6 Fragen an Tobias Zinser zur Teilnahme der Stadtkapelle Wangen DOW 2016

Die „6 Fragen an…“ zur Teilnahme am Deutschen Orchesterwettbewerb gehen heute an Tobias Zinser, dem Dirigenten der Stadtkapelle Wangen im Allgäu.

Besonders seine Ausführungen zur generellen Teilnahme an Wettbewerben sei allen Orchestern ans Herz gelegt!

Wie und wann hat sich Ihr Orchester für den DOW qualifiziert? Was waren die Voraussetzungen zur Teilnahme am DOW?

„Wir haben uns bereits im Mai des vergangenen Jahres beim Landesmusikfest in Karlsruhe dem Landesentscheid zum DOW gestellt.“

Mit welchen Werken treten Sie in Ulm beim DOW an und warum haben Sie für Ihr Orchester gerade diese Werke ausgesucht?

„Ich habe für den Wettbewerb gezielt nach einem Selbstwahlstück gesucht. Meine Wahl fiel dann auf Audivi Media Nocte von Oliver Waespi.

Bei Audivi Media Nocte fand ich von Anfang an interessant, dass der Komponist eine Motette von Thomas Tallis verarbeitet. Waespi ist ja nicht der erste Komponist, der Anleihe bei Thomas Tallis nimmt. Beispielsweise haben sich auch Ralph Vaughan Williams und Philip Sparke  schon von Tallis inspirieren lassen. Für mich hat dieses Stück etwas Besonderes, etwas Spezielles und eignet sich sehr gut für einen Wettbewerb. Was mir auch noch wichtig war: meine Musiker spielen Audivi sehr gerne.

Da unser Selbstwahlstück an die 20 Minuten dauert, mussten wir als Pflichtstück die Variations on a Bach-Choral von Jack Stamp wählen, um die vorgegebenen 30 Minuten Gesamtspielzeit einzuhalten.“

Was ist Ihnen in der Wettbewerbsvorbereitung besonders wichtig und wie bereiten Sie Ihr Orchester ganz speziell auf diesen wichtigen Wettbewerb vor?

„Die Vorbereitung unterscheidet sich kaum von einer Vorbereitung für ein Konzert, außer, dass wir für die beiden Stücke etwas mehr Zeit investieren. Natürlich wird an den Stücken intensiver geprobt und gefeilt, aber eine „spezielle Vorbereitung“ gibt es eigentlich nicht.“

Welchen Stellenwert haben Wettbewerbe und Wertungsspiele einmal für Sie selbst und andererseits für die Musikerinnen und Musiker in Ihrem Orchester?

„Die Stadtkapelle Wangen ist ein treuer und langjähriger Teilnehmer bei diesem Wettbewerb und die Musikerinnen und Musiker versuchen natürlich, eine Teilnahme möglich zu machen. Einige (wenige) sind richtig „heiß“ auf Wettbewerbe, viele nehmen es einfach als Ziel, Herausforderung oder weiteres Podium. Andere Musiker lehnen diese „Leistungsschau“ (Zitat eines Musikers) sogar eher ab, tragen das Ganze aber aus Solidarität mit. Natürlich ist jeder Einzelne aber bestrebt, sein Bestes zu geben um ein möglichst positives Ergebnis zu erzielen. Ein Wertungsspiel oder Wettbewerb ist immer ein besonderer Termin, auf den man sich gewissenhaft vorbereitet. Ziel ist es trotzdem, egal, ob einem solche Veranstaltungen wichtig sind, oder eben nicht, als Kollektiv einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Meine Aufgabe ist es, passende Literatur zu finden, das Orchester bestmöglich vorzubereiten, konzentriert zu proben, zu motivieren und trotzdem Freude an der Musik und am Musizieren zu vermitteln.

Der Stellenwert ergibt sich für mich daraus, dass ein DOW nur alle 4 Jahre stattfindet und man sich zunächst dafür qualifizieren muss und in Konkurrenz zu anderen Orchestern tritt. Ich bin dafür verantwortlich, dass das Orchester eine gute Visitenkarte abgibt, zumal wir beim DOW ja auch die Ehre haben, das Land Baden-Württemberg zu vertreten.“

Was spricht Ihrer Meinung nach generell für Wertungsspiele bzw. Wettbewerbe, was dagegen?

„Ein Wettbewerb wie der DOW verspricht für die Blasorchester-Szene größere Beachtung und größeres mediales Interesse als ein normaler Konzertbetrieb. Das zeigt ja auch beispielsweise ihre Interview-Anfrage. Auch bietet solch eine Plattform die Möglichkeit, auf das Orchester, die Leistungsfähigkeit und die geleistete Arbeit aufmerksam zu machen. Wir haben z.B. Einladungen zu den Innsbrucker Promenaden-Konzerten oder zu anderen Festivals erhalten.

Bei der Vorbereitung zu einem Wettbewerb oder Wertungsspiel lassen sich bei manchem Musiker vielleicht nochmals ein paar Prozent mehr an Motivation herauskitzeln. Das heißt im positiven Fall, dass die Vorbereitung konzentrierter verläuft, sich die Musiker auch individuell vorbereiten, sich mit ihrem Instrument und der Literatur auseinandersetzen und sich das Orchester so weiterentwickelt.

Meist wird sich ein Orchester zu so einem „Wettstreit“ besser präparieren, intensiver vorbereiten, mehr proben als zu anderen Veranstaltungen.

Durch das Zusammentreffen von verschiedenen Orchestern, kann auch ein Austausch stattfinden, Inspiration und Motivation können gesteigert werden. Das eigene Spektrum wird erweitert, man sammelt Erfahrungen und Eindrücke. Falls ein Wettbewerb oder ein Wertungsspiel erfolgreich verläuft, kann man das natürlich auch als Beleg für eine erfolgreiche Orchesterarbeit werten. Das ist auch hilfreich für das Image und die Akzeptanz beispielsweise bei den Stadtvätern und der Bevölkerung und natürlich für die Motivation der Musiker.

„Nichts ist motivierender als Erfolg“.

Musik ist aber mehr als richtige Noten und möglichst perfekte Intonation. Musik ist vor allem auch Emotion und die Symbiose zwischen Orchester und Publikum. Das kann leider bei einem Wertungsspiel oder Wettbewerb nur sehr selten entstehen, wenn wie beim letzten Mal in Hildesheim, die Vorträge quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden oder nur Mitglieder von konkurrierenden Orchestern im Auditorium sitzen. Das liegt sicher auch daran, dass Wertungen auch werktags stattfinden müssen. Dazu kommt, dass durch die Anspannung und die Erwartungshaltung, selten echte Spielfreude aufkommt und die Atmosphäre doch eher kühl ist.

Leider musste ich in den letzten Jahren leider öfter erfahren, dass solche Wettbewerbe eben nicht als ein verbindendes Element wirken, sondern im Gegenteil zu sehr kontroversen Diskussionen und auch Missgunst führen. Ich kann mich an kaum ein Wertungsspiel erinnern, bei dem es anschließend keine Beschwerden oder Klagen über die Jury und die Wertungen gegeben hat. Gerade die Besetzung der Jury wird immer wieder Thema sein. Dazu besteht natürlich immer die Gefahr, dass Orchester zu solchen Events zu sehr gepuscht werden, viele Aushilfen eingekauft werden und die ganze Angelegenheit sehr verbissen wird. Beispielsweise finde ich es nicht richtig, dass bei einem Wettbewerb für „Laienorchester“, 20 Prozent der Mitwirkenden „Profis“ sein können, so wie es dieses Mal bei DOW erlaubt ist. Mein Unbehagen über diese Entwicklung habe ich gegenüber dem Deutschen Musikrat bereits artikuliert. Da bleibt ein pädagogischer Effekt meiner Meinung nach auf der Strecke und ein „Wettrüsten“ wird somit begünstigt.

Das ist meine persönliche Meinung!

Wertungsspiele und Wettbewerbe haben mit Sicherheit ihre Berechtigung und sind für die Weiterentwicklung und Förderung des Laienmusizierens notwendig: Ich selber dirigiere aber viel lieber ein abwechslungsreiches und spannendes Konzertprogramm, bei dem das Publikum mit Freude Musik, Emotionen und Atmosphäre genießen und unterhalten werden möchte. Das entspricht meiner Meinung nach eher dem Wesen der Musik. Die Vorbereitung dazu nehme ich genauso ernst wie zu einem Wertungsspiel. Dennoch sehe ich es aber auch als meine Aufgabe, das Orchester auf Wettbewerbe oder Wertungsspiele vorzubereiten und daran teilzunehmen.“

Mit welchen Erwartungen gehen Sie und Ihre Musikerinnen und Musiker nach Ulm?

„Wir fahren ohne bestimmte Erwartungen nach Ulm. Wir werden uns gut vorbereiten und versuchen bei diesem Wettbewerb, mit größtmöglicher Gelassenheit, das Beste zu geben und das Podium zu genießen.“

Über die Stadtkapelle Wangen im Allgäu e. V.

Am 14. April 1803 wurde in Wangen ein privates Korps “zur Ausübung weltlicher Musik” gegründet. Aus diesem Korps entwickelte sich im Laufe der Zeit über viele Zwischenstufen die Stadtkapelle Wangen im Allgäu. Neben dem symphonischen Blasorchester unterhält die Stadtkapelle Wangen ein Jugendblasorchester sowie eine klassische Harmoniemusik (Holzbläser-Oktett) und ein Blechbläserensemble. Die Ausbildung der Orchestermusiker erfolgt durch die örtliche Jugendmusikschule.

Mit ihrem langjährigen Leiter Alfred Gross hat es sich die Stadtkapelle zur Aufgabe gemacht zeitgenössische symphonische Musik zu fördern, ohne dabei die klassisch-konzertante Musik zu vernachlässigen. So präsentiert die Stadtkapelle Wangen immer wieder Uraufführungen in ihren Programmen, wie beispielsweise vier Auftragskompositionen zum 200-jährigen Jubiläum, das 2003 das ganze Jahr über mit Festlichkeiten und Konzerten gefeiert wurde und 2010 beim Frühjahrskonzert mit der Uraufführung der „Argen-Sinfonie“. Im Jahre 2015 wurde beim Festakt anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Stadt Wangen die 8. Sinfonie von James Barnes, die „Sinfonie für Wangen“, unter Leitung des berühmten Komponisten uraufgeführt.

Überregional beteiligt sich die Stadtkapelle Wangen an zahlreichen Wettbewerben, Festivals und Musikfesten. Zu den Höhepunkten zählt die Einladung der „Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik“ (IGEB) nach Feldkirch (Österreich) zu einem Gastkonzert mit „Richtungsweisender Musik für Blasorchester im 20. Jahrhundert“. Bei den Deutschen Orchesterwettbewerben (DOW) 1992 in Goslar und 1996 in Gera konnte die Stadtkapelle Wangen jeweils einen 1. Preis gewinnen. Konzertreisen führten das Orchester in viele benachbarte europäische Länder, in die USA (Chicago) und nach Bosnien-Herzegowina.

Im Jahr 2004 erhielt Tobias Zinser die Dirigentenstelle bei der Stadtkapelle Wangen. Unter seiner Leitung qualifizierte sich das Orchester mit der Note „Hervorragend“ als Vertreter des Landes Baden-Württemberg für den 7. Deutschen Orchesterwettbewerb in Wuppertal. Konzertreisen führten nach Tscheljabinsk und Jekaterinburg (Russland), nach Teneriffa und zuletzt nach Prato (Italien). Auch im Jahr 2011 stellte sich die Allgäuer Musiker mit ihrem Dirigenten Tobias Zinser beim Landesentscheid des alle 4 Jahre durchführten Deutschen Orchesterwettbewerbs in der Musikhochschule Trossingen der Jury. Dort konnte die Stadtkapelle Wangen erneut die höchste Punktzahl erzielen und vertrat das Land Baden-Württemberg somit 2012 beim Bundeswettbewerb des 8. Deutschen Orchesterwettbewerbs in Hildesheim, den sie mit 24,3 von 25 möglichen Punkten gewann. Es folgten Konzerte bei den renommierten Innsbrucker Promenadenkonzerten 2013 und 2014 im Innenhof der Kaiserlichen Hofburg. Beim DOW-Landesentscheid 2015 im Rahmen des Landesmusikfestes in Karlsruhe konnte sich die Stadtkapelle Wangen erneut gegen starke Konkurrenz durchsetzen und wird das Land Baden-Württemberg beim Deutschen Orchesterwettbewerb 2016 in Ulm vertreten.

Über den Dirigenten Tobias Zinser

Tobias Zinser
Tobias Zinser

Tobias Zinser studierte Trompete bei Prof. Wolfgang Guggenberger in München. Weitere Studien folgten bei Vincent Cichowicz und Rex Martin an der Northwestern University in Evanston (Illinois/USA). Er absolvierte mehrere Meisterkurse bei verschiedenen internationalen Trompeten-Solisten. Orchestererfahrung sammelte er u.a. beim Schleswig-Holstein Festival Orchester, bei den Nürnberger, den Münchner und den Krakauer Sinfonikern sowie dem RSO Moskau. Seit 1997 ist Tobias Zinser Trompetenlehrer an der Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu. Parallel dazu ist er sehr aktiv als Trompeten-Solist und in verschiedenen Kammermusik-Ensembles. Mit Douglas Bostock, dem langjährigen Chefdirigenten des weltbekannten Tokio Kosei Wind Orchestra, unternimmt Tobias Zinser seit 1999 Dirigier-, Literatur- und Partiturstudien.

Im Frühjahr 2000 übernahm er die Leitung der Kreisjugendmusikkapelle Biberach. Den größten Erfolg erzielte die Kreisjugendmusikkapelle sicherlich beim Weltjugendmusikfestival in Zürich 2005, als sie in der Höchstklasse einen 1. Preis mit Auszeichnung erringen konnte. Auch 2012 nahm die KJK sehr erfolgreich in der Höchstklasse beim Weltjugendmusikfestival in Zürich teil und gewann zudem den Wettbewerb der Kategorie Auswahlorchester beim internationalen Jugendmusikfestival 2012 in Ehingen.

Von 2000 bis 2004 war Tobias Zinser Leiter des JBO Wangen und wurde zum Städtischen Musikdirektor ernannt. Im Jahre 2004 erhielt er die Dirigentenstelle bei der Stadtkapelle Wangen und wurde stellvertretender Leiter des Zweckverbandes Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu. Gastdirigate bei verschiedenen Auswahl-Orchestern und Ensembles folgten.

Tobias Zinser war von 2006 bis 2013 zudem Dozent an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen. Zuletzt war er maßgeblich bei der Einrichtung und Realisierung einer neuen Konzeption der Dirigenten-Ausbildung in der Bläserjugend Biberach beteiligt.

Ein herzliches Dankeschön an Tobias Zinser für die ausführliche Beantwortung der Fragen. Die Stadtkapelle spielt am Sonntag, den 1. Mai um 15.40 Uhr ihre Wettbewerbsbeiträge im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm. Schon jetzt viel Spaß beim Musizieren und viel Erfolg!

Der nächste Beitrag in der Reihe „6 Fragen an…“ zum Deutschen Orchesterwettbewerb erscheint am Sonntag. Dann wird Timor Oliver Chadik, der musikalische Leiter des Orchestervereins Hilgen, die Fragen beantworten.

 

 

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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