Was tun, wenn ein Musikverein auf wenige Musiker geschrumpft ist?

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„Gute Frage. Nächste Frage.“ – Mag der ein oder andere Blasmusikblogleser sich nun sagen. In der Tat, ist ein Musikverein bereits auf wenige Musiker geschrumpft, scheint es sehr schwierig, aus diesem Tal wieder herauszukommen.

Wir können dann viel darüber diskutieren, lamentieren, es bedauern und von alten Zeiten reden. Nur hilft das meist wenig. Ist erst einmal erkannt, dass es so nicht weitergehen kann, hilft nur nach vorne schauen und die geeigneten Maßnahmen ergreifen.

Und doch stellt sich mir – und bestimmt auch Euch – immer wieder die Frage, wie konnte es in diesem oder jenem Verein soweit kommen? Vor 5-10 Jahren hatte der Musikverein beispielsweise noch 50 Musiker. Heute bringt er nicht mal mehr 30 Leute auf die Bühne. Das ruft folgende beiden Fragen auf den Plan:

  • Warum haben 20 Musiker aufgehört bei diesem Musikverein zu spielen?
  • Sind keine jungen Musiker nachgekommen? (Wenn doch, haben ja noch mehr aufgehört…..)

Aber wie schon geschrieben. Besser einen Schlussstrich ziehen, nach vorne blicken und ins Handeln kommen!

Obwohl, so ganz ohne Analyse wird es nicht gehen. Schließlich sollten die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit möglichst vermieden werden. Außerdem muss ein Verein auch immer wieder auf gesellschaftlich-soziale Veränderungen reagieren. Und der Verein muss einen Anhaltspunkt haben, an welchen Schrauben in welche Richtung gedreht werden muss. Aber Achtung vor einer Selbstzerfleischung bei Diskussionen innerhalb des Vereins ohne externen Moderator!

Ich behaupte mal, dass kein Musiker neu in einen Musikverein kommen möchte, bei dem es musikalisch, organisatorisch und die Gemeinschaft betreffend Berg ab geht. Wozu auch? Als Retter in der Not? Nein, meiner Meinung nach entscheiden sich Musiker in einen Verein zu gehen, der erfolgreich ist. Ein Verein, von dem man hört, dass die Kameradschaft gut ist. Schließlich wollen wir Spaß bei der Musik und danach haben. Bei einem Musikverein voller Probleme, „Wenns“ und „Abers“ tut es das halt eben nicht…

Nun aber einmal der Reihe nach. Schließlich wollt Ihr, liebe Leserinnen und Leser wissen, was man denn nun genau tun muss, damit es mit dem Musikverein wieder aufwärts geht.

Bei der Beantwortung dieser Frage greife ich – auch in meinen Workshops bzw. Klausurtagen mit Musikvereinen – immer wieder auf diesen Kreislauf, der aus der Betriebswirtschaft stammt, zurück:

Problemlösungskreislauf Musikverein

In der ersten Phase, der Analysephase wird zunächst einmal aufgelistet, wie der Musikverein dasteht, aber auch, mit welchen Problemen und Herausforderungen er zu kämpfen hat. In der Strategiephase wird gemeinsam ermittelt, wo der Musikverein in ein paar Jahren wieder stehen soll (Stichwort „Ziele“). In der Gestaltungsphase werden in kreativer Weise alle Möglichkeiten aufgelistet, die hilfreich sein könnten. In der Realisierungsphase wird festgelegt, was gemacht wird, wer es erledigt und bis wann es erledigt ist. In dieser Phase kommt der Verein also ins aktive Tun. Nach einiger Zeit muss kontrolliert werden, ob die in der Realisierungsphase festgelegten Ziele aus der Strategiephase erreicht wurden oder nicht.

Ein wichtiger Hinweis noch: alle MusikerInnen in den Prozess mit einbeziehen und jede Phase schriftlich fixieren! Bei der Durchführung dieses Kreislaufes in Problem-Zeiten ist es meine Empfehlung, auf externe Unterstützung zurück zu greifen.

Der Kreislauf hilft uns sowohl bei einzelnen, komplexen und umfangreichen Problemstellungen. Die Antwort auf die Frage „Was tun, wenn ein Musikverein auf wenige Mitglieder geschrumpft ist?“ gehört schon eher zu den komplexen Fragestellungen. Es betrifft sowohl die Jugendarbeit, die aktiven Mitglieder und die passiven oder fördernden Mitglieder. Ich möchte die Frage exemplarisch mit Hilfe dieses Kreislaufs beantworten. Die fördernden Mitglieder klammere ich allerdings dabei aus. Hier verweise ich gerne auf meinen Blogbeitrag Über den Stellenwert von passiven Mitgliedern für Musikvereine.

Um die oben gestellte Frage zu beantworten ist jedoch sowohl der Bereich der Jugendarbeit angesprochen, sowie auch wie wir es schaffen, bereits ausgebildete Musikerinnen und Musiker für unseren Musikverein zu begeistern.

1. Analysephase – Wo stehen wir?

Problemlösungskreislauf Musikverein

Wir stellen fest, das Blasorchester ist in den meisten Registern nur noch mit wenigen Musikern besetzt. Manche Stimmen sind nur einfach besetzt – wenn dieser eine Musiker fehlt, ist ein Auftritt quasi unmöglich. Es fehlen Musiker für manche Register ganz, beispielsweise gibt es keine Schlagzeuger oder keinen Tuba-Spieler.

Wir stellen weiter fest, dass der Probenbesuch zu wünschen übrig lässt, es an Auftritten mangelt (die gespielt werden könnten, wenn genügend Musiker da wären) und dass auch die Konzerte keinen großen Zulauf mehr haben. Die unzufriedenen Stimmen murmeln nicht mehr, sie sind deutlich zu hören. Man ist unzufrieden mit der Probenarbeit, mit dem Repertoire, mit dem Umgang untereinander, u. v. m. Keiner fühlt sich berufen, etwas für „die Kameradschaft“ zu tun und wenn eine außermusikalische Aktion angeboten wird, machen nur wenige mit.

Nur wenige Kinder und Jugendliche sind in der Ausbildung. Bläserklassen-Kooperationen gibt es nicht, oder die Zusammenarbeit zwischen Grundschule/Schule und Musikverein ist problembehaftet. Die Ausbildung wird über die Musikschule organisiert, aber die Kinder finden den Weg zum Musikverein nicht. Eine eigene Jugendkapelle bzw. ein Vororchester zu unterhalten ist mangels Musiker nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Es gibt niemanden, der sich intensiv um die Jugendarbeit kümmert.

2. Strategiephase – Wo wollen wir hin?

Problemlösungskreislauf Musikverein

In der Strategiephase werden die von allen gewollten, spezifischen und messbaren Ziele definiert, die in einer angemessenen Zeit realisiert werden sollen. „SMART“ nennt die Betriebswirtschaft diese Art der Zielsetzung. Übersetzt:

S – Specific – Spezifisch
M – Measurable – Messbar
A – Attractive – Attraktiv
R – Reasonable – Realistisch
T – Timebound – Terminiert

Alternativ kann auch von „AROMA“ gesprochen werden – was unserem deutschen Sprachgebrauch etwas näher liegt. Im Ergebnis wird es jedoch auf das Gleiche raus kommen.

A – Aussagefähig
R – Realistisch
O – Objektiv
M – Messbar
A – Annehmbar

Wobei mir beim intensiveren Nachdenken die zweite Formel im Bereich “Musikvereine” besser gefällt. Allein schon durch das Wort „Annehmbar“. Zeigt es doch, dass die festgelegten Ziele eine breite Unterstützung durch alle Vereinsmitglieder erfahren müssen und nicht nur die gerade aktuelle Vorstandschaft gefragt ist.

Was können in unserem Beispiel der Frage „Was tun, wenn der Musikverein auf wenige Mitglieder geschrumpft ist?“ nun genau die nach der AROMA-Formel definierten Ziele sein?

Eine Möglichkeit ist, hier nun Beispiele zu nennen, wie diese Ziele beschrieben werden könnten. Ich habe mich jedoch bewusst dagegen entschieden, weil diese Ziele von jedem Verein selbst, seinen Mitgliedern, dem äußeren Umfeld in der Gemeinde, der Stadt, dem Stadtteil und den allgemeinen Umständen geschuldet ist und abhängen. Sprich: Nichts ist allgemeingültig und es gibt keine Patentlösungen, die über einen Verein einfach übergestülpt werden können. Klar und wirklich allgemeingültig ist bei unserer Beispiel-Fragestellung nur:

Innerhalb einer annehmbaren Zeit soll unser Orchester vergrößert werden.

3. Gestaltungsphase – Was können wir unternehmen?

Problemlösungskreislauf Musikverein

Die Gestaltungsphase sehe ich persönlich als eine sehr schwierige Phase an. Hier ist maximale Kreativität gefragt und alle Einwände sind wenn nicht „tödlich“ so zumindest „schädlich“.

Für Menschen ist es sehr schwierig, ihren Ideen freien Lauf zu lassen ohne dass die innere Stimme sagt: „geht wegen dem und dem nicht“. Oder die Mitstreiter sofort ihre Bedenken äußern: „haben wir schon alles versucht“, „ist nicht zu finanzieren“ oder „funktioniert ja doch nicht“. Genau diese Einwände hindern uns aber oft dabei, kreative Lösungsansätze zu finden. Wer weiß, eine im ersten Augenschein nicht realistisch erscheinende Idee kann bei näherem Diskutieren oder auch beim Kombinieren von zwei unrealistisch erscheinenden Ideen zu der Idee überhaupt werden.

Verschiedene Kreativitätstechniken helfen uns in dieser Phase. Die einfachste Möglichkeit in meinen Augen im Fall unserer Musikvereine: Brainstorming mit dem einfachen Auflisten aller Ideen auf Moderationskarten oder auf einem Flipchart.

4. Realisierungsphase – Welche Maßnahmen ergreifen wir?

Problemlösungskreislauf Musikverein

Haben wir alle Ideen zum bestehenden Problem aufgelistet, geht es zunächst an die Bewertung der Ideen. Ziel ist schließlich auch, eine breite Zustimmung von allen Musikvereinsmitgliedern zu erlangen, damit die Maßnahmen auch auf viele Schultern verteilt werden können. Ich selbst verwende dazu immer ein Drei-Punkte-System: Jedem stehen drei Klebepunkte zur Verfügung, mit denen er seine Favoriten markieren kann.

Auf Grund der Bewertungen legen wir also fest:

  • Was wird getan
  • Wer ist dafür zuständig (Teambildung mit entsprechender Leitung / entsprechendem Verantwortungsträger)
  • Bis wann wird es erledigt sein

An dieser Stelle möchte ich von einem Phänomen berichten, das in den Klausurtagen, die ich mit diesen Themen in Musikvereinen direkt durchführe, immer passiert: Es entsteht nahezu plötzlich eine Situation von großer gemeinschaftlicher Motivation. Außerdem melden sich freiwillig Leute in Arbeitsgruppen mitzuarbeiten, von denen vorher niemand in der Vorstandschaft daran gedacht hat, dass sie überhaupt einen (kleinen) Job übernehmen würden.

Um auf unser Beispiel zurück zu kommen, werden thematisch meist folgende Maßnahmen gewählt:

  • Ausbau der Jugendarbeit mit Kooperationen, beispielweise mit anderen Vereinen, mit Grundschule / Schule und Musikschule
  • Rekrutierung ehemaliger Musikerinnen und Musiker
  • Werbung von MusikerInnen, die in unsere Gemeinde gezogen sind oder bei anderen Musikvereinen wegen Unzufriedenheit aufgehört haben
  • Erwachsenenausbildung in Kooperation mit anderen Vereinen
  • Durchführung von attraktiven Konzerten und Events, auch in Kooperation mit anderen Musikvereinen oder ganz anderen Gattungen um deren Zielgruppe zu nutzen
  • Durchführung von teambildenden Maßnahmen wie zum Beispiel Einsatz von Registerleitern (halten die kleinsten Einheiten innerhalb des Vereins zusammen), außermusikalische Aktivitäten, Einführung der Kultur der gegenseitigen Wertschätzung, usw.
  • Grundsatz: Jeder hat neben dem Musizieren auch eine außermusikalische Aufgabe
  • Aufbau einer permanenten positiven Außendarstellung (strukturierte Imagewerbung für den Musikverein).

5. Kontrollphase – Sind wir angekommen?

Problemlösungskreislauf Musikverein

Unabdingbar in diesem Kreislauf: spätestens nach einem Jahr muss über die durchgeführten Maßnahmen nochmals im Gesamtgremium gesprochen werden, was gut, mäßig, nicht funktioniert hat. Fehler im Prozess sind weniger gravierend als gar nicht erst in den Prozess zu kommen! Im Gegenteil. Hier hilft die alte Weisheit: Aus Fehlern lernt man.

Innerhalb der Problemlösung zur Fragestellung „Was tun, wenn der Musikverein nur noch auf wenige Mitglieder geschrumpft ist?“ wird der Musikverein unweigerlich auch auf die Frage kommen: Welche Auswirkungen haben diese Änderungen auf die Vereinsführung. Schon allein die Einführung von Arbeitsgruppen zeigt hier den Weg, der heißt: „Teamorientierte Vorstandschaft“. Die Hauptverantwortung also auf fünf bis sechs Teamleiter, Manager oder Bereichsleiter (die Bezeichnung ist zweitrangig), denen jeweils ein Team von Leuten zur Verfügung steht, das die einzelnen Aufgaben erledigt. Unabdingbar: Ein Organigramm und eine jeweilige Stellenbeschreibung, also welche Aufgaben fallen in welches Resort. Wer im übrigen den Verein als „Vorstände“ nach außen gemäß Satzung vertritt, ist separat zu sehen. Ein Beitrag über die teamorientierte Vorstandschaft habe ich Euch schon längst versprochen und ich werde diesen Beitrag auch demnächst wirklich in Angriff nehmen.

Werbung in eigener Sache: Für Blasmusik(-Kreis-/-Bezirks-)-Verbände biete ich gerne meinen Tagesworkshop Zukunft der Musikvereine an. Für Musikvereine direkt wie oben schon erwähnt einen Klausurtag zum gleichen Thema, also allgemein, oder zu einem definierten Problem wie in diesem Beispielsbeitrag.

Fragen zum Thema? Bedenken? Fragen zu einem Workshop Zukunft der Musikvereine? Fragen zu einem Klausurtag im Musikverein? Schreibt mir gerne eine Nachricht:

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Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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