9 Fragen an Thomas Doss zu den Europäischen Brass Band Championships in Freiburg

Freiburg wird am kommenden Wochenende zum Nabel der Brass-Band-Welt. Die besten Bands aus Europa messen sich untereinander. Thomas Doss, weltweit gefragter Komponist und Dirigent, ist Mitglied der Jury bei den „European Brass Band Championships“.

  1. Was unterscheidet die Brass-Band-Szene von der Blasorchester-Szene aus der Sicht eines Komponisten?

Eindeutig die Professionalität und Fokussierung auf Leistung. Darin steckt auch der Fanatismus des Blechbläsers im Allgemeinen.

Meine Auftraggeber erwarten immer etwas Verrücktes von mir. Das gibt mir als Komponist natürlich eine immense Freiheit im Schreiben.

Gleichzeitig ist man sehr gefordert noch kreativer zu sein. Dadurch kann ich mich selbst sehr gut weiter entwickeln.

 

  1. Welche Werke hast Du bisher für Brass Band komponiert und wie kam es zu diesen Aufträgen?

Es waren eigentlich alles Wettbewerbsaufträge:

Toccata e Fantasie, Sketches from Nowhere, Spiriti, Remscapes, Trance,  Time machine. Einzig Sir Eu (für Steven Mead in Auftrag gegeben) und Blackout (Karl Geroldinger/OÖ Jugendbrassband ) waren herkömmliche Aufträge.

Es gibt noch einige Bearbeitungen meiner Blasorchesterkompositionen für Brass Band welche von Kollegen gemacht wurden. Darunter: St. Florian Choral, Fanfare in iubilo, Sunset Serenade.

 

  1. Dein Werk „Trance“ wird bei den EBBC in Freiburg in der Championship Section zwei mal aufgeführt. Was kannst Du uns über das Werk sagen? Kannst Du uns, die wir der Brass-Band-Szene nicht so nahe stehen, das Werk bitte etwas näher bringen?

Es ist wiederum ein etwas verrücktes Werk. Diesmal wollte ich allerdings ein etwas tieferes Thema zu Grunde legen, da mir persönlich in der Brassband-Literatur meiner Meinung zu wenig musikalische Tiefe vorherrscht.

Dieses  Stück ist eine Auftragskomposition der beiden weltbekannten Spitzenensembles Brass Band Bürgermusik Luzern und der Eijkanger Brass Band Norwegen.

Es geht im Prinzip um ein ungeborenes Baby und seine ersten Schreie nach seiner Mutter, welches das Kind anfangs nicht behalten will. Das Kind spürt diese Zweifel.

Dem zugrunde liegt der Bach-Choral: “Wie schön leuchtet der Abendstern”. Er beginnt das Stück zögerlich und klingt wie eine Spieluhr welche immer wieder unterbrochen wird von Zweifeln und Angst der Mutter. Allmählich, mit jedem stillen und unhörbaren Schrei des Kindes beginnt eine immer mehr wachsende Beziehung der Mutter zum Kind die instinktiv diese Schreie und seinen wachsenden Herzschlag vernimmt. Während sie sich schneller und schneller  in eine Trancewelt tanzt, stellt sie sich in ihren Gedanken vor wie das Kind heranwächst und zu einem erwachsenen Menschen reift…..

Die Tonsprache ist sehr expressiv. Es beginnt sehr entrückt und endet mit einem pulsierendem, aufwühlenden Finale ohne “Dur-Happy end”.

 

  1. Wie bereitest Du Dich auf Deine Juriertätigkeit bei diesem wichtigen Wettbewerb vor?

 Fast wie zu einer Orchesterprobe – Partituren einzeichnen, studieren.

 

  1. Wie erhältst Du Dir beim Jurieren über den Tag hinweg Deine Konzentration und Dein Urteilsvermögen?

Der Hype um diese Veranstaltung puscht das Adrenalin auch bei uns Juroren. Aber es ist eine große Verantwortung die wir da tragen dürfen/sollen. Wenn man bedenkt wie viel (teils unbezahlte) Arbeit da bei den Bands drinnen steckt und sich das ins Bewusstsein ruft, geht das mit der Konzentration auch. Man muss natürlich halbwegs fit an die Arbeit gehen. Und sich detaillierte Aufzeichnungen machen um persönlich die Übersicht zu behalten.

Bis jetzt hat’s immer ganz gut funktioniert…

 

  1. Kannst Du uns zum Kompositionswettbewerb schon Informationen geben? Wie viele Werke wurden eingereicht?

Wir haben 3 Partituren bekommen welche wir zum Vorbereiten haben und dann am Donnerstag hören werden. Mehr kann/darf ich nicht sagen.

 

  1. Freiburg: Stadt der Bächle, des Weins, des guten Essens, Hauptstadt des Schwarzwalds und nächste Woche auch noch der Nabel der Brass-Band-Welt: Auf was freust Du Dich am meisten?

Auf viele Freunde/Kollegen. Gute Musik und gute Zeit an einem schönen Ort. Was für ein Privileg dabei sein zu dürfen!

 

  1. Welche musikalischen Projekte stehen für Dich nach den Brass Band Meisterschaften an?

Einige Auftragswerke warten auf die Fertigstellung. Meine Dirigier-Klassen in Bozen und Oberösterreich gehen in die Prüfungsphasen.

Im Juni dirigiere ich noch in Frankreich unter anderem die Premiere meines neuen Werkes La Voivre.

Partituren lernen für 2015/16 sowie Vorbereitungen auf Nachwuchs Nr. 6 im September. Davor gibt’s noch etwas Urlaub im Juni, u.a. in Irland.

 

  1. Dirigieren – Komponieren: In welchem Zusammenhang steht beides für Dich?

Dirigieren = Arbeit mit Menschen/sozial

Komponieren = Arbeit mit dem Geist/unsozial

Aber beides braucht einander.

 

Herzlichen Dank, Thomas, für die Beantwortung der Fragen! Für das Wochenende wünsche ich Dir Kraft, Ausdauer, einen allzeit offenen Geist, viel Spaß, tolle Begegnungen und viele eindrückliche musikalische Momente!

Informationen zu den Europäischen Brass Band Meisterschaften in Freiburg gibt es hier:

http://www.ebbc2015.de/

Es gibt leider nur noch Tickets für den Jugendwettbewerb, die Vorstellung der Werke aus dem Komponsitionswettbewerb und für die Brass Night (über www.Reservix.de). Der Wettbewerb in der Challange- and Championship-Section, sowie das Galakonzert mit der Brass Band Bürgermusik Luzern und German Brass sind schon seit Monaten restlos ausverkauft.

Dennoch ist es möglich, dem Wettbewerb zu folgen! Auf dieser Seite kann man sich für den Livestream anmelden:

http://hafabralivestream.nl/en/

Informationen gibt es in niederländisch und englisch. Der Zugang kostet 12,50 Euro.

Ich habe das Glück, Tickets zu haben und freue mich – wie Thomas Doss – riesig auf das Event und viele Freunde und Musikkollegen die ich treffen werde. Natürlich auch auf die Musik! Ich war schon bei vielen Brass Band Wettbewerben und weiß, dass es immer eine ganz besondere Atmosphäre ist. Am Montag gibt es hier in meinem Blasmusikblog.com eine kleine Zusammenfassung von meinen musikalischen Erlebnissen in Freiburg. Bis dahin!

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