Was macht eigentlich einen guten Dirigenten aus?

Schon lange mache ich mir Gedanken darüber, was eigentlich „ein guter Dirigent / eine gute Dirigentin“ ist. In meinem Musikerleben habe ich schon sehr viele Dirigenten in den unterschiedlichsten Vereinen erlebt. Z. B. in meinem Heimatort Hartheim, in Freiburg-Opfingen, im Musikverein Tunsel, meinem jetztigen Verein, dem Freiburger Blasorchester und vielen Orchestern, in denen ich ausgeholfen habe.

Seit Jahren spiele ich bei den Meisterkursen mit Douglas Bostock in der BDB-Musikakademie in Staufen im Workshop-Orchester (Sinfonisches Verbandsblasorchester Markgräflerland). Außerdem sind wir mit dem Freiburger Blasorchester regelmäßig Kursorchester bei Metafoor mit Alex Schillings in Staufen. Genug Gelegenheit also, die verschiedensten Dirigentinnen und Dirigenten zu beobachten.

Die Situationen, in denen ich die Dirigenten erlebe, sind natürlich jeweils anders. Es macht einen Unterschied, einen Dirigenten in regelmäßigen Proben mit abschließendem Konzert zu erleben oder einen Dirigenten in einer Lehrgangssituation. Letztere sind deutlich mehr unter Stress. Auch geht es in den Kursen in erster Linie um den Dirigenten selbst. Seine Körperhaltung, die Signale, die er aussendet und deren Auswirkungen, sein Verständnis der Partitur beispielsweise. Innerhalb des Vereins geht es zusätzlich um das konzeptionelle Denken, die Fähigkeit mit den unterschiedlichsten Charakteren auszukommen, das Vereinsleben mitzugestalten, das Orchester insgesamt voran zu bringen, und vieles mehr.

Immer wieder denke ich darüber nach, warum es manche Dirigenten schaffen, mit ihren Gesten eine Einheit aus einem Orchester zu bilden und andere überhaupt nicht. Warum beim einen Dirigenten der Funke überspringt und das Orchester besser spielen bzw. klingen lässt und andere über eine reine Organisation der Musik und der einzelnen Instrumentalisten und Register nicht hinaus kommen. Warum beim einen Dirigenten unter den gleichen Voraussetzungen das Orchesters ganz anders klingt als beim anderen.

Um zu verstehen, wie man ein guter Dirigent wird, ist es vielleicht hilfreich zu wissen, was überhaupt einen guten Dirigenten ausmacht. Diese Frage beantworte ich heute nicht selbst, sondern lasse jeweils eine Musikerin (Catrin Müller), einen Musiker (Raphael Müller), eine Dirigentin (Evelyn Majewski) und einen Dirigenten (Stefan Popp) zu Wort kommen.

Um die Sache zu präzisieren habe ich folgende Frage gestellt:

„Welche fachlichen und welche charakterlichen Eigenschaften machen Deiner Meinung nach einen guten Dirigenten / eine gute Dirigentin aus?“

Im Folgenden zunächst die Antworten der beiden Dirigenten:

Evelyn Majewski, Dirigentin

Evelyn Majewski
Evelyn Majewski

Evelyn Majewski studiert derzeit Blasorchesterdirektion bei Prof. Hermann Pallhuber in Mannheim und dirigiert den Musikverein Harmonie Maximiliansau.

„Fachlich: Detaillierte Kenntnisse der Werke und eigene Klangvorstellung, gutes Repertoirewissen, sämtliche Kenntnisse und Fähigkeiten in Tonsatz/Harmonielehre, klares Dirigat mit großem Facettenreichtum an Bewegungen.

Charakterlich: Angenehme Persönlichkeit mit einem offenen Ohr für die Musiker, auch für nicht-musikalische Anliegen. Für mich hat Humor auch einen wichtigen Stellenwert, und die Fähigkeit, sich selbst nicht immer so ernst zu nehmen.“

Stefan Popp, Dirigent

Stefan Popp
Stefan Popp

Stefan Popp hat Ende Oktober 2018 seinen Master „Dirigieren Blasmusik“ an der Hochschule der Künste in Bern absolviert. Zur Zeit studiert er noch „Instrumentation für Blasorchester und Blasorchesterleitung am Conservatorio Claudio Monteverdi in Bozen/Italien bei Walter Ratzek (zuvor bei Thomas Doss). Im Jahr 2017 gründete den Verein „Pro Musica – Musik und Jugendförderung“, dessen Projektorchester auch gleichzeitig sein Prüfungsorchester war (www.pro-musica.ch).

„Man sollte sich mit dem grundlegenden Handwerk beschäftigen: Schlagtechnik, Partiturstudium, Probentechniken, Partiturspiel, usw. Und immer weiter versuchen, dieses Handwerk an sich zu verbessern. Da lernt man eh nie aus.

Ein guter Dirigent ist meiner Meinung nach zudem empathisch, kann sich also gut in seine Musiker einfühlen. Wenn das gut gelingt, und die fachliche Komponente passt, kann eine Vertrauensbeziehung aufgebaut werden, auf der gemeinsames Musizieren besser gelingt, als wenn das fachliche oder charakterliche Element zurückbleibt.

Ein gewisses Durchsetzungsvermögen ist aber auch nicht verkehrt, denn – und das hat mich meine bisherige Erfahrung auch gelehrt – es hilft einem in gewissen Situationen zu schnelleren und zielführenderen Lösungen. Ich erinnere mich da gerne an den Spruch, der damals beim Luftwaffenmusikkorps 3 in Münster über dem Zimmereingang beim Oberstleutnant hing: „Demokratie in der Musik ist Zeitverschwendung.“ Ich unterschreibe den Satz nicht komplett, aber da ist was dran! Allerdings wächst natürlich die eigene Überzeugungskraft auch mit der eigenen Erfahrung.“

Dem gegenüber die Antworten der beiden Musiker:

Catrin Müller, Musikerin

WMC FBO
Catrin Müller (rechts)

Catrin Müller spielt seit 13 Jahren Flöte im Freiburger Blasorchester (FBO). Davor waren die Stationen ihres Musikerinnenlebens die Mannheimer Bläserphilharmonie und die Stadtkapellen Überlingen und Öhringen. Seit einigen Jahren engagiert sie sich im FBO als Registersprecherin und im Vorstand als Beauftragte für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

„In meiner „Laufbahn“ als Musikerin habe ich unter rund zehn Dirigenten längere Zeit gespielt. Etwa zwei Dutzend Dirigentinnen und Dirigenten habe ich bei Workshops und Dirigentenfortbildungen am Pult erlebt. Alle hatten ihren eigenen Stil – aber für mich hat es sich herauskristallisiert, dass mir ein Dirigat mit möglichst vielen Informationen am liebsten ist: Je präziser die Schlagtechnik, desto einfacher ist es, danach zu spielen. Damit meine ich nicht nur das Taktieren, sondern auch die nonverbale Ansprache einzelner Register oder Musiker während des Stücks, die Forderung nach einer bestimmten Phrasierung, Dynamik oder Artikulation, die durch den Taktstock, die Körperhaltung oder den Blickkontakt des Dirigenten vermittelt werden können und ohne lange Erklärungen auskommen.

Die meiste Zeit verbringt man im Musikverein mit Proben und weniger mit Konzerten, und so ist für mich ein guter Dirigent, jemand, der eine gute Probenarbeit leistet, das heißt, der eine gute Balance zwischen Detailproben und Durchspielen der Werke schafft. Der intensiv an Intonation und Klangbalance, Artikulation und Zusammenspiel, Dynamik und Phrasierung arbeitet, und dann das Geprobte wieder in den Kontext des ganzen Stücks setzt.

Ich bin motiviert, wenn ein Dirigent am Pult steht, der seine Energie auf die Musiker übertragen kann, das Beste aus ihnen herausholen will und dies mit einem didaktischen Ziel und einer musikalischen Vision macht. Die Vision spiegelt sich in den Konzertprogrammen wieder und so sind fundierte Kenntnisse der Literatur hilfreich, die das Orchester und die Musiker voranbringt.

Für die Entwicklung des Orchesters ist es für mich normal, dass Stellen, die nicht geklappt haben, in einer folgenden Probe eingefordert werden. Das sollte mit dem nötigen Nachdruck, aber auch mit dem nötigen Fingerspitzengefühl passieren, denn immerhin sind die Musiker nach einem langen Arbeitstag freiwillig in der Probe. Ein wenig Pädagogik und Tipps an die Musiker, wie sie bestimmte Stellen angehen sollen, im Optimalfall sogar mit Vorschlägen von alternativen Griffen o. ä., sind ein Sahnehäubchen.
Dies alles betrifft jedoch eher die Arbeitsweise eines Dirigenten. Welche Charaktereigenschaften erwarte ich? Ich denke, Zuverlässigkeit, Kommunikationsstärke, Durchsetzungsfähigkeit, Organisiertheit und Flexibilität helfen im Verein – wie überall.“

Raphael Müller, Musiker

Raphael Müller
Raphael Müller

Raphael Müller ist seit seinem neunten Lebensjahr aktives Mitglied im Musikverein „Viktoria“ Altenmittlau. Dort ist er seit einigen Jahren auch für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mitverantwortlich. Zudem ist er Mitglied im Sinfonischen Blasorchester der Landesmusikjugend Hessen, welches am 25.11.2018 sein Jahreskonzert im Spessart FORUM Bad Soden-Salmünster gibt.

 „Eine „eierlegende Wollmilchsau“ am Pult? Eine Person, die in allen Belangen ideal erscheint? Ja, vermutlich gibt es diese Person gar nicht. Was in allererster Linie daran liegen mag, dass es sich bei Dirigenten* um Menschen handelt, die wiederum mit Menschen interagieren müssen. Als Folge dessen hat wohl auch jeder eine etwas andere Vorstellung auf die Frage nach Merkmalen, die einen guten Dirigenten kennzeichnen.

Für mich persönlich ist die Arbeitsatmosphäre ein ganz entscheidendes Kriterium. Es gilt, mit freundlichem, aber bestimmtem Ton konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen, ohne übermäßig Druck aufzubauen. Ist man allzu leger und disziplinlos, bleibt das Orchester am Ende womöglich weit unter seinen Möglichkeiten zurück. Verlangt man zu viel und ist dabei in seiner Herangehensweise zu forsch, vergrault man das Orchester (oder zumindest Teile davon) über kurz oder lang.

Nur wenn der Spaß an der Musik und die Freude am gemeinsamen Umgang gegeben ist und auch gefördert wird, entsteht langfristig Motivation, die auf einer positiven Einstellung fußt – Musik wird von uns allen schließlich als Hobby ausgeübt. Dass man dabei auch ambitioniert vorgehen kann, ist überhaupt kein Widerspruch in sich. Jedoch hat jeder Musiker eine andere „Schmerzgrenze“, ab wann der Spaß zu kurz kommt und der Anspruch zu hoch wird. Diesen Spagat zu bewältigen, ist ohne Zweifel eine der größten Herausforderungen eines Dirigenten und es benötigt viel Feingefühl, diese Schwelle auszuloten und auch immer wieder neu zu justieren.

Ein Dirigent ist immer auch ein Pädagoge, und je jünger (oder musikalisch unerfahrener) die Musiker eines Orchesters sind, umso eher muss auch mal die musikalische Arbeit hinten angestellt werden, um ein angenehmes und produktives Klima zu schaffen. Damit einher geht auch die nötige Bereitschaft zur Selbstreflexion und korrekte Einschätzung der Lage: „Haben meine Musiker gerade Schwierigkeiten sich zu konzentrieren? Überfordere ich sie womöglich? Oder fordere ich sie tatsächlich gar nicht genug?“ sind Fragen, die man sich in diesem Kontext durchaus immer wieder selbst stellen sollte.

Was ich sehr bewundernswert finde, ist, wenn sich ein Dirigent über den reinen Probenbetrieb aktiv in die Gestaltung des Orchesters miteinbringt. Sei es durch Konzepte für die Nachwuchsarbeit, die Realisierung besonderer Veranstaltungen oder neue Herangehensweisen bei der Werbung. Hier muss aber natürlich jeder selbst entscheiden, wie viel Zeit und Kraft er in solch ein zusätzliches Engagement hinein investieren kann, zusätzlich zur eigentlichen Kernaufgabe der musikalischen Leitung.

Womit wir zu den fachlichen Qualitäten eines Dirigenten kommen. Was offensichtliche Themen wie bspw. präzise Schlagtechnik, eine in sich stimmige Körpersprache, ein gutes Gehör oder natürlich auch das richtige Tempogefühl angeht, möchte ich gar nicht eingehen. Selbstredend spielt auch das Einsatzgebiet eine große Rolle, an den Leiter einer kleinen Jugendkapelle werden ganz andere Anforderungen gestellt als an den Leiter eines großen Projekt- oder Auswahlorchesters.

Wenn man mal die Fälle der letzten Kategorie ausklammert, sollten Dirigenten meines Erachtens nie die technischen Fähigkeiten ihrer Musiker überschätzen. Nicht jeder investiert in ein hochwertiges Instrument, pflegt es sorgsam und lässt es regelmäßig warten. Auch kann nicht jeder auf eine fundierte und langjährige Ausbildung bei einem professionellen Instrumentallehrer zurückblicken. Hier sind also gezielt die Kenntnisse von Dirigenten gefragt, um bspw. mit Hilfsgriffen, besonderen Spieltechniken und anderen Hinweisen die Musiker zu unterstützen. Dafür ist auch die begrenzte Zeit in einer Tutti-Probe nicht zu schade, wenn so dem Klangbild und Zusammenspiel langfristig geholfen wird.

Ebenso ist meiner Meinung nach regelmäßiges Feedback zur Intonation der Musiker nicht verkehrt. Hier hat ein Dirigent nicht zuletzt auf Grund seiner Sitz- bzw. Standposition im Orchester und der Tatsache, dass er selbst keinen Ton produziert, einen entscheidenden Vorteil gegenüber den ausführenden Musikern.

Ein weiterer Aspekt, der einen Dirigenten von seinen Musikern unterscheidet, ist dessen umfangreiche Kenntnis eines Werks bedingt durch sein Partiturstudium. Wenn sich Musiker mit einem neuen Stück befassen, so haben sie zunächst genug mit ihren eigenen Noten zu kämpfen. Ich empfinde es dann als unheimlich hilfreich, klar darauf hingewiesen zu werden, welche Instrumente gemeinsam eine Passage spielen oder sich gegenseitig ergänzen. Heutzutage sind natürlich Referenzaufnahmen und teilweise sogar ganze Partituren für Jedermann leicht zugänglich, dennoch basiert das häusliche Üben zumeist auf dem eigenen Notenbild. Und in der Probe hat man als Musiker doch nicht immer das Ohr, auf alle anderen Instrumente zu achten. Vor allem, wenn die Mitmusiker ebenfalls noch mit ihrer Stimme zu kämpfen haben.

Gerade wenn es sich um schwierige und komplexe Literatur handelt, ist es zudem unabdinglich, dass der Dirigent in der Lage ist, den Musikern das entsprechende Werk zugänglich zu machen. Mit Vergleichen und Metaphern eine gemeinsame Klangvorstellung zu etablieren, ist eine hohe Kunst, die sicherlich nicht unerwähnt bleiben darf, wenn man sich der oben genannten Fragestellung nach Eigenschaften eines guten Dirigenten widmet.

Zu guter Letzt möchte ich noch anführen, dass ich es als Musiker unheimlich bereichernd finde, regelmäßig unter verschiedenen Dirigenten (und auch Dirigenten verschiedener Schulen, also mit unterschiedlicher Ausbildung) zu spielen. Jeder Dirigent hat – sicher auch mit Recht – seinen eigenen Stil entwickelt. Sich auf diesen einzulassen und damit auch mal den Fokus der eigenen Wahrnehmung zu ändern, kann die Entwicklung eines Musikers ungemein fördern.

* Alle Aspekte gelten selbstredend auch für Dirigentinnen, ich verzichte daher aus Gründen von Klarheit, Kürze und Einfachheit auf das grammatikalisch weibliche Geschlecht.“

Über das Thema habe ich vor kurzem auch mit einer lieben Musikfreundin gechattet. Sie hat nochmals einen ganz anderen Aspekt in die Diskussion gebracht:

„Ein Dirigent kann nur so gut sein und gut arbeiten, wie das Drumherum / der Verein funktioniert und gemanagt wird“. Da ist mit Sicherheit etwas dran. Ein wirklich guter Dirigent wird in einem unorganisierten, wenig motivierten Verein auch nicht bleiben. Nur wenn an der Qualität der Musik und der Vereinsorganisation (mit allem was dazu gehört) gearbeitet wird, wird ein Musikverein / ein Blasorchester langfristig erfolgreich überleben. Davon bin ich überzeugt.

Was mir in der Dirigentenaus- und fortbildung immer wieder auffällt ist, dass wirklich nur die musikalischen und fachlichen Themen gelehrt / gelernt werden, die in direktem Zusammenhang mit dem Dirigat stehen. Führungsqualitäten hingegen werden nicht geschult. Neben all den fachlichen Themen, die oben auch schon von allen vier Personen genannten wurden, finde ich die Entwicklung von Führungsqualitäten bei einem Dirigenten sehr wichtig.

Was macht für Euch einen guten Dirigenten / eine gute Dirigentin aus? Gerne dürft Ihr zu diesem Thema Eure Gedanken weiter unten im Kommentarfeld aufschreiben.

Ein herzliches Dankeschön an Evelyn Majewski, Catrin Müller, Stefan Popp und Raphael Müller für Ihre Mitarbeit an diesem Beitrag.

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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