Über die Harmonie in der Vorstandschaft

In meinen Workshops „Zukunft der Musikvereine“ kommt immer einmal wieder das Thema auf: Was tun, wenn ein Vorstandsmitglied oder sogar der erste Vorstand seinen ihm zugedachten Aufgaben nicht nachkommt? Also genau das Gegenteil vom „Depp für alles“ ist? (Ihr erinnert Euch? Hier ist der dazu passende Beitrag.) Selbst die von mir so oft propagandierte „teamorientierte Vorstandschaft“ stößt dann sehr schnell an ihre Grenzen. Teamstruktur gut und recht. Solange jeder seinen Job macht.

Was tun wir also im ehrenamtlichen Umfeld wenn ein Teammitglied/Vorstandsmitglied nicht funktioniert, wie es “soll”?

Florian Forker
Florian Forker, TPK Hamburg

Im Zusammenhang mit dieser Problematik des „nicht-Funktionierens“ eines Vorstandmitglieds stand ich unlängst mit Florian Forker, Referent für Öffentlichkeitsarbeit der TPK Hamburg ( https://www.tpk-hamburg.de/ ), im schriftlichen Austausch. Auch er beschäftigt sich schon seit längerem unter anderem mit dieser Thematik, in der er sich auch Gedanken zur Konkurrenz und Vereinbarkeit von Individual- und Gemeinschaftsinteressen in der Vereinsarbeit macht und dazu einen eigenen Lösungsansatz entwickelt hat:

„Ich denke, um zu einer für alle Seiten befriedigenden Lösung – wenn es überhaupt DIE Lösung gibt – zu kommen, muss man auf der Suche nach dem für alle Beteiligten akzeptierbaren Konsens im Grunde bereits schon auf der Problem-Seite differenzieren. Denn genauso wenig, wie es DIE Lösung gibt, gibt es auch DAS Problem.
Probleme können äußerst subjektiver Natur sein (wir nehmen etwas als Problem wahr, was vielleicht objektiv gar keins ist), sie äußern sich sehr vielfältig und vielschichtig und wirken sich demnach auch ganz unterschiedlich auf das gemeinschaftliche Zusammensein aus. Oder wie oft stellt man sogar fest, dass bei näherer Betrachtung des vermeintlichen „Problems“ das wahre Problem vielleicht sogar ganz woanders liegt und nur durch verschiedene Umstände lediglich verzerrt und verschleiert wurde? Auch hier die Frage nach der Wahrnehmung. Und was wir auch oft vergessen: Wenn wir der Meinung sind, dass jemand ein Problem hat oder Verursacher dessen ist, sollten wir uns nicht davor sperren, auch uns selbst in die Analyse mit einzubeziehen und unseren eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren. Vielleicht ist der Verursacher des Problems ja gar nicht ausschließlich er, sondern wir alle selbst mit?

Wir sind also gut beraten, wenn es uns zuerst gelingt, das wirkliche Problem heraus zu isolieren, bevor wir uns an die Entwicklung von Lösungsstrategien wagen.

Wenn also jemand aus dem Vorstand nicht so funktioniert, wie er soll, sollten wir uns von vorne herein mit größtmöglicher Objektivität und unter Einbeziehung aller Faktoren der Untersuchung nähern. Vielleicht könnte uns dazu für die spätere „Friedensverhandlung“ folgender Ansatz nützlich sein:

Die drei Ebenen des Vereins-Engagements

Allen übernommenen Aufgaben in einer Gemeinschaft – sei es als Funktionär, als Musiker oder sonst in der Gruppe integriertes Mitglied – ist sicherlich gemein, dass diese Aufgaben gerade im Fall des freizeitlichen Engagements unabhängig der Hierarchiestellung eigentlich immer auf den gleichen drei Grundebenen basieren:

1. Hobbyebene

Zum einen haben alle Engagements in diesem Bereich gemein, dass sie regelmäßig auf der Hobbyebene stattfinden.
Selbstredend und unbestritten ist sicherlich, dass jeder sein Hobby zur geistigen und körperlichen Erholung ausübt und als/im Hobby demzufolge auch nur dem nachgeht, was einem Freude bereitet, persönlich interessiert und einen als Gegenpol zum Alltag erfüllt. Im Hobby dürfen wir uns also erlauben davon auszugehen, dass subjektiv erst einmal keine Nachteile an sich im Ausüben der Hobbytätigkeit überwiegen oder überhaupt zu finden sein werden bzw. die Schwelle, im Hobby irgendwelche persönlichen Nachteile zu Lasten der eigenen Interessen in Kauf zu nehmen, sehr tief liegen wird. Anderenfalls würden wir ja dann recht bald zur Erkenntnis gelangen, dass es für uns schlichtweg das falsche Hobby ist.
Wenn man sich – natürlich die immanente Gefahr des Unterliegens in Kauf nehmend – im Hobby messen möchte, macht man dies – durchaus zuweilen sehr motiviert und leidenschaftlich – dennoch im lockeren und freiwilligen Wettstreit. Existenziell geht es hier um nichts. Das Sich-Messen muss also nicht der ausgetragene Wettkampf per se sein, das kann auch nur der persönliche Ansporn sein, einen gewissen Bereich des Vereins nach vorne zu bringen. Aber eben durch freiwillig erbrachte Leistung, Fleiß und Disziplin.
Dabei legt jeder für sich unterschiedliche Anforderungen an seine Hobbytätigkeit fest, wie oft, wie intensiv oder wie leidenschaftlich er seinem Hobby nachgeht.
Im Kern also: Leistungstempo und -level sind eine sehr subjektive Kenngröße, die jeder für sich selbst bemisst und beeinflusst.
Bevor es missverstanden wird: Das an sich hat auch erst einmal nichts mit der Unterscheidung Einzelkämpfer vs. Teamplaying, etc zu tun. Es geht hier generell um die selbstgesteuerte Investition / den Aufwand – qualitativ und quantitativ – in sein Hobby.

2. Ehrenamtsebene

Das freizeitliche Engagement findet zudem auf der Ehrenamtsebene statt. Ökonomisch gesehen werden hier also persönliche Leistungen freiwillig und „unentgeltlich“ an die Gemeinschaft erbracht, sprich ohne den direkten Anspruch auf eine Gegenleistung zu erheben, wie es z.B. in der Arbeitswelt geschieht (Arbeit gegen Lohn). Man bringt sich freiwillig ein und nicht weil es ein Vertrag mit Leistung und Gegenleistung so vorsieht. Der eigenen Leistung wohnt hier also primär mehr ein altruistischer Grundgedanke inne.

Aber auch wenn hier im Grunde allgemein akzeptiert wird, dass bei – gerade zusätzlicher – ehrenamtlicher Arbeit (die Funktionärsposten werden ja zumeist zusätzlich zur eigentlichen Hobbytätigkeit ausgeübt) auf der „Einnahmenseite“ für sich persönlich immer noch nichts erwartbar ist und auch hier nichts verlangt werden kann (steuerliche und ähnliche Vorteile lasse ich hier mal außer Acht, da es hier rein um die Handlungsmotivation gehen soll), so wird niemand bestreiten können, nicht doch für sich als eine Art Tätigkeitskompensation für sein – zusätzliches – Engagement zumindest für sich selbst die eine oder andere persönliche Voraussetzung an die Ausübung des Amtes zu knüpfen – sei es rational oder emotional.
Das beginnt sicherlich bereits bei der Vorstellung, das Amt nach seinen eigenen Wert- und Zielvorstellungen und Überzeugungen kompromiss- und konfliktfrei ausüben zu können (es ist schließlich zeitlicher Mehraufwand zum Hobby gegenüber den anderen, die Verantwortung ist höher, u.v.m.), bei der Ausübung des Amtes auch durch die Gemeinschaft wahr- und ernstgenommen und respektiert zu werden und auch durch das Zusatzamt ein Gefühl der persönlichen Zufriedenheit zu erfahren. Es kann auch der Fall sein, dass das Zusatzamt mehr oder weniger notwendigerweise ausgeübt wird und eher als Belastung denn als Bereicherung angesehen wird. Der Antrieb, auch das Zusatzamt befriedigend zu besetzen, dürfte hier also dann entsprechend auch nicht so hoch sein. Jeder knüpft an das (Zusatz-)Amt also höchst subjektive Bedingungen, wie klein oder groß sie auch sein mögen.

Sicherlich wird der eine oder andere gerade die Nase rümpfen, da Altruismus und Kompensation sich scheinbar gegenseitig ausschließen. Aber nur weil bei altruistisch veranlagten Handlungen – also dem „uneigennützigen“ Dienst für die Gemeinschaft – der eigene (Zusatz-)Aufwand hier noch weiter über dem Nutzen für einen steht, so wird die Handlung auch gerade hier nicht „nutzlos“ erfolgen (und sei es einfach nur in Form des guten Gefühls, etwas Zusätzliches für die Gemeinschaft getan zu haben). Der „Nutzen“ liegt beim Ehrenamt ganz einfach nicht zuletzt in der emotionalen Bereicherung auch für einen selbst.

Natürlich sind die menschlichen Charaktere sehr unterschiedlich ausgeprägt, sodass die Erwartungshaltung je nach Individuum höher oder niedriger ausfallen kann. Wer freut sich trotz Ehrenamt denn nicht z.B. über spontanes Lob und Anerkennung aus der Gemeinschaft oder darüber, wenn das persönliche – zusätzliche – Engagement anderweitig öffentliche Würdigung erfährt? Wohl jeder. Aber wer z.B. erwartet das andererseits nicht vielleicht von der Gemeinschaft? Es gibt durchaus Individuen, die ihre Zusatzaufgabe auch oder gerade deswegen übernommen haben, um die Wertschätzung von der Gemeinschaft danach abfordern zu können. Das kann sogar bis zu dem Punkt führen, an dem der Funktionär sein Amt, den Verein und die Gemeinschaft für höchst eigene Zwecke bewusst missbraucht. Und da fängt dann der altruistische Gedanke gefährlich an zu wackeln.

3. Gruppenebene

In unserem Fall kommt jetzt die Frage ins Spiel, wie bewerte ich das zu 1. und 2. Geschriebene, wenn es sich bei dem Hobby also um das Engagement in einem Team oder einer Gruppe (Gruppenebene) handelt? Sprich, wir reden von Mannschaftssportarten, natürlich Orchestern, Musikgruppen und dementsprechend auch Vorstandschaften allgemein; also vom Engagement, bei dem stets mindestens ein zweites Individuum beteiligt ist.

Hier besteht grundlegend immer die Gefahr, dass die Vorstellungen des Einzelnen mit den Vorstellungen der Gruppe kollidieren, sei es qualitativ oder quantitativ. Allen gemeinsam ist ja: Jede Gruppe verfolgt einen gemeinschaftlichen Zweck. Sei es der koordinierte Ablauf eines Fußballspiels, sei es das musikalisch harmonische Gesamtergebnis eines Musikstücks im Orchester, sei es der effizient arbeitende Vorstand oder einfach „nur“ die Organisation eines Festes. Jedes Mitglied dieser Gruppe, dieses Arbeitskreises trägt durch sein Tun einen Teil dazu bei, dass das gemeinschaftliche Ziel erreicht werden kann.

Doch sind hier diesem Tun gerade gewisse Bedingungen und Grenzen gesetzt: Wenn ich ein Teamhobby ausübe, muss ich mich dem gemeinschaftlichen Zweck fügen/unterwerfen/unterordnen. Anderenfalls wird das gemeinschaftliche Ziel nicht erreicht werden können.

Und hier liegt meiner Meinung nach der eigentliche Hund begraben. Denn Unterwerfung/Einordnung, vielleicht unter teilweiser Abkehr von den eigenen Idealen und Vorstellungen zugunsten der Gruppe, wollen nicht so recht zur Hobbyebene und ehrenamtlichen Ebene passen. Die persönliche freizeitliche Investition unterliegt hier auf einmal gesellschaftlichen Regeln. Ich muss mich anpassen an die Ausrichtung des Vereins, das Leistungstempo, an den Leistungslevel, an die terminlichen gesellschaftlichen Verpflichtungen, etc. der Gruppe. Stelle ich meine eigenen Bedürfnisse also auch hier ungezügelt über die der Gruppe, kann das auf lange Sicht zu enormen Spannungen führen, weil sich das Individualverhalten negativ auf die Gruppendynamik auswirkt, wie wir alle sicherlich auch selbst schon im eigenen Verein erfahren haben.

Entwicklung von Lösungsstrategien

„Tanzt also jemand aus der Reihe“ oder – etwas verträglicher formuliert – agiert er gegen die Interessen der Gruppe oder des Teams, so muss ich im konkreten Fall jeweils die Ausgangslage analysieren, warum und aufgrund welches Motivs das Individuum gegen die Interessen der Gruppe bzw. des Vereins handelt.

Ich denke, wir sind uns einig, dass vor allen anderen Maßnahmen stets das persönliche Gespräch mit der Person zu suchen ist und auch geführt werden muss. Denn erst im persönlichen Gespräch können die wahren Gründe für den Dissens aufgedeckt und entsprechend behandelt werden. Nicht immer ist es wirklich so, wie es nach außen scheint. Nicht immer ist die Situation wirklich so verfahren, wie sie zuerst scheint. Das setzt natürlich die Gesprächsbereitschaft beider betroffenen Parteien voraus und die Bereitschaft, sich auf der Sachebene zu unterhalten. Sollte sich der Dissens schon so weit manifestiert haben, dass ein persönliches Gespräch keine Aussicht mehr auf Erfolg hat, so kann immer noch überlegt werden, hier einen externen professionellen Mediator mit der Gesprächsführung zu beauftragen.

Zu 99% wird es erfahrungsgemäß jedenfalls darum gehen, dass in direkter oder indirekter Weise individuelle Bedürfnisse oder Bedingungen vor die der Gemeinschaft gestellt wurden oder werden mussten. Sei es beispielsweise die fehlende Zeit für das Hobby und die Zusatzaufgabe (Punkt 1) an sich, sei es eine persönliche andere Sicht und das Beharren auf seine eigene Meinung zu einem bestimmten Vereinsthema (Punkt 2), sei es die von der Gruppe gewollte Änderung der grundsätzlichen Zielrichtung, die der Funktionär nicht mitzutragen gewillt ist (Punkt 3). Die Gründe und Motive können so unterschiedlich sein, wie die Menschen selbst. Was für den einen kein Problem darstellt, kann für den anderen dem Rütteln an Grundprinzipien gleichkommen.

Auf dem Weg zur Lösung werden wir sicherlich an den Punkt kommen, dass die unterschiedlich gelagerten Motive der Person in der Folge auch unterschiedliche Herangehensweisen an die Argumentation notwendig machen. Diese können reichen von der Überzeugungsarbeit bis hin zur Ankündigung von Sanktionen gegen die Person. Ja, richtig gelesen. Auch wenn wir uns auf dem Gebiet der Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit bewegen, muss es auch für Vereine die Möglichkeit geben, im äußersten Fall auch Sanktionen gegen die Person aussprechen zu können. Wer das jetzt als sehr abwegig empfindet, dem seien als Beispiel die Sportgerichte genannt, die auch im Amateursport Regelverstöße verfolgen und ahnden können. Gut, wir Musiker haben keine „Musikgerichte“, aber dennoch sollen Regelverstöße auch hier kein Freibrief sein, nur weil die Möglichkeit der Verfolgung weniger gegeben ist.

Wie können also die einzelnen Ebenen als Sprungbrett zur Lösung nützlich sein?

Das Hobby-an-sich-Problem

Besteht der Dissens in unterschiedlichen Auffassungen über das Hobby und die Investition an sich (Punkt 1), so kann hier als erstes herausgearbeitet werden, ob es sich um ein objektives oder subjektives Hindernis handelt.
Objektive Hindernisse können z.B. sein, dass durch Änderung der existenziellen Lebenssituation (beruflich oder privat) auf einmal weniger Kapazität für das ausgeübte Amt zur Verfügung steht, und dadurch die Arbeitsergebnisse zum Nachteil der Gemeinschaft verzögert werden oder ganz ausbleiben. Hier kann im Gespräch z.B. nach einer Möglichkeit gesucht werden, die Person in ihrem Amt zeitlich und inhaltlich zu entlasten, in dem die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt und delegiert wird (Teamorientierte Vorstandschaft). Auch kann überlegt werden, der Person ein anderes, weniger intensives Amt zu übertragen oder Aufgabengebiete zu delegieren, wenn es die Satzung ermöglicht.
Wichtig: Die Person hat im Grunde also noch ein Interesse daran, das Amt im Sinne des Vereins auszuüben, sie wird jedoch durch nicht änderbare Einflüsse von außen temporär oder auf Dauer daran gehindert.

Subjektive Hindernisse können z.B. die unterschiedlichen Meinungen darüber sein, welche Ergebnisse von der Person erwartet werden und welche sie erbringt. Hier können die Maßstäbe und Ansichten ganz unterschiedlich liegen. Auch fällt hierunter, wie verantwortungsbewusst die Person mit ihrer Funktion umgeht. Nimmt sie an allen Proben teil oder bleibt ihr Platz ständig leer? Meldet sie sich ab oder weiß man nie, ob sie kommt oder nicht? Wie zuverlässig ist diese Person? Auf ihrer Funktion? Generell?

Die Hobbyebene beschreibt die Basis und Motivationsgrundlage des einzelnen, sich überhaupt neben seinem Alltag zusätzlich zu engagieren. Hier spielen immens die Persönlichkeit und Charaktereigenschaften des Individuums eine Rolle (Bereitschaft für und Intensität des Engagements generell, Verantwortungsbewusstsein für ein Amt, überhaupt: Art und Richtung des Hobbies,…), die jedoch – wenn überhaupt – nur sehr schwer und unter aktiver Mithilfe des Individuums selbst änderbar sind. Das würde im Ergebnis aber bei freizeitlicher Aktivität zu weit gehen, das Individuum sich passend zu biegen, um es wieder „auf Kurs“ zu bringen. Das scheidet also aus. Es reicht aber vollkommen, wenn das Individuum selbst erkennt, dass sein Handeln für den gemeinschaftlichen Zweck weder förderlich noch zielführend ist und es dementsprechend gewillt ist, sich an der Änderung der Situation aktiv zu beteiligen.

Der Charakter der Freiwilligkeit stellt objektiv gesehen in unserer Gesellschaft mittlerweile leider auch oft das Verantwortungsbewusstsein (für das Erreichen des gemeinschaftlichen Zwecks oder auch schon für andere Individuen) ein wenig in den Schatten, da Freiwilligkeit heute oft mit Leichtlebigkeit und Spontaneität gleichgesetzt wird. „Ich mache das ja nur freiwillig, also kann ich jeder Zeit damit wieder aufhören, wenn es mir keinen Spaß mehr macht oder ich weniger Zeit dafür habe, etc.“

Das verlangt von den Gesprächsführern eine Menge an Überzeugungsarbeit, da hier besonders an die Einsichtsfähigkeit der Person appelliert werden muss. Hier ist auch meist nicht mehr so klar, inwieweit die Person noch hinter dem Verein steht und sich mit dessen Interessen identifiziert, da es hier schon zu einer Verschiebung der Prioritäten weg vom Verein gekommen sein kann. Hier wäre die Frage, inwieweit es gelingt, diese Person im Sinne der Gemeinschaft wieder „einzufangen“. Gelingt das hier nicht, so sollte die Möglichkeit der Trennung nicht ganz vom Tisch geschoben werden. Was nützt dem Verein ein Mitglied – wohlmöglich in Führungsposition -, das aus Nicht-Wollen (und nicht Nicht-Können) heraus die Arbeit des Vereins untergräbt und/oder gefährdet?

Das „Ehrenamtsproblem“

Ein wenig anders gelagert sind Probleme, die im Zusammenhang mit dem Ehrenamt und seiner „gemeinnützigen“ Eigenschaft bestehen.

Der Dissens besteht hier meist in der unterschiedlichen Auffassung in Bezug auf die Qualität der Mehrarbeit für den Verein. Das Individuum erfüllt mit seiner Arbeitsweise und seinen Arbeitsergebnissen hinsichtlich seiner zusätzlich übernommenen Aufgabe offensichtlich nicht die Erwartungen der Gruppe. Das kann in unterschiedlichen Meinungen darüber liegen, wie viel Zusatzaufwand betrieben werden muss (das Individuum sieht vielleicht seine Aufwand-Nutzen-Balance nicht im Gleichgewicht) oder in unterschiedlichen Ansichten über die Ausrichtung des Vereinsziels (Das Individuum verteidigt antiquierte oder höchsteigene Vorstellungen).

Worin liegt das Problem hier? Das Problem liegt meist darin, dass die Erwartungen der Gruppe an den Funktionär im Vorfeld nicht hinreichend genug definiert worden sind. In unserem Alltag geben uns die unterschiedlichsten Verträge vor, was von uns erwartet wird und wie wir uns verhalten sollen. Und was uns droht, wenn wir uns an den Vertrag nicht halten. Bei ehrenamtlichen Betätigungen sind Verträge zwischen Verein und Mitglied nicht zu finden, da hier eben aufgrund der Freiwilligkeit das Leistungs-Gegenleistungsprinzip bewusst ausgeschaltet worden ist. Allenfalls wurden nicht „einklagbare“ Compliance-Erklärungen entwickelt, an welche sich jedes Mitglied zu halten hat.

So lange die Funktionärsarbeit zufriedenstellend läuft und die Gruppe ihre Erwartungen subjektiv als erfüllt ansieht, besteht für niemanden Anlass, die Arbeit des Funktionärs oder des Vorstands hinsichtlich der gesteckten Ziele auf Erfolg zu prüfen. Das ist insofern gefährlich, weil sich im Laufe der Zeit Keimzellen einnisten können, die sich dann in unterschwelligen Konflikten breit machen, bis sie dann als ernstes Problem an der Oberfläche auftauchen.
In der Tat sollten hier also zumindest Eckpunkte schriftlich fixiert sein, damit Gruppe und Individuum von Anfang an gleichermaßen eine gemeinsame Verständigungsebene haben, an welcher sie die Arbeit und den Erfolg prüfen und messen können. Optimal – aber eine Frage der Persönlichkeiten im Vorstand – wäre es, wenn der Vorstand und dessen Gremien von mal zu mal einfach sich selbst und ihre Arbeit dahingehend kritisch hinterfragt, ob die Arbeit noch dem Vereinszweck und der Vereinsausrichtung entspricht, man also selbst noch „auf Kurs“ ist.

Welche Hilfestellungen kann es also geben, wenn das Problem auf der Ehrenamtsebene verortet wird?

Nun, anders als beim Dirigenten wird man beim Vereinsfunktionär keine einklagbare Grundlage haben, auf Basis derer man die Einhaltung der Vereinsinteressen fordern könnte.  Das lässt sich auch schlecht ändern, da man andernfalls das ehrenamtliche Mitglied auf einmal bezahlen oder anderweitig „entlohnen“ müsste, damit es bleibt und sich fügt. Dies würde die Basis des Miteinanders nicht nur rechtlich sofort auf eine andere Ebene anheben, der Charakter der ehrenamtlichen Aufgabe würde komplett untergraben, da die erwartete Leistung auf einmal von einer Gegenleistung abhinge. Und das kann nicht zielführend für das freiwillige Engagement in und für die Gemeinschaft sein, zumal sich das Abhängigkeitsverhältnis auch plötzlich umschlagen kann („Zahlst Du mehr, dann mache ich auch mehr“).

Hier bleibt eigentlich nur, in einem persönlichen Gespräch im kleinen Kreis (mit dem Individuum und seinem Vertreter und ein/zwei Vertretern der Gruppe) auf Sachebene eine Lösung oder zumindest einen Kompromiss herbeizuführen, der allen Interessen gerecht wird.

Man darf eben nicht vergessen, dass der Funktionär einst demokratisch von der Gruppe selbst in sein Amt gehoben wurde und der Wahl zugestimmt hat, wenn auch manchmal – mangels Alternative – unter vorheriger „Überzeugungsarbeit“ aus der Gruppe heraus.

Das Gruppenproblem

Das Gruppenproblem ist eigentlich nur noch die Verschärfung der beiden oben genannten Probleme. Denn das Nicht-Funktionieren des Individuums geschieht hier unter bewusstem Beiseiteschieben der Gemeinschaftsinteressen und gleichzeitigem Herausstellen der eigenen Interessen. Im Gruppenproblem gesellt sich also noch ein gewisser Vorsatzcharakter hinzu. Kommt man bei der Analyse zu dem Ergebnis, dass „er/sie macht, was er/sie will“, „absolut nicht (mehr) das macht, was er/sie soll“ oder ihm/ihr die Gruppe und deren Interessen vollkommen egal sind, dann befinden wir uns meist schon in einem Stadium, in dem das Problem eigentlich nicht mehr mit vereinseigenen Mitteln auf zwischenmenschlicher Basis beseitigt werden kann.

Hier bin ich generell der Meinung, dass auch im freiwilligen Gruppenengagement die gleichen Regeln gelten wie in jeglicher Art von gesellschaftlichem Zusammensein – im Kleinen wie im Großen: Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie sich Regeln (bei der Ethik angefangen) gibt, an die sich jeder gemeinschaftlich halten muss. Und wenn er das nicht macht, muss es dazu gewisse „Sanktionen“ geben. Regeln und Sanktionen bedingen einander, anderenfalls sie als regelndes Element nur leere Gebilde wären.

Das Wort „Sanktion“ ist im Zusammenhang der ehrenamtlichen Tätigkeit natürlich überaus hart, aber dennoch sinngemäß auch hier nicht entbehrlich. Nur liegt das Problem darin, dass es für Musikvereine keine Sanktionen wie im Sport gibt. Kann man das Mitglied für einen Auftritt sperren? Sicher nicht. Kann das Mitglied ein Strafgeld zahlen? Das ist auch schwierig. Vor allem wie will die Gruppe das Vergehen eines Individuums aus der „Führungsetage“ sanktionieren?

Zumindest für den Großteil des Vereins bieten sich sog. Positivlösungen an:
Dem stets präsenten Mitglied kann bei vollständiger Anwesenheit auf allen Proben und Auftritten ein Goody zugesprochen werden. Das kann der (teilweise) Erlass des Jahresbeitrags (falls es einen „Aktivenbeitrag“ gibt) sein, das können Einkaufs- und Erholungsgutscheine oder andere kleine Aufmerksamkeiten sein. Manchmal reicht auch schon eine „Immer-dabei-Urkunde“. Die Sanktion ist entsprechend, dass er/sie das Goody eben nicht bekommt.
Für härtere Verstöße kann z.B. im Fall eines Musikers, der selten bei Proben und Auftritten ist, der – zeitliche – Rückfall von einer führenden Stimme auf eine „Tutti-Stimme“ etc. als Sanktion auferlegt werden, wobei ich nicht missverstanden werden möchte. Die Tutti-Stimmen sind natürlich genauso wichtig im Orchester, wenn nicht sogar wichtiger, als die führenden Stimmen.

Was auch immer es für Maßnahmen sind, wichtig ist, dass das Individuum erkennt, dass es mit seinem Verhalten nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch am Ende sich selbst schadet.

Das eigentliche Problem meiner Meinung nach liegt aber bereits darin, dass gerade in der ehrenamtlichen Gruppenarbeit sich grundlegend kaum einer traut, diese gemeinschaftlich aufgestellten Regeln im Fall des Falls überhaupt durchzusetzen, da jeder die Angst hat, die eh schon belastete Gruppendynamik auf einmal selbst negativ zu beeinflussen und ein „engagiertes“ Mitglied dann wohlmöglich ganz zu verlieren; und das, wo die Vereine eh immer weniger Mitglieder haben. Auch traut sich keiner, weil er aus Achtung vor den Punkten 1 und 2 den anderen natürlich nicht „bremsen“ und „erziehen“ oder „maßregeln“ möchte und lieber zurücksteckt, da es ja „nur“ ein Freizeithobby ist. In meinen Augen ist solch ein Verhalten zwar verständlich, aber in der Gesamtschau eigentlich in keinster Weise einleuchtend geschweige zielführend.

Das Leben in der Gemeinschaft (Ob Beruf, Familie, Hobby) findet „rechtlich“, psychologisch und ethisch auf genau der gleichen Grundlage statt. Das bedeutet doch, dass vollkommen unabhängig von den Lebensbereichen die gleichen Maßstäbe gelten müssen. „Tanzt jemand aus der Reihe“, ist er im Sinne des gemeinschaftlichen Zwecks dann schon aufzufordern oder daran zu erinnern, seinen übernommenen, selbst gewählten Aufgaben im Sinne und für den Verein nachzukommen. Und das muss auch für Vorstände gelten.

Sanktionsmöglichkeiten wie im Arbeitsrecht haben wir natürlich nicht (Abmahnung, Kündigung). Und es darf sich in unserer Gesellschaft jeder – sogar verfassungsmäßig verbrieft – in einem Verein engagieren, so viel oder so wenig und so selten oder so oft, wie er will. Aber auch hier steht die Gemeinschaft nicht ganz ohne Handhabe da: Die bekannte rechtliche Möglichkeit wäre die Abwahl/der Ausschluss des Individuums auf der nächsten Jahreshauptversammlung. Sprich demokratisch herbeigeführte Enthebung durch die Gemeinschaft und damit Kappung vom Posten (was im Sinne des Vereinsfriedens natürlich in jedem Fall nur die Ultima Ratio sein kann). Diese Möglichkeit besteht aber offensichtlich nur einmal im Jahr.

Um den Vereinsfrieden wieder herzustellen, ist auch hier selbstredend, dass zuvor Gespräche geführt werden müssen und hier die Überzeugungsarbeit im Vordergrund stehen MUSS, das „nicht funktionierende Individuum“ wieder vom Agieren im Interesse der Gemeinschaft zu überzeugen. Ich würde darunter vielleicht den ernsten Appell an das Verantwortungsbewusstsein des Individuums und seine freiwillig übernommene Funktion verstehen, und dass es nicht nur Verantwortung für die Gruppe, sondern auch letzten Endes für sich selbst trägt. Auch kann im Gespräch das Individuum vielleicht davon überzeugt werden, sein Amt freiwillig niederzulegen, wenn der Vereinsfrieden damit wieder herstellbar ist.

Aber wenn alle Vermittlungsversuche im Vorhinein nicht gefruchtet haben (sei es, weil Gespräche abgelehnt worden sind oder kein Kompromiss mehr zu erzielen ist), dann sollte man sich auch vor Sanktionen nicht scheuen, diese durchzusetzen. Was nützt mir das „engagierte“ Mitglied, wenn es mit seinem „Engagement“ nur schafft, den ganzen Verein am Ende auseinander zu reißen? Gerade die „Führungsetage“ sollte so viel Souveränität besitzen, der Gruppe als Vorbild voranzugehen und die Interessen der Gruppe im Sinne ihres Amtes zu wahren.

In diesem Fall kann – wenn alle Einigungsversuche zuvor gescheitert sind – dann nicht zuletzt über eine Amtsenthebung durch das Minderheitenbegehren (außerordentliche Mitgliederversammlung) nachgedacht werden. Das Recht wird dem Verein zivilrechtlich eingeräumt  und kann auch von einem Teil der Gruppe (ohne Satzungsverankerung müssen 10% der Mitglieder der Einberufung zustimmen) kurzfristig eingefordert werden.

Im Tenor bleibt:  Viele Probleme können auf Sachebene bereits beseitigt werden, bevor es zum Eklat kommt. Auch für die ausweglosen Situationen gibt es Möglichkeiten, dass die Gemeinschaft ihre Interessen wahrnehmen kann.

Aber im Kern bleibt festzuhalten, dass jeder in der Gruppe gleichermaßen verpflichtet ist, stets und ständig am gemeinschaftlichen Frieden mitzuwirken und Probleme bereits früh anzusprechen. Man ist nicht IN einem Verein, man ist vom Punkt der Verantwortung aus gesehen DER Verein.“

Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, weil es sich mit meinen Ansichten und meiner Erfahrung in diesem Bereich vollständig deckt. Ein herzliches Dankeschön an Florian Forker für diesen sehr interessanten Austausch.

Welche Erfahrungen habt Ihr in Euren Musikvereinen mit dieser Thematik gemacht? Wie seid Ihr in diesem Zusammenhang mit „schwierigen“ Personen umgegangen? Nutzt gerne das Kommentarfeld unter diesem Beitrag!

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

One thought on “Über die Harmonie in der Vorstandschaft

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