Vom “guten Kameraden”…

In vielen Musikvereinen ist es eine jahrzehntelange um nicht zu sagen eine jahrhundertealte Tradition, bei der Beerdigung eines Musikkameraden das Stück „Ich hatt’ einen Kameraden“ zu spielen.

Es ist mir ein großes Rätsel, warum dieses Soldatenlied heutzutage immer noch ausgerechnet bei der Beerdigung von Musikkollegen gespielt wird. Die Musikvereine haben doch rein gar nichts (mehr) mit Krieg, Schlachten und Tod durch Gewehrschüsse zu tun. Bei Beerdigungen von Soldaten kann ich mir ja was dabei vorstellen, aber bei Musikkollegen? Kennen die Musikerinnen und Musiker überhaupt den Text?

Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nicht.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
Im gleichen Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt sie mir oder gilt sie dir?
Ihn hat sie weggerissen,
Er liegt zu meinen Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!

Entstanden ist das Lieb 1809 zur Zeit des Tiroler Aufstandes gegen die Franzosen. Die Musik stammt von Friedrich Silcher (er änderte ein Schweizer Volkslied ab), der Text von Ludwig Uhland.

Normalerweise bin ich schon für die Erhaltung von Traditionen, aber gerade in diesem Fall und in der heutigen Zeit sollten wir nicht Musikkameraden mit Soldaten im Krieg gleich setzen. Blasorchester und Musikvereine sind schließlich eine friedliche Angelegenheit. Die Musikvereine sind Orte der gemeinsamen, sinnvollen Freizeitgestaltung. Mit Krieg und Militär haben die Musikvereine wirklich nichts gemeinsam.

Ich bin dafür, hier neue Traditionen entstehen zu lassen.

Es gibt so viel schöne Trauerliteratur für Blasorchester und viele Choralbearbeitungen die sich als besondere Ehrerweisung eignen. Als Beispiel sei hier die Choralbearbeitung von „Der Tag mein Gott ist nun vergangen“ genannt („Evening Song“, Clement C. Scholefield in der Bearbeitung von Jan de Haan). Vom Sinn und Text her eigentlich ein Gute-Nacht-Lied, aber weit tröstlicher als mit der Musik Gedanken eines gewaltsamen Todes zu übermitteln.

Für alle, die sich diese tröstliche Musik gerne einmal anhören möchten, hier in einer Fassung für Brass Band:

https://www.youtube.com/watch?v=-N9mVCfR5iY

Eine kleine Ergänzung zu diesem Beitrag:

Nach Veröffentlichung des Beitrags hat mir Christian Topp aus Havixbeck freundlicherweise einen Artikel des Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge zukommen lassen, in dem Hintergrundinformationen zum Lied zu lesen sind: Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Wie oben schon erwähnt, kann ich mir die Verwendung im militärischen Zusammenhang bei Gedenkfeiern, Begräbnissen oder am Volkstrauertag vorstellen – aber eben nicht bei Beerdigungen von Musikkollegen…

 

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

5 thoughts on “Vom “guten Kameraden”…

  • 29. Oktober 2015 at 22:47
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    Hallo Alexandra,

    Ich hab mir jetzt einige Gedanken darüber gemacht ob das Abspiele des “Kameraden” bei Begräbnissen von Musikkollegen.

    Ich finde das dies sehr wohl gerechtfertigt ist, denn ich sehe meine Mitmusiker als Musikkameraden ansehe und auch so empfinde.

    Das Leben eines Musikanten ist von Höhen und Tiefen geprägt, doch kann man sich jederzeit auf sie verlassen. Und wen man so eine Person verliert, dann kann man die Zeilen des Liedes sehr wohl damit in Verbindung bringen, wenn auch in metaphorischem Sinn. Der Kamerad geht “verloren” und ist nicht mehr Teil des Kameradenverbundes. Und so “lädt man seine Pistole” in dem man das letzte Mal für einen wichtigen Menschen die Ehre erweist.

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  • 30. Oktober 2015 at 5:59
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    Es ist die besinnliche Melodie Friedrich Silchers schlechthin die bei traurigen Anlässen, etwa Beisetzungen, einen wahrlich würdigen Rahmen verleiht. Sich am Text aufzureiben halte ich für völlig deplatziert; keiner zitiert, geschweige singt ihn (!). Angesichts des weit über hundertjährigen Rituals, mit dem Silcher-Lied, Trauer und Respekt der oder dem Verblichenen zu zollen, halte ich eine “Text-Diskussion” für pseudo-intellektuellen Unfug. Seit gut fünf Jahrzehnten werde ich als Trompeter zuweilen in Trauerhallen, vermehrt jedoch ans offene Grab gebeten um mit dem Silcher-Lied den letzen Gruß der Hinterbliebenen musikalisch (stellvertretend für sie) auszudrücken. In seltenen Fällen waren es Musikvereine, die mich zum Auftritt baten. Es waren vielmehr Privatpersonen, die mich engagierten, ihren Trauerfeiern einen würdig rahmen zu geben. Es ist der “ersten” und auch nicht der “zweiten” Strophe von Staats wegen auf die Deutsche Nationalhymne verzichtet worden. Es scheint ab den 60-er Jahren irgendwie in “Mode” gekommen zu sein, alles Altüberkommene, Althergebrachte, Traditionsreiche unseres Landes zu ächten. Dies mag ein Politikum sein – okay. Dass aber kein junger Mensch in unserer Republik mehr ein Volkslied zu singen in der Lage ist, sollte doch zu denken geben.

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  • 27. November 2015 at 23:16
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    Ich kann Peter nur Recht geben! Diese Diskussion taucht immer wieder einmal auf und vermittelt eine Pseudo-Politikal-Corectness. Wer oft genug auf Friedhöfen war und ist, der bemerkt schnell, dass die Titelzeile in Verbindung mit der Melodie für viele Menschen eine Bedeutung hat. Denen geht es beileibe nicht um den Rest des Textes – den ich schon lange kenne. Aber bitte, dann macht euch in diesen Zeiten mal Gedanken um die französische Hymne…. Die Übersetzung findet man leicht auf Wikipedia.
    Solche Diskussionen sind halt typisch deutsch, sorry.

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  • 13. Juli 2017 at 0:30
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    Ich halte Alexandras Gedanken durchaus für gerechfertigt. Vor allem, da sie äußerst differenziert beschrieben sind und, weil sinnvolle Alternativen angeboten werden. Dieses mit Stereotypen abzutun halte ich für ungerecht. Sie werden eine lebhafte Diskussion darüber keinesfalls beflügeln.
    Wenn das Lied “Der Gute Kamerad” gewünscht wird, spricht nichts dagegen, es auch zu spielen. Z.B. spiele ich es am Volkstrauertag mit meinem Posaunenchor, in der Gemeinde meines Musikverein wird darauf grundsätzlich verzichtet…
    Wer sein Choralbuch oder sein Gotteslob aufschlägt, findet tatsächlich genügend alternative geistliche Lieder, welche seinem verstorbenen Musikkollegen die nötige Ehre erweisen könnten und der trauernden Gemeinde Trost spenden würden.
    Da würde sich mir eher die Frage stellen, welchen Stellenwert die Liederauswahl bei einer Beerdigung hat – ein sensibles Thema.
    Grundsätzlich sollte einem Musiker / einer Musikerin, welche(r) “Den Guten Kameraden” schon etliche Mal gespielt hat, der Gedanke erlaubt sein, warum dieses Lied gespielt wird.
    Wenn ich mich für eine Sache interessiere, dann werde ich sie auch irgendwann hinterfragen und nachfragen, wenn mich dabei ein ungutes Gefühl beschleicht. Allzu menschlich – nicht nur deutsch.

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    • Alexandra Link
      13. Juli 2017 at 5:45
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      Hallo Alexis, vielen Dank für Deinen Beitrag. Beerdigungen sind wirklich ein sensibles Thema. Die Musikauswahl ist dabei nur das eine. Worüber ich auch schon lange nachdenke ist der Umgang mit dem Nachruf. Einerseits in der Zeitung und andererseits in der Ansprache bei der Trauerfeier. Oftmals klingt der Nachruf bzw. die Ansprache wie eine Art “Zeugnis” und liest bzw. hört sich eher nüchtern an. Meine Gedanken dazu werde ich bestimmt auch einmal in einem Blogbeitrag niederschreiben. Gruß Alexandra

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