dem zweiten Jahr, haben die Kurse in der Musiktheorie den Level zur Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule erreicht. Auch gerade durch die Prüfungen, wo gewisse Kriterien erfüllt sein müssen, und dem anstrengenden, wöchentlichen Unterricht braucht man schon eine sehr große Liebe zur Materie. Neben Beruf und Alltagsleben kann das natürlich nicht jeder absolvieren. Das bedeutet, dass es gewissermaßen eine „natürliche“ Auslese gibt. Thomas Doss schätzt die Abbrecher-Quote auf etwa 30 % vom Einstieg bis hin zum Abschluss. „Die Personen, welche diesen Kurs aber erfolgreich zu Ende gebracht haben, haben neben den Fachkenntnissen aber auch sicherlich menschliche Qualitäten, wie Ausdauer und Konsequenz bewiesen, welche zur Leitung eines Musikvereins sehr nützlich sein können. Die gesamte Ausbildung ist nicht nur musikalisch wertvoll, sondern vor allem auch ‚charakterbildend’.“ Laut Thomas Doss gehört dies genau zum Ziel.

Im Ausbildungsflyer werden die Ziele der EBO von Thomas Doss so beschrieben: „Die Ausbildung zum / zur Dirigent:in bedeutet Führungskompetenz, Persönlichkeitsentwicklung, soziale Kompetenz, Übernahme von Verantwortung, aber auch Qualitätssicherung und Fortbestand für jeden Musikverein – Werte, welche in unserer Gesellschaft an Bedeutung gewinnen, da sie angeblich immer mehr verloren gehen. Ohne sie würde es in der Musik und speziell in der Blasmusik kaum so viele Landesmusikschulen, Musikvereine und begeisterte Musiker:innen geben.“

Die EBO ist eine beständige Institution in der Oberösterreichischen Blasmusiklandschaft geworden und ist somit im öffentlichen Bewusstsein fest verankert. Es gehört laut Thomas Doss für jeden ambitionierten Musiker fast schon zum guten Ton, in diese Ausbildung hineingeschnuppert zu haben oder diese zu Durchlaufen. Das gute Renommee dieses Ausbildungssystems spürt man in vielen Musikvereinen und Blasorchestern in Oberösterreich. Deswegen stoßen die Anfragen für Lehrproben in den Vereinen auch vielerorts auf offene Ohren. Gut für die Schüler:innen, da die praktische Arbeit mit dem Orchester und ihren Musiker:innen zu den wichtigsten Elementen der Ausbildung gehört. Aber auch lehrreich für die Musikvereine selbst.

Veronika Mair aus Herzogsdorf hat im Jahr 2018 ihre vierjährige EBO-Ausbildung zur Kapellmeisterin abgeschlossen. Im Jahr 2014/2015 spielte sie in der Militärmusik Oberösterreich. Dort wurde ihr angeboten die EBO-Ausbildung zu beginnen. Das erste Ausbildungsjahr absolvierte sie bei der Militärmusik Oberösterreich, dann wechselte sie zu Thomas Doss nach Linz.

Eigentlich wollte Veronika Mair die Ausbildung nur für sich selbst machen, ohne die Absicht jemals eine Kapelle zu übernehmen. Mittlerweile ist sie jedoch Kapellmeister-Stellvertreterin bei der Musik Feldkirchendonau. Während ihrer Ausbildungszeit waren für Veronika vor allem die Lehrproben bei fremden Kapellen sehr lehrreich: „Man bekommt Einblicke, wie es in anderen Vereinen abläuft und kann sich viele Ideen für Zuhause mitnehmen. Außerdem war es immer wieder ein Nervenkitzel bei den Lehrproben: wie nehmen sie dich an? Wie gut spielen sie vom Blatt? Usw….“. Sehr wichtig waren für sie auch die Treffen mit allen EBO-Schüler:innen in Oberösterreich, die im zwei-Jahres-Rhythmus in Schloss Weinberg stattfinden. Bei diesen Treffen stehen nochmals ergänzende Seminare auf dem Programm: z. B. Rhetorik-, Motivations-, Gesangs- oder Schlagzeug-Workshops. Außerdem wird mit dem Teilnehmerorchester ein bestimmtes Genre erarbeitet.

Zu den größten Herausforderungen während der Ausbildung gehörten für Veronika Mair zunächst einmal die Schlagbilder. Bis man alle Bewegungen koordinieren kann dauert es eben eine Zeit. Und wieder nennt sie die Lehrproben: „Wenn man nie vor einer Gruppe sprechen muss und dann plötzlich den Ton angeben soll, kommt schon mal der Flattermann…“.

Manfred Hirtenlehner
Manfred Hirtenlehner

Auch Manfred Hirtenlehner hat seinen EBO-Abschluss im Jahr 2018 erlangt. Manfred ist seit seinem zehnten Lebensjahr aktiver Musiker in seiner Heimat Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich. Während seiner Zeit bei der Militärmusik Oberösterreich entwickelte sich bei ihm immer mehr der Drang bei einer Blaskapelle selbst in eine aktive Führungsrolle zu schlüpfen. Er wollte aber nicht ins kalte Wasser springen. Daher entschied er sich auf den Rat eines guten Freundes hin die EBO-Ausbildung zu starten. „Und gemäß dem Motto, man geht nicht zum Schmiedl sondern zum Schmied entschloss ich mich, diese bei Thomas Doss zu absolvieren“, so Manfred Hirtenlehner.

Sein vorrangiges Ziel im Gegensatz zu Veronika Mair war es von Anfang an, einmal ein Blasorchester zu leiten und dies nach seinen Wünschen zu gestalten. Aber wie auch bei ihr verband Manfred die Lehrproben mit den intensivsten Erlebnissen während seiner Ausbildung. Durch die Kooperation mit dem Oberösterreichischen Blasmusikverband und seinen Mitgliedskapellen war es möglich, sehr viele Lehrproben bei unterschiedlichen Blasorchestern zu absolvieren. Manfred Hirtenlehner dazu: „Allein was man bei anschließenden Diskussionen von anderen Kapellen lernen kann ist unbezahlbarer Lernstoff für einen selbst. Immer wieder vor ganz neuen, fremden Musikern zu stehen, bringt dich in viele Situationen. Und nicht immer kann man das gleiche Problem auf dieselbe Art lösen.“

Die größte Herausforderung für Manfred Hirtenlehner war es, sich für Neues zu öffnen. Er kommt aus einer sehr traditionell geprägten Gegend, was auch das Spielgut der Kapellen betrifft. Er wurde in der EBO-Ausbildung immer wieder ermutigt, viel Neues anzuhören und sich darauf einzulassen. Dann hat er zum ersten Mal in den Lehrproben mit den Musikern Stücke erarbeitet, die er anfangs gar nicht mochte. Schnell wurde ihm aber klar, dass es gar nicht so übel war, sich an ausgefallene Dinge heranzuwagen. Mittlerweile ist er immer begierig darauf zu erfahren, was es Neues an Literatur gibt und auch in seinem eigenen Orchester, das er mittlerweile leitet, freuen sie sich auf neue, am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig klingende Stücke, die sich aber mit etwas Arbeit in echt aufregende Momente verwandeln lassen. Sein Musikverein ist die Stadtkapelle Waidhofen an der Ybbs, ein Orchester mit etwa 86 Musikerinnen und Musiker, das in ca. Grad 4 spielt. Zusätzlich leitet er noch einige kleine Gruppen, die sich der traditionell österreichischen bzw. auch böhmischen Blasmusik verschrieben haben. Vermehrt wird er auch zu Probentagen anderer Kapellen eingeladen, um mit ihnen aus anderer Sicht am Konzertprogramm zu arbeiten.

Die EBO-Ausbildung kann Manfred Hirtenlehner aus voller Überzeugung jeder Blasmusikerin, jedem Blasmusiker empfehlen: „Unser Blasmusiksystem entwickelt sich nach vorne und nicht zurück und das ist gut. In meinen Augen wurde das Dirigieren im Blasmusiksektor viel zu lange vernachlässigt. Es funktioniert nicht mehr zu sagen: ‚Du spielst sehr schön Klarinette, du bist jetzt unser Kapellmeister!’. Die Musikschulen bei uns sind unglaublich gut aufgestellt. Schüler mit 10 Jahren spielen bereits Wettbewerbe auf Bundesebene und liefern dort schwere Literatur ab. Sie sind es gewohnt, mit dem Lehrer über Klang, Intonation, Luftführung zu sprechen. Das darf dann in der Blaskapelle nicht wegfallen, sondern sollte eigentlich noch mehr gefordert werden. Allein das Wissen, das man sich über die verschiedenen Instrumente aneignet, hilft einem ungemein die Probleme zu verstehen und ihnen sinnvoll entgegenzuwirken. Ich empfehle es jedem, der ernsthaft etwas entwickeln möchte. In den Lehrproben habe ich gelernt, dass es sehr oft nicht die Musiker, egal wie alt oder gut ausgebildet diese sind, die Schuld tragen, dass manche Stellen hapern. Die Ursache liegt beim Dirigenten. Wir müssen die Musiker heran und darüber hinweg führen und sie nicht daran hindern, an schwierigen Dingen zu wachsen. Und so etwas lernt man, wenn man sich ernsthaft mit der Materie auseinandersetzt. Klar, man muss kritikfähig sein und es zulassen lernen. Auch wenn man als Erwachsener vor fremden Leuten an seiner Handhaltung oder Atmung arbeiten soll und man anfangs zögert. Mit der Zeit verliert man die Scheu und freut sich auf Feedback. Und der Zeitaufwand, den man mit der EBO-Ausbildung aufbringt, lohnt sich total. Jedes Dirigieren, das man für sich selbst hinterfragt oder bei dem man beobachtet wird, bringt einen näher zu einem eigenen und auch für andere klaren Stil und einer Sicherheit, die man dann vorm Orchester ausstrahlen kann.“

Rückblickend schreibt Manfred Hirtenlehner über seine EBO-Zeit: „Mittlerweile denke ich sehr gerne an die EBO Zeit zurück. Läuft man doch stets Gefahr betriebsblind zu werden vor einem gewohnten Orchester. Ich habe den Sprung gewagt und studiere derzeit Blasorchesterleitung, sehe aber immer wieder, wie hochqualitativ bereits die 4-jährige EBO-Ausbildung bei Thomas Doss war. Vor allem die unglaublich vielen Lehrproben und die Chance, sich selbst vor so vielen unterschiedlichen Typen von Musikern zu probieren, haben mich in gewisser Weise vor einem Orchester souverän werden lassen. Und auch das Gelernte über die gewissenhafte und richtige Vorbereitung auf ein Stück ist etwas ganz Wertvolles, das ich lernen durfte. Gab es anfangs verwunderte Blicke, wenn ich zu einem Stück erklärte, wann es geschrieben wurde und unter welchen Einflüssen, so fragen die Musiker mittlerweile schon danach und wollen so viel wie möglich darüber wissen. Also stimmt es, das Orchester lernt immer mit.

Meine Stadtmusikkapelle Waidhofen an der Ybbs leite ich nun im sechsten Jahr und bin stolz, dass ich ein 86 Musiker starkes Orchester habe, mit dem ich mittlerweile standardmäßig Stücke in Grad 4 spiele. Immerhin ist es ein Laienorchester und alle Altersklassen und Berufsschichten sind vertreten. Finden sich aber in der gemeinsamen Leidenschaft zusammen und haben mittlerweile schon öfter selbst als Orchester für EBO-Lehrproben fungiert. Für beide Seiten, Dirigent und Orchester, sehr spannend!

Trotz Corona durfte ich einige Kapellen zu Probentagen besuchen und versuche oft, immer wieder Musiker zu animieren, sich selbst einen EBO-Kurs zuzutrauen, bzw. es zu versuchen. Denn ich bin davon überzeugt, dass der Dirigentenstab wie jedes andere Instrument oder Handwerk zu behandeln ist. Und hier liegt meiner Ansicht nach der Schlüssel mit dem die Szene sich weiterentwickeln kann. Wir müssen beide Seiten des Dirigentenpults gleichermaßen gut ausbilden, um aus den ständig besser werdenden Musikern die Klänge rauszuholen, die von so vielen zeitgenössischen Komponisten erdacht werden.“

Der Erfolg und die Qualität der EBO-Ausbildung beruht – neben den hochqualifizierten Lehrern wie zum Beispiel Thomas Doss, Thomas Asanger, Fritz Neuböck und vielen mehr – auf der Tatsache, dass ein kulturpolitischer Auftrag dahintersteht und über eine schulische Institution angeboten wird. Ein Verband kann diese Aufgabe nicht allein stemmen, so ist sich Thomas Doss sicher. Dafür ist der Aufwand zu groß. Die Zusammenarbeit mit dem Oberösterreichischen Blasmusikverband, wie auch der OÖ Bläserakademie und der Militärmusik Oberösterreich ist jedoch auch essenziell und maßgeblich am Erfolg beteiligt. Thomas Doss war auch in anderen Bundesländern in Österreich beratend tätig, um bei der Installierung eines ähnlichen Modells behilflich zu sein. Thomas Doss dazu: „Oft ist es nicht leicht, die finanziellen Mittel bereit zu halten. Es ist ein organisationsstrukturelles Problem oder einfach nicht möglich, die gewünschten Kooperationspartner an einen Tisch zu bekommen. Leider! Deswegen wird es dieses Modell, wie wir es in Oberösterreich haben, 1:1 nicht so schnell in anderen Bundesländern geben. Es gibt allerdings ähnliche und sehr gute Modelle in leicht abgespeckter Form.“

Das Ideal wäre es für Thomas Doss, die vierjährige Ausbildungsform EBO in allen Bundesländern in Österreich zu wissen. Dann wäre an den Musikunis bzw. Musikhochschulen eine entsprechende Berufsausbildung auch ein Selbstverständnis. „Aber davon sind wir weit weg“, sagt Thomas Doss. Nun, für Deutschland gesagt, ist dieser Weg noch sehr viel weiter…

Herzlichen Dank an Veronika Mair, Thomas Doss und Manfred Hirtenlehner, mit deren Hilfe dieser Beitrag zustande gekommen ist.

Für weitere Informationen, beispielsweise den Lehrgangsinhalten, könnt Ihr hier den aktuellen Flyer runterladen:

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Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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