Kinder für das Musizieren im Blasorchester begeistern… aber wie?

Argumente für das Erlernen und Spielen eines Instruments in unseren Musikvereinen und Ideen für Aktionen

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Wir wissen es: In einem Blasorchester zu spielen ist für uns die schönste Freizeitgestaltung. Wir haben das schönste Hobby der Welt! Doch ein Blasorchester ist eine Art Mikrokosmos, das ständiger Veränderung ausgesetzt ist: Musiker:innen kommen und gehen. Beständig müssen wir uns in unseren Musikvereinen darum kümmern, dass junge Menschen Instrumente des Blasorchesters lernen. Wenn wir unsere Bemühungen um junge Musiker:innen nur ein paar Jahre vernachlässigen, stellt uns das vor große Probleme in der ausreichenden, ausgewogenen Besetzung.

Es ist gar nicht so einfach, Kinder und Jugendliche für das Musizieren eines Instruments zu begeistern. Ein Instrument zu lernen, braucht Ausdauer sowie den Willen und den Fleiß zum Üben. Erst einmal nicht so sexy, dass vor dem tollen Orchestererlebnis Unterricht und (tägliches) Üben stehen… Auch nicht so einfach die Eltern davon zu überzeugen, dass ein Instrument zu lernen, eine wirklich sinnvolle Freizeitgestaltung für ihr Kind ist. Und dass sie – wenn die Entscheidung positiv gefallen ist – ihre Kinder begleiten und sie durch lustlose Zeiten bringen. In manchen Familien sind auch nicht unbedingt die finanziellen Mittel grenzenlos für die Freizeitgestaltung der Kinder vorhanden und somit auch nicht für den Instrumentalunterricht.

Soweit die Nachteile. Aber was sind überhaupt die Vorteile?

In meinen Online-Seminaren und (Präsenz-)Workshops „Mitglieder finden & binden“ führe ich immer Gruppenarbeiten durch. Meist geht es da nicht nur um die Jugend, sondern auch um schon ausgebildete Musiker:innen („Aktive“) und fördernde Mitglieder („Passive“). Vor kurzem habe ich im Nordbayerischen Musikbund ein solches Online-Seminar durchgeführt. Eine Gruppe hat sich um die Vorteile der Aktiven, eine um die Passiven und eine Gruppe um die Jugend gekümmert. Die Gruppe „Jugend“ hat so hervorragende Arbeit (innerhalb von 20 Minuten!) geleistet, dass ich die Gruppenmitglieder gefragt habe, ob ich ihre gesammelten Vorteile hier auf dem Blog veröffentlichen darf. Cornelia, Dennis und Eva haben folgende Argumente zusammen getragen zur Frage: „Welche Vorteile hat es für Kinder und Jugendliche Mitglied in einem Musikverein zu sein und welche Vorteile hat es überhaupt ein Instrument zu lernen / spielen“. Hier im Original ihre Argumente:

Vorteil Mitglied sein:

  • Sozialverhalten kann verbessert werden
  • Freunde (fürs Leben) finden
  • Musik in der Gemeinschaft macht mehr Spaß
  • Erlebnisse schaffen, die einem sonst verborgen bleiben
  • Gemeinsame Erfolgserlebnisse
  • Lob und Anerkennung
  • Spaß und Freude im Leben

Vorteil Instrument zu lernen/spielen:

  • Lernen Multitasking / beide Gehirnhälften zu verwenden
  • Noten lesen lernen
  • Grundverständnis der Musik  gut für den Musikunterricht in der Schule
  • Motorische Fingerfertigkeit wird verbessert
  • Augen-Hand Koordination wird verbessert
  • Selbstbewusstsein für das Kind, wenn es in der Gemeinschaft mit Erwachsenen spielt
  • Musik, die man gerne hört, auch selbst machen
  • Hörverständnis wird verbessert

Dieser Liste ist kaum etwas hinzuzufügen. Es sind sowohl Aspekte und Argumente für die Kids, als auch für die Eltern dabei.

Bei einem Workshop (Tagesworkshop in Präsenz) im Musikverband Untermain wurden folgende Argumente gesammelt:

Pädagogische Aspekte

  • Disziplin
  • Ausdauer
  • Konzentration
  • Teamfähigkeit
  • Verantwortung
  • Regeln einhalten
  • Selbstwertgefühl
  • Hierarchie anerkennen
  • Kritik gegenüber offener werden

Förderung kognitiver Fähigkeiten

  • Motorik wird verbessert
  • Verbindung der Synapsen
  • Lernfähigkeit wird erweitert
  • Ganzheitlich (Körper, Seele)
  • Öffnung gegenüber der Umwelt

Sozialer Aspekt

  • Dazugehörigkeit
  • Gemeinschaftserlebnis
  • Ausbildung, Entwicklung sozialer Fähigkeiten
  • Schöne Ausflüge

Freude an der Musik / „Erfolge“ erleben
Vielfalt der Musik kennen lernen
Neue Freunde kennen lernen
Erlernen eines Hobbys, das bis ins hohe Alter in Gemeinschaft ausgeübt werden kann.
→ Daraus kann der Fortbestand des MV gesichert werden

Perfekte Argumente – sowohl aus dem Online-Seminar als auch aus dem Tagesworkshop –  für die Jugendwerbung in unseren Musikvereinen! Wir können sie auf unseren Websites, in den Flyern, den Pressemitteilungen und in unseren Social-Media-Kanälen verwenden. Bedient Euch gerne und formuliert die Argumente, die speziell für Euren Musikverein gelten, daraus!

Mit den Argumenten allein ist es jedoch nicht getan. Wir müssen uns schon auch gute Aktionen für die Jugendwerbung überlegen.

Viele Vereine erzählen mir, dass ihre Nachwuchswerbung darin besteht, dass sie mit den Instrumenten in die örtliche Grundschule gehen und diese im Unterricht vorstellen. Manche machen die Instrumentenvorstellung im Rahmen des Vorspielnachmittags der Jugend (Es spielen die Ensembles, Bläserklassen und das Jugendorchester, anschließend gibt es die Möglichkeit, alle Instrumente auszuprobieren).

Zum Thema Instrumentenvorstellung habe ich diese Beiträge auf dem Blasmusikblog mit Beispielen aus einigen Musikvereinen veröffentlicht:

Eine Instrumentenvorstellung – mit musikalischen Einlagen – einmal pro Jahr ist wichtig und richtig. Doch springt bei solchen Anlässen die Faszination des Spielens eines Instruments in einem Orchester überhaupt auf die Kinder über?

Wir müssen heutzutage davon ausgehen, dass Kinder im Grundschulalter nicht mehr mit Musikinstrumenten in Berührung kommen, wenn nicht zufällig die Eltern, Großeltern oder Geschwister ein Instrument lernen bzw. spielen. Uns einmal im Jahr mit unseren Instrumenten zu präsentieren, reicht einfach nicht mehr aus. Besser ist, den Kindern in unserer Gemeinde öfters das Erlebnis Musik zu ermöglichen.

Kinderkonzerte sind dafür eine tolle Sache. Noch besser: Kinder-Musik-Mit-Mach-Konzerte, also Events, bei denen die Kids aktiv in das musikalische Geschehen mit eingebunden werden. Dadurch werden musikalische Erlebnisse geschaffen, an die die Kinder lange zurückdenken. Zum Thema Kinderkonzerte habe ich schon einige Beiträge mit guten Beispielen auf dem Blasmusikblog veröffentlicht:

Große Projekte zur Nachwuchsgewinnung werden – zumindest noch dieses Jahr (2022) – vom Programm Neustart Amateurmusik/Impuls finanziell gefördert. Gleich zwei Jugendprojekte hat sich beispielweise der Musikverein Schweinberg finanzieren lassen:

Im Jahr 2021: MVS Piraten
Video: https://www.facebook.com/watch/?v=690367488640292
Weitere Informationen: https://www.mv-schweinberg.de/mvs-piraten/

Im Jahr 2022: MVS Safari
Weitere Informationen: https://www.mv-schweinberg.de/mvs-safari/  
Der Musikverein Schweinberg stellt demnächst auf dieser Plattform sein Projekt MVS Safari vor.

Beide Projekte: Prädikat „hervorragend“ und „vorbildlich“!

Unsere Bläserklassen und Jugendkapellen in die Nachwuchsgewinnung einzubauen ist eine gute Idee. Allerdings denke ich, dass wir uns bei den Kids auch mit unseren Erwachsenen-Orchestern vorstellen sollten. Das ist schließlich einmal das Ziel, auf das die Kinder jahrelang hinarbeiten. Außerdem können wir mit richtig guter Musik und Musiker:innen, die Begeisterung für das, was sie tun, ausstrahlen, überzeugen.

Ein paar Werke (Beispiele), die für Kinderkonzerte (für Erwachsenen-Orchester) geeignet sind:

Franco Cesarini: Puss in Boots/Der gestiefelte Kater – mit Sprecher
Mario Bürki: Szenen aus Max und Moritz – mit Sprecher und Bildshow
Kees Vlak: Cinderella – A Fairy Tale Suite (Märchen-Variationen mit Erzähler)
Hayato Hirose: Alice’s Adventures in Wonderland – mit Sprecher, optionaler Gesang (Sopran) und szenisches Spiel
Hayato Hirose: Die Bremer Stadtmusikanten
Derek Bourgeois: Bandland – mit Sprecher
Angelo Sormani: Der kleine Prinz für Erzähler und Blasorchester
Jan Van der Roost: Es war einmal… – Singspiel für Sprecher, Darsteller (ad lib), Kinderchor und Blasorchester

Beispiele für Kindermusicals:

Christian Kunkel/Harald Kullmann: Unbunt oder Grau…liches aus dem Farbenland
Siegmund Andraschek/Rupert Hörbst: Prof. Dr. Gugelhupf und die Drohnenamazonen
Siehe auch: https://blasmusikblog.com/prof-dr-gugelhupf-und-die-drohnenamazonen/
Christian Kunkel/Reinhard Summerer: Rumpelwolf und Dornenstilzchen
Christian Kunkel/Siegmund Andraschek: Zirkus Kriminale
Annette Sperling/Oliver Grote: Helden der Meere
Christian Kunkel/Siegmund Andraschek: Do Re Muuh

In vielen Gemeinden gibt es in den Sommerferien einen Ferienspaß für die daheim gebliebenen Kinder. Das Sommerferienprogramm sollten wir jährlich nutzen, um unseren Musikverein, die Instrumente und den Spaß am Musizieren den Kindern vorzustellen und zu vermitteln. Ideen: Instrumente basteln, musikalische Ralleye oder Quiz, ein Musical erarbeiten… Wenn wir uns hier präsentieren, dann aber bitte immer mit Musik! Steinmännchen basteln macht Spaß, vermittelt aber nicht die Freude am Musizieren, die die Kids beim Lernen und Spielen in unseren Musikvereinen haben (werden).

Ferienprogramm Musikverein Schweinberg

Generell sollten wir die Chance nutzen, da wo die Kids sind, zu Musizieren. Warum also nicht einmal ein cooles Unterhaltungskonzert auf dem Spielplatz oder im Schwimmbad? Oder im Park? Ein Musikverein, bei dem ich eine Zukunftswerkstatt durchgeführt habe, organisiert ein cooles Event mit Musik beim neuen Skaterpark in ihrer Gemeinde.

Alle Gemeindeanlässe sind gute Gelegenheiten uns zu präsentieren. Selbst wenn es Anlässe für die Eltern sind. Entscheidungsträger sind ja schließlich die Eltern. Sie haben Einfluss auf ihre Kinder, was deren Freizeitgestaltung angeht. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir jeden Auftritt innerhalb der Gemeinde auch als Werbung für uns und unser Orchester betrachten. Wenn wir hier schlecht abliefern, haben wir es schwierig, die Eltern zu überzeugen, dass wir gute Jugendarbeit machen (oder dass es sich lohnt, in eines unserer Konzerte zu kommen).

Also, ich fasse bis hierhin mal zusammen: Eine einzige Kinder-Werbeaktion pro Jahr reicht heutzutage leider nicht mehr aus. Wir müssen viele Gelegenheiten schaffen, damit Kinder und Jugendliche mit unseren Instrumenten und Musik in Berührung kommen und ihnen durch vielfältige musikalische Projekte nahebringen, dass das Spielen in einem Blasorchester einfach richtig viel Spaß macht und sich alle Mühen lohnen.

Nur: Wer soll das alles organisieren? In vielen Musikvereinen gibt es lediglich einen Jugendleiter. Wenn es ihm oder ihr gut geht, dann hat er/sie zwei, drei Leute, die ihn/sie unterstützen. Das reicht natürlich lange nicht aus. Dazu eine kleine Geschichte: Ich habe in einem Musikverein eine Zukunftswerkstatt durchgeführt. Schon in der Vorstellungsrunde ist die Jugendleiterin in Tränen ausgebrochen mit den Worten: „Ich fühle mich total, mit allen Aufgaben, die zu erledigen sind, überfordert!“ Die komplette Last und Verantwortung für das Gewinnen von Kindern und Jugendlichen, die die Zukunft des Musikvereins sichern plus alle Aktivitäten, die für die vorhandenen jungen Musiker:innen geplant, organisiert und durchgeführt werden müssen: Viel zu viel Arbeit für nur eine Person! Hier braucht es ganz klar – und das in jedem Musikverein! – ein Team von Leuten, das sich um die Jugendarbeit kümmert. Jugendarbeit ist essentiell und der wichtigste Baustein der Zukunftssicherung unserer Musikvereine! Und um die Geschichte zu Ende zu erzählen: Am Ende des Tages bzw. der Zukunftswerkstatt hatte oben erwähnte Jugendleiterin in diesem Musikverein ihr Team zusammen!

Mit der Nachwuchsgewinnung allein ist die Jugendarbeit im Musikverein nicht getan. Wir müssen unsere Kinder und Jugendlichen hegen und pflegen. Im Jahr 2015 habe ich dazu, als einen der allerersten Beiträge auf dem Blasmusikblog, 10 Faktoren für eine nachhaltige Jugendarbeit im Musikverein veröffentlicht. Diese 10 Faktoren gelten nach wie vor und würde ich auch im Jahr 2022 nochmals genau so schreiben.

Ein wichtiger Gedanke zu unserer Jugendarbeit im Musikverein noch zum Schluss: Eventuell reicht diese für die Sicherung unserer Besetzung nicht mehr aus. Denkt also, wenn Ihr im Musikverein bereits unter Musiker:innen-Mangel leidet, auch immer an Erwachsenenausbildung (Beispiel Erwachsenenbläserklasse). Hier ein paar Beiträge dazu:

Denkt außerdem an das Gewinnen bereits ausgebildeter Musiker:innen (Ehemalige unseres Musikvereins, „Zugezogene“, Ehemaliger anderer Musikvereine). Das ist allerdings Stoff für einen neuen Beitrag hier auf dem Blasmusikblog.

Ein kleiner Nachtrag in eigener Sache:

Das Online-Seminar „Mitglieder finden & binden“ (ca. 2,5 Stunden) entweder für das Finden und Binden von Kindern und Jugendlichen, oder für das Finden und Binden bereits ausgebildeter Musiker:innen zur Verstärkung der Besetzung (Aktive) biete ich gerne auch für einzelne Musikvereine an. Ideal für Musikvereine, die neuen Input für die Jugendwerbung finden möchten oder für Blasorchester, die keine ausreichend, ausgewogene Besetzung mehr haben. Fragt gerne nach: alexandra@kulturservice.link oder 0171-3588300.

©Beitragsbild: Musikverein Schweinberg

Alexandra Link

Musik ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Musizierende Menschen zusammen zu bringen meine Leidenschaft.

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