Über die Herausforderungen von Jugendkapellen-Kooperationen

10 Erfahrungsberichte aus Deutschland, Österreich und Belgien

Ein Musikverein alleine ist oftmals nicht in der Lage, seinen Zukunftsmusiker:innen das leistungsgerechte Spielen in einem voll besetzten Jugendorchester zu ermöglichen. Aber mehrere Musikvereine zusammen schaffen das! In insgesamt drei Beiträgen zum Thema Jugendkapellen-Kooperationen schreiben 10 Vereinsverantwortliche über ihre Erfahrungen. Dieser dritte und letzte Beitrag in der Reihe „Jugendkapellen-Kooperationen“ beschäftigt sich mit den Problemen und Herausforderungen, die eine Kooperation im Jugendorchester-Bereich mit sich bringen kann. Im ersten Beitrag haben die 10 Vereinsverantwortlichen ihre Kooperationen vorgestellt (Beispiele gelungener Jugendkapellen-Kooperationen) und im zweiten Beitrag von den Vorteilen einer Kooperation (Vorteile von Jugendkapellen-Kooperationen) berichtet.

Silvia Hackl

„Es gab in der Zeit, in der ich das Jugendorchester geleitet habe, kaum Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit. Die Kernmannschaft des jungen Orchesters war sehr fit und zusammengeschworen, da machten einzelne Wechsel in den Registern nichts aus. Nachdem ich allerdings den Verein gewechselt habe und viele der Musiker:innen, die seit Gründung des Jugendorchesters dabei waren, schon längst selbst in den beiden Hauptorchestern spielten, löste sich die Kernmannschaft des Jugendorchesters nach und nach auf und es konnten mit der Zeit nicht mehr alle Register ideal mit Nachwuchsmusiker:innen besetzt werden. Plötzlich waren einige Register über-, einige völlig unter- oder erst gar nicht mehr besetzt, was die Literaturauswahl natürlich schwierig gestaltet. Gefallen den jungen Musiker:innen die Stücke oder Aktivitäten im Jugendorchester nicht, kommen sie nicht mehr in die Proben oder verlieren ganz die Freude am Musizieren. Probleme macht es auch, wenn das Können der Jungmusiker:innen eine zu große Bandbreite hat, sich manche vielleicht unterfordert, andere überfordert fühlen. Das Auszugleichen ist eine große Kunst in der musikalischen Leitung eines Jugendorchesters und ich hatte damals wirklich Glück, eine ideale Besetzung im Mix der zwei Musikvereine zu haben. Die zwei Hauptorchester haben auch Niveauunterschiede und teils unterschiedlichen Anspruch an die Vereinstätigkeit. Das Jugendorchester hat sich aber schnell als selbständige Gruppe neben den beiden Stammvereinen etabliert und sich als wichtige Stütze in der Jugendarbeit der Vereine etabliert. Das Jugendorchester hat in den Jahren seit der Gründung 2004 viele Wandel durchlebt, wurde auf weitere Vereine ausgeweitet und hat sich immer wieder neu organisiert. Es wird zwar heute nicht mehr so intensiv wie in den Anfangsjahren betrieben, aber es besteht immer noch weiter und wie oben schon erwähnt, haben sich die Gründungsmitglieder zu engagierten und geschätzten Musiker:innen und Funktionär:innen entwickelt. Die vereinsübergreifende Jugendarbeit hat also auf jeden Fall Früchte getragen!“

Michael Geiger

„Die Verantwortlichen der Stadt Wertheim, unsere beiden Musikschulleiter sowie die Vereine wissen die Arbeit zu schätzen und insofern gab es wenige Herausforderungen. Insbesondere die Finanzierung durch die Stadt war von Anfang an kein Thema. Etwaige Probleme beim Transport der Kinder haben die Eltern durch Fahrgemeinschaften auch recht schnell lösen können. Die einzige Schwierigkeit hat Corona verursacht, wir hatten anfangs nämlich keinen Proberaum, der groß genug war. Aber auch hier hat uns die örtliche Realschule schnell und unbürokratisch die Nutzung ihrer Aula erlaubt. Diese „Notlösung“ gefällt uns mittlerweile so gut, weil der Raum hervorragend ist, dass wir nach Möglichkeit auch dort bleiben werden. Teilweise ungeklärt ist bisher die Frage, welche Musiker nach ihrer Zeit im Jugendblasorchester in welchen Verein gehen. Die verantwortlichen sind sich einig, dass es kontraproduktiv wäre, ein gut funktionierendes Orchester aus ca. 25 Jugendlichen am Ende wieder aufzuteilen, sodass wir aktuell auch hierzu neue Überlegungen anstellen und eventuell bisherige Strukturen neu ordnen müssen.“

Städtisches Jugendorchester Wertheim ©Rainer Lange
Städtisches Jugendorchester Wertheim ©Rainer Lange

Ralf Eckert

„Die derzeitigen Schwierigkeiten:

  • Die BJH (Bläserjugend Hotzenwald) entstand aus zwei früheren Ausbildungsgemeinschaften, die nach und nach den „eigenen“ Unterricht in die Musikschule verlagert hat. Jetzt zu 100%. Geleitet wird die BJH von einem gleichberechtigten Orga-Team mit einem Vertreter aus jedem Verein und zusätzlich einer Kassiererin. Dieses Orga-Team hat den Focus auf die organisatorischen Dinge und die Kooperationen. Die Aspekte der gemeinsamen überfachlichen Jugendarbeit finden da im Moment wenig Platz oder ist nicht so im Bewusstsein. Da startet jeder Verein für seine Jungmusiker eigene Aktionen, bzw. ist bei den Mitgliedsvereinen sehr unterschiedlich im Focus der Vereinsarbeit. Wie oben erwähnt wären solche Aktionen aber auch für die Attraktivität Music-Kids wichtig. Daher muss die Dirigentin und Leiterin da selbst aktiv werden und sich die Mithilfe quasi erkämpfen. Die Arbeit der Music-Kids ist einfach nicht so präsent in der Arbeit und im Bewusstsein der einzelnen Vereine. Es fehlt ein Verantwortungsgefühl und es wird eher als „Dienstleitung“ der BJH gesehen.
  • Es gibt kein gleichmässiger Übergang in die nächste Stufe: Beim MV Rickenbach kommen sie in das Jugendorchester, bei den anderen direkt zum Hauptorchester und das teilweise sehr (zu) früh.
  • Es ist eine langwierige Entwicklung, bis solche Konstellationen auch in den Köpfen etabliert sind: Am Anfang war es erst einmal schwierig, dass allen Eltern und Verantwortlichen bewusst war, dass es vor dem eigentlichen „Verein“, also dem Hauptorchester, noch ein Orchester gibt, bei dem eigentlich alle Instrumentalschüler mitspielen sollen und alle davon profitieren. Dafür hat es anfänglich Initiativen von allen Seiten gebraucht und das Zusammenspiel der jeweiligen Orga-Team-Mitglieder und/oder Jugendleiter, der Lehrer der Musikschule und der Leitung der Music-Kids. Eine ganz unterschiedliche Rolle spielen auch die Dirigenten der Hauptorchester. Das ist aber nochmal ein separates Thema. …“

Petra Springer

„Das allerwichtigste in meinen Augen: ES BRAUCHT EINEN GUTEN DIRIGENTEN – einen mit Herzblut! Walt Disney hat für seine Kinderfilme nur die besten Zeichner ausgewählt, und er war mehr als erfolgreich. Ich wünsche mir noch viel, viel mehr Dirigent:innen die Jugendorchester übernehmen und die Kinder begeistern können. Dann ist unsere Zukunft für die Blasmusik gesichert und das wollen wir doch alle!
Es braucht eine gute Organisation und Vereine, die die Arbeit wertschätzen.
Manchmal kommen logistische Probleme hinzu z.B. Proberaum ist doppelt belegt, das Schlagzeug steckt im Anhänger (nach einem Auftritt der Stammkapelle) oder die Vereine proben (aus Versehen) parallel. Das sind die kleinen Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Aber am Ende des Tages lohnt es sich!!!“

Michael Jung

  • Höherer Kommunikationsaufwand mit den anderen Vereinen und Kooperationspartnern
  • Spagat zwischen vereinsinterner Jugendarbeit und gemeinsamer Tätigkeit ist groß und Bedarf auf einen höheren Aufwand.
  • Sichtbarkeit des einzelnen Vereins muss trotzdem gewährleistet werden.
  • Klare Verantwortlichkeiten, Aufgaben und Kompetenzen müssen benannt werden.

Andreas Ziegelbäck

„Die schwierigsten Phasen sind eigentlich in der Organisation immer dann, wenn es wieder einen größeren Umbruch gibt, sprich, wenn wieder viele JungmusikerInnen zum selben Zeitpunkt zu den „Großen“ kommen und bei der Jugendkapelle aufhören. Dann ist nämlich wieder die Kooperation aller Jugendreferenten gefragt, da sie dann für die nächste Probenphase die Aufgabe haben, in ihren Gemeinden junge spielfähige MusikerInnen zu finden und diese dann auch für die Teilnahme zu begeistern. Dies nimmt viel Zeit für alle Einzelnen in Anspruch (zur Info: wir haben die interne Regel, dass wir nur in Rücksprache mit den Instrumentallehrer:innen Musiker:innen aufnehmen, da wir nicht die Landesmusikschule torpedieren wollen, sondern das Gegenteil ist der Fall – wir wollen einen guten Draht zu dieser haben, was bisher super funktioniert. Viele Lehrpersonen gehen die Stücke auch im Unterricht mit den Schüler:innen durch).

Problematisch ist auch immer wieder die Kommunikation mit den Eltern, da durch die Organisation mit vielen Beteiligten oft nicht ganz klar ist, wer denn nun die Ansprechperson ist.

Ein Aspekt, welcher den Eltern wichtig ist, aber auch nicht schwer umzusetzen ist, betrifft die Auswahl der Probenlokale. Hier wechseln wir jede dritte Probe die Lokalität, damit es keine Elternteile gibt, die ständig weitere Wege fahren müssen als andere, wobei die drei Gemeinden wirklich nahe beisammen liegen, also sehe ich dieses Problem eher als marginal an.

Ein Problem, welches uns sehr lange beschäftigt hat, war das Präsentieren des Erlernten. Anfangs haben wir immer bei den Konzerten der Musikvereine zwei Stücke am Beginn gespielt, wobei uns nach einigen Jahren klar wurde, dass wir damit nicht vollends zufrieden sind, da die JungmusikerInnen im Trubel des Konzerts etwas untergehen und quasi nur ein Beiwerk zum Musikverein sind und somit auch nicht von allen ernst genommen werden. Daher haben wir uns dazu entschlossen künftig nur mehr eigene Jugendkapellenkonzerte zu spielen, um einfach auch die Wertigkeit dieses Ensembles hervorzuheben. Damit wollten wir 2020 beginnen, was aber durch die Pandemie immer wieder verhindert wurde (das nächste Konzert wäre am Sonntag gewesen, was aber natürlich bereits abgesagt werden musste). Wir warten also noch auf die Premiere eines eigenen Konzertnachmittags, wobei wir überzeugt sind, dass dies die bessere Variante ist, als bei den Hauptkonzerten der Musikvereine vorzuspielen.

Die genannten Schwierigkeiten sind jetzt spezifisch aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Vereinskooperation handelt. Die probenspezifischen Problematiken mit Jugendorchestern bleiben natürlich auch in diesem Setting bestehen (zu wenig leichte Literatur beispielsweise). Alles in allem ist dieses Projekt meines Erachtens aber erfolgreich und auch wichtig für den Fortbestand der Musikvereine.“

Steven Gass

„Schwierigkeiten gab es ganz zu Beginn. Es entstand die Angst, dass die Kinder dort Freunde finden, mit denen sie gerne musizieren und dann vielleicht nicht in den Heimatverein zurückkehren, sondern in einen benachbarten Verein eintreten. Diese Angst war aber schnell wieder weg. Weitere Schwierigkeiten gab es eigentlich keine. Da den Vereinen Arbeit abgenommen wird, diese besser angeboten wird, das Resultat am Ende besser ist und die Vereine auch noch weniger kostet.“

Andrea Heinrichsmeyer

„Ganz eindeutig kann man hier sagen, dass es kaum Schwierigkeiten gibt. Die vielen Vorteile überwiegen ganz klar!

Manchmal haben Eltern zunächst etwas Zweifel, weil sie zu viel zusätzliche Fahrerei erwarten, wenn das Orchester nicht nur im eigenen Dorf probt. Hier bilden sich aber immer sehr schnell Fahrgemeinschaften, so dass die zusätzliche Belastung für die einzelne Familie sehr gering ist.

Schon oft von außen angesprochen wurde die Angst, dass Jugendliche sich dann gegen den eigenen Heimatverein und für den anderen Verein entscheiden könnten, man sich also gegenseitig die Musiker:innen „abwerben“ könnte. Dies hat sich in vielen Jahren, die wir jetzt schon so arbeiten allerdings noch nie bestätigt. Im Gegenteil profitieren beide Vereine eher durch eine große Auswahl an „Aushilfsspieler:innen“ und Musiker:innen, die in beiden Vereinen parallel mitspielen.”

Katrin Fraiß

“Die größte Herausforderung aktuell ist die Pandemie, denn nicht alle Vereine halten sich an die gleichen Empfehlungen, was das Proben und Zusammenkommen betrifft.

Ebenfalls lässt im Gasteinertal die Infrastruktur ein Anreisen mit Öffis zu den Proben nicht immer zu. (Hier aber gleichzeitig auch wieder der Vorteil, dass übergreifende Fahrgemeinschaften gebildet werden.)

Es gab einmal den Fall, dass sich zwei Klarinettistinnen aus zwei unterschiedlichen Vereinen so gut angefreundet haben, dass eine dann zum anderen Verein gewechselt ist – kurzfristig sind dann die alten Muster wieder hochgekocht, aber eine Aussprache konnte die Kluft wieder kitten.”

Pascal Severin

“Jedes Jahr kommen neue Kinder in das Orchester. Die größte Schwierigkeit besteht darin, auch die Kinder in die wachsende Gemeinschaft mit einzubringen, welche gerne als „Außenseiter“ dastehen. Die Durchführung von Probenwochenenden oder kleineren Aktivitäten wie z.B. ein Public Viewing mit Pizza Abend, wirken diesem Problem entgegen.

Ein anderes Problem sind die Kinder mit den vielen Hobbys. Es ist bei uns nicht unüblich, dass ein Kind neben der Musik auch beispielsweise noch zum Fußball oder zum Tischtennis geht.

Leider kommt es auch vor, dass sich die Kinder/ Eltern gegen die Musik entscheiden, da Musik im jungen Alter viel Durchhaltevermögen und Übung benötigt, bis die ersten zufriedenstellenden Ergebnisse erzielt werden können.

Hierbei wird von den Musikvereinen versucht die Musik für Kinder so attraktiv wie möglich zu gestalten damit, sollte sich das Kind/ die Eltern für ein Hobby entscheiden wollen, diese sich auch für die Musik entscheiden.”

Ein herzliches Dankeschön an Silvia Hackl (AT), Michael Geiger (DE), Ralf Eckert (DE), Petra Springer (DE), Michael Jung (DE), Andreas Ziegelbäck (AT), Steven Gass (BE), Andrea Heinrichsmeyer (DE), Katrin Fraiß (AT) und Pascal Severin (DE) für ihre Beiträge!

Die Serie Jugendkapellen-Kooperationen im Überblick:

Beispiele gelungener Jugendkapellen-Kooperationen
Vorteile von Jugendkapellen-Kooperationen
Über die Herausforderungen von Jugendkapellen-Kooperationen

Das Beitragsbild zeigt die “Sounders”, die gemeinsame Jugendkapelle der Musikvereine Butzweiler und Welschbillig.

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

2 thoughts on “Über die Herausforderungen von Jugendkapellen-Kooperationen

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